Читать книгу Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Lenelotte Möller - Страница 14
Liberale und Demokraten Theodor Heuss
ОглавлениеVon grundsätzlicher Art waren auch die Differenzen zwischen Nationalsozialismus und liberalen sowie demokratisch gesinnten Politikern. Dies wurde z. B. in der Person des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss deutlich.
Als Württembergischer Abgeordneter war er 1930 nach einer Unterbrechung wieder in den Reichstag gewählt worden und hielt am 11. Mai 1932 eine Rede, durch die er mit Hermann Göring in Streit über die Außenpolitik geriet. Bereits Anfang des Jahres war sein Buch »Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus.« erschienen, in der er die Entstehung der Bewegung und das Programm der Nationalsozialisten analysierte, sie aber vor allem durch argumentative Auseinandersetzung kritisierte. So legte er zum Beispiel die Widersinnigkeit des Rassenwahns offen:
Unausgeglichen bewegt sich der Antisemitismus zwischen zwei Polen hin und her. Der Arier erscheint nicht nur als die Krone der Schöpfung, er ist der Träger der Kultur, der Verwalter der ordnenden Eigenschaften, der Soldat, der Staatengründer, der geborene Herr – alles Starke geht von ihm aus, alle überlegene Weisheit ist sein Besitz, schließlich sind auch alle bedeutenden Erfindungen, weltumspannenden Gründungen wirtschaftlicher Natur seine Leistung. Und zugleich wird er das Opfer einer Handvoll Menschen, die feige und unschöpferisch sind, die er brutalisiert und die ihn doch in der Hand haben – in solcher Zeichnung muß etwas nicht stimmen. Denn sonst müsste ja ein Anhänger des Machtgedankens fast der Meinung sein, dieses Verhältnis habe sich mit innerer Notwendigkeit ergeben; jene auszeichnenden Eigenschaften seien nur gewählt worden, um mit der Benennung ein Manko zu verdecken.
So ist es natürlich nicht. Das Geschichtsbild ist falsch, weil es mit zu groben und zu einfachen Begriffen, mit Wunschvorstellung und Haßgefühl aufgebaut ist und weil seine Grundthese von dem »schicksaligsten Besitz«, dem Blut, den politisch konstituierenden Kräften nicht gerecht wird. Diese ruhen in Sprache und Siedlungsraum, mehr noch in der gemeinsam erlebten und Seelen gestaltenden Geschichte. Das hat noch niemand deutlicher erfahren müssen als das deutsche Volk, als die »nordische Rasse«, die so viel »Blut« in fremdes Staatenwesen und auch Volkstum gegeben hat und es dort völlig an die Fremde verlor, wo nicht Sprache und Boden den eigentümlichen Lebensraum hielten. Nach dem gleichen Gesetz sind die Juden in der Zerstreuung, umso stärker, je mehr ihre Zwangssiedlung aufgehört hat, von der Volks- und Staatengeschichte ihrer Umwelt aufgenommen und eingegliedert worden.
Heuss, Hitlers Weg, S. 43
Das Buch wurde noch im selben Jahr mehrfach aufgelegt und ins Schwedische, Italienische und Niederländische übersetzt. Ebenfalls im Mai zeigte sich in Reden anlässlich der Jubiläumsfeiern zum Hambacher Fest die Kluft zwischen Heuss und der NSDAP, die ihn in Person des Schriftstellers Kurt Kölsch massiv angriff.
Aus Faktionsdisziplin stimmte Heuss mit den übrigen Abgeordneten seiner Partei am 23. März 1933 für das Ermächtigungsgesetz, obgleich er selbst zwei Reden für diesen Anlass vorbereitet hatte: eine gegen das Gesetz und eine für den Fall der Enthaltung. Nach der Beugung unter das Unrecht zog er sich aus dem politischen Leben zurück und betätigte sich als Schriftsteller. Es erschienen in den nächsten Jahren folgende Titel: »Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit.« 1937 in Stuttgart; die Biographie des Architekten Hans Poelzig, »Hans Poelzig: Das Lebensbild eines deutschen Baumeisters« 1939; ebenfalls in Stuttgart und »Anton Dohrn in Neapel« 1940 in Zürich; 1942 erschien »Justus von Liebig. Vom Genius der Forschung.« in Hamburg; danach begann Heuss mit dem erst nach dem Krieg 1946 in Tübingen erschienenen Buch »Robert Bosch. Leben und Leistung.« 1943 zog er mit seiner Frau von Berlin nach Heidelberg um. Heuss hatte in Berlin in Kontakt mit Julius Leber und Karl Goerdeler gestanden. Letzterer wollte ihn nach einem erfolgreichen Umsturz zum Pressesprecher einer neuen Regierung machen.
Quellen und Literatur: Theodor Heuss: Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus. Berlin 1932; Horst Möller: Theodor Heuss. Staatsmann und Schriftsteller. Bonn 1990; Thomas Hertfelder/Christiane Ketterle: Theodor Heuss, Publizist – Politiker – Präsident. [Begleitband zur ständigen Ausstellung im Theodor-Heuss-Haus.] Stuttgart 2003; Ernst Wolfgang Becker: Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme. Stuttgart 2011