Читать книгу Widerstand gegen den Nationalsozialismus - Lenelotte Möller - Страница 15
Hellmut von Gerlach
ОглавлениеIn Mönchmotschelnitz in Schlesien wurde Hellmut von Gerlach 1866 geboren. Er studierte Jura und wurde im preußischen Staatsdienst angestellt, doch bald wandte er sich ganz dem Journalismus zu. Diese Tätigkeit begann mit Aufsätzen vornehmlich über die Jagd im »Deutschen Adelsblatt«. Durch seine Bekanntschaft mit Friedrich Naumann wurde er liberaler Politiker und Reichstagsabgeordneter. 1906 wurde er Chefredakteur der Wochenzeitung »Die Welt am Montag«, die in Berlin erschien, in der er ab 1914 gegen den Ersten Weltkrieg Stellung bezog und einen politischen Ausgleich forderte. 1918 war er Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei und wurde für kurze Zeit Unterstaatssekretär im preußischen Innenministerium, wo ihm besonders die Aussöhnung mit Polen und Frankreich am Herzen lag. Überzeugt von der deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg forderte er die Erfüllung des Vertrages von Versailles und stellt sich gegen die Angriffe auf die Weimarer Republik von rechts. Berühmt geworden ist seine Analyse »Woher kommen Hitlers 6½ Millionen Stimmen?«:
[…] Die Welt zerbricht sich den Kopf darüber, worauf die Verneunfachung der Hitlerstimmen zurückzuführen ist. Die verschiedensten Deutungen kommen zum Vorschein. […]
Die Hitlerwähler setzen sich aus zwei Kategorien zusammen: einer kleinen Minderheit von Nationalsozialisten, die auf das Hakenkreuz eingeschworen sind, und einer riesigen Mehrheit von Mitläufern. Keine andere deutsche Partei ist so labil wie die nationalsozialistische, das heißt bei keiner anderen ist das Mißverhältnis zwischen Stammkunden und Laufkunden ebenso groß. Sozialdemokratie, Kommunisten, Zentrum, Demokraten, Volkspartei – überall gibt es Schwankungen, recht erhebliche vielleicht. Aber bei keiner anderen Partei ist es denkbar, daß eine plötzliche Verneunfachung erfolgt, die vielleicht bei der nächsten Wahl von einer Drittelung abgelöst wird. […]
Die 6½ Millionen werden ja durch kein inneres Band zusammengehalten. Sie sind zu neun Zehntel nicht Wähler für, sondern nur Wähler gegen. Dabei soll nicht verkannt werden, daß Hitler, der ein ausgezeichneter Organisator mit Suggestivkraft ist, über eine ihm blind ergebene Kerntruppe von einigen hunderttausend Mann, meist recht jugendlichen Truppen verfügt […] Idealisten mit verwirrtem Kopf und Landsknechte ohne Kopf, insgesamt ein paar hunderttausend Mann, das ist Hitlers Kerntruppe. Die Millionen der Wähler, die er diesmal mustern konnte, dank der Gunst der Umstände, das heißt dank der Ungunst der Wirtschaftslage, rekrutieren sich aus den verschiedensten Schichten. [Es folgt eine Aufzählung verschiedener Bevölkerungsgruppen, die die Nationalsozialisten gewählt haben, samt deren Bewertung.]
Da sind bedauerlich viele Beamte. Ihre politische Freiheit verdanken sie ausschließlich der Republik. Aber leider hat ihnen die Republik mit der politischen Freiheit nicht auch zugleich das politische Denken geben können, das ihnen in der Kaiserzeit ausgetrieben worden war. Sie sind ein besonders dankbares Objekt für Demagogen. […]
Da ist vor allem der große Block des sogenannten selbständigen Mittelstandes. Diese Millionen von Handwerkern, Gewerbetreibenden und Kleinkaufleuten führen seit der nach 1871 einsetzenden großindustriellen Entwicklung einen verzweifelten Kampf um ihre Existenz. Es fehlt ihnen an wirtschaftlicher Einsicht. Darum fallen sie auf jeden Schwätzer herein, der ihnen die Wiederherstellung des »goldenen Bodens« durch Kampf gegen Juden und Warenhäuser, gegen Börse und Gewerbefreiheit verspricht. […]
Das ist das erschütternd Trostlose an dem Wahlergebnis vom 14. September, daß die Welt sehen muß, wieviel Millionen politische Analphabeten es noch in Deutschland gibt.
Welt am Montag, 6. Oktober 1930
1931 gründete er, inzwischen aus der DDP ausgeschieden, die Radikaldemokratische Partei. Im folgenden Jahr wurde er Chefredakteur der Wochenschrift »Die Weltbühne«, begab sich aber schon 1933 ins Exil nach Österreich und von dort nach Paris, wo die französische Liga für Menschenrechte dem Vorsitzenden der deutschen Liga für Menschenrechte (das war er seit 1926) Aufnahme anbot. In Paris, wohin er noch manche Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten gerettet hatte, starb Hellmut von Gerlach im August 1935.
Quellen und Literatur: Hellmut von Gerlach: Das Parlament. Frankfurt 1908; ders.: Die große Zeit d. Lüge. Charlottenburg 1926; ders.: Von rechts nach links. Hrsg. Von Emil Ludwig, Zürich (posthum erschienene Autobiographie) 1937; Adrien Robinet de Cléry: Gerlach, Helmut Georg von. In: NDB 6 (1964), S. 301f.; Franz Gerrit Schulte: Der Journalist Hellmut von Gerlach. München 1988; Ursula S. Gilbert: Hellmut von Gerlach (1866–1935). Stationen eines deutschen Liberalen vom Kaiserreich zum »Dritten Reich«. Frankfurt/Main 1984