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Erste Strophe: Verwandlung Weltenlied

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Schweißgebadet fuhr Léun aus dem Schlaf hoch. Ächzend ließ er sich zurück auf sein Lager fallen, als ihm klarwurde, dass er das Grauen wieder einmal überstanden hatte. Er schloss die Augen und lauschte eine Weile seinem eigenen keuchenden Atem. Endlich rieb er sich den Schlaf aus dem Gesicht, gähnte, streckte sich und stand auf.

Wieder dieser Alptraum. Seit Jahren suchte er ihn heim, immer und immer wieder, in letzter Zeit fast jede Nacht. Im Traum war Léun auf der Flucht, jemand – oder etwas – trachtete ihm nach dem Leben. Atemlos hetzte er durch eine leere, öde Welt, ohne sich verstecken zu können.

Seltsamerweise wusste er nach dem Aufwachen nie, wovor er eigentlich flüchtete und warum. Manchmal sah er im Traum ein glühendes Augenpaar, dessen geschlitzte Pupillen ihn mordlüstern anstarrten. Dann rannte er weiter, ohne sich umzusehen. Oft hörte er ein dumpfes Grollen in der Ferne, wie von einem herannahenden Gewitter. Das wütende Gebrüll seines Verfolgers. Bisher war er ihm immer entkommen.

Diesmal allerdings hatte der Traum eine grässliche Wendung genommen: Das Biest, das ihn jagte, hatte ihn eingeholt. Ein blutrotes Maul mit spitzen, tödlichen Reißzähnen war das Letzte, was er sah, bevor er aufgewacht war.

Léun schauderte. Er trat an die Waschschüssel, tauchte beide Hände in das kalte Wasser und wusch sich gründlich das Gesicht und, so gut es ging, den restlichen Körper. Obwohl er sich Mühe gab, nichts zu verschütten, stand er danach in einer Wasserlache. Wie hatte er am Vorabend nur vergessen können, einen frischen Waschlappen mit auf seine Stube zu nehmen? Egal, er würde später sowieso an den See gehen. Da brauchte er es jetzt mit dem Waschen nicht allzu genau zu nehmen.

Bevor er sich anzog, vergewisserte sich Léun einmal mehr der krausen dunkelblonden Haarbüschel, die ihm neuerdings unter den Achseln und an weiteren unerwarteten Körperstellen sprossen.

Hier fehlt noch was!, dachte er und betastete etwas skeptisch den Flaum an seinem Kinn. Aber selbst wenn der Bart noch auf sich warten ließ – nächstes Frühjahr würde er sein fünfzehntes Jahr vollenden.

Dann bin ich endlich entscheidungsfrei, und niemand kann mir mehr was vorschreiben, nicht mal Lóhan.

Nicht dass er seinen Großvater nicht mochte und bewunderte. Der alte Mann hatte ihn als Kleinkind bei sich aufgenommen und mit Liebe und Fürsorge aufgezogen. Er ertrug seine dümmsten Streiche und manch ungerechtfertigten Vorwurf und gab ihm nicht zuletzt immer das Gefühl, dass er ihm blind vertrauen und alles erzählen konnte, was sein Herz bewegte.

Trotz alledem kam sich Léun in letzter Zeit durch seinen Großvater zunehmend eingeschränkt vor. Es war schwer zu beschreiben, aber es fühlte sich an, als schnürte ihm jemand die Luft ab oder als wäre er nur zur Hälfte er selbst. Der Teil, der ihm fehlte, den hoffte Léun anderswo zu finden: im See, auf einem Baum, im Kreis seiner Freunde, am Hang eines Hügels in der Sonne dösend – oder auch wann immer er Ciára, dem Mädchen von schräg gegenüber, in die Augen schaute.

Nachdem er sich angezogen hatte, verließ Léun seine kleine Kammer und betrat die Wohnstube. Sein Großvater war dabei, mit hochgekrempelten Ärmeln und schwungvollem Einsatz Brotteig zu kneten. Unter wild wuchernden Augenbrauen hervor sandte er ihm einen Blick, ohne die Arbeit zu unterbrechen.

»Guten Morgen, mein Lieber. Willkommen im Licht dieses vielversprechenden vierten Mén-Tages. Der Mén ist ein guter Monat.«

Léun brummte etwas Unverständliches.

»Das dachte ich vorhin auch«, sagte der Alte.

Léun musste grinsen.

