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Moderne Forschungsmethoden in der Klinischen Psychologie

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Die Methoden der Allgemeinen und der Klinischen Psychologie überschneiden sich in weiten Teilen, da Verfahren wie die Erforschung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Denken und Persönlichkeitstyp sowohl in «gesunden» als auch in «kranken» Bevölkerungsgruppen Anwendung finden. Dabei dient die «gesunde» Gruppe häufig als Vergleichsstandard.

Eine Reihe von Methoden wurde speziell für die Bedürfnisse der Klinischen Psychologie entwickelt und insbesondere am Psychoneurologischen Institut W. M. Bechterew in Sankt Petersburg eingeführt. Dazu zählen:

– LOBI (Persönlichkeitsfragebogen des Bechterew-Instituts): Dient der Erforschung des Befindens von Patienten, ihrer Einstellung zur Krankheit, zur Behandlung, zum medizinischen Personal, zur Familie und zu anderen relevanten Aspekten;

– PDO (Pathocharakterologischer Diagnostischer Fragebogen): Wird zur Untersuchung des Persönlichkeitstyps von Jugendlichen eingesetzt, um Charakterakzentuierungen, Anomalien und Tendenzen zu abweichendem Verhalten zu identifizieren.

Es gibt Methoden, die ausschließlich von Psychologen oder Psychotherapeuten angewendet werden dürfen. Einfache diagnostische Verfahren können jedoch auch vom mittleren medizinischen Personal, meist auf Anweisung eines Arztes, genutzt werden. Mittels einfacher Instrumente kann solches Personal die Diagnostik einzelner kognitiver Funktionen (Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Denken) und bestimmter Persönlichkeitsmerkmale (Temperament, Selbstwertgefühl, Angstniveau) durchführen.

In der modernen Praxis sind die meisten in der Klinischen Psychologie eingesetzten Verfahren computerbasiert und die Ergebnisauswertung automatisiert. Nichtsdestotrotz müssen klinische Psychologen die «manuellen» Methoden der Arbeit mit Testbögen beherrschen. Sie müssen deren inhaltliche Grundlagen und Interpretationsprinzipien kennen.

Aus Sicht klinischer Psychologen bildet die methodologische Grundlage der Disziplin, gemäß der Klassifikation von W. D. Mendelewitsch, drei grundlegende Methodengruppen:

– Klinisches Interview;

– Experimentell-psychologische Forschungsmethoden (psychologische Experimente);

– Methoden zur Evaluation der Effektivität psychotherapeutischer Interventionen.

Eine besondere Stellung nimmt die Psychodiagnostik ein, ohne welche die praktische Tätigkeit des klinischen Psychologen unmöglich ist. Das Fehlen psychodiagnostischer Arbeit in der Praxis bedeutet, dass der Fachmann nicht im vollen Umfang klinische Psychologie betreibt.

Die Hauptmethoden in der Praxis des klinischen Psychologen sind: das klinische Interview, die experimentell-psychologischen Methoden und die projektiven Methoden.

1. Das klinische Interview.

Diese Methode, früher auch als «Methode des Gesprächs» oder der «Beobachtung» bekannt, ist ein integraler Bestandteil des diagnostischen Prozesses. Ihr Ziel ist es, die Probleme des Patienten zu klären, seine Einstellung zur Krankheit (innere Krankheitskonzeption) zu untersuchen und einen Plan für die psychotherapeutische Behandlung zu erstellen.

Eine wichtige Aufgabe des ersten Interviews ist die Einschätzung der Frustrationstoleranz – der Fähigkeit einer Person, einen Zustand der Frustration (das Erleben unüberwindbarer Schwierigkeiten, einer «Decke» bei der Zielerreichung) auszuhalten, ohne dass ihre psychologische und soziale Anpassung beeinträchtigt wird. Eine niedrige Frustrationstoleranz zeigt sich beispielsweise, wenn eine Person bei ersten Anzeichen einer nicht schwerwiegenden Erkrankung in Panik verfällt, ihre Pflichten vernachlässigt und sich vollständig in ihr Krankheitserleben zurückzieht. Ein eindrückliches Beispiel für eine hohe Toleranz ist das Verhalten A. P. Tschechows, der, obwohl er unheilbar an Tuberkulose erkrankt war, in seinen letzten Lebensjahren herausragende literarische Werke schuf, soziale Kontakte pflegte und sich trotz des Bewusstseins des unausweichlichen Endes nicht der Depression hingab.

Das Kriterium für ein erfolgreiches klinisches Interview ist die Erreichung einer möglichst großen Vertrauensbasis. Dafür werden angemessene verbale und nonverbale Kommunikationstechniken eingesetzt, unter denen die Herstellung des Rapport – einer besonderen Vertrauensbeziehung – eine Schlüsselstellung einnimmt. Der Rapport wird behutsam und unter Wahrung der professionellen Distanz (etwa 1,5 Meter, was der sozialen Kommunikationszone entspricht) aufgebaut.

Den Interaktionsprozess beeinflussen:

– Distanz (man unterscheidet intime, persönliche, soziale und öffentliche Zonen; eine Grenzverletzung löst Unbehagen aus);

– Sitzordnung (eine Position gegenüber ohne Tisch fördert das Vertrauen, wohingegen ein Sitzen gegenüber am Tisch Konflikte provozieren kann);

– Eigenschaften des Umfelds (Anordnung der Möbel, Tageszeit, Dauer des Gesprächs).

Der klinische Psychologe muss den Tonfall seiner Stimme kontrollieren, seine eigenen Gesten beherrschen und direkte, unangemessene Fragen (wie «Haben Sie Halluzinationen?») vermeiden. Eine wirksame Fragetechnik folgt einem vorab erstellten Schema, und häufige wertschätzende Rückmeldungen an den Patienten tragen zur Vertiefung des Kontakts bei.

Sollten für denselben Tag sowohl ein Interview als auch eine Testung geplant sein, wird das Gespräch in zwei Teile geteilt: vor und nach dem Experiment. Zum Abschluss des Interviews ist es wichtig, zu erfragen, ob der Patient in irgendeiner Form Hilfe erfahren hat und ob es ihm leichter geworden ist.

Während des Interviews führt der klinische Psychologe eine kontinuierliche Beobachtung der Mimik, der Intonation und der Reaktionen des Patienten durch und betreibt so eine Art professionelles «Profiling» oder eine Verifikation der Emotionen. Diese Arbeit erfordert eine hohe Konzentration und ist energieaufwändig, auch wenn der Fachmann nach außen hin entspannt erscheint.

2. Experimentell-psychologische Methoden.

Diese Methodengruppe ist äußerst vielfältig und umfasst Testverfahren, Fragebögen, projektive Methoden und psychophysiologische Untersuchungen. Die Diagnostik kann sowohl auf die Beurteilung einzelner psychischer Funktionen als auch auf die Erforschung individuell – persönlicher Eigenschaften abzielen.

Psychometrische Methoden: Sie dienen der Untersuchung der Intelligenz (beispielsweise der Wechsler – Test) und stellen komplexe, standardisierte Instrumente dar, die ausschließlich von klinischen Psychologen oder Psychiatern angewendet werden dürfen.

Psychophysiologische Untersuchungen: Sie werden im Tandem mit Verhaltensexperimenten durchgeführt und beinhalten die Messung der Hautleitfähigkeit (galvanische Hautreaktion), der Herzfrequenz und der EEG-Aktivität als Reaktion auf spezifische Auslösereize (beispielsweise bei Patienten mit PTBS).

Der Prozess der Psychodiagnostik muss vor zufälligen Einflüssen abgeschirmt sein. So darf beispielsweise ein Angsttest mit einem unter Sozialphobie leidenden Patienten nicht in einem belebten Korridor durchgeführt werden, da dies die Ergebnisse verfälschen würde. Die Ergebnisse werden eindeutig in die Kategorien Norm, Grenzbereich und Pathologie klassifiziert (so reproduzieren beispielsweise bei dem Ebbinghaus-Test zum Merken von zehn Wörtern gesunde Personen diese nach 5 – 7 Wiederholungen vollständig).

Fragebögen lassen sich unterteilen in:

– Geschlossene Fragebögen, die eine Auswahl aus einer begrenzten Anzahl von Antwortmöglichkeiten vorsehen («ja/nein», «eher ja/eher nein», Skalen von 1 bis 4). Beispiele: der Leonhard-Schmieschek – Test, der Eysenck-Fragebogen;

– Offene Fragebögen, die freie Antwortformulierungen ermöglichen. Beispiel: Das Verfahren zur Untersuchung des Anspruchsniveaus, bei dem die Versuchsperson aufgefordert wird, möglichst viele Namen, Städte usw. zu nennen.

3. Projektive Methoden

Bei der Anwendung projektiver Methoden (Rorschach – Test, Satzergänzungstest) wird dem Probanden ein mehrdeutiges Stimulusmaterial vorgelegt, das er ergänzen, weiterentwickeln oder interpretieren sollte. Diese Methoden ermöglichen eine umfassende Einschätzung unbewusster Antriebe, intrapsychischer Konflikte und psychologischer Abwehrmechanismen. Mit ihrer Hilfe kann beispielsweise die Reaktionsart auf Frustration beurteilt werden:

– extrapunitive Reaktion: die Aggression richtet sich nach außen, die Umgebung wird beschuldigt;

– intrapunitive Reaktion: die Aggression richtet sich gegen die eigene Person (Selbstbeschuldigung, Autoaggression);

– impunitive Reaktion: die Situation wird als unbedeutend bewertet.

Projektive Methoden zeichnen sich durch eine hohe Komplexität und Interpretationsmehrdeutigkeit aus, weshalb ihre Anwendung vom klinischen Psychologen beträchtliche Erfahrung und Qualifikation erfordert. Anfängern wird davon abgeraten, sich ausschließlich auf diese Verfahren zu stützen, da ein Fehler in der Interpretation bei der Arbeit mit Borderline – Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen und anderen komplexen Zustandsbildern schwerwiegende Folgen haben kann.

In der klinischen Praxis können projektive Methoden nicht als Hauptinstrumente dienen und werden stets nur im Verbund mit anderen diagnostischen Verfahren eingesetzt.

Nach Durchführung eines Psychokorrektur- oder Psychotherapiekurses evaluieren klinische Psychologen die Effektivität der ergriffenen Maßnahmen. Zu diesem Zweck wurden von B. D. Karwasarski spezielle Skalen entwickelt, die dem Fachmann die Beurteilung folgender Aspekte erlauben:

– das Ausmaß der klinischen Besserung beim Patienten;

– die Einsichtsfähigkeit in die psychologischen Krankheitsmechanismen;

– die Dynamik der Veränderung gestörter Persönlichkeitsbeziehungen;

– den Grad der Verbesserung des sozialen Funktionsniveaus.

Zur Evaluation der Therapieeffektivität kommt in der Regel ein breites Spektrum an Instrumenten zum Einsatz, darunter Methoden der Gedächtnisforschung, Skalen zur Angstmessung und andere standardisierte Verfahren.

Die Klinische Psychologie ist eine evidenzbasierte wissenschaftliche Disziplin und unvereinbar mit Bereichen wie der Parapsychologie oder dem Hellsehen. Obwohl zum methodischen Repertoire des klinischen Psychologen suggestive Techniken zählen (wie beispielsweise das autogene Training oder die klinische Hypnose), setzt deren Anwendung einen einschlägigen Hochschulabschluss und eine spezialisierte Zertifizierung voraus. Ein gewissenhafter klinischer Psychologe oder Neuropsychologe ist verpflichtet, Patienten und deren Angehörige vor der Konsultation von Pseudospezialisten zu warnen und seine Haltung mit den Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin zu begründen.

Von einem Fachmann auf dem Gebiet der Klinischen Psychologie werden ein höchst rationales Denken und große Kompetenz gefordert. Beispielsweise kann bei der Arbeit mit einem Patienten mit paranoider Persönlichkeitsakzentuierung jede falsche Erwähnung oder indirekte Befürwortung von Praktiken des Wahrsagens oder der Hellseherei die Manifestation einer paranoiden Schizophrenie provozieren.

Das Tätigkeitsfeld des klinischen Psychologen ist außerordentlich vielfältig und umfasst die Neuropsychologie, die Pathopsychologie, die Familientherapie, die Arbeit mit sexuellen Abhängigkeiten (sexuellen Süchten), posttraumatischen Belastungsstörungen, Entwicklungsstörungen und psychosomatischen Erkrankungen. Die berufliche Praxis beschränkt sich nicht auf das klinische Interview und die Psychodiagnostik; sie umfasst auch die Leitung von Trainingsprogrammen, obligatorische Supervision oder Intervision sowie eine fortwährende Eigentherapie.

Die Eigentherapie wird als essenzielle Grundlage für die Erhaltung der psychischen Gesundheit des Psychologen, für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls und zur Prävention von Burnout betrachtet. Sie ermöglicht es dem Fachmann, klinische Fälle unvoreingenommen einzuschätzen, ohne eigene ungelöste Probleme auf sie zu projizieren.

Die Supervision stellt ein zentrales Element der beruflichen Weiterentwicklung dar, insbesondere für angehende klinische Psychologen. Sie bietet die Möglichkeit, komplexe Fälle unter Anleitung eines erfahreneren Kollegen durchzuspielen und zu besprechen, was zur Qualifizierung und Fehlervermeidung beiträgt. Es gibt verschiedene Formate des Supervisionsangebots, von der Einzelbetreuung bis hin zu kostengünstigeren Intervisionsgruppen.

Eine besondere Stellung im Gefüge der Klinischen Psychologie nimmt die Pathopsychologie ein – ein Fachgebiet, das die Gesetzmäßigkeiten des Zerfalls psychischer Aktivität und von Persönlichkeitseigenschaften untersucht. Es vergleicht diese mit den Gesetzmäßigkeiten der Entstehung und des Verlaufs psychischer Prozesse unter normalen Bedingungen. Der Begriff wurde von W. M. Bechterew im Jahr 1903 eingeführt.

Klinische Psychologie. Akademische Vorlesungsreihe

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