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Die Wiederentdeckung des Philosophen Smith

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Adam Smith gegenüber hat freilich die akademische Philosophie in den vergangenen Jahren vieles gutgemacht, was über Jahrzehnte vernachlässigt worden war: Sie hat den Philosophen Smith wiederentdeckt, der vom Ökonomen Smith so lange überschattet worden war. In den letzten Jahren sind allein im englischsprachigen Raum vier mir bekannte neue Handbücher – in Form großer Sammelbände mit Beiträgen von zahlreichen Autorinnen – zu Smith erschienen.1 Schon länger gibt es die Zeitschrift der Adam Smith Society, den Adam Smith Review, doch in den letzten Jahren haben es Aufsätze über Smith vermehrt auch in die „großen“ Zeitschriften der Philosophie und Politikwissenschaft geschafft und damit seine Sichtbarkeit in der Fach-Community erhöht.2 Das Bewusstsein dafür, dass Smith ein höchst nuancierter Philosoph war, der aus der Geschichte der schottischen Moralphilosophie und überhaupt der schottischen Aufklärung nicht wegzudenken ist, steigt langsam. Die Theorie der ethischen Gefühle, Smiths facettenreiche, psychologisch realistische Moralphilosophie, bekommt damit endlich wieder eine größere Leserschaft, und auch die Schriften, die nur als Vorlesungsmanuskripte überliefert sind, werden stärker rezipiert.

Hinzu kommt die erfreuliche Entwicklung, dass Smith zunehmend auch in einer weiteren Öffentlichkeit als Philosoph, und auch als durchaus kritischer Denker des Marktes, dargestellt wird. „The real Adam Smith“ lautet z.B. der Titel eines 2018 im Online-Magazin Aeon erschienenen Artikels, in dem Paul Sagar betont, dass sich Smith vor allem gegen den Merkantilismus wandte und vor der Gefahr warnte, dass mächtige Lobby-Gruppen staatliche Regulierung zu ihren Gunsten erreichen würden, und Politikerinnen ihre Fähigkeiten überschätzen würden, gesellschaftliche Veränderungen in einem „top down“-Ansatz durchzusetzen.3 Glory Liu erläuterte 2019, ebenfalls in Aeon, wie Smith zu einem Helden konservativer Ökonomen wurde.4 Im deutschsprachigen Raum hat unter anderem die 2017 erschienene Biographie von Gerhard Streminger den Philosophen Smith im Kontext seiner Zeit einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht.5

Offen bleibt, wie die Disziplin, die Smith als ihren Gründervater beansprucht, sich zu dieser veränderten Wahrnehmung verhält: die Ökonomie. Die Ideengeschichte des eigenen Faches führt, von kleinen Forschungskreisen abgesehen, dort ein recht stiefmütterlich behandeltes Dasein – eine Tatsache, an der sich auch nach der großen Finanzkrise von 2008 und den Erschütterungen, die sie für die Ökonomie als Fach brachte, nur wenig geändert hat. Das ist schon deswegen schade, weil sich nach meinen Erfahrungen Smiths Texte sehr gut für die Lehre eignen. Sie werfen zahlreiche Grundsatzfragen zum Verhältnis von Ökonomie und Moral, Markt und Gesellschaft auf, die für Studierende interessant sind, weil es Fragen sind, die sich nicht nur in Smiths Zeit stellten, sondern die auch heute noch relevant sind. Es ist eine verpasste Chance, dass im typischen VWL- oder BWL-Studium der Geschichte des eigenen Fachs nicht mehr Raum gegeben wird.

Dabei ist es ein höchst interessantes Gedankenexperiment, sich zu fragen, in welchem Teilbereich der Ökonomie, in welchem paradigmatischen Rahmen und mit welchen Methoden Smith heute arbeiten würde. Smith war, wie schon Jacob Viners berühmter Artikel von 1927 betonte, ein Eklektiker und Pragmatiker, der mit viel Liebe zum Detail die ökonomischen und politischen Institutionen seiner Zeit untersuchte.6 Das würde nahelegen, ihn in der Institutionenökonomie zu verorten, und dort im stark empirisch orientierten Bereich. Die Forschung von Elinor Ostrom zum Umgang mit „commons“ etwa könnte ihn fasziniert haben, vor allem ihre nuancierten Schilderungen konkreter Fallstudien. Smith war aber auch ein genauer Beobachter der menschlichen Psyche, was nahelegt, dass er sich auch für die Verhaltensökonomie interessiert hätte, jenen Bereich, in dem Ökonominnen seit ca. 40 Jahren die Abweichungen menschlichen Verhaltens vom Modell vollständiger Rationalität untersuchen. Und weil Smith immer auch Philosoph geblieben ist, darf ihn vielleicht auch der interdisziplinäre Bereich, der sich PPE (Philosophy, Politics and Economics) nennt, für sich beanspruchen – doch wenn ich dies schreibe, dann sicher nicht ohne ein gewisses Eigeninteresse, ist dies doch der Bereich, in dem ich, methodisch zwischen allen Stühlen sitzend, am ehesten so etwas wie eine akademische Heimat gefunden habe.

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