»Aber leider haben wir für heute früh nicht vorgesorgt – nicht mal Eier und Speck sind im Haus. Gestern Abend hast du den ganzen Reis aufgefuttert, also wird es noch eine Weile dauern, bis das Frühstück fertig ist. Mach dich nützlich und hack mindestens zwei Dutzend Scheite Feuerholz, ja?«

Missmutig stürzte Léun drei Becher Wasser hinunter, damit ihm während der Arbeit nicht der Magen knurrte.

Sein Großvater ließ den Teig ruhen und säuberte sich die Hände.

»Wieder der Alptraum …?«, fragte er.

»Hm«, entgegnete Léun. Er hatte keine Lust, jetzt darüber zu reden.

»Irgendwann heute früh hast du laut aufgeschrien …«

Léun knallte den Becher auf den Tisch.

»Musst dich verhört haben«, sagte er und ging hinaus.

Als er drei Dutzend Scheite Holz gehackt hatte und sie in die Stube schleppte, war sein Großvater dabei, einen Laib Käse aufzuschneiden. Den aufgehenden Brotteig hatte er mit einem Leinentuch abgedeckt. Léun machte sich daran, das Feuer anzufachen. Er schichtete einige Holzscheite kegelförmig im Herd auf und stopfte die Zwischenräume mit trockenem Heu aus, das in einem Eimer bereitstand. Mit Stein und Feuereisen schlug er Funken. Er hatte Übung darin. Wenig später loderte ein schönes Feuer im Herd. Mit einem Lederhandschuh öffnete sein Großvater die glühendheiße Metalltür zur Ofenkammer und stellte den tönernen Behälter mit dem Teig hinein.

»So«, sagte er, klappte die Tür zu und entledigte sich des Handschuhs. »Jetzt dauert es nicht mehr lang, bis wir frühstücken können.«

Es klopfte.

»Ah, das wird Ciára mit der Milch sein. Machst du ihr bitte auf?«

Beim Namen der Nachbarstochter zuckte Léun zusammen. Schon beim Holzhacken hatte er ständig zum Weg hin gespäht und gehofft, sie würde vorbeikommen. Wie jeden zweiten Tag würde sie heute eine Kanne Ziegenmilch bringen; manchmal brachte sie auch ein paar Eier mit. So hätte sich eine der seltenen Gelegenheiten ergeben, mit ihr allein zu sein. Ciáras Mutter ließ sie kaum je allein länger von zu Hause wegbleiben. Ihr Vater dagegen scherte sich wenig um sie, saß er doch ohnehin fast ständig in der Mittelhager Schenke und wusste vor lauter Trinken nicht, ob gerade Morgen oder Abend war.

Léun fühlte sein Herz hämmern, als er zur Tür eilte. Fast stolperte er über eine lose Diele. Das Lächeln seines Großvaters im Nacken, öffnete er.

»Guten Tag, Lóhan!«, rief das Mädchen fröhlich und winkte an ihm vorbei in die Hütte hinein. Sie richtete den Blick auf ihn. »Morgen, Léun. Ich … wie geht es dir?«

Er spürte, wie ihm heißes Blut ins Gesicht schoss. Sämtliche Worte, die er ihr sagen wollte, schienen ihm an der Zunge zu kleben wie ausgehungerte Motten an einem Fliegenfänger.

»Du wirkst, äh, ausgeschlafen«, sagte Ciára mit dem Anflug eines Lächelns und nahm die Milchkanne von der einen in die andere Hand.

Léun versuchte vergeblich, einen klaren Gedanken zu fassen. Wenn es nach ihm ging, konnte sich die Übergabe der Milch ruhig noch länger hinauszögern. Beim letzten Mal hatten sich ihre Fingerspitzen berührt, als er ihr die Kanne abgenommen hatte. Seltsamerweise hatte sich das angefühlt, als hätte ihn der Blitz getroffen, wenn auch nicht so stark wie bei der Sache vor zwei Monaten. Zum Glück schien sie nichts von seinem Schock bemerkt zu haben. Ob sie sich noch an das Erlebnis am See erinnerte?

Und ob sie wohl zu allen Jungen so nett war wie zu ihm?

