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Abgrenzung von Psychotherapie, Psychokorrektur und Rehabilitation
ОглавлениеAus Sicht der Klinischen Psychologie ist es wichtig, verwandte Begriffe voneinander abzugrenzen.
So stellt die Psychotherapie eine tiefgehende Analyse der Probleme des Klienten mit Fokussierung auf unbewusste Prozesse und den strukturellen Umbau der Persönlichkeit dar. Ihre heilende Wirkung zielt nicht isoliert auf die Psyche, sondern über die Psyche – auf den gesamten menschlichen Organismus. Psychotherapie fördert die Lösung emotionaler, verhaltensbezogener und zwischenmenschlicher Probleme, und ihr letztes Ziel ist die Veränderung der Weltanschauung und die Verbesserung der Lebensqualität.
Die Psychokorrektur ist ein Methodenkomplex, der auf die Behebung von Mängeln in der Psychologie oder im Verhalten abzielt, die ohne organische Grundlage bestehen. Psychokorrektur erhöht die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Psyche. Der wichtigste Unterschied zur Psychotherapie liegt darin, dass die Psychokorrektur nicht die Veränderung der Persönlichkeitsstruktur zum Ziel hat und auch ohne vollständige Problembewusstheit des Klienten wirksam sein kann. Während die Psychotherapie auf die Innenwelt und Weltanschauung einwirkt, konzentriert sich die Psychokorrektur auf die Behebung konkreter Mängel in der psychischen Entwicklung oder im Verhalten.
Die Rehabilitation befasst sich mit der Rückführung von Personen, die psychische oder somatische Störungen durchlebt haben, in das gesellschaftliche und berufliche Leben. Auf dieser Stufe handelt es sich um tertiäre Prävention.
Rehabilitation kann nicht auf ein oder zwei Interventionsmethoden (z. B. Psychotherapie oder Ergotherapie) reduziert oder nur durch ihr Endziel (die häusliche oder berufliche Eingliederung) beschrieben werden. Gemäß dem systemischen Ansatz stellt die Rehabilitation ein dynamisches System miteinander verbundener Komponenten dar und ist zugleich sowohl Methode als auch Ziel.
Das vom Psychiater M. M. Kabanow vorgeschlagene und in den Kliniken des Sankt Petersburger Psychoneurologischen Instituts W. M. Bechterew umgesetzte Rehabilitationskonzept hat seine eigene Geschichte. Entstanden in der Mitte der 1920er Jahre aus den Ideen der «physikalischen Medizin», bereicherte es sich durch die Errungenschaften der Medizinischen Psychologie, Medizinischen Pädagogik und Medizinischen Soziologie und formte sich auf der Grundlage der Prinzipien der Nichtbeschränkung und der Sozialtherapie.
Viele verstehen Rehabilitation fälschlicherweise nur als «Ausheilung» oder Nutzung der Restarbeitsfähigkeit, was diesen komplexen Begriff unzulässig verengt. In Übereinstimmung mit den Empfehlungen der WHO wird Rehabilitation als tertiäre Prävention verstanden (wobei primäre Prävention die Vorbeugung im eigentlichen Sinne und sekundäre Prävention die Behandlung ist). Rehabilitation bedeutet in erster Linie einen grundsätzlich anderen Zugang zum kranken Menschen.
Das moderne Rehabilitationskonzept sieht einen komplexen, integrativen Ansatz für den Patienten vor, der nicht nur die klinisch – biologischen Besonderheiten der Erkrankung, sondern auch Persönlichkeitsmerkmale sowie Umweltfaktoren berücksichtigt. Das Ziel der Rehabilitation besteht in der Wiederherstellung des persönlichen und sozialen Status des Patienten unabhängig von der Nosologie (sei es Neurose, Schizophrenie, Myokardinfarkt oder Störungen des Bewegungsapparats).
Das diagnostische Instrumentarium wird vom klinischen Psychologen individuell in Abhängigkeit von der gestellten Aufgabe ausgewählt. Der Fachmann handelt innerhalb des beruflichen Standards, trägt jedoch die Verantwortung für die methodologische Wahl. Erfahrene klinische Psychologen (mit mehr als 10 Jahren Berufserfahrung) besitzen das Recht zur methodischen Adaptation: Sie können standardisierte Methoden in nicht – standardisierter Variante für eine qualitative Analyse von Besonderheiten der psychischen Tätigkeit anwenden, sofern dies durch diagnostische Ziele und Berufserfahrung gerechtfertigt ist.
Neben pathopsychologischen Methoden kommen zur Lösung diagnostischer Aufgaben, insbesondere in der Neurologie, Neurochirurgie und Kinderpraxis, neuropsychologische Methoden zum Einsatz. Sie zielen auf die Erforschung von Besonderheiten der Sprache, des visuellen, auditiven und taktilen Gnosens ab und ermöglichen es, die Spezifik von Störungen des Kurz- und Langzeitgedächtnisses aufzudecken, auch mit Dominanz einer Pathologie bestimmter Modalität (visuell, taktil, auditiv). Am weitesten verbreitet sind nicht-standardisierte Varianten neuropsychologischer Methoden, wenn auch standardisierte wie die Diagnostik nach L. I. Wasserman angewendet werden.
Aus Sicht klinischer Psychologen sind bei der Wahl einer psychologischen Methode folgende Prinzipien maßgeblich:
1. Das Forschungsziel: Geht es um Differentialdiagnostik, die Bestimmung der Tiefe eines psychischen Defekts oder die Untersuchung der Therapieeffektivität, so bestimmen die Eigenarten der vermuteten Störung die Methodenwahl. Beispielsweise wird der klinische Psychologe bei Verdacht auf eine Denkstörung nicht den Rorschach-Test, sondern die von A. R. Luria entwickelte Piktogramm – Methode wählen, die es ermöglicht, Probleme der Denktätigkeit aufzudecken und das vermittelte Gedächtnis zu beurteilen.
2. Bildung und Lebenserfahrung des Patienten: Bei der Auswahl eines Verfahrens ist der klinische Psychologe verpflichtet, die Bildung, Lebenserfahrung und Anamnese des Patienten zu berücksichtigen. Komplexe diagnostische Methoden können für eine Person mit vorwiegend praktischer Tätigkeit ungeeignet sein. So wäre beispielsweise eine Aufgabe zum Bilden komplexer Analogien für einen Patienten ohne entsprechende kognitive Vorerfahrung nicht angemessen.
3. Die Art des Kontakts zum Patienten: Die Wahl der Methode hängt von der Kontaktfähigkeit des Kranken ab. Bei Patienten mit Störungen des Höranalysators sind daher Aufgaben vorzuziehen, die auf visuelle Wahrnehmung abzielen.
Im Forschungsprozess wenden klinische Psychologen üblicherweise Aufgaben an, die im Schwierigkeitsgrad ansteigen. Eine Ausnahme bilden Fälle, in denen Pseudodemenz, Aggravation oder Simulation vermutet werden. Bei Simulationsverdacht kann der Psychologe gezielt eine komplexe Aufgabe geben, um seine Hypothese zu überprüfen.
Unter der heutigen Generation von Schülern und Studierenden ist leider ein Trend zur Simulation psychischer Pathologie in Mode gekommen. Während sie vor einigen Jahren häufiger Symptome einer Zwangsstörung oder Depression zeigten, gelten heute pathopsychologische Symptome als «modern», die für eine Schizophrenie mit geringer Progredienz oder bipolare affektive Störung charakteristisch sind. Solche Fälle sind besonders typisch für Jugendliche mit hysterioider Persönlichkeitsstruktur, die an Aufmerksamkeitsdefiziten leiden. Diese Jugendlichen können nicht nur klinische Psychologen, sondern auch Psychiater täuschen, was mitunter zu ungerechtfertigten stationären Beobachtungsaufnahmen führt.
B. W. Zeigarnik wies darauf hin, dass die Durchführung einer pathopsychologischen Untersuchung unter klinischen Bedingungen erheblich schwieriger ist als in der natürlichen Umgebung. Pathopsychologische Experimente zielen nicht auf die Messung einzelner Prozesse, sondern auf das Studium des Menschen im Prozess realer Tätigkeit. Ihr Ziel ist die qualitative Analyse verschiedener Formen des psychischen Strukturverfalls, die Aufdeckung der Mechanismen gestörter Tätigkeit und die Suche nach Möglichkeiten zu deren Wiederherstellung.
Da jeder psychische Prozess Dynamik und Gerichtetheit besitzt, müssen experimentelle Untersuchungen die Erhaltung oder Störung dieser Parameter widerspiegeln. Die Versuchsergebnisse sollen in erster Linie eine qualitative und nicht nur eine quantitative Charakteristik liefern. Eine wiederholte Testung, die lediglich einen «Desintegration der Persönlichkeitsstruktur» feststellt, ist ohne die Beschreibung der Symptomdynamik nutzlos.
Die Ergebnisse pathopsychologischer Experimente müssen zuverlässig sein. Eine statistische Auswertung des Materials erfolgt nur dort, wo dies sinnvoll ist, da die quantitative Analyse die qualitative nicht ersetzen kann. Wie Zeigarnik betonte, ist nicht nur wichtig, welche Aufgaben der Kranke löste, sondern auch, wie er sie verstand und interpretierte sowie wodurch seine Fehler bedingt waren.
Die Analyse der Fehler, nicht nur deren bloße Feststellung, stellt das aussagekräftigste Material für die Beurteilung der Besonderheiten der psychischen Tätigkeit Kranker dar. Der Aufbau einer experimentell-psychologischen Untersuchung in der Klinik unterscheidet sich vom gewöhnlichen psychologischen Experiment durch die Vielfalt der angewandten Methoden, da psychischer Strukturverlauf nie eindimensional ist.
Bei der Durchführung einer beliebigen experimentellen Aufgabe in der Pathopsychologie kann auf verschiedene Formen psychischer Störungen geschlossen werden; allerdings erlaubt nicht jede methodische Vorgehensweise, Ausmaß und Form der Störung mit gleicher Evidenz zu beurteilen. Wichtig ist, dass im Experiment nicht nur die Struktur der veränderten, sondern auch der erhaltenen Seiten der Persönlichkeit aufgedeckt wird – was für die Planung rehabilitativer Maßnahmen von besonderer Bedeutung ist.