Читать книгу Auf Bali geht um Vier die Sonne unter - Maik Zehrfeld - Страница 7
Оглавление5. Die Miesepetrigkeit-Konzentrations-Matrix
Ich bin mal wieder viel zu spät dran. In 30 Minuten wollen Jonas, Linda, Matze und ich bereits im Stars die ersten Kugeln einlochen und ich sitze immer noch am Rechner. Jetzt wird es aber Zeit für den Feinschliff. Nochmal aufs Klo, Zähne geputzt, Haare gecheckt. Alles pikobello. Nur die Birne flackert wieder. Erinnerung an mich: Austauschen! Jetzt noch das neue Hemd aus dem Schrank geholt. Ich freue mich schon, Tom den anderen vorzustellen. Sie werden ihn sicherlich genauso lieben, wie ich. Letzteres aufgrund homoerotischen Touches bitte aus dem Protokoll streichen. Aber was ist das? Das kann nicht sein. Ich schaue noch einmal vergewissernd auf den Pappzettel, den ich gerade abgeschnitten habe. „24,95 Euro, Größe M“ steht da drauf. Okay, für Italiener und Franzosen ist das bereits L, aber hinter dem D steht eindeutig ein großes, fettes M. Aber mir ist das Hemd zu klein! Tom ist eindeutig zu eng für mich. Das homoerotische Protokoll bitte anzünden und aus dem Fenster werfen.
Ich kann es kaum fassen und befreie mich wieder aus dem Stück Stoff, welches einmal mein bester Freund werden sollte. Gut, dass Gott das Umtauschrecht erfunden hat. Bereits jetzt hasse ich mich dafür, dass ich dank meiner Faulheit bezüglich innergeschäftlicher Anproben nun noch einmal in das Innenstadtgetümmel rennen darf. Egal, jetzt stehen erst einmal andere Sachen an. Ich ziehe ein namenloses schwarzes Hemd über und hetze aus der Tür, um noch die angepeilte Bahn zu erwischen.
Als ich am Stars ankomme, warten Jonas und Linda bereits vor dem Eingang.
„Na, kommst du auch noch?“ ruft Jonas hämisch zu mir herüber.
„Jaja. Sind doch nur fünf Minuten. Und Matze ist doch auch noch nicht da...“
„Ach der. Der zählt als Referenzpunkt doch schon lange nicht mehr“ sagt Linda und begibt sich Richtung Eingang. Wir gehen runter in die Billardhalle und bestellen einen Tisch, zwei Weizen und eine Cola. Kaum sind die ersten Jacken auf den Stühlen abgelegt, fängt auch schon die entspannende Billard-Atmosphäre zu wirken an, was sich in einer erhöhten Anekdotendichte bemerkbar macht.
„Ich werde nie verstehen, warum Frauen Katzen lieben...“ fängt Jonas mit einem leicht grimmigen Blick an, während er die Kugeln im Holzdreieck positioniert.
„Hä? Wie kommst du denn da drauf?“
„Katzen sind unabhängig, gehorchen nicht, kommen nicht herein, wenn man sie ruft, bleiben gern die ganze Nacht weg und wollen, wenn sie zu Hause sind, am liebsten in Ruhe gelassen werden und den ganzen Tag lang schlafen.“ Er legt das Dreieck zur Seite, legt die weiße Kugel auf den Anstoßpunkt und fängt an die Spitze seines Queues mit blauer Kreide zu beschmieren.
„Ja und?“
„Mit anderen Worten: Jede Eigenschaft, die Frauen an Männern hassen, lieben sie an Katzen.“
BUMM-KLACK-KLACK-KLACK
Mit einem heftigen Stoß versenkt er zwei Halbe.
„Was ist denn los mit Dir?“ fragt Linda ihn etwas besorgt.
„Ach, nichts. Sonja möchte sich nur eine Katze zulegen. Sie braucht angeblich etwas zum Kuscheln...“
„Und da sind du und Deine Wampe ihr nicht kuschelig genug?“ frage ich ihn, während ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann.
„Haha, wie lustig.“
Sag ich doch. Ich bin lustig. Linda und ich haben jedenfalls unseren Spaß.
„Du leidest wohl an Elurophobie, was?“ fragt Linda lachend. Eine neumodische Sache, die sich bei uns eingebürgert hat: Das Erlernen kurioser Ängste und Phobien.
„Was soll das denn sein?“
„Na, die Angst vor Katzen!“
Jonas grummelt nur noch vor sich hin. Das Schlimme daran, wenn Jonas schlecht gelaunt ist, ist, dass sich sein Billardspiel klar verbessert. Antiproportional ist das Stichwort. Sicherlich eine Konzentrationssache. Gefühle und Aggressionen soll man ja im Sport freien Lauf lassen, um Bestleistungen erzielen zu können. Das scheint bei Jonas momentan gut zu funktionieren, denn die nächsten zwei Kugeln finden ihre Bestimmung.