Ciára galt nicht gerade als umschwärmt. Ihre mausbraunen Haare, die etwas engstehenden Augen – nicht jeder fand sie hübsch. Er schon. Sehr sogar. Dieses Lächeln! Wie sie ihn anblickte, wie sie sich mit der freien Hand eine Strähne zurückstrich, wie sie die überschwappende Milch zu balancieren versuchte! Warum stellte sie die Kanne eigentlich nicht ab, sie war doch sicher ziemlich schwer?

»Du … du hast da was«, sagte Ciára mit leicht gepresster Stimme. Flüchtig deutete sie auf eine Stelle unterhalb seiner Gürtellinie.

Ihm stand doch nicht etwa der Hosenstall offen? Peinlich berührt, schaute Léun an sich herunter. Er zwang sich zu einem ratlosen Grinsen.

»Ich meine den Fleck auf deiner Hose. Da, am Oberschenkel, siehst du?«

Mist, schoss es ihm durch den Kopf. Hätte er doch nur besser aufgepasst, als er am Ofen herumhantiert hatte! Fahrig wischte er über die Aschespur, die nicht daran dachte zu verschwinden.

»Wie sieht’s denn aus mit der Milch, ist die noch frisch?«, brummelte jemand hinter ihnen. Léun hatte die Anwesenheit seines Großvaters angesichts des Mädchens komplett vergessen.

Eine Handbewegung, die Milch wechselte den Besitzer. Ein Lächeln, ein Winken, die Tür schloss sich. Ihm wurde klar, dass er sich Ciára gegenüber idiotischer und unhöflicher angestellt hatte als jemals zuvor.

»Setz dich ein Weilchen zu mir«, schlug sein Großvater mit funkelnden Augen vor. »Was hast du heute sonst noch vor, außer angeregt mit Ciára zu plaudern?«

Léun murmelte etwas von Baden im Mittleren See.

»Geht in Ordnung, aber sei vor dem Gewitter am späten Nachmittag zurück.«

Ihm war schleierhaft, woher der alte Mann jeden Tag aufs Neue wissen konnte, wie sich das Wetter entwickeln würde. Schon gar, wo doch die Sonne heute von einem wolkenlosen Himmel auf Grüntal hinunter lachte!

»Danke übrigens der Nachfrage, ich habe sehr gut geschlafen.«

Léun grinste verschmitzt und schämte sich ein wenig.

»Oder das, was man in meinem Alter sehr gut nennt«, fuhr Lóhan augenzwinkernd fort. »Weißt du, wenn man ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel hat, dann ist man froh und dankbar für jeden Moment, den man in dieser Welt noch wach und bewusst erleben darf.«

»Und gesund«, ergänzte Léun abwesend. Ciáras Worte klangen ihm noch ebenso im Ohr wie ihre glockenhelle Stimme.

»Genau!« Die blauen Augen seines Großvaters strahlten. »Du weißt es, nicht wahr? Ich meine, dass Gesundheit das höchste Gut im Leben ist?«

Léun hatte die Frage nicht gehört und nickte.

»Ich erinnere mich noch genau, als dein Vater so alt war wie du jetzt, da …« Plötzlich wurde der Alte ernst. Er starrte ihn an, und seine Augenlider zuckten.

»Was?«, wollte Léun wissen. Es war nicht das erste Mal, dass sein Großvater Anstalten machte, ihm die ganze Geschichte zu erzählen. Alles, was er bislang wusste, war, dass sein Vater als Jugendlicher fast gestorben wäre.

»Bei Fuertýna … Göttin der Saat und der Ernte«, sagte Lóhan stockend und mit gesenkter Stimme. »Du bist ihm so ähnlich, nicht äußerlich zwar, aber Láhen … fast scheint es mir, als ob ich zum zweiten Mal …« Er unterbrach sich erneut. Auf einmal fasste er Léun über den Tisch hinweg bei der Schulter und musterte ihn eindringlich.

»Versprich mir eins«, fuhr er mit bebender Stimme fort, »wenn du eines Tages hier in Grüntal eine Hütte hast, und eine Frau, und vielleicht einen Sohn …«

»Ja? Was dann?«

»Lass sie nicht im Stich, hörst du? Lass deine Familie nicht allein zurück wie Láhen, dieser Nichtsnutz. Versprichst du mir das?«

Fast hätte Léun genickt und es ihm versprochen.

Láhen, dieser Nichtsnutz!

»Er war kein Nichtsnutz«, brauste er auf und schüttelte Lóhans Hand von seiner Schulter. Dieser starrte ihn verdutzt an.

