Читать книгу Der letzte Leopard - Lauren St John - Страница 7
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ОглавлениеDer Rest der Autofahrt bis zur simbabwischen Grenze verlief ereignislos. Die Landschaft war nicht besonders malerisch, sie bestand über weite Strecken aus trockenem Buschwerk und Gestrüpp; die hektischen, schweißtreibenden Autobahnen durch die Außenbezirke von Johannesburg; die hässlichen Bergbaustädte – die Dorps, wie sie Gwyn Thomas nannte. Martine und Ben dösten vor sich hin, bis sie Messina erreichten, wo sie zum Mittagessen haltmachten.
In Storm Crossing hatte Gwyn Thomas ein striktes Fastfood-Verbot ausgesprochen, und so wurde sie jetzt auch nicht müde zu betonen, dass es sich diesmal um eine einmalige Ferienausnahme handelte. Es gab Hawaii-Burger mit saftigen Ananasscheiben und Pommes, die in einer pikanten Tomatensauce schwammen. Martine konnte ein Lächeln kaum unterdrücken, als ihre Großmutter mit offensichtlichem Appetit Burger und Pommes verschlang, während sie gleichzeitig vorgab, das Essen überhaupt nicht zu genießen.
«Gar nicht schlecht für Fastfood», sagte Martine mit Unschuldsmiene zu ihrer Großmutter.
«Ich habe schon Schlechteres gegessen», gestand Gwyn Thomas widerwillig und verfolgte mit gierigen Augen einen Eisbecher, der gerade an ihrem Tisch vorbeigetragen wurde und ihr offensichtlich den Mund wässrig machte.
Über den Zwischenfall an der Rainbow Ridge sprach sie kaum. Das hatte damit zu tun, dass auch Martine und Ben kaum davon gesprochen hatten. Auf dem Rückweg ins Feriendorf waren sie zu dem Schluss gekommen, dass ein vollständiger Bericht über Bens lebensgefährlichen Sturz die ganze Reise, die mittlerweile selbst Martine Spaß machte, gefährdet hätte. Sie hatten die Wahrheit, nicht aber die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt, wie es in amerikanischen Gerichtsfilmen so schön heißt. Ben hatte zwar davon erzählt, dass er dummerweise etwas dicht am Abgrund gestanden hatte und gestolpert war. Allerdings achtete er tunlichst darauf, nur von Wasser und auf keinen Fall von einem Wasserfall zu reden.
Für Ben und Martine hatte es nicht mehr als eine milde Rüge dafür abgesetzt, dass sie unnötige Risiken eingegangen waren. Gwyn Thomas war es viel wichtiger gewesen, Ben in trockene Kleider zu stecken, ihm einen heißen Tee und ein herzhaftes Abendessen zu kochen und für eine frühe Nachtruhe in ihrer gemütlichen Blockhütte zu sorgen. Am nächsten Morgen hatte Ben zwar etwas Muskelkater, aber ansonsten fühlte er sich wie neugeboren, und die drei waren in bester Stimmung, als sie am frühen Nachmittag den simbabwischen Grenzposten erreichten.
«Auf Schatzsuche oder Leopardenjagd?», fragte der Zollbeamte, als sie ihm sagten, sie seien unterwegs nach Matopos. Er musterte sie misstrauisch über die Pässe hinweg, die er wie einen Fächer mit lauter Trumpfkarten in der Hand hielt. «Schatzsuche, nehme ich mal an. Sie wollen bestimmt nach Simbabwe, um reich zu werden.»
«Nichts dergleichen», entgegnete Gwyn Thomas, sichtlich erfolglos bemüht, den Ärger in ihrer Stimme zu verbergen. «Wir sind unterwegs, um eine kranke Bekannte zu besuchen.»
«Ach so! Barmherzige Samariter!», sagte er mit einem Zahnpastalächeln. «In dem Fall: Herzlich willkommen in Simbabwe.»
Die geplante Dreistundenreise nach Matopos dehnte sich zur Vierstundenfahrt aus, weil sie in Bulawayo, der nächstgelegenen Stadt, an sechs verschiedenen Tankstellen vergeblich versuchten, sich mit Benzin einzudecken. Sie fuhren im Schatten von Jacaranda- und Flamboyantbäumen auf breiten, seltsam altmodisch anmutenden Straßen. Alles schien in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls zu sein. Die Schlaglöcher in den Straßen waren so groß, dass sie ganze Kühe hätten verschlucken können. Ein freundlicher Tankwart, der in Ermangelung von Arbeit eine Banane essend auf einer Mauer saß, sagte ihnen, dass es hier lediglich vier Stunden am Tag Strom gebe und dass die Wasserversorgung manchmal tagelang unterbrochen sei.
«Wie kommen Sie da noch klar?», wollte Gwyn Thomas wissen.