Während Jonas mit überlegter Mine den Billardtisch umläuft und dabei hin und wieder eine Pose wie ein Golfer vor dem entscheidenden Putt-Versuch einnimmt, kommen unsere Getränke und Linda und ich setzen uns an den kleinen Bistrotisch.
„Und, wie läuft es bei dir so, Linda?“
„Och joa, soweit ganz gut. Ich muss mich erst einmal wieder an alles hier gewöhnen. In den Staaten war es irgendwie alles aufregender.“
Na-türlich.
„Kann ich mir denken. Halt eine ganz andere Welt. Aber schön, dass du wieder da bist. Hier hast du doch immerhin deine Freunde und Familie.“
„Ja, stimmt schon. Aber New York ist halt etwas Besonderes.“
Klack. Die nächste Halbe versinkt schamhaft in einem Loch. Am Tisch gegenüber erleuchtet die Tischlampe. Kurze Zeit später kommen ein Pärchen und eine junge Frau in den Raum und setzen sich an deren kleinen Beistelltisch.
„So, du bist dran“ sagt Jonas und hält mir einen Queue vor die Nase. Er hat sich anscheinend wieder etwas eingekriegt. Zumindest hat er seine vorletzte Kugel nicht einlochen können. Ich genehmige mir erst noch einen Weizenschluck und einen Blick zum Nebentisch. Die junge Frau zieht ihre Jacke aus und es kommt ein bauchfreies Oberteil zum Vorschein. Und das Wichtigste daran ist: Sie kann es tragen. Diese Kombination gibt es heutzutage viel zu selten. Ich stehe auf und umkreise den Billardtisch. Dabei versuche ich möglichst nachdenklich und professionell auszusehen. Die Konzentration ist auf dem Siedepunkt. Ich sammle meine kleinen Geschicklichkeitsreserven, um mein eigentliches Dasein als totaler Bewegungslegastheniker möglichst gekonnt zu vertuschen. Da eine leicht verwandelbare Kugel nicht beeindruckend genug wirkt, entschließe ich mich zu einer fortgeschrittenen Variante: Den Queue führe ich hinter meinen Rücken entlang, um die weiße Kugel über eine halbe Kugel hinweg zu spielen und so meine Volle in der Ecktasche zu versenken. Im Fernsehen klappt das immer. Schon während ich den Holzstab unangekreidet in den grünen Filzstoff ramme, erscheint mir die Fernsehwelt nicht als die Realität, wie ich sie mir vorgestellt habe. Nichtsdestotrotz macht die weiße Kugel das, was sie sollte: Sie fliegt. Nur die angedachte Richtung scheint ihr nicht sonderlich in den Kram zu passen. Ebenso anscheinend nicht unser Tisch. Sie knallt auf den Boden und rollt dem Nachbartisch entgegen. Madame Bauchfrei stoppt die Kugel lässig mit dem Fuß und hebt sie auf.
„Ist das etwa Deine Kugel hier?“
„Ähm, ja... Tschuldige. Kommt nicht wieder vor.“
„Ach, kein Problem. Viele Männer haben halt Probleme beim Einlochen“ sagt sie mit einem verschmitzten Grinsen. Ich denke mir, das ist einen Versuch wert.
„Na da gehöre ich aber nicht zu. Eine einmalige Geschichte.“
„Das sagen sie alle...“
„Du, sag mal. Schläfst du nachts eigentlich auf Deinem Bauch?“
„Nein, das ist mir unangenehm. Wieso?“
„Darf ich das dann?“
Batz.
Ich setze mich an unseren Bistrotisch und lege mir das kühlende Weizenglas an die Wange. Der missglückte Versuch ist mir absolut schleierhaft. Warum bringen Frauen derartige Vorlagen und laden einen Mann geradezu dazu ein, dreckige Kommentare zu machen, wenn es dann doch wieder nur Backpfeifen hagelt? Die machen sich wohl einen Spaß draus? Zumindest machen Jonas und Linda das.
„Ha, die hat gesessen!“ sagt Jonas hervor preschend. „So eine hatte ich zum Glück schon lange nicht mehr.“
Und schon erscheint ihm seine Sonja wieder wie die bestmöglichste Freundin auf Erden. So hat mein Versagen doch noch etwas Gutes gehabt und wir doch noch eine Chance, ihn beim Billard zu besiegen.
„Tja, Lebensgefährtin kommt wohl von Lebensgefahr, was Jonas?“ sagt Linda in sich hinein glucksend.
„Nene. Das kommt von Lebensgefährt. Immerhin kann man auf ihr reiten.“
„Hehe, nicht schlecht“ hake ich ein. „Kennt ihr eigentlich schon Anatidaephobie?“
Beide schütteln nur erwartungsvoll die Köpfe.
„Das ist die Angst irgendwie, irgendwo von einer Ente beobachtet zu werden!“
„Hammer!“
Wir stoßen lachend mit unseren Gläsern an und spielen weiter.