Читать книгу Tödliche Mauern - Manfred Brüning - Страница 3
ОглавлениеProlog
1971
Der Junge drehte ihnen den Rücken zu. Wie ein Kater hatte er sich zusammengerollt und umklammerte die Knie mit seinen sehnigen Händen. Er hielt die Augen geschlossen, war aber wach. Der diensthabende Klinikarzt und ein Pfleger hatten ihm eine Trainingshose für Erwachsene über die Windel gezogen. Er hatte sich nicht gewehrt. Trotzdem war es schwierig gewesen, ihm auch noch das Oberteil anzuziehen und die dünnen Arme durch die Ärmel zu stecken.
»Kein Wort hat er bisher gesagt. Nicht mal geweint«, sagte der Pfleger. »Er zuckt nur jedes Mal zusammen, wenn man ihn anrührt.«
»Er steht unter Schock«, antwortete der Arzt. »Wir haben für seine blutende Wunde getan, was möglich war. Hoffen wir, dass die Therapeuten und die Zeit seine Seele heilen werden.«
Das Bett neben dem Jungen war leer. Blut klebte auf dem Laken.
2014
Seit siebzehn Monaten trug er wieder Windeln. Breitbeinig stand der schlanke Mann auf dem überdachten Balkon seiner Villa und krallte die Finger um die Mahagoniauflage der Brüstung. Mit den Augen folgte er einem Motorboot, das gegen die Strömung der Weser ankämpfte.
»Tschabo, ich bitte dich.« Seine Frau trat hinter ihn und berührte zärtlich seine Schulter. »Ich bitte dich zum hundertsten Mal, lass dich noch einmal operieren.«
Er schüttelte ihre Hand ab und rückte einen Schritt zur Seite.
Ein Containerschiff schob sich ins Blickfeld. Das Motorboot richtete sich in der Bugwelle des Frachters auf und sackte gleich wieder ins Wellental hinunter.
»Entschuldige, Liebes«, murmelte der Mann und sah weiter auf die Weser. »Lass mich bitte allein.«
»Du kannst diese Entscheidung nicht ohne uns fällen. Sie betrifft auch das Leben deiner Familie. Wir wollen dir doch nur helfen. Bitte!«
Tschabo Dumitrescu wandte sich um und sah seine Tochter in der Tür stehen.
»Es geht um meinen Arsch«, presste er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Ich sage auch Bitte. Bitte lass mich in Ruhe! Ich habe Nein gesagt. Dabei bleibt es.«
Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und schlich ins Haus. Sein Kiefer mahlte.
Nach wenigen Minuten griff er zum Telefon auf seinem Stehpult und wählte eine sechsstellige Nummer. Als die Verbindung zustande kam, raunte er: »Es bleibt alles wie besprochen. Es gibt keine Veränderungen.« Dann hörte er aufmerksam zu und beendete das Gespräch.