«Wir machen einen Plan», antwortete ihr der Mann lachend.
Martine hatte wenig Ahnung von Simbabwe, außer dass es an Südafrika grenzte, auf der Landkarte wie eine Teekanne aussah und mit den Victoriafällen eines der sieben Weltwunder für sich beanspruchen durfte. Sie hoffte, dass die Wasserfälle nicht an ihrer Reiseroute lagen, denn sie hatte keine große Lust auf eine weitere Begegnung mit herabstürzenden Wassermassen.
In den paar Stunden seit dem Grenzübertritt hatte sie schon eine Menge gelernt. Zum Beispiel, dass drei simple Getränke Zehntausende von simbabwischen Dollars kosteten. Ungläubig sah sie zu, wie ihre Großmutter einen ganzen Stapel von Scheinen hinblätterte.
Außerdem lernte sie, dass «Bulawayo» in der Sprache der Ndebele so viel wie «Schlachtfeld» bedeutete. Der Tankwart erzählte ihnen, dass die Stadt nach der ersten erfolgreichen Schlacht von Lobengula anlässlich seiner Thronbesteigung benannt worden war. Was für ein unheimlicher Name für eine Stadt, dachte sich Martine.
Weil sie nirgends Benzin fanden, mussten sie Bulawayo mit praktisch leerem Tank verlassen. Gwyn Thomas versuchte, die Sache gelassen zu nehmen. «Das wird bestimmt reichen», sagte sie. «Ich bin mit dem Reservetank schon meilenweit gefahren. Und wir sind gleich am Ziel.»
Am frühen Abend kamen sie an der Eingangspforte des Matobo-Nationalparks an. Als sie vorfuhren, stemmte sich ein Parkangestellter langsam von einem behelfsmäßigen Tisch auf, an dem er gerade mit drei anderen uniformierten Wächtern Dame gespielt hatte. Als Spielfiguren verwendeten sie Kronenkorken, und das Spielfeld hatten sie mit einem roten Stift auf einen Karton gemalt. Ihre Gewehre lagen neben ihnen am Boden.
«Guten Abend», sagte er förmlich. «Es ist nach 18 Uhr. Der Park ist für Besucher geschlossen.»
«Das kann doch nicht sein», rief Gwyn Thomas. «Wir sind den ganzen Weg von Kapstadt hergefahren und müssen zur einer Ranch auf der anderen Seite des Parks.»
«Oh … das tut mir leid für Sie», sagte der Parkwächter mit einem echten Ton von Mitgefühl. «Sie müssen in einem Hotel in Bulawayo übernachten und morgen zurückkommen.»
«Das ist unmöglich», sagte sie. «Erstens können wir es uns nicht leisten, und zweitens haben wir fast kein Benzin mehr.»
«Kein Benzin mehr?», sagte der Mann missbilligend. «Es empfiehlt sich nicht, ohne Benzin in die Matobo-Berge zu fahren. In dem Fall müssen Sie im Auto übernachten und warten, bis es Tag wird.»
«Aber meine Bekannte erwartet uns», sagte Gwyn Thomas verzweifelt. «Sadie – Sadie Scott von der Black Eagle Lodge.»
Martine sah, wie die Parkwächter Blicke tauschten. Allerdings wusste sie nicht, was diese zu bedeuten hatten.
«Sadie Scott?», fragte der Parkbeamte. Er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde und sagte dann freundlich: «Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? Darf ich Ihnen zeigen, wie Sie fahren müssen?»
Er zeichnete die Route auf einer Touristenkarte ein, hob die Schranke an und winkte sie durch. Endlich bauten sich die Matobo-Berge vor ihnen auf.
Martine war darauf gefasst gewesen, dass sich der Nationalpark als Enttäuschung herausstellen könnte. Aber sie brannte darauf, mehr über den verlorenen Schatz des Ndebelekönigs zu erfahren. Was die Felsen anging, war sie überzeugt, dass diese massiv überschätzt wurden. Wie interessant konnten ein paar Felsbrocken denn schon sein? Sie hatte damit gerechnet, ein paar wenige dieser isoliert dastehenden Felshügel zu Gesicht zu bekommen, die man in Südafrika Kopjes oder auch Inselberge nannte, vielleicht mit einem Denkmal oder zwei oder drei aufeinanderliegenden Felsstücken auf ihrer Spitze. Doch in Wirklichkeit schweifte ihr Blick nun über Hunderte, wenn nicht gar Tausende geologischer Naturwunder.
Überall türmten sich Säulen übereinandergestapelter Felsbrocken auf. Einige schienen sich über die Schwerkraft hinwegzusetzen, andere balancierten auf kleinsten Standflächen, auf denen sich nicht einmal Vögel hätten festklammern können. Es gab einzelne Felsen, die so breit und hoch waren wie Berge, während andere wie Tiere, Burgen oder Gesichter aussahen. Einige waren von dicken Schichten jade- und silberfarbener Flechten überzogen, andere trugen Flecken in Orange- und Kalktönen, als hätten sie im Regen Rost angesetzt. Wieder andere waren glatt, grau und nackt mit geheimnisvollen Zwischenräumen wie Tunnels oder Höhlen oder enormen, von Regenwasser gespeisten Vertiefungen, so groß wie Olympiaschwimmbecken. Zwischen den Felsformationen und um sie herum schoss der afrikanische Busch in die Höhe.
Der Anblick, den die drei für sich völlig allein genießen konnten, war atemberaubend.
«Eigentlich würde man erwarten, an einem solchen Ort eine ganze Menge Touristen anzutreffen», bemerkte Ben.
«Würde man», stimmte ihm Gwyn Thomas zu. «Aber ich denke, die Leute fahren nicht gerne an einen Ort, an dem das Benzin so knapp ist. Und ich muss gestehen, dass es auch mich allmählich etwas nervös macht.»
Die untergehende Sonne tauchte die Spitzen der Felsformationen in ein kupferfarbenes Licht. Martine war noch nie an einem derart wilden, einsamen Ort gewesen. Daneben erschien ihr Sawubona zahm wie ein Vorstadtgarten.
«Dort drüben», sagte Ben. Ein Kudubulle und zwei Kühe beobachteten sie aus großen, mandelförmigen Augen. Der vorbeifahrende Landrover schreckte sie auf und ließ sie durch den Busch davonstieben.
Gemäß der Karte des Parkwächters mussten sie kurz nach einem Affenbrotbaum abzweigen. Gwyn Thomas steuerte das Fahrzeug von der Hauptstraße auf einen stets schlechter werdenden Fahrweg. Die Nadel der Benzinanzeige verschwand immer tiefer im roten Bereich. Auch wenn sie es alle drei wahrnahmen, sagte niemand ein Wort. Die Felstürme schienen sie zu umzingeln. Die Schlaglöcher und Krater wurden immer tiefer. Martine war überzeugt, dass ihr bei diesem Gerumpel noch alle Zähne ausfallen würden. Gwyn Thomas tat ihr Bestes, den schaukelnden Landrover unter Kontrolle zu halten. Martine hatte Mitleid mit ihr, denn sie war offensichtlich am Ende ihrer Kräfte.
Nach knapp zwei Kilometern wurde der Weg ebener und sandig. Sie fuhren an einem Dorf mit fünf Lehmhütten vorbei. Ngoni-Rinder mit weit ausladenden Hörnern und Fellzeichnungen, so hübsch, als wären sie von Künstlern gestaltet worden, ruhten im Staub. Wiederkäuend und schläfrig blickten sie dem vorbeifahrenden Landrover hinterher.
Bei einem Weidegatter und einem Viehrost am Dorfausgang stand auf einem Schild in unbeholfenen Lettern, dass die Black Eagle Lodge noch eine Meile entfernt war.
Gwyn Thomas atmete auf. «Gott sei Dank. Geschafft. An diesem abgelegenen Ort wird Sadie bestimmt etwas Benzin auf Lager haben.»
Ben sprang aus dem Landrover, um das Drahtgatter zu öffnen. Die Fahrstraße war am Rand von Gras überwuchert, und die Äste der dicht auf beiden Seiten wachsenden Bäume strichen über das Dach des Fahrzeugs. Immer wenn die Reifen des Landrovers über Samenhülsen rollten, ertönte ein knackendes Geräusch. Sonst war es ruhig, windstill und schwül.
Martine hielt es im Auto beinahe nicht mehr aus. Sie war froh, als sie schließlich um eine Kurve auf eine Lichtung fuhren, die am Fuße einer mächtigen Bergflanke lag. Die Erhebung erinnerte in ihrer Form an einen Elefanten und bestand aus einer einzigen enormen Granitplatte. Am Rande der Lichtung standen vereinzelte Steinhütten mit eingefallenen, vom Regen geschwärzten Strohdächern. Weit oben kreisten zwei schwarze Adler. Ansonsten war kein Zeichen von Leben zu erkennen.
Martine, die mit ihren Augen die leere Szenerie absuchte, war von der Stille beeindruckt, die auch etwas Unheimliches an sich hatte. Die Stille war so durchdringend, dass Martine sie beinahe berühren und riechen konnte. Sie hing wie ein flatternder Nebelmantel in der Luft. Martine wäre nicht überrascht gewesen, wenn jenseits des Berges nichts mehr gewesen wäre, wenn die Landschaft hier aufgehört hätte. Mit einem Schaudern fragte sie sich, ob sie nicht vielleicht vom Weg abgekommen und am Ende der Welt gelandet waren.