Читать книгу Krallenspur - Lara Seelhof - Страница 7

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Kapitel 3

Freitagmorgen hörte es endlich auf zu regnen und in der Mittagspause zog es die meisten Schüler ins Freie. Auch unsere Clique machte es sich draußen auf den Bänken in der Herbstsonne gemütlich. Ty und Doug diskutierten irgendwelche Footballspielzüge während sie ihre Burger verdrückten. Abby büffelte spanische Vokabeln und stibitzte ihnen hin und wieder Pommes. Sandra, Kathy und ich begnügten uns mit Salat. Aber während die beiden über irgendeine Fernsehserie quatschten, las ich Shakespeares Theaterstück »Tragedy of Cymbeline«, das in Englischer Literatur dieses Jahr auf dem Lehrplan stand.

»Hey, das gibt’s doch nicht.« Kathys Kreischen riss mich aus Imogens Schlafgemach.

Angelina Winchester saß nicht weit von uns entfernt auf einer Bank und neben ihr - Cassian Beckett. Er hatte seine langen Beine ausgestreckt, sich entspannt zurückgelehnt und obwohl sie im Schatten saßen, trug er nur ein kurzärmeliges T-Shirt. Heute zur Abwechslung mal in einem erkennbaren kräftigen Schwarz. Seine braun gebrannten, muskulösen Arme hatte er lässig auf der Rückenlehne ausgebreitet, sodass sein rechter Arm hinter Angelina lag, die ihn begeistert anhimmelte und unaufhörlich plapperte.

Obwohl ich versuchte, mich weiter auf Shakespeare zu konzentrieren, nervte mich ihr albernes Getue und immer wieder wanderte mein Blick zu ihnen hinüber. Du lieber Himmel, merkte sie denn gar nicht, dass er ihr überhaupt nicht zuhörte?

Statt sich mit ihr zu unterhalten, machte er eine gelangweilte Miene und … die Härchen in meinem Nacken richteten sich auf. Eigentlich konnte ich es nicht wirklich wissen, denn er trug ja eine Sonnenbrille, aber ich war fast sicher, dass er eigentlich mich beobachtete.

Und ich? Ich konnte wieder nicht wegsehen.

Keine Ahnung, wie lange ich auf die dunklen Gläser gestarrt hatte, aber natürlich wurde ich diesmal nicht ohnmächtig. Irgendwann blinzelte ich einfach, sah schnell wieder auf mein Buch und tat, als würde ich lesen. Hoffentlich bildete er sich nicht irgendwas Komisches ein, weil ich ihn schon wieder angestarrt hatte. Dass ich auf ihn stand oder so.

Als ich etwas später erneut wagte, zu ihm hinüberzusehen, schob er sich gerade seine Sonnenbrille in die Haare. Er beugte sich zu Angelina hinüber und griff nach einer ihrer Haarsträhnen. Während er ihr tief in die Augen sah, wickelte er die blonde Locke um seinen Zeigefinger und … Unwillkürlich hielt ich den Atem an.

Ihre geöffneten, feucht glänzenden Lippen waren nur noch wenige Zentimeter von seinen entfernt und die Luft zwischen ihnen schien förmlich zu knistern. Die Sekunden verstrichen … Doch es geschah nicht das, was ich erwartet hatte. Kein heißer Kuss oder so. Beckett verzog einfach nur seinen Mund zu einem Lächeln und sagte etwas zu ihr und verblüfft beobachtete ich, wie sich ihre offensichtliche Erregung in Verwirrung verwandelte. Sie blinzelte einige Male, als wäre sie aus einem Traum erwacht, dann nickte sie. Einen Moment später zog sie trotz der kühlen Temperaturen ihre Strickjacke aus und legte sie auf ihrem Schoß ordentlich zusammen. Das ärmellose Top, das sie darunter trug, war kaum die richtige Bekleidung an einem so kühlen Herbsttag, aber ihr war offensichtlich richtig heiß geworden. Kein Wunder.

Noch immer lächelnd, lehnte sich der Neue zurück und nahm erneut seine lässige Haltung ein.

»Mann, habt ihr das gerade gesehen? Ich dachte, Beckett will sie gleich hier auf der Bank vernaschen«, schnaufte Tyler.

»Was er wohl zu ihr gesagt hat?« Sandras Stimme klang ein wenig atemlos.

»Bestimmt nichts Anständiges, so wie Angelina ihn angeguckt hat«, kicherte Kathy, während Abby nur ungläubig den Kopf schüttelte und Doug ein undefinierbares Grunzen hören ließ.

Beckett hatte sich inzwischen wieder hinter seiner Brille verschanzt und seine Miene war so gelangweilt wie zuvor. Wieder konnte man nicht genau erkennen, wofür sich seine Augen interessierten, aber es war eindeutig nicht Angelinas üppiges Dekolleté. Wenn überhaupt, streifte sein Blick allenfalls kurz ihre nackten Schultern, bevor er ihn auf ein unbekanntes Ziel in der Ferne richtete.

Eigenartigerweise verhielt sich auch Angelina, als hätte es die heiße Szene zwischen ihnen gar nicht gegeben. Sie hockte nur noch stumm da und betrachtete unschlüssig die Jacke auf ihrem Schoß. Nach einer Weile nahm sie sie und zog sie wieder an. Die Stimmung zwischen den beiden war eindeutig abgekühlt.

Ich starrte wieder auf meine Buchseiten, ohne wirklich zu lesen. Jetzt hatte ich Gewissheit. Ich hatte ihn angesehen und war nicht ohnmächtig geworden. Es war also alles nur ein eigenartiger Zufall gewesen. Aber wenn es so war, warum war ich dann nicht einfach nur umgekippt, sondern hatte diese schrecklichen Sachen erlebt? Und würde es vielleicht doch wieder passieren, wenn ich ihm direkt in die Augen sah? Ohne Sonnenbrille dazwischen?

Etwas nervös setzte ich mich nach der Mittagspause im Klassenzimmer neben Kathy auf meinen Platz.

Cassian Beckett betrat hinter Mrs. Brewster den Raum, schloss auf ihre Bitte hin die Tür und ging zu seinem Platz, ohne jemanden anzusehen. Wieder hingen ihm seine braunen Haare in den Augen und ich fragte mich, wie lange er sich wohl Direktor Wilcoxs Anweisungen noch widersetzen konnte.

Die ganze Mathematikstunde über wartete ich, dass er sich umdrehte, doch ich wartete vergeblich. Er blickte nur stur nach vorn. Beim ersten Klingeln sprang er auf und war schneller nach draußen verschwunden, als ich hätte Piep sagen können. Wahrscheinlich wollte er zu Angelina und eigenartigerweise störte mich dieser Gedanke.

Am Samstagvormittag half ich Grandma bei ihrem üblichen wöchentlichen Hausputz und sah mir abends mit der Clique einen Horrorfilm im Kino an. Abby trafen wir erst im Krugers, allerdings hatte sie zu viel zu tun, um mit uns abzuhängen.

Den Sonntagvormittag verschlief ich komplett und wurde erst wach, als Grandma wegen des Mittagessens an meine Tür klopfte.

Am Nachmittag regnete es wieder und ich nutzte das schlechte Wetter, um Hausaufgaben zu machen.

Doch kaum hatte ich mein Mathematikbuch aufgeschlagen, kam mir erneut der Neue in den Sinn. Ich ärgerte mich noch immer, dass ich ihn in der Mittagspause so angestarrt hatte, obwohl er sich, kaum ein paar Tage an der Eagle High, schon eine der Schulschönheiten geangelt hatte. Auch wenn Angelina die Intelligenz eines Sandwiches hatte, musste sogar ich zugeben, dass sie zumindest hübsch war. Ernüchtert sah ich an mir herunter. Nein, mit ihr konnte ich eindeutig nicht mithalten.

Aber wollte ich das denn? Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. Quatsch! Nein! Energisch klappte ich mein Heft auf und begann die erste Aufgabe zu lösen.

»Was ist denn mit der los?« Verständnislos starrte Abby Angelina hinterher, die heulend den Flur runterrannte.

»Ich hab doch bloß gefragt, ob alles in Ordnung ist.«

»Offenbar nicht.« Ich öffnete meinen Schrank und nahm ein Buch heraus.

»Denkst du, es ist wegen Beckett?« Abby war noch nicht durch mit dem Thema, während sie hektisch an ihrem Schrankschloss herumfummelte. »Könnte doch sein, oder? Am Freitag ist sie wegen ihm noch total happy und heute …«

»… ist sie vollkommen fertig, weil Beckett sie abgeschossen hat.« Kathy war plötzlich neben ihrem Schrank aufgetaucht und Abby fuhr zusammen.

»Mensch, musst du dich so anschleichen«, schimpfte sie und zerrte noch hektischer an ihrem Schloss.

Kathy hielt es für überflüssig, sich bei ihr zu entschuldigen. »Stellt euch vor, Beckett ist jetzt mit Eva Beal zusammen. Muss wohl schon am Freitag nach der Schule passiert sein. Is’ ja auch kein Wunder, so hohl wie Angelina ist. Na jedenfalls wurde er am Samstagabend mit Eva im Underground gesichtet und es soll echt heiß zwischen den beiden gewesen sein.«

»Ach wirklich?« Ich bemühte mich, gelangweilt zu klingen.

Na klasse, der Typ ließ ja offenbar nichts anbrennen.

»Warte mal, Abby, so kriegst du das nie auf.« Ich musste mich ablenken, also schob ich sie beiseite, bevor sie ihrem Schrank einen weiteren wütenden Fußtritt verpassen konnte. Langsam verstellte ich die Zahlenreihe und stellte wieder die richtige Kombination ein. Das Schloss schnappte auf.

»Hey, wie hast du das gemacht?« Sie sah mich verblüfft an. »Bei mir funktioniert das nie.«

Ich zuckte die Achseln und grinste nur, während Kathy beleidigt guckte, weil wir uns anscheinend mehr für den Schrank interessierten als für ihre tollen Neuigkeiten.

Haha, wenn sie wüsste.

»Und woher hast du deine Infos?«, erkundigte ich mich, um sie zu trösten, und natürlich auch, weil ich neugierig war.

»Ach, ich habe gute Kontakte, weißt du«, erwiderte sie geheimnisvoll und zupfte sich lächelnd einen Fussel von ihrem rosa Pullover.

»Dann solltest du dir aber schleunigst mal ’ne verlässlichere Quelle suchen. Das da hinten ist nämlich nicht Eva oder brauch ich neuerdings ’ne Brille?« Abby klang überrascht.

Ich folgte ihrem Blick und sah Tiffany Parker mit Cassian Beckett vor dem Chemiesaal stehen. Sie hing an seinem Hals und als sich ihre knallrot geschminkten Lippen seinem Gesicht näherten, spürte ich ein eigenartiges Ziehen in meinem Magen.

Doch bevor es zu einem Kuss kam, zog er ihre Hände von seinem Nacken und schob sie von sich. Er lächelte, sagte etwas zu ihr, dann drehte er sich um und ging einfach davon. Tiffany schien die Art seines Abgangs jedoch nicht zu stören. Sie starrte ihm mit einem glückseligen Lächeln nach.

Dumme Kuh!

»Aber das ist doch …« Kathy schüttelte ungläubig den Kopf.

»Tiffany Parker, ja. Nicht traurig sein, Schätzchen. Jeder kann sich mal irren«, tröstete Abby sie grinsend und schnappte sich ihre Bücher.

Auch Kathy und ich mussten zum Unterricht und als wir das Klassenzimmer betraten, war mir sofort klar, dass Kathy keine falschen Informationen bekommen hatte. Eva Beal saß in der hintersten Reihe und bot einen erbärmlichen Anblick. Ihr Gesicht sah mindestens so verheult aus wie das von Angelina und der Grund für ihren Zustand war eindeutig Beckett. Als er den Raum betrat und Eva ihn bemerkte, schluchzte sie verzweifelt auf. Ihre Freundin legte sofort tröstend den Arm um sie und redete leise auf sie ein.

Und Beckett? Er schien mal wieder nichts mitzubekommen.

Er setzte sich auf seinen Platz, ohne Eva auch nur einen Blick zu gönnen, und holte ein Buch aus seinem Rucksack.

Obwohl ich nicht die Absicht hatte, die Nächste auf der Liste unseres neuen Schulcasanovas zu werden, begann mein Magen erneut zu kribbeln.

Nach der letzten Stunde mussten Abby, Tyler und ich zum Treffen des Festausschusses. Unglücklicherweise waren wir nach der Mittagspause Direktor Wilcox in die Arme gelaufen und prompt von ihm dazu verdonnert worden, uns »freiwillig« für die Organisation des Abschlussballs zu melden. Tja und da sich niemand unserem Direktor widersetzte, trafen wir uns nun brav mit den anderen Mitgliedern.

Susan, mit der Abby und ich Bio zusammen hatten, schlug irgendwann vor, die Ideen für das Motto aufzuschreiben, die alle wild durcheinander grölten, und anschließend die Vor- und Nachteile zu besprechen. Ohne unsere Zustimmung abzuwarten, zückte sie ihren Block und begann eifrig zu kritzeln.

Ich bemerkte Abbys genervtes Augenrollen und grinste. Sie formte mit ihren Lippen ein stummes »Das kann ja ewig dauern«, das ich nur mit einem Achselzucken kommentierte.

Als endlich niemandem mehr etwas einfiel, entbrannte eine hitzige Debatte über die vorgeschlagenen Themen, denen Susan so klangvolle Namen gegeben hatte wie »Meereszauber«, »Karibische Nacht«, »Ball der Vampire« oder »Weltraumabenteuer«.

Doch irgendwann reichte es Abby. »Sorry, aber wir müssen jetzt echt los«, sagte sie laut und stand auf, während sie gleichzeitig nach ihrer Tasche griff und Tyler und mir einen auffordernden Blick zuwarf.

Susan, die sich inzwischen selbst zur Vorsitzenden unserer Runde ernannt zu haben schien, sah auf ihre Armbanduhr und nickte. »Es ist wirklich schon ziemlich spät und wir haben ja auch schon ein paar gute Vorschläge.« Sie blickte in die Runde und als niemand etwas sagte, klappte sie ihren Block zu und verkündete, dass wir uns übermorgen um die gleiche Zeit wieder hier treffen würden.

Auf dem Parkplatz trafen wir Doug, der mit verschränkten Armen an seinem roten Camaro lehnte und auf Tyler wartete. Er hatte die Zeit anscheinend genutzt, um im Kraftraum zu trainieren, denn sein Haar war noch feucht von der Dusche.

»Mann, das wird aber auch langsam mal Zeit!«, brummte er an Tyler adressiert, bevor er uns mit einem lässigen »Hey, Girls!« begrüßte. »Und? Wie sieht’s aus, wir wollen noch ins Roma ’ne Pizza essen. Kommt ihr mit?«

Abby schüttelte sofort hektisch den Kopf. »Ich muss arbeiten. Könntet ihr mich vielleicht im Krugers absetzen? Das liegt doch fast auf eurem Weg.«

»Klar«, antwortete Doug gönnerhaft, »aber du kommst doch bestimmt mit?« Sein breites Grinsen wurde noch etwas breiter, als er mich ansah.

Ich schnitt eine Grimasse. »Geht nicht. Muss auch noch arbeiten.«

»Ach was, arbeiten. So ’n Blödsinn. Du hast doch gar keinen Job. Komm schon. Lass dein Auto einfach hier, wir essen Pizza und dann bring ich dich nach Hause. Und morgen früh nehm ich dich auch mit in die Schule.«

Ich war überrascht von seinem Angebot. »Äh, das ist echt nett, aber ich habe heut wirklich keine Zeit. Ich muss in die Bibliothek.«

Sein Lächeln wurde schwächer. »Kannst du das nicht verschieben. Die Pizza im Roma ist echt einsame Spitze!«

»Ich weiß, Doug, ich habe da auch schon gegessen. Aber heute geht’s wirklich nicht, sonst krieg ich die Hausarbeit für Geschichte nicht rechtzeitig fertig.«

»Aber das kannst du doch morgen …«

Mein »Nein« klang etwas zu unfreundlich, aber seine Hartnäckigkeit nervte langsam.

»Na komm schon, Mann. Lass uns endlich abhauen. Ich hab Hunger«, maulte Tyler jetzt, während Abby nervös von einem Fuß auf den anderen tippelte, als ob sie dringend auf die Toilette müsste. Doch als Doug nicht reagierte, hatte ich das Gefühl, wieder etwas sagen zu müssen.

»Okay, dann bis morgen. Ciao Abby und viel Spaß euch. Futtert ’ne Pizza für mich mit, ja?«

»Geht klar, mindestens eine, was, Kumpel?«, johlte Tyler begeistert bei der Aussicht, endlich starten zu können. Feixend boxte er Doug in die Seite, riss die Beifahrertür auf und ließ sich auf den Sitz fallen.

»Viel Erfolg bei deiner Büchersuche.« Auch Abby war die Erleichterung anzusehen. Sie stellte sich demonstrativ vor die Fahrertür und fixierte Doug, als wollte sie ihn allein durch ihre Gedankenkräfte endlich zum Einsteigen bewegen. Doch mein alter Kumpel rührte sich noch immer nicht und guckte wie ein verlassenes Hundebaby.

Also lächelte ich ihm noch einmal aufmunternd zu. »Bis morgen, Doug. Arbeite nicht so viel, Abby. Ciao Tyler!« Und während ich in Richtung Bibliothek davonmarschierte, beobachtete ich aus den Augenwinkeln, wie Doug endlich die Fahrertür öffnete und den Sitz nach vorne klappte, damit Abby auf den Rücksitz krabbeln konnte.

Die Bibliothek war nur noch eine Stunde geöffnet, also hatte ich nicht mehr viel Zeit, die passenden Bücher für meine Arbeit zu finden. Von dem Bibliothekar, Mr. Brown, war nichts zu sehen, als ich den Vorraum betrat. Doch ich dachte mir nichts dabei.

Vermutlich sortierte er im Lesesaal Bücher in die Regale ein und ich würde ihm dort über den Weg laufen.

Ich liebte unsere Schulbibliothek. Sie war im älteren Teil des Gebäudekomplexes untergebracht und der Hauptraum hatte eine wunderschöne kuppelförmige Stuckdecke und hohe Fenster. Die Bücher standen in dunkel polierten Holzregalen und es gab eine kleine Galerie, auf denen sich ebenfalls Bücherregale befanden, allerdings war der Zugang ausschließlich den Lehrern gestattet.

Heute war es unerwartet kühl und nur die grünen Tischlampen verbreiteten ein dämmriges Licht. Als ich auf den Schalter für die Deckenlampen drückte, tat sich nichts.

Tagsüber liebte ich es, wenn nur das Rascheln der Buchseiten und leises Getuschel zu hören war. Doch heute gab es nicht einmal das. Es war totenstill und ich schien tatsächlich die Einzige zu sein, die heute Abend noch den Drang verspürte, ihren Wissensdurst zu stillen.

Auch Mr. Brown konnte ich noch immer nirgendwo entdecken und automatisch kam mir der Gruselfilm wieder in den Sinn, den wir am Samstag im Kino gesehen hatten und in dem die hübsche Blondine in einer Bibliothek niedergemetzelt worden war.

Gut, dass du nicht blond bist, McCall, witzelte ich in Gedanken, um das dumme Gefühl zu vertreiben, und beschleunigte meine Schritte, während ich durch die Reihen ging und nach Büchern über den amerikanischen Bürgerkrieg Ausschau hielt.

Nach zwanzig Minuten hatte ich endlich einige Exemplare gefunden, die infrage kamen. Allerdings beabsichtigte ich nicht, die dicken Wälzer alle mit nach Hause zu nehmen. Also setzte ich mich an einen der Tische am Fenster, um sie kurz durchzusehen.

Draußen war es inzwischen dunkel und der unvermeidliche Herbstregen hatte wieder eingesetzt. Noch immer schien außer mir keine Menschenseele hier zu sein. Ich lauschte, während ich die Bücher durchblätterte, hörte aber nur den Regen, der an die Fensterscheiben prasselte.

Erleichtert nahm ich das letzte Buch in die Hand. Wie bei den anderen schlug ich zuerst das Inhaltsverzeichnis auf, aber beim Überfliegen stellte ich fest, dass auch dieses nicht so interessant war, wie ich erst gedacht hatte, und so klappte ich es wieder zu und legte es zu denen, die ich hier lassen würde. Ich stand auf und schob den anderen Stapel in meinen Rucksack. Wenn Mr. Brown nicht im Vorraum war, würde ich eben morgen wiederkommen und ihm sagen, welche ich ausgeliehen hatte.

Ich wollte gerade das letzte Buch an seinen Platz zurückstellen, als ich ein leises Stöhnen auf der anderen Seite des Regals vernahm. Ich erstarrte mitten in meiner Bewegung. War doch jemand hereingekommen, ohne dass ich es bemerkt hatte? Wahrscheinlich war es nur Mr. Brown, versuchte ich mich zu beruhigen. Doch wieso sollte er stöhnen? Zugegeben, die Bücher waren manchmal ziemlich schwer, aber … Vielleicht ging es ihm ja auch nicht gut? Oder er …

Quatsch, jetzt geht deine Fantasie aber wirklich mit dir durch, McCall.

Ich war nur in der Schulbibliothek und unser Bibliothekar würde ganz bestimmt nicht röchelnd inmitten einer riesigen Blutlache hinter dem Bücherregal liegen.

Komm schon. Reiß dich zusammen!

Dennoch bewegte ich mich so geräuschlos wie möglich, als ich den letzten dicken Band zwischen die anderen schob. Dann griff ich nach meinem Rucksack, den ich am Boden abgestellt hatte. Doch ich hängte ihn mir nicht über die Schulter, sondern hielt ihn vor mich. Zur Not würde ich damit auf einen Angreifer einschlagen können. Mit den Büchern darin war er verflixt schwer und gab eine ganz brauchbare Waffe ab. So gerüstet wagte ich den entscheidenden Schritt um das Regal herum … und blieb wie angewurzelt stehen.

Wahrscheinlich hätte mich der Anblick von Mr. Browns Leichnam am Boden nicht mehr schockiert als das, was ich stattdessen sah. Megan Wilcox, die Tochter unseres Direktors, hatte ihre Arme um Becketts Hals geschlungen. Obwohl sie mit dem Rücken zu mir stand, erkannte ich sie an ihren langen schwarzen Haaren und der pinkfarbenen Bluse. Allerdings war ihr die über die Schultern gerutscht und gab den Blick auf ihren Spitzen-BH frei. Beckett hatte sich vorgebeugt, offenbar um ihre nackte Schulter zu küssen, aber in dem Augenblick, als sich unsere Blicke begegneten, presste er die Lippen aufeinander und schloss genervt die Augen.

Ich zuckte zurück und verschwand wieder hinter meinem schützenden Regal, mein Herz klopfte so heftig, dass ich sicher war, die beiden würden es hören.

Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte sie bei … Egal! Ich wollte nicht darüber nachdenken und holte lieber tief Luft, um mich zu beruhigen. Am besten gab ich ihnen einen Moment Zeit. Er würde Megan bestimmt von meinem Auftauchen erzählen. Sie konnte sich anziehen und dann würden sie hoffentlich verschwinden.

Ich hielt meinen Rucksack fest umklammert, während ich ganz langsam bis hundert zählte. Dann hustete ich geräuschvoll und trat ohne Eile erneut neben das Regal.

»Oh, da haben Sie aber Glück, ich wollte gerade abschließen.«

Mein Herz begann wieder wie verrückt zu hämmern, denn Mr. Brown stand direkt vor mir.

»Ich … ich … ich war noch da …«, stotterte ich, während ich über seine Schulter auf den leeren Platz vor dem Regal starrte. Noch mehr von solchen Vorfällen und ich war ein Fall für den Psychiater.

»Weil ich … ich brauchte Bücher für meine … äh … für Geschichte.« Himmel, der gute Mann musste ja wirklich denken, dass er eine Irre vor sich hatte, so wie ich rumstammelte.

Doch Mr. Brown lächelte nur verständnisvoll. »Ich habe Sie wohl ein wenig erschreckt, was?«

Ich nickte nur, denn ich traute mir noch immer nicht zu, einen sinnvollen Satz herauszubringen.

»Ich war im Keller. Mit den Lampen und der Heizung war etwas nicht in Ordnung.« Sein Blick fiel auf meinen gut gefüllten Rucksack und ich fühlte mich wie ein ertappter Dieb.

»Geschichtshausaufgabe … äh, Bürgerkrieg«, stieß ich entschuldigend hervor.

Er nickte. »Na dann kommen Sie mal mit.« Er wandte sich um und ich folgte ihm in den Vorraum. Etwas umständlich nahm er hinter dem Tresen Platz und während er auf seiner Computertastatur herumhackte, kramte ich mit zitternden Händen die Bücher aus meinem Rucksack hervor und reichte ihm meinen Ausweis.

Nachdem er die Bücher eingescannt und ich alles wieder verstaut hatte, begleitete er mich noch zum Ausgang, wünschte mir einen schönen Abend und schloss hinter mir die Tür ab.

Während sein Schlüsselbund klapperte, dachte ich an Beckett und Megan. Ob sie wohl noch da drinnen waren? Oder hatten sie ihre Knutscherei womöglich ins Auto verlegt?

Mit einem eigenartigen Gefühl in meinem Magen öffnete ich die Tür des Seiteneingangs und trat in den Nieselregen hinaus. Doch zu meiner Erleichterung war der Parkplatz bis auf meinen silbernen SUV vollkommen leer. Mr. Browns Wagen stand vermutlich auf dem Parkplatz für die Lehrkräfte auf der anderen Seite.

Wo immer Beckett und Megan auch sein mochten, für mich würde es heute keine weiteren peinlichen Begegnungen mit ihnen mehr geben.

Langsam wanderte ich durch die Reihen der Bücherregale. Das Licht war dämmrig, nur das Kaminfeuer brannte und erhellte ein wenig den Raum. Meine Füße waren kalt. Ich sah an mir herab. Kein Wunder, ich war barfuß und trug nur ein Nachthemd. Es wirkte irgendwie altmodisch. Weiß, mit Spitze und schulterfrei.

Plötzlich spürte ich, wie jemand von hinten seinen Arm um mich legte und mich an sich zog. Doch ich fürchtete mich nicht, genoss nur die Wärme seines Körpers und spürte die harten Muskeln durch den dünnen Stoff meines Nachthemdes. Keiner von uns sagte etwas. Wir standen einfach nur da und ich wünschte, dieser Augenblick würde ewig dauern.

Doch plötzlich war mir eiskalt. Er war weg. Verzweifelt wandte ich mich um, aber da saß nur mein Wolf. Er starrte mich aus seinen eisgrauen Augen an und sein Ausdruck war unsagbar traurig …

Krallenspur

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