»Aber ich meinte doch nur …«

»Mein Vater ist kein Nichtsnutz!«, wiederholte Léun, warf beim Aufspringen seinen Stuhl um und polterte aus der Hütte. Die Tür warf er krachend hinter sich ins Schloss.

Er fühlte sich erst besser, als er, das Dorf Grünhag im Rücken, die halbe Wegstrecke zum Mittleren See hinter sich gebracht hatte. Um diese Tageszeit pflegten bei Sonnenschein viele Leute dort einzutrudeln. Ihm war danach, die Gesichter seiner Freunde zu sehen, ihre Stimmen zu hören und Neuigkeiten auszutauschen. Stán war meistens da und auch Néna und Mían, die Zwillinge aus Süderhag. Am meisten hoffte Léun jedoch, seinen besten Freund Arrec aus Mittelhag zu treffen. Der wusste immer allerlei verrücktes Zeug zu berichten und war nie abgeneigt, irgendwelchen Unsinn anzustellen.

Zu seiner Enttäuschung war Arrec noch nicht gekommen, und auch von den anderen konnte Léun niemanden am See entdecken. Nur ein paar kleine Kinder planschten kreischend vor Vergnügen im flachen Uferwasser, während ihre Mütter etwas weiter draußen Kleider wuschen.

Vermutlich war er heute einfach zu früh dran. Er beschloss, um den See herumzulaufen. So würde er nicht nur die Zeit totschlagen, sondern auch an Mittelhag vorbeikommen, dem Dorf am Nordufer. Vielleicht konnte er Arrec von zu Hause abholen – vorausgesetzt, dieser verbrachte nicht den ganzen Tag über mit seinem Vater Erric in den Grünen Auen. Erric trieb mit den Reisbauern von Bergau regen Handel und ließ Arrec das Getreide säckeweise zurück nach Grüntal schleppen, um die zwei Goldmünzen Leihgebühr für einen Ochsenkarren zu sparen. Léun wusste, dass sein Freund diese Arbeit hasste wie nichts auf der Welt.

Nach einer Weile drang das alarmierte Gebell von Grantis Hunden an seine Ohren. Granti, eine weißhaarige Alte mit den Augen und Ohren eines Luchses und der Zunge einer Schlange, hauste allein in einer umzäunten Hütte am Westufer des Sees. An nichts und niemandem pflegte sie ein gutes Haar zu lassen. Die Menschen seien schlecht, das Wetter sowieso, ja selbst die prächtigen Blüten in ihrem Garten waren ihr in einem Jahr zu mickrig, im nächsten zogen sie lästige Bienen und angeblich auch Blumendiebe an.

Wie das gehen sollte, war Léun schleierhaft. Zwei riesenhafte schwarzbraune Köter bewachten Grantis Garten. Wenn jemand vorbeikam, benahmen sie sich schlimmer als die rüpelhafte Garde vor dem Palast von Sonnenau im Nachbartal. Léun mochte keine Hunde, und bei denen von Granti beruhte das wohl auf Gegenseitigkeit. Wann immer er an ihrem Grundstück vorbeikam, sprangen sie an der Innenseite des Zauns hoch, überschlugen sich in drohendem Gekläff und schienen sich vor Raserei fast gegenseitig zerfleischen zu wollen.

Auch diesmal wurde er von den beiden kalbsgroßen Ungeheuern verbellt, dass ihnen der Schaum nur so von den Lefzen sprühte. Natürlich hatte er sich vergewissert, dass das Gatter geschlossen war, bevor er sich Grantis Reich überhaupt zu nähern wagte. Man sagte zwar, dass Hunde, die bellten, nicht bissen, aber Léun war nicht erpicht darauf zu überprüfen, ob die beiden Exemplare der Alten sich auch daran hielten.

Als er an ihrem Zaun fast vorbeigegangen war, riskierte er einen Blick in Grantis Garten. Eine rostige Schere in den Klauen, stand die Alte vor ihren Stockrosen und kappte die schönsten Blütenkelche, bestimmt um sie drinnen in eine Schale mit Wasser zu legen. Sie hatte innegehalten, um auf die Hunde einzureden, die sich nicht im Mindesten darum scherten. Als sie Léuns Blick bemerkte, keifte Granti ihn fast noch lauter an.

»Mach, dass du weiterkommst, du Strolch! Siehst doch, dass Lóbo und Çerbero ganz verwirrt sind. Aus, ihr Burschen! Platz! Gleich kehrt hier wieder Ruhe ein.«

Léun zog ihr eine lange Nase und beeilte sich, Grantis Revier hinter sich zu lassen.

Doch sie hatte die Grimasse gesehen.

»Dir werd ich Beine machen«, kreischte sie über das Knurren und Bellen hinweg. »Sich über eine arme alte Frau wie mich lustig zu machen. Wart nur, du Racker!«

Léun drehte sich um. Zu seinem Entsetzen löste die Alte den Riegel ihres Gatters. Er wusste, was passieren würde, und verlor keine Sekunde.

»Fass, ihr Burschen! Aber nur spielen, ja?«

Wie rastlose Geister der Unterwelt fuhren die Hunde durch das Gatter in die Freiheit und jagten mit ohrenbetäubendem Gekläff hinter ihrer Beute her.

Léun rannte mit seinen Freunden oft genug um die Wette über die Wiesen Grüntals. Er war ein schneller Läufer, aber eben nur ein Mensch. Außerdem war der Boden auf tückische Weise uneben. Die Biester hinter ihm ließen sich weder durch Senken noch durch herumliegendes Geäst ins Straucheln bringen; er dagegen stolperte alle paar Schritte. Die Erinnerung an seinen ständigen Alptraum lähmte ihn zusätzlich.

Es gab kein Entkommen.

Mit auf und ab nickenden Köpfen und heraushängenden Zungen holten die Hunde ihn scheinbar mühelos ein. Sie sprangen an ihm hoch und versuchten, nach seinen Waden und Handgelenken zu schnappen. Er wich aus, rannte weiter, wich wieder aus.

Nur nicht stehenbleiben!

Kläffend und schwanzwedelnd hetzten die beiden Köter ihn fast die ganzen zwei Meilen bis nach Waldhag. Als die Hütten des Dorfes vor ihm auftauchten, ließen sie endlich von Léun ab. Winselnd hechteten sie in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.

Erschöpft beugte er sich vornüber, stützte die Hände auf die Knie und atmete so lange durch, bis das Brennen in seiner Kehle endlich nachließ. Dann begutachtete er seine Unterarme und Waden. Überall hatten ihm die schnappenden Fänge der Hunde Kratzer und Abschürfungen beigebracht.

»Mistviecher«, knurrte er wütend. »Das habt ihr zum ersten und zum letzten Mal mit mir gemacht.«

Die Verletzungen waren nicht schlimm, er spürte kaum den Schmerz. Umso heftiger brannte das Gefühl der Demütigung in ihm. Er räusperte sich lautstark und spuckte angewidert aus. Könnte er sich doch nur den Geifer der Hunde von der geschundenen Haut waschen!

Zum Mittleren See zurückzugehen kam nicht in Frage. Womöglich würde die alte Granti ihre schwarzen Biester noch einmal auf ihn loslassen. Außerdem hatte er das westlichste Dorf fast erreicht – und damit den Grünwald, der die Grenze des Tals bildete.

Von Waldhag aus führten zwei Pfade hinauf in die Berge. Der nördliche endete bei der Hütte von Héranon, dem Waldhüter. Der südliche querte nach einem steilen Aufstieg einen Rundweg, der um das ganze Tal herumführte und an einigen Stellen atemberaubende Ausblicke bot. Wenn man nicht abbog, sondern dem Pfad weiter nach Westen in die Höhe folgte, erreichte man eine Quelle. Die Bewohner Grüntals nannten sie die Löwenquelle.

Der Wasserlauf, der an dieser abgelegenen Stelle an die Oberfläche trat, hatte im Laufe der Jahrzehnte den weichen Waldboden ausgespült. Ein kleiner Teich war entstanden. An Sommerabenden kamen manchmal frisch verliebte Pärchen hierher. Oder einsame, unglückliche Liebende. Tagsüber ging niemand zur Löwenquelle hinauf, obwohl das Wasser um einiges klarer und frischer war als das aus dem Mittleren See.

Obwohl es längst Mittag war und sein Magen sich mit lautem Knurren bemerkbar machte, beschloss Léun, sich zur Quelle zurückzuziehen. Falls ihm der Hunger keine Ruhe ließ, konnte er ja später immer noch in Waldhag jemanden um einen Becher Milch und eine Waffel bitten.

Er umging Waldhag in südlicher Richtung, um nicht entfernten Bekannten neugierige Fragen beantworten zu müssen. