Читать книгу Krallenspur - Lara Seelhof - Страница 8

Оглавление

Kapitel 4

Es überraschte mich nicht im Geringsten, als ich Megan Wilcox am nächsten Vormittag mit wütender Miene aus der Schultoilette stürmen sah. Wenn dieser Typ in dem Tempo weitermachte, würde sein Bedarf an willigen Opfern wohl kaum bis zum Ende des Schuljahres reichen. Mein Mitleid mit Megan hielt sich allerdings in Grenzen. Was ließ sie sich auch mit diesem Casanova ein. Dabei ignorierte ich, dass ich ja selbst ein gewisses Interesse an Mister Unwiderstehlich hatte. Doch gerade jetzt hatte ich andere Probleme.

Nein, in meinem Schrank war der Ausweis auch nicht. Ärgerlich warf ich die Tür so heftig zu, dass es schepperte. Ich musste mich beeilen, wenn ich es vor Kunst noch schaffen wollte, also schnappte ich mir meinen Rucksack und sauste los.

Außer Atem erreichte ich den Vorraum der Bibliothek, nur um festzustellen, dass Mr. Brown wieder einmal nicht aufzufinden war. Hoffnungsvoll beugte ich mich über den Tresen, aber ich hatte Pech. Kein Ausweis.

Beim Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich es auch nicht mehr rechtzeitig zum Unterricht schaffen würde, und das ausgerechnet heute, wo ich meine erste Kunststunde bei Mr. Jefferson hatte. Ich kannte ihn nicht, aber ich würde gleich am ersten Tag einen richtig »guten« Eindruck bei ihm hinterlassen.

So schnell ich konnte, hetzte ich über den Schulhof zum Gebäude hinüber, in dem der Kunstsaal lag. Die Tür war bereits geschlossen. Tapfer atmete ich tief ein und klopfte. Nach einem leisen Gemurmel, das ich als Aufforderung deutete, öffnete ich die Tür. Natürlich waren sämtliche Augenpaare auf mich gerichtet.

»Ähm … entschuldigen Sie, Mr. Jefferson …«, begann ich zaghaft.

»Und Sie sind?« Seine Augenbrauen wanderten nach oben.

»Celia McCall«, murmelte ich.

»Schön, Miss McCall. Ich freue mich, dass Sie sich doch noch dazu entschließen konnten, an meinem Unterricht teilzunehmen.« Wie er es sagte, klang es allerdings eher sarkastisch als erfreut. Ich war sicher, einen Verweis oder zumindest eine Strafarbeit zu bekommen, doch ich hatte Glück. Er forderte mich nur auf, mich zu setzen.

Da ich nicht vorhatte, ihn noch weiter zu reizen, sah ich mich schnell nach einem freien Platz um. Alle Tische waren besetzt. Nur in der letzten Reihe war noch ein leerer Stuhl und mein Gesicht fing augenblicklich an zu glühen, als ich sah, neben wem.

»Falls es Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein sollte, dort hinten wäre noch frei.« Wieder troff Mr. Jeffersons Stimme vor Sarkasmus. »Bei Mister … ähm, Beckett, nicht wahr?« Er nickte ungeduldig zu dem Neuen hinüber. Doch der schien die Worte des Lehrers gar nicht mitzubekommen, denn er sah nicht auf.

Mr. Jefferson machte sich nicht die Mühe, ihn zurechtzuweisen, sondern blickte wieder mich an und seine Augenbrauen zogen sich erneut unheilvoll zusammen.

»Und ich wäre Ihnen sehr verbunden, Miss McCall, wenn es nicht den ganzen Vormittag dauern würde, bis Sie Ihren Platz endlich einnehmen.«

Seine Geduld mit mir war sichtlich erschöpft, also fügte ich mich in mein Schicksal und schlich mit gesenktem und höchstwahrscheinlich knallrotem Kopf nach hinten.

Beckett sah noch immer nicht auf. Auch nicht, als ich den Stuhl zurückzog und mich steif darauf niederließ. Etwas zu sagen wagte ich nicht, denn Mr. Jefferson war schon sauer genug. Also hockte ich nur stumm da und starrte krampfhaft nach vorne, während unser Lehrer uns erläuterte, welches Projekt wir bearbeiten würden.

Allerdings bekam ich die Ausführungen einer Lehrkraft ein weiteres Mal nicht mit, denn der Typ neben mir machte mich entsetzlich nervös.

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Irgendwann verteilte Mr. Jefferson Stifte und Zeichenpapier und wies uns an, die Einzelheiten für unsere Aufgabe mit unserem Sitznachbarn zu besprechen, mit dem wir ein Team bilden sollten. Um uns herum ertönte sofort lautes Gemurmel. Na wenigstens war meine Platzwahl nicht mehr länger Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Doch mein anderes Problem war eindeutig noch da und es sprach kein Wort.

Einige Minuten hockten wir stumm nebeneinander, dann wagte ich es endlich, vorsichtig zu ihm hinüberzublinzeln. Soweit ich sehen konnte, hatte er sich in der Zwischenzeit ebenso wenig bewegt wie ich und davon ermutigt, drehte ich den Kopf etwas weiter in seine Richtung.

Heute Morgen hatte er es auf jeden Fall geschafft, sich zu rasieren und wieder ein Shirt zu finden, bei dem man die Farbe eindeutig bestimmen konnte. Dunkelblau. Seine Haare dagegen waren noch immer unverändert lang. Vermutlich weigerte er sich sie abzuschneiden, weil sie normalerweise die feine helle Narbe verdeckten, die direkt über seiner dunklen Augenbraue begann und über die linke Schläfe bis zum Haaransatz verlief. Nur weil seine Haare heute noch feucht waren, entweder vom Regen oder der morgendlichen Dusche, fiel sie mir zwischen den Haarsträhnen überhaupt auf.

Doch sofort verwarf ich die Überlegung wieder. Eine kleine Narbe störte jemanden wie ihn, der so nachlässig mit seinem Äußeren war, bestimmt nicht.

Moment. Woher wollte ich das denn wissen? War ich etwa eine Cassian-Beckett-Expertin? Eindeutig nicht, denn wenn ich es gewesen wäre, hätte ich sicherlich auch gewusst, weshalb er das leere Zeichenpapier vor sich anstarrte, als wollte er es allein durch seinen Blick in Fetzen reißen. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und auch die steile Falte über seiner Nasenwurzel verriet, dass er mindestens so mies drauf war wie Mr. Jefferson vorhin. Allerdings konnte ich ja wohl kaum auch noch der Grund für seine schlechte Laune sein.

Der finstere Ausdruck ließ sein Gesicht härter und älter wirken. Bisher hatte ich angenommen, er wäre so alt wie ich, aber die Gerüchte mussten wohl doch stimmen, dass er von mehreren Schulen geflogen war und deswegen Klassen wiederholt hatte. Er konnte also durchaus auch neunzehn oder sogar zwanzig sein.

Ob ich damit richtiglag, würde ich wohl nie erfahren, denn so wie er aussah, hatte er nicht das geringste Interesse, auch nur Guten Morgen zu mir zu sagen, geschweige denn über etwas aus seinem Privatleben mit mir zu plaudern. Allerdings würden wir bei weiter zwischen uns herrschender Funkstille auch ein Problem mit unserer Zeichenaufgabe bekommen.

Meine Nervosität wich einem Gefühl der Resignation. Er hatte vermutlich keine Lust, mit mir zu reden, weil ich nicht in sein Beuteschema passte. Und mir wurde heiß, was nicht weiter erstaunlich war, denn ich trug noch immer meine dicke Jacke.

Ohne aufzustehen, denn ich beabsichtigte heute nicht noch einmal die Aufmerksamkeit meines Kunstlehrers zu erregen, wurschtelte ich eine Weile so unauffällig wie möglich, bis ich die Jacke endlich los war. Erleichtert legte ich sie zusammen mit meinem Schal über die Stuhllehne hinter mir.

»Der Anhänger da an deiner Kette, ist das ein … Hund?«

Ich erschrak so sehr über die unerwartete Ansprache, dass ich fast vom Stuhl gerutscht wäre.

Er konnte doch unmöglich mich meinen?

Aber wer außer mir hatte sonst einen Hund an der Kette? Hund an der Kette, eigentlich war das witzig, aber mir war im Augenblick überhaupt nicht zum Lachen zumute, denn er meinte tatsächlich mich. Es war dieselbe warme, beruhigende Stimme, die ich nach meiner Ohnmacht gehört hatte, nur hatte sie gerade absolut keine beruhigende Wirkung auf mich. Stattdessen spürte ich ein intensives Kribbeln in meinem Magen und die Härchen in meinem Nacken hatten mal wieder nichts Besseres zu tun, als sich aufzustellen. Mein Zustand besserte sich auch nicht, als ich es wagte, ihn anzusehen, obwohl er jetzt weder wütend noch gelangweilt aussah. Zu meiner Verblüffung wirkte er interessiert.

»Äh … ja. Nein. Ich meine …«, stammelte ich. Klar denken war einfach unmöglich.

»Nein oder ja? Was jetzt genau?« Er klang belustigt.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich eine Antwort zustande brachte. »Nein, ich meine, er sieht vielleicht so aus, aber das ist kein Hund.« Ich atmete tief ein. »Es soll eigentlich ein Wolf sein … auch wenn das anscheinend außer mir niemand sieht.« Oh je, was redete ich denn da bloß für ein bescheuertes Zeug? Das wollte unser Schulcasanova bestimmt nicht so genau wissen.

»Tja, wenn du mich fragst …« Sein Blick wurde nachdenklich und er beugte sich etwas zu mir vor, um meinen Anhänger genauer zu betrachten.

Himmel, er sah nicht nur klasse aus, er roch auch noch unglaublich gut. Kein Aftershave, eher wie …

Er lehnte sich wieder zurück und ich konnte nicht mehr feststellen, wonach.

»Doch.«

Ich starrte ihn verständnislos an.

»Es ist ein Wolf. Eindeutig.« Er nickte und seine Worte klangen absolut nicht so, als würde er mich veralbern. Eigenartigerweise wirkte er eher überrascht. »Auf jeden Fall ist er sehr hübsch.« Er sah wieder auf und … lächelte mich an.

Gut, dass ich saß, sonst wäre ich wahrscheinlich wieder zusammengeklappt. Dieses Mal wegen meiner weichen Knie. In meinem Magen war jetzt ein ganzer Ameisenstaat in Alarmbereitschaft und mein Mund war vollkommen ausgetrocknet. Aber irgendwann wurde mir bewusst, dass ich ihn immer noch anstarrte. Ich musste was sagen. Irgendwas!

»Danke. Und auch für das andere.« Es war das Erste, was mir einfiel.

»Das andere?« Er runzelte die Stirn.

Natürlich. Er hatte es vergessen. Jetzt würde es peinlich werden. Hätte ich doch bloß nichts gesagt. Doch nun war es zu spät. Er wartete auf meine Erklärung.

»Du hast meiner Freundin was zu trinken für mich gegeben, oder? Ich meine, nachdem ich umgefallen war.«

Mist! Das zu sagen, war anscheinend ein Fehler gewesen. Sein Lächeln wurde eindeutig schwächer.

»Ja.«

Mehr sagte er nicht. Aber was hatte ich denn auch erwartet? Etwa ein überschwängliches »Gern geschehen« oder ein »Stets zu Diensten«? Pah, lächerlich!

Laut sagte ich: »Es hat klasse geschmeckt.«

Aber sein gezwungenes Lächeln zeigte, dass er sich keineswegs über meine Begeisterung für das Getränk freute. Ich versuchte, die Situation irgendwie zu retten, aber mein »Was war das eigentlich?« machte es nur noch schlimmer. Sein Lächeln verschwand endgültig und wich einem seltsam angespannten, ja fast wachsamen Ausdruck.

Das wiederum weckte mein Misstrauen. Hatte er mir etwa irgendetwas Illegales eingeflößt?

»Ach, nichts Besonderes. War ’n Energydrink.«

Ich war mir sicher, dass er log. »Ach echt? Und welcher?«

»Keine Ahnung. Ich meine, ich probier immer mal verschiedene Sachen aus. Weiß nicht, was es gerade an dem Tag war. Vielleicht Blue Cross?« Er wirkte jetzt wieder vollkommen cool und zuckte lässig die Achseln.

Es war garantiert kein Blue Cross gewesen. Den Geschmack kannte ich. Log er etwa, weil er etwas zu verbergen hatte? War er vielleicht von den anderen Schulen geflogen, weil er mit Drogen dealte? Womöglich hatte Abby ja doch recht und es war besser, sich von ihm fernzuhalten.

Eine Weile schwiegen wir, doch dann plötzlich: »War deine Kette ein Geschenk?«

Diesmal gefiel mir das Thema nicht, das er für die Fortsetzung unserer Unterhaltung ausgesucht hatte.

»Irgendwie schon«, murmelte ich nur vage.

»Von deinem Ex?«, mutmaßte er.

Ich schüttelte den Kopf.

»Na du machst es ja ganz schön spannend.«

»Überhaupt nicht. Aber es ist kompliziert.«

»Ich hab eine Schwäche für komplizierte Geschichten.« Seine Stimme klang jetzt ganz sanft und sofort war auch das angenehme Kribbeln wieder da. Beinahe wäre ich auch bereit gewesen, ihm meine Geschichte tatsächlich zu erzählen. Aber eben nur beinahe.

»Und sie ist auch ziemlich lang«, wich ich aus.

»Wir haben doch Zeit.« Er grinste. Jetzt war eindeutig er derjenige, der bohrte, und er schien die getauschten Rollen zu genießen.

Noch bevor ich antworten konnte, wandte er sich ganz zu mir um und da war er wieder, dieser angenehme Geruch. Ich musste mich beherrschen, um nicht die Augen zu schließen, aber dann wurde mir bewusst, dass er noch immer auf meine Antwort wartete.

Als ich aufsah, blickte ich ihm direkt in die Augen.

Mein erster Impuls war, schnell wieder wegzusehen, aber wieder konnte ich es nicht. Doch diesmal war es anders. Der Ausdruck seiner Augen war nicht kalt oder zornig. Er betrachtete mich einfach nur irgendwie … wachsam und dann war es, als würde ich schweben.

Es war ein eigenartiges Gefühl. Alles fühlte sich plötzlich ganz leicht an und dann wurde ich ganz langsam von einer grauen Wolke eingehüllt. Nein, eigentlich war es ein warmes silbernes Meer, in dem ich schwamm, umgeben von einem betörenden frischen Windhauch. Langsam wurde ich von schillernden Wellen davongetragen. Kleine grüne Inseln tauchten in dem grauen Ozean vor mir auf, um dann wieder aus meinem Blickfeld zu verschwinden, während ich entspannt und schwerelos dahintrieb. Ohne jedes Zeitgefühl.

Doch irgendwann wurde das Grau heller, dann durchsichtig und schließlich verschwand es ganz und mit ihm das leichte, angenehme Gefühl. Ich seufzte enttäuscht. Aber dann wurde mir bewusst, wo ich mich befand. Im Kunstunterricht. Und Cassian Beckett saß neben mir, während ich mich irgendwelchen eigenartigen Tagträumen hingab. Hatte er etwa gemerkt, dass ich vollkommen weggetreten gewesen war?

Nein. Er saß noch immer genauso da wie zuvor. Lächelnd, leicht vorgebeugt und den Kopf etwas zur Seite geneigt, so als wartete er auf irgendetwas. Klar, auf meine Antwort.

Nervös räusperte ich mich. »Kann schon sein. Aber ich will nicht darüber sprechen. Sorry.«

In dem Moment war es mir aber eigentlich egal, ob er es verstehen würde oder nicht. Die Geschichte des Anhängers war etwas Besonderes und nicht einmal meine Eltern hatten sie mir damals geglaubt. Deswegen hatte ich sie auch noch nie jemand anderem erzählt. Nicht einmal Grandma oder Abby. Sie war einfach zu merkwürdig und manchmal zweifelte sogar ich daran, dass sie überhaupt so passiert war.

Ihn schien meine Antwort zu irritieren. Oder vielleicht war er ja auch nur überrascht, dass er einmal nicht bekam, was er wollte, doch er sagte nur: »Verstehe. Es gibt Sachen, über die ich auch nicht gerne rede.«

Zum Beispiel über das, was in der Flasche war, dachte ich.

Der Schulgong ertönte und ich erwartete, dass er schnell verschwinden würde, so wie sonst auch immer. Doch diesmal schien er es überhaupt nicht eilig zu haben. In aller Ruhe packte er das leere Blatt in eine Mappe und verstaute sie zusammen mit dem Bleistift in seinem Rucksack. Als er fertig war, wartete er sogar geduldig neben unserem Tisch, bis auch ich zum Gehen bereit war. Begleitet vom leisen Getuschel einiger Mädchen, die mich neidisch musterten, ging er neben mir aus dem Raum und weiter den Flur entlang. Sicher glaubten sie, ich wäre sein nächstes Opfer.

Ohne etwas zu sagen, leistete er mir Gesellschaft, bis wir den Biologiesaal erreichten, und als er mit mir eintrat, kapierte ich es erst - er war auch in meinem Kurs.

Abby wartete schon an unserem Tisch auf mich. Sie machte große Augen, als er sich von mir verabschiedete und sich auf einem der freien Plätze niederließ.

»Hatte ich gerade eine Erscheinung oder bist du hier eben mit Beckett reinspaziert und er hat ›Bis später‹ zu dir gesagt?«

»Jeb.« Scheinbar ungerührt ließ ich meinen Rucksack auf den Boden plumpsen und warf meine Jacke über die Stuhllehne, während Abby vor Neugier zu platzen drohte.

»Jetzt mach schon den Mund auf«, verlangte sie ungeduldig.

»Wir hatten Kunst zusammen«, antwortete ich wenig auskunftsfreudig, woraufhin sie mit den Augen rollte. Das tat sie immer, wenn sie ungeduldig oder genervt war.

Ich würde wohl nicht um eine Erklärung herumkommen, also erzählte ich ihr von unserem gemeinsamen Kunstprojekt. Die Sache mit dem Anhänger behielt ich allerdings für mich. Stattdessen bemühte ich mich, möglichst cool zu wirken.

»Und du bist sicher, dass er dich nicht angemacht hat?«, flüsterte sie. »Komisch, der Kerl lässt doch sonst nix anbrennen. Sei bloß vorsichtig, ja?«

Aus den Augenwinkeln glaubte ich, Beckett grinsen zu sehen. Doch als ich genauer hinsah, war er in sein Biologiebuch vertieft. Außerdem konnte er uns gar nicht gehört haben, dazu saß er viel zu weit weg.

Ich zuckte so lässig wie möglich die Achseln. »Bin wohl nicht sein Typ. Oder heiße ich etwa Angelina?«

»Zum Glück nicht. Und wenn er sich nicht für dich interessiert, umso besser. Dann rennst du wenigstens nicht verheult über die Flure wie die anderen Tussen.« Sie grinste zufrieden.

In den letzten beiden Unterrichtsstunden hatten wir Sport. Es regnete mal wieder und als wir aus der Umkleidekabine kamen, war die andere Hälfte der Sporthalle bereits belegt. Wegen des Umbaus der anderen Halle mussten wir uns heute die große mit den Jungen teilen, weil Coach Meyer offenbar keine Lust hatte, nass zu werden.

Doug winkte uns zu und ließ reichlich angeberisch seine Muskeln spielen. Während ich zurückwinkte und Abby wegen seiner Machoposen nur genervt mit den Augen rollte, ertönte der schrille Pfiff aus Coach Meyers Trillerpfeife. Die Jungen stellen sich in einer Reihe auf.

Inzwischen war auch Mrs. Reynolds aufgetaucht und wies uns an, die Volleyballnetze aufzubauen. Währenddessen beobachtete ich unauffällig die Jungen, wie sie Turnmatten heranschleppten. Cassian war auch unter ihnen.

Zufällig bemerkte ich dabei Dougs grimmige Miene, mit der er Cassian musterte, und auch den Blick, den er mit Tyler wechselte.

Doug war seltsamerweise stinksauer gewesen, als Cassian mittags in der Cafeteria an unserem Tisch vorbeigegangen war, mich angelächelt und »Hi« gesagt hatte.

»Was will denn der«, hatte mein alter Kumpel angriffslustig geknurrt und es hätte nur noch gefehlt, dass er aufgesprungen wäre und den Neuen am Kragen gepackt hätte.

Natürlich hatte ich dann meiner Clique auch eine Variante meiner »Wie habe ich den tollen Neuen kennengelernt«-Geschichte erzählen müssen, nicht ahnend, was ich damit anrichten würde.

»Der soll dich bloß in Ruhe lassen, sonst brech ich ihm alle Knochen und hau ihm sein hübsches Babyface platt!«

Dougs Ausbruch und meinen verblüfften Blick hatte Abby nur mit dem bedeutungsvollen Heben ihrer rechten Augenbraue quittiert. Sandra dagegen, die auf der anderen Seite des Tisches neben Doug saß, hatte mich mit einem giftigen Blick bedacht, der mir ein weiteres Rätsel aufgegeben hatte.

Während wir anderen uns schon ewig kannten, war sie erst vor zwei Jahren nach Eagle Lake gezogen. Kathy hatte sich mit ihr angefreundet und so gehörte sie nun irgendwie zu unserer Clique, aber wirklich warm geworden waren wir miteinander nie. Doch ihr Verhalten jetzt fand ich reichlich übertrieben. Es sei denn, sie wollte Nummer fünf auf Becketts Liste werden.

»Na das verspricht ja ausgesprochen interessant zu werden.« Abby hatte Dougs Blickwechsel mit Tyler ebenfalls bemerkt.

»Interessant?« Ich kaute nervös an meiner Unterlippe, weil ich befürchtete, dass Doug dabei war, sich Ärger einzuhandeln. »Na, ich weiß nicht.«

»Oh ja. Vor allem die Reaktion von Blondie. Das wird garantiert spannend, glaub mir«, meinte sie spöttisch, während sie zu Sandra hinübernickte, der Mrs. Reynolds gerade den Ball in die Hand drückte.

Ich verstand nur Bahnhof.

»Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du noch nicht mitgekriegt hast, dass Barbiegirl neuerdings voll auf Doug abfährt?« Sie sah mich an und ihre blauen Augen funkelten boshaft.

»Offensichtlich nicht. Na schön, dann erzähl ich dir gleich noch ’ne Neuigkeit - der liebe Doug steht aber nicht auf sie. Er hat nämlich nur Augen für dich. Auch wenn du das zu seinem Bedauern überhaupt nicht schnallst.«

Ich starrte sie verblüfft an. »Quatsch!«

»Habe ich dir jemals Mist erzählt?«

Hatte sie nicht. Aber diesmal musste sie sich irren. Allerdings, wenn ich darüber nachdachte, ergab das schon einen Sinn.

»Du weißt doch, die Betreffende merkt es immer zuletzt«, tröstete sie mich grinsend. »Tja und nun hat unser kleiner Dougie Angst, dass er auch noch Konkurrenz kriegt.«

Ich folgte Abbys Blick.

Cassian stand etwas abseits von den anderen und lauschte gelangweilt den Ausführungen des Coachs.

Während ich noch über Abbys Worte nachdachte, begann Mrs. Reynolds uns in Gruppen einzuteilen.

Keine Ahnung, was die abwegigere Vorstellung war, dass Doug in mich verknallt sein sollte oder dass er sich mit Cassian anlegte, weil er annahm, dieser hätte ebenfalls Interesse an mir? Nein, dann doch eher das Letztere. Besonders, wenn ich an Dougs merkwürdiges Verhalten in der letzten Zeit dachte. Aber Cassian Beckett war einfach nur höflich gewesen, weil wir zufällig in Kunst nebeneinander saßen. Mehr nicht.

Da wir zu viele für die halbe Halle waren, ließ Mrs. Reynolds zunächst die erste Gruppe gegeneinander antreten, in der Sandra und Kathy waren. Abby und ich ließen uns mit den anderen Mädchen aus der zweiten Gruppe auf den Bänken am Rand des Spielfeldes nieder, um zuzusehen. Doch meine Aufmerksamkeit galt, kaum dass ich saß, wieder der anderen Seite der Halle.

Oh nein, der Trainer wollte ausgerechnet heute auch noch Kampfsport üben. Das ungute Gefühl in meinem Magen verstärkte sich und plötzlich wurde mir klar, dass ich mich in Wahrheit nicht um meinen alten Kumpel sorgte. Mit Sicherheit plante er, dem Neuen eine Lektion zu erteilen, ohne dass dieser überhaupt ahnte, in welcher Gefahr er schwebte.

Coach Meyer wollte eine Übung demonstrieren und Doug meldete sich sofort als Freiwilliger. Er wollte wohl gleich klarstellen, was er so draufhatte.

Der Coach zeigte eine Übungssequenz mit Doug, aber sein Schüler war so gut, dass sich der Trainer am Ende selbst auf der Matte wiederfand.

Dougs Freunde johlten und klatschten begeistert und er war sichtlich zufrieden mit sich. Anscheinend wollte Coach Meyer sich nicht noch einmal blamieren, denn er winkte zu den Jungen hinüber und seine Wahl traf ausgerechnet Cassian Beckett.

Mir wurde übel, als ich Dougs Gesichtsausdruck bemerkte. Für ihn war das Ganze eindeutig keine Übung, doch Cassian schien seine Absichten nicht zu durchschauen. Er schlenderte lässig zu Doug und machte noch immer den Eindruck, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an.

Verflixt, warum nahm er die Sache denn nicht ernst?

Doch ich konnte nichts tun, um ihn zu warnen, nur hoffen, dass der Coach rechtzeitig eingriff, ehe Doug ihn ernsthaft verletzte.

Während sich die beiden aufstellten, verglich ich sie miteinander. Doug war eindeutig der Kräftigere, was ihm einen Vorteil bringen konnte. Cassian, genauso groß wie er, bewegte sich dagegen geschmeidiger. Er erinnerte mich irgendwie an eine Raubkatze. Aber konnte er auch kämpfen?

Coach Meyer gab das Startsignal, ich ballte die Fäuste und dann ging alles blitzschnell. Cassian schien sich überhaupt nicht bewegt zu haben, doch Doug lag plötzlich stöhnend am Boden.

Der Trainer wartete, bis er wieder aufgestanden war, dann befahl er den beiden erneut, Aufstellung zu nehmen. Obwohl ich Cassian diesmal nicht aus den Augen ließ, kam seine Bewegung so rasch, dass ich wieder nicht sagen konnte, wie er Doug abgewehrt hatte. Jedenfalls lag mein Kumpel erneut auf der Turnmatte. Und auch sein dritter Angriff verlief ähnlich blamabel. Nur dauerte es diesmal länger, bis er sich aufrichtete.

Cassian beugte sich zu ihm, streckte ihm seine Hand hin, um ihm aufzuhelfen, doch Doug ignorierte sein Friedensangebot und blieb schnaufend auf der Matte sitzen. Ich konnte sehen, dass er vor Wut kochte.

Inzwischen hatten die Kämpfer auch das Interesse der aktiven Volleyballspielerinnen geweckt. Mrs. Reynolds war nirgends zu sehen, also hatten sie ihr Spiel abgebrochen und schauten lieber dem Spektakel im anderen Hallenteil zu.

Cassian hatte sich eben mit einem Achselzucken abgewandt und wollte zurück zu seinem Platz, als Doug unerwartet aufsprang. Mit einem Wutschrei stürzte er los. Bevor er Cassian jedoch von hinten packen konnte, machte dieser, ohne sich umzusehen, genau im richtigen Moment einen Schritt zur Seite. Doug, der viel zu viel Schwung draufhatte, konnte sich nicht mehr abfangen und schlug dröhnend auf dem Hallenboden auf.

Einen Moment fürchtete ich, er hätte sich ernsthaft verletzt, denn er rührte sich nicht. Doch dann hob er langsam den Kopf. Neben seinem verletzten Stolz hatte diesmal auch seine Nase etwas abbekommen und während er sich das Blut mit dem Handrücken abwischte, zeigte sein Blick deutlich, dass er nicht glauben konnte, was da gerade passiert war. Erst als Coach Meyer ihn anbrüllte, schüttelte er sich und kam schwerfällig wieder auf die Füße. Mit gesenktem Kopf stand er da und ließ wortlos die Strafpredigt über sich ergehen.

Doch als der Trainer von ihm verlangte, sich bei Cassian zu entschuldigen, schüttelte er trotzig den Kopf.

Cassian, der etwas abseits stand, wirkte gelangweilt.

Schließlich schickte Coach Meyer Doug mit der Bemerkung, dass sein Verhalten noch Folgen haben würde, zur Schulschwester und verlangte von den übrigen Jungen bellend hundert Liegestütze.

Inzwischen war auch Mrs. Reynolds wieder aufgetaucht. Anscheinend hatte sie von der Spielunterbrechung der Mädchen und dem Grund dafür gar nichts mitbekommen, denn sie klatschte nur in die Hände und forderte uns auf, die Mannschaften zu tauschen.

Als ich an Sandra vorbei aufs Spielfeld lief, funkelte sie mich wütend an. »Na, bist du jetzt zufrieden?«

Wortlos trabte ich weiter. Sie gab mir die Schuld für Dougs Ausraster? Aber ich hatte doch weder etwas von seinen Gefühlen geahnt noch ihm jemals irgendwelche Hoffnungen gemacht. Für mich war er ein Freund so wie Tyler auch. Mehr nicht.

Den Rest der Stunde ließ der Coach die Jungen ein hartes Konditionstraining machen. Offenbar wollte er verhindern, dass einer von Dougs Freunden auf die Idee kam, sich in seinem Unterricht an Cassian zu rächen, denn er achtete auffällig darauf, dass besonders Tyler nicht in Becketts Nähe kam.

Mich konnte man für den Rest der Sportstunde vollkommen vergessen. Ich verpasste einen Ball nach dem anderen, weil ich ständig zu Cassian hinüberschielte, der scheinbar ungerührt sein Training absolvierte. Als ich auch noch mit einer Mitschülerin zusammenstieß, gongte es endlich zum Schulschluss.

Zu Hause fand ich einen Zettel von Grandma. Sie besuchte Sue, die Frau unseres Sheriffs, und würde erst spät zurück sein.

Ich war froh darüber, denn mir war nicht nach einer Unterhaltung. Automatisch schaltete ich den Herd ein, um die vorbereitete Suppe zu wärmen, brachte meinen Rucksack nach oben und wusch mir die Hände. Als ich jedoch in die Küche zurückkam, merkte ich, dass ich überhaupt keinen Hunger hatte. Ich schaltete den Herd wieder aus und ging zurück in mein Zimmer. Dort öffnete ich meinen Kleiderschrank, suchte eine Sporthose und ein Laufshirt heraus und zog mich um. Als ich fertig war, schnappte ich mir meinen MP3-Player vom Nachttisch und ging wieder nach unten. Bewaffnet mit meinen Turnschuhen und meiner Sportjacke zog ich die Haustür hinter mir zu.

Es dämmerte schon, aber trotz des Volleyballspiels oder gerade weil ich nur geistesabwesend herumgestanden hatte, sehnte ich mich jetzt nach Bewegung. Vielleicht würde es mir ja gelingen, die Bilder von Doug und Cassian aus meinem Gehirn zu kriegen, wenn ich erst einmal richtig ausgepowert war. Entschlossen schob ich mir die Kopfhörer in die Ohren und rannte los.

Zunächst lief ich zur Hauptstraße und folgte ihr ein kleines Stück, bis ich an der Zufahrt des Nachbarhauses vorbeikam. Eigentlich lief ich immer einen anderen Weg, aber heute bog ich, einem Impuls folgend, dort ab und rannte den Weg entlang, der zu dem Haus hinaufführte. Es war beinahe ein wenig wie in meinem Traum. Der Zugang war tatsächlich an den Seiten stark zugewuchert, aber ein Auto passte trotzdem ohne Schwierigkeiten hindurch. Fehlte eigentlich nur noch mein Wolf. Ich drehte mich um, aber natürlich war ich allein.

Es war nicht sehr weit bis zu dem kleinen Haus und da ich joggte, kam es noch schneller in mein Blickfeld. Ich atmete heftig, als ich davor anhielt. Heute war eindeutig nicht mein sportlichster Tag, also gönnte ich mir eine kurze Erholungspause, nahm die Stöpsel aus meinen Ohren und weil mir eigentlich gar nicht mehr nach Musik war, wanderten sie zu meinem Player in die Jackentasche.

Während mein Atem langsam ruhiger wurde, verglich ich das Haus mit dem aus meinem Traum. Es war viel kleiner und auf der Treppe lag kein abgebrochener Ast, aber auch bei diesem waren die Fensterscheiben schmutzig und es wirkte ebenso verlassen. Die Reifenspuren, die ich unten an der Einfahrt gesehen hatte, stammten also wohl doch nur von abenteuerlustigen Jugendlichen. Heute Abend war allerdings niemand hier.

Das dachte ich zumindest, weil kein Auto vor dem Haus stand. Aber als ich mich wieder umdrehte, um zurückzulaufen, hörte ich ein leises Klirren und erstarrte. Es kam eindeutig aus dem Inneren des Hauses und mein Herz begann sofort zu rasen. Sollte ich nachsehen, was das gewesen war?

Bestimmt nicht. Wenn sich jemand da drin herumtrieb, musste ich ihm ja nicht unbedingt begegnen. Und was hätte ich schon tun können?

Dennoch blieb ich unschlüssig stehen und lauschte. Nichts. Alles war ruhig und es war jetzt wirklich besser, wieder nach Hause zu laufen, denn es wurde immer dunkler. Es würde auch so schon schwierig sein, etwas zu erkennen, denn es gab keine Straßenlaternen auf der Auffahrt.

Doch meine verflixte Neugierde trieb mich dazu, die Veranda zu betreten. Durch die Fenster war nichts zu erkennen, aber als ich versuchsweise den Türgriff drehte, stellte ich überrascht fest, dass nicht abgeschlossen war. Das beunruhigte mich noch mehr und als sich die Tür, anders als in meinem Traum, mit einem schockierend lauten Knarren öffnete, blieb mir fast das Herz stehen. Wenn jemand im Haus war, hatte er es ganz sicher gehört.

Eine gefühlte Ewigkeit verharrte ich am Eingang, bereit sofort loszurennen, falls sich ein Schatten aus der Dunkelheit löste.

Doch alles blieb weiter dunkel und still. Vielleicht war es ja nur irgendein kleines Tier, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ein Waschbär oder eine Katze. Es würde auf jeden Fall wieder alleine herausfinden, also konnte ich jetzt genauso gut auch verschwinden. Aber ich ging nicht. Stattdessen setzte ich vorsichtig meinen Fuß über die Türschwelle. Zu meiner Erleichterung knarrten wenigstens die Dielen nicht und da ich kein Licht machen konnte, streckte ich meine Hände aus und tastete mich langsam durch das dunkle Innere vorwärts. Falls jemand hier war, musste es ihm zumindest genauso ergehen wie mir, versuchte ich mir Mut zu machen.

Meine Zuversicht verschwand in dem Moment, als meine vorgestreckten Fingerspitzen gegen etwas Weiches stießen. Ich schrie auf und als mein Arm gepackt wurde, reagierte ich instinktiv. Ich holte mit dem anderen Arm zu einem Abwehrschlag aus. Bevor ich mein Ziel jedoch erreichen konnte, wurde auch meine andere Hand abgefangen.

»Hey, entspann dich«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit. »Ich lass dich jetzt los, aber hör auf auszuflippen, ja?«

Die Worte wirkten. Ich versteinerte auf der Stelle und mein Angreifer hielt Wort und gab mich frei.

»Cassian?« Diese sexy Stimme hätte ich überall erkannt.

»Du hast’s erfasst«, erklang es spöttisch vor mir aus der Finsternis.

»Was … was machst du hier?«

»Irgendwas stimmt mit der Stromleitung nicht. Ich habe versucht, sie zu reparieren. Nicht unbedingt mit Erfolg, wie du siehst.«

Ich sah überhaupt nichts und das störte mich. Aber noch mehr nervte es mich, dass er meiner Frage auswich.

»Was zum Teufel hast du in diesem Haus verloren?«

»Das habe ich dir doch gerade erklärt.« Seine Stimme hatte den üblichen lässigen Tonfall. »Ich habe versucht …«

»… Licht zu machen«, vollendete ich seinen Satz. »Ich seh zwar gerade nichts, aber ich bin nicht taub.«

»Na dann ist doch alles super.«

»Gar nix is’ super«, zischte ich. »Besonders wenn du in leer stehende Häuser einbrichst, um Stromleitungen zu reparieren.«

Ich hörte sein leises Lachen und sofort kribbelte es wieder in meinem Magen.

»Tut mir leid, wenn ich dich enttäusche, aber ich bin hier nicht eingebrochen.«

»Ach nein?«

»Nein, denn ganz zufällig habe ich einen Schlüssel für dieses Haus.«

»Schlüssel?«, echote ich ungläubig.

»Ja. Ich habe das Haus nämlich gemietet«, erklärte er in dem geduldigen Tonfall, mit dem man einem kleinen Kind etwas klarmacht.

Oh nein. Ganz toll. Wenn er es nicht schon tat, musste er mich spätestens jetzt für eine komplette Idiotin halten.

Während ich noch überlegte, was ich sagen sollte, rieb ich mir über meine kalten Arme. Mein dünnes Sportzeug war eindeutig nicht fürs Herumstehen in der Kälte geeignet.

»Die Hei… Heizung ist … ist wohl auch kaputt, was?«, schlotterte ich.

»Es gibt hier nur Öfen und ich hatte nicht genug Holz für das ganze Haus. Aber im Wohnzimmer ist es wärmer.«

Ohne nachzudenken, machte ich einen Schritt vorwärts und erwischte prompt seinen Fuß.

»Tschuldigung«, murmelte ich und zog mich wieder zurück. Nein, heute war wirklich nicht mein bester Tag.

»Du könntest mir deine Hand geben, dann bring ich dich hin«, schlug er vor. »Aber nur, wenn du mich nicht wieder trittst oder zu schlagen versuchst.« Sein ironischer Ton war unüberhörbar.

Ich verzog das Gesicht. »Das verspreche ich nur, wenn du vorher versprichst, mich nicht noch mal zu Tode zu erschrecken.«

Statt eines Versprechens ertönte wieder nur sein leises Lachen.

»Deine Hand«, erinnerte er mich.

Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass er sie sah, streckte ich sie in die Richtung, aus der seine Stimme kam. Wieder war es wie ein Stromschlag, als er mich berührte. Automatisch wollte ich meine Hand zurückziehen, doch er hielt mich fest und während er vorausging, spürte ich, wie das seltsame Prickeln an Intensität zunahm. Es wanderte von meiner Hand in den Arm und plötzlich kribbelte mein ganzer Körper. Erst als es wieder nachließ, fühlte ich seine Hand richtig. Sie war ein bisschen rau, aber angenehm warm, und ich begann mich zu entspannen. Zumindest ist er kein Vampir, Abby.

Unglaublich, aber wir erreichten das Ende des Flurs, ohne zu stolpern oder irgendwo anzustoßen, und als ich hinter ihm das Wohnzimmer betrat, empfing mich tatsächlich angenehme Wärme.

Neben dem Feuer im Kamin war ein altmodischer Leuchter mit fünf flackernden Kerzen die einzige weitere Lichtquelle, aber es genügte, um endlich wieder etwas zu sehen. Cassian, in dem gleichen blauen T-Shirt, das er heute in der Schule getragen hatte, stand neben mir und hielt noch immer meine Hand. Auch er schien es zu bemerken, denn er ließ sie los, schlenderte zum Kamin hinüber und lehnte sich dagegen.

»Hier ist es auf jeden Fall warm.« Er deutete auf den altmodischen Sessel vor sich und während ich mich setzte, fühlte ich mich plötzlich ganz eigenartig. Das alles erinnerte mich so sehr an meinen Traum, dass es beinahe unheimlich war. Nur der Wolf fehlte noch.

»Und?«

Ich fuhr hoch. »Was?«

»Ich meine, gehört es zu deinen üblichen Freizeitbeschäftigungen, abends durch fremde Häuser zu schleichen?«

Was für eine blöde Frage? »Natürlich nicht.« Mein Ton war entsprechend zickig. »Ich war joggen.«

»Ach? Hier im Haus?«

»Unsinn«, entgegnete ich hochmütig. »Aber als ich hier zufällig vorbeikam, hab ich ein Geräusch gehört. Ich dachte, es wären Jugendliche im Haus, die irgendwelchen Mist anstellen.«

»Und was hättest du gemacht, wenn es so gewesen wäre? Ich meine, es ist ziemlich mutig von dir, hier einfach so reinzugehen, ohne zu wissen, was dich erwartet.« Er sah mich auf eine seltsam abschätzende Art an.

Einen Moment hielt ich seinem Blick stand, doch dann seufzte ich. »Nein, war es nicht. Ich hab nur einfach nicht bis zum Ende nachgedacht.« Mein Ton war jetzt alles andere als selbstsicher. »Hab wohl vergessen, dass ich kein Superkämpfer bin, so wie du«, gab ich zu und lächelte etwas gequält, doch er erwiderte mein Lächeln nicht.

»Ich bin kein Superkämpfer«, entgegnete er und es klang beinahe kühl.

»Da bist du aber der Einzige, der so denkt.« Er musste das Getuschel im Sportunterricht doch mitbekommen haben?

»Nein, im Ernst, dein Freund war wirklich gut. Ich hatte einfach nur Glück.«

»Doug ist nicht mein Freund.« Das war mir einfach so herausgerutscht. »Ich meine, er ist schon mein Freund. Ähm … ein guter Freund. Ein Kumpel eben …« Oh Mann! Warum machte ich bloß alles immer noch schlimmer? Hastig drehte ich den Kopf zur Seite und tat, als würde ich mich in dem Wohnzimmer umsehen, damit er die unangenehme Röte auf meinem Gesicht nicht bemerkte.

Neben dem Kamin und dem Sessel, in dem ich saß, gab es noch ein imposantes dunkelbraunes Ledersofa, einen Couchtisch aus dunklem Holz, einen kleinen Schrank in der gleichen Holzart und eine riesige Standuhr. Alles Sachen, die dem alten Mr. Warner gehört haben mussten, und jetzt wurde mir auch klar, warum das Haus von außen so unbewohnt gewirkt hatte. Die altmodischen Samtvorhänge, bei denen man mit viel Fantasie unter der dicken Staubschicht einen dunkelroten Farbton ausmachen konnte, waren zugezogen, sodass kein Lichtschein nach draußen dringen konnte.

»Sind deine Eltern gar nicht zu Hause?«, versuchte ich unser Gespräch auf etwas Unverfängliches zu lenken.

»Nein.«

»Und wo sind sie?«

Dass ich schon im nächsten Fettnäpfchen gelandet war, wurde mir sofort klar, als ich den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte.

»Sie sind tot.«

Ich schluckte. »Entschuldige«, murmelte ich schuldbewusst. »Ich wollte dich nicht ausfragen.«

»Ach nein?« Es klang scharf und er betrachtete mich mit finsterer Miene. Doch dann änderte sich sein Ausdruck wieder. »Ich meine … es ist okay. Ist ja auch schon ziemlich lang her.«

Seine Miene war jetzt wieder vollkommen cool, doch ich fühlte mich nicht besser.

»Nein, ist es nicht«, sagte ich leise. »Egal wie lange es her ist, es tut immer weh.« Ich spürte, wie meine Kehle eng wurde. »Meine Eltern sind auch gestorben. Da war ich zehn.« Ich hätte nicht sagen können wieso, aber ich hatte das Gefühl, es ihm erzählen zu müssen. »Es war ein Autounfall.« Mum hatte mir erlaubt, bei meiner Freundin Sally zu übernachten, weil sie und Dad Freunde besuchen wollten. Auf dem Rückweg war ihr Auto mit einem anderen Wagen zusammengestoßen.

»Sie waren beide schon tot, als man sie fand. Der Fahrer des anderen Wagens starb im Krankenhaus. Er war betrunken und hat die Kontrolle über das Auto verloren.« Ich musste heftig blinzeln, damit die Tränen blieben, wo sie waren.

»Das tut mir leid.«

Ich sah auf und da war tatsächlich ehrliches Mitgefühl in seinen Augen.

»Und … du hast recht. Es tut weh.« Er schien noch etwas sagen zu wollen, doch die tiefen Stundenschläge der alten Standuhr zerstörten den besonderen Moment und mit jedem Gong schien sich die unsichtbare Mauer zwischen uns wieder aufzubauen.

Wie viele Schläge waren es gewesen? Nein. Es konnte doch unmöglich schon so spät sein.

Ich räusperte mich, noch immer etwas benommen von der seltsamen Stimmung. »Ich glaub, ich muss jetzt nach Hause.«

Cassian verließ sofort seinen Platz am Kamin und öffnete wortlos die Tür.

Nach der wohligen Wärme im Wohnzimmer spürte ich die eisige Kälte hier im Flur noch intensiver und bei dem Gedanken, jetzt allein in der Dunkelheit nach Hause laufen zu müssen, war mir alles andere wohl.

»Warte«, hielt Cassian mich auf. »Besser, du ziehst die hier an. Sonst holst du dir noch den Tod in deinem dünnen Zeug.« Er nahm eine schwarze Lederjacke von dem Haken neben der Tür und legte sie mir um die Schultern. Ganz offensichtlich seine eigene.

»Danke«, murmelte ich verblüfft über seine unerwartete Fürsorge. »Ich … ich bring sie dir morgen wieder mit in die Schule«, versprach ich, während ich zusah, wie er selbst nach dem grauen Kapuzen-Sweatshirt griff, das unter der Jacke gehangen hatte.

»Mach das.« Er hob die Arme, um sich das Sweatshirt über den Kopf zu ziehen. Dabei rutschte sein dunkelblaues T-Shirt ein Stück hoch.

Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Sein durchtrainierter Sixpack hätte selbst Doug neidisch werden lassen und ich spürte, wie meine Wangen trotz der Kälte zu glühen begannen.

»Gut, ähm … dann sehen wir uns morgen«, versuchte ich meine Verlegenheit zu überspielen, während er sich mit den Fingern durch seine Haare fuhr, die durch das Anziehen noch mehr verstrubbelt waren.

»Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich dich allein durch den Wald nach Hause marschieren lasse, oder?« Er sah mich auf eine merkwürdige Weise an.

»Ich … nein, ähm … doch. Natürlich. Ich kann gut alleine nach Hause gehen«, stotterte ich.

Und schon wieder hatte er es geschafft, mich zu verblüffen.

»Ich will hoffen, dass du allein gehen kannst und ich dich nicht tragen muss.«

Ich ignorierte seine spöttische Bemerkung und wollte mich umdrehen. Doch seine Hand auf meinem Arm hielt mich zurück und wieder spürte ich dieses eigenartige Kribbeln dort, wo er mich berührte.

»Bist du immer so schwierig?«

»Ich bin überhaupt nicht schwierig«, protestierte ich.

Er seufzte. »Und warum darf ich dich dann nicht nach Hause bringen?«

»Weil ich gut auf mich alleine aufpassen kann.«

»Wahrscheinlich kannst du das.« Eigenartigerweise klang es alles andere als überzeugt. »Aber … vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass ich heute Nacht einfach besser schlafe, wenn ich es tue?« Er sah mich fragend an.

Hatte ich die Vorstellung nicht eben noch furchtbar gefunden, draußen alleine im Dunkeln herumzustolpern? Warum machte ich dann so ein Theater? Also nickte ich und schlüpfte in die Ärmel seiner Jacke. Da sie im Flur gehangen hatte, war sie unangenehm kalt.

Ich hob fröstelnd die Schultern, während ich ihm zur Haustür folgte. Er zog sie hinter mir zu, schloss aber nicht ab.

Nun, da die einzige Lichtquelle aus dem Wohnzimmer uns nicht mehr den Weg beleuchtete, war es wieder vollkommen finster. Am Himmel waren weder Sterne noch der Mond zu sehen, aber irgendwo direkt vor uns musste die Einfahrt sein. Ein Auto hatte ich nirgends gesehen. Also mussten wir zuerst zur Garage, aber wie sollten wir die finden? Ich spürte ihn neben mir.

»Darf ich?«, erkundigte er sich höflich und ehe ich wusste, was er meinte, hatte er wieder meine Hand genommen.

Erneut fühlte ich das vertraute Kribbeln, aber diesmal war es sofort angenehm. Doch mein wohliges Gefühl verging schnell wieder, als er sich erkundigte, ob ich etwas gegen einen Spaziergang hatte. Ein Spaziergang um diese Uhrzeit? War er verrückt? Bei Tageslicht hätte ich damit kein Problem gehabt, aber jetzt? Wir würden uns die Beine brechen. Aber ich kam nicht dazu abzulehnen, denn er deutete mein Schweigen als Zustimmung.

»Gut. Es gibt hier nämlich ’ne Abkürzung. Ist allerdings etwas unwegsam und dunkel. Also bleib dicht hinter mir, ja?«

Noch dunkler als die Einfahrt? Das sollte wohl ein Witz sein!

Ich nahm an, er würde eine Taschenlampe benutzen, doch es blieb dunkel, als er zielstrebig losmarschierte und mich einfach hinter sich herzog. Es knackte unter unseren Füßen und der Boden wurde unebener, deshalb vermutete ich, dass wir durch den Wald liefen. Das war also seine Abkürzung. Na super.

Auf einmal hatte ich ein mulmiges Gefühl. Nicht nur er musste verrückt sein. Ich war es eindeutig auch, mit einem wildfremden Typen im dunklen Wald herumzurennen. Was, wenn er sich verirrte?

Oder wenn Abby doch recht hatte und er ein wahnsinniger Killer war? Schließlich wusste ich rein gar nichts über ihn, außer dass er zufällig die gleiche Highschool besuchte und mir vielleicht sogar Drogen gegeben hatte.

Doch dann beruhigte ich mich. Wenn er mir tatsächlich etwas hätte antun wollen, wäre es in dem einsamen Haus viel einfacher für ihn gewesen. Außerdem machten sich Mörder vermutlich keine Gedanken darüber, dass ihre Opfer frieren könnten, dachte ich, und kuschelte mich noch enger in seine Lederjacke.

Während wir weitergingen, rechnete ich ständig damit, dass wir gegen einen Baum prallen oder stolpern würden. Doch Cassian hatte offenbar mit der Dunkelheit überhaupt kein Problem. Er schien genau zu wissen, wohin er treten musste. Ab und zu wies er mich an mich zu ducken, weil ein Ast über unseren Köpfen hing, oder einen großen Schritt zu machen, wenn wir über Wurzeln liefen. Nur einmal war mein Schritt nicht groß genug und ich stolperte. Aber ich fiel nicht, denn er hatte sich zufällig genau in dem Moment zu mir umgedreht und ich landete direkt in seinen Armen. Sein Atem streifte meine Stirn, während mein Gesicht an seiner Brust lag.

Er riecht wie der Wald, dachte ich. Frisch, erdig, ein wenig nach Minze, und mit einem Mal fühlte ich mich wieder seltsam benommen. Ich konnte - nein - ich wollte mich nicht mehr bewegen. Stattdessen lauschte ich dem regelmäßigen Schlagen seines Herzens.

»Alles in Ordnung?«

Ich nahm seine Stimme wie aus der Ferne wahr und mir wurde bewusst, wo ich mich befand, und sofort begann mein Herz wieder zu rasen. Eigentlich hätte ich mich von ihm losmachen müssen, damit er es nicht bemerkte, doch ich rührte mich nicht und er hielt mich weiter fest. Irgendwann brachte ich dann aber doch ein verlegenes »Ja« heraus. Bedauernd spürte ich, wie er mich losließ und einen Schritt zurücktrat. Als er wieder meine Hand nahm, dachte ich, wir würden weitergehen. Doch er rührte sich nicht.

»Was ist?«, erkundigte ich mich.

Er antwortete nicht, aber ich spürte, wie sich der Druck seiner Hand verstärkte.

»Cassian? Alles in Ordnung?« Ich runzelte die Stirn. Hatten wir uns etwa doch verirrt?

Der Druck ließ wieder nach. »Ja«, antwortete er ruhig. »Keine Sorge. Es ist nicht mehr weit.«

Schweigend setzten wir unseren Weg fort und er hatte sich tatsächlich nicht geirrt. Einen Moment später endete der Wald und das Haus meiner Grandma tauchte vor uns auf.

Als wir vor dem Gartenzaun an der Rückseite stehen blieben, stellte ich fest, dass nur mein Auto in der Einfahrt stand. Grandma war also noch nicht wieder zurück.

Cassian ließ meine Hand los, machte jedoch keine Anstalten, etwas zu sagen.

Ich räusperte mich etwas verlegen. »Danke fürs Bringen und natürlich auch fürs Auffangen gerade.« Ich versuchte, möglichst locker zu klingen. »Du hast wirklich gute Reflexe. Ganz im Gegensatz zu mir.«

»Reines Training«, gab er gelassen zurück.

»Und wie machst du das, dass du im Dunkeln so super sehen kannst? Ist das auch nur Training?«

Er lachte leise und brachte meinen Magen wieder zum Vibrieren. »Wenn du meinst, dass ich jede Nacht durch den Wald stapfe, dann lautet die Antwort eindeutig nein. Ich hab einfach nur gute Augen und kenne den Weg. Das ist alles.«

Die Außenbeleuchtung zauberte ein seltsames grünes Leuchten in seine Augen und sofort zogen sie mich wieder in ihren Bann. Doch diesmal wurde ich nicht ohnmächtig oder schwebte. Ich hatte nur einen Wunsch … und er reagierte.

Nur leider ganz anders, als ich es gehofft hatte.

»Du gehst jetzt wohl besser rein, ehe deine Grandma kommt.« Er sah zu unserem Haus hinüber und er hatte recht. Sie konnte wirklich jede Minute nach Hause kommen.

»Danke noch mal«, murmelte ich widerstrebend, denn obwohl ich keine Lust gehabt hätte, Grandma zu erklären, weshalb ich mit einem fremden Typen vor unserem Haus stand, wollte ich noch nicht gehen.

»Kein Problem. Wie schon gesagt, ich kann jetzt besser schlafen.« Er zögerte, als wollte er noch etwas sagen, doch dann überlegte er es sich offenbar anders und wünschte mir nur eine gute Nacht.

»Gute Nacht.«

Widerwillig wandte ich mich zum Gartentor um, aber während ich es öffnete, fiel mir etwas ein, das ich ihn unbedingt noch fragen musste.

»Woher wusstest du eigentlich, dass ich hier …«

Doch er war nicht mehr da.

Ich hatte nicht gehört, dass er gegangen war, aber er war verschwunden. Angestrengt spähte ich in die Dunkelheit und lauschte. Nichts. Kein Knirschen von Schritten im Kies. Es war totenstill. Nicht einmal der Wind war zu hören.

Einen Moment wartete ich noch, dann trat ich durch das Tor in den Garten und schloss es hinter mir.

In der Küche stellte ich den Herd auf kleine Stufe. Die heiße Nudelsuppe zu essen war bestimmt eine gute Idee, obwohl ich schon lange nicht mehr fror, aber Grandma war dann zufrieden. Und als sie eine halbe Stunde später die Tür aufschloss, hatte ich bereits geduscht und einen Großteil der Suppe verputzt.

Um mich von Cassian abzulenken, machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich und guckte mit Grandma die DVD an, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Während Jack Lemmon und Tony Curtis als Frauen verkleidet mit ihren Instrumenten in den Zug kletterten, meinte Grandma plötzlich: »Du hattest mich doch letzte Woche nach dem Warnerhaus gefragt …«

Ich hätte mich fast an meinem Popcorn verschluckt. Anscheinend gelang es mir heute nicht mehr, nicht an ihn zu denken. Aber ich nickte nur, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen, und kaute weiter.

»Sue Bailey hat mir heute beim Essen erzählt, dass ein Mann es für sich und seinen Neffen gemietet hat.«

Ich war überrascht. Einen Onkel hatte Cassian gar nicht erwähnt?

Aber eigentlich war es ja klar, dass er dort nicht alleine wohnte.

»Der Junge muss etwa in deinem Alter sein. Ich glaube, Sue sagte, er heißt Beckham und geht auf deine Schule.«

»Beckett«, verbesserte ich. Mein Mund war gerade leer.

»Beckett?« Sie zog nachdenklich ihre Stirn in Falten. »Kann sein. Du weißt ja, ich habe ein fürchterliches Namensgedächtnis. Kennst du ihn?«

»Jeb, hab Mathe mit ihm.«

»Er hat seine Eltern auch verloren, der arme Junge, und sein Onkel ist anscheinend viel unterwegs. Er ist Meeresbiologe oder so was Ähnliches. Jedenfalls soll er nicht viel Zeit für seinen Neffen haben, was man so hört.«

Ich machte »Aha«, blickte aber weiter stur auf den Fernseher. Grandma musste ja nicht wissen, wie sehr ich an unseren neuen Nachbarn interessiert war. Und weil ich nichts weiter zu dem Thema sagte, verlor auch sie das Interesse und widmete sich wieder dem Film. Ich war mit meinen Gedanken allerdings längst nicht mehr bei der Handlung.

Auch als ich später im Bett lag, beschäftigte mich unsere Begegnung noch immer. Vor allem die Fragen, die ich ihm hatte stellen wollen, bevor er so plötzlich verschwunden war. Woher kannte er einen Schleichweg, der zufällig direkt zu unserem Haus führte? Und woher wusste er überhaupt, wo ich wohnte? Und da war noch etwas. Ich hatte ihm zwar erzählt, dass meine Eltern gestorben waren, aber nicht, dass ich bei meiner Grandma lebte.

»Du gehst jetzt wohl besser rein, ehe deine Grandma kommt«, hatte er gesagt. Aber wie konnte er von ihr wissen?

Einen schwachen Moment lang hoffte ich, er würde sich vielleicht tatsächlich für mich interessieren und hätte sich sogar über mich erkundigt. Aber dann sagte ich mir wieder, dass das doch zu absurd war. Ein so attraktiver Typ, der Mädchen wie Megan Wilcox oder Angelina Winchester haben und abservieren konnte, würde niemals ernsthaft eine Verabredung mit mir in Erwägung ziehen. Aber so oft ich mir das auch sagte, es änderte nichts an meinen Gefühlen.

Verträumt kuschelte ich mich an das weiche Leder seiner Jacke. Ganz schwach war er da, dieser feine Duft, und sofort kam die Erinnerung wieder, wie er mich im Wald in seinen Armen gehalten hatte.

Und dann der Moment am Gartenzaun, als ich mir zum ersten Mal gewünscht hatte, Cassian Beckett würde mich küssen.

Er war da. Er hielt meine Hand und lief mit mir durch den nächtlichen Wald, aber diesmal schien der Mond und es war taghell. Ich konnte sein Gesicht deutlich erkennen, denn er war mir ganz nah. Er lächelte und ich war unsagbar glücklich.

Doch auf einmal erklang ein durchdringendes Heulen.

Mein Wolf! Und ich bekam eine Gänsehaut, denn ich wusste, was es bedeutete. Sein Heulen war eine Warnung für mich …

Krallenspur

Подняться наверх