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Die Pathopsychologie als Teil der Klinischen Psychologie

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Die Begründerin der heimischen Pathopsychologie ist B. W. Zeigarnik – eine Schülerin des bekannten deutschen Psychologen K. Lewin. Ihr wird die Entdeckung des sogenannten Zeigarnik-Effekts zugeschrieben, der darin besteht, dass der Mensch unterbrochene Handlungen besser im Gedächtnis behält als abgeschlossene. Dieses Phänomen steht dem populären Konzept des «unabgeschlossenen Gestalts» konzeptionell nahe. B. W. Zeigarnik entwickelte die theoretischen Grundlagen der Pathopsychologie, beschrieb Störungen psychischer Prozesse und formulierte die Arbeitsprinzipien des Pathopsychologen, die von ihren Nachfolgern (u. a. J. F. Poljakow, S. J. Rubinstein, B. S. Bratus) weitergeführt wurden. Während die klinische Psychopathologie die Erscheinungsformen gestörter psychischer Funktionen erfasst und systematisiert, erschließt die Pathopsychologie den Ablaufcharakter und die strukturellen Besonderheiten der psychischen Prozesse, die zu den beobachtbaren Störungen führen. Trotz der anfänglich engen Verbindung zur Psychiatrie finden die Methoden der Pathopsychologie heute auch in allgemein – somatischen Kliniken Anwendung. Schlüsselkonzepte der Pathopsychologie sind das Symptom als einzelnes Anzeichen eines pathologischen Zustands und das Syndrom, welches eine gesetzmäßige Kombination von Symptomen darstellt, die durch einen gemeinsamen Entstehungsmechanismus verbunden sind.

Die syndromale Diagnostik besitzt eine größere Spezifität und Aussagekraft, da ein und dasselbe Symptom, beispielsweise Halluzinationen, bei verschiedenen Erkrankungen auftreten kann, wie etwa bei Vergiftungen, Schlafentzug oder Angststörungen, wohingegen ein Syndrom ein eindeutigeres Bild ergibt. Ein pathopsychologisches Syndrom umfasst nicht nur Anzeichen von Störungen, sondern auch die erhaltenen Seiten der psychischen Tätigkeit, was die Formulierung einer funktionalen Diagnose ermöglicht. Diese Diagnose spiegelt die dynamische Charakteristik des Zustands eines Individuums wider, seine Beziehungen zum sozialen Umfeld und das Potenzial zur Kompensation von Beeinträchtigungen.

Die pathopsychologische Untersuchung ist insbesondere bei fehlenden klaren klinischen Kriterien, zur Beurteilung der Zustandsdynamik und der Behandlungseffektivität von besonderem Wert. Ein klinischer Psychologe ist nicht befugt, medizinische Diagnosen zu stellen, wohl aber einen psychologischen Befund zu formulieren, beispielsweise: «Entwicklungsverzögerung».

Die vom Fachmann erstellte psychologische Stellungnahme dient als Grundlage für die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen:

– Psychiatern, Neurologen, Sonderpädagogen. Eine psychologische Stellungnahme, die auf Anfrage des Patienten oder bei Bedarf einer Weiterleitung an einen Fachkollegen erstellt wird, sollte Folgendes beinhalten: die Ergebnisse der Diagnostik und des klinischen Interviews;

– eine Hypothese, welche die Ursachen der aufgetretenen Störungen erklärt;

– konkrete Empfehlungen und ergriffene psychokorrigierende Maßnahmen.

Diese Informationen helfen dem behandelnden Arzt, die adäquateste weitere Behandlungstaktik für den Patienten zu bestimmen und machen die Zusammenarbeit zwischen Psychologe und Arzt maximal effektiv.

Klinische Psychologen und Neuropsychologen sind an verschiedenen Arten von Begutachtungen beteiligt: der arbeitsmedizinischen, der militärärztlichen, der medizinisch – pädagogischen und der forensisch – psychiatrischen. Die Ergebnisse einer durch einen klinischen Psychologen durchgeführten Untersuchung können in der Gerichtspraxis als eigenständige Beweismittel dienen. Fachleute auf dem Gebiet der Klinischen Psychologie (klinische Psychologen, Neuropsychologen, Pathopsychologen) wirken aktiv bei der Rehabilitation von Patienten und in der psychokorrigierenden Arbeit mit. Der Rehabilitationsprozess integriert pharmakobiologische Mittel, psychosoziale Behandlungsmethoden sowie Maßnahmen zur Optimierung des sozialen Umfelds und der externen Anpassungsbedingungen der Persönlichkeit.

In gerontologischen Zentren ist die Arbeit eines klinischen Psychologen, Neuropsychologen oder Pathopsychologen unerlässlich, da die Genesung von Patienten nach Schlaganfällen, Herzinfarkten, Hirnschädigungen und neurochirurgischen Eingriffen maßgeblich nicht nur von der medikamentösen Begleittherapie, sondern auch von einer fachgerecht konzipierten Psychokorrektur, Psychorehabilitation und Psychotherapie abhängt.

Klinische Psychologie. Akademische Vorlesungsreihe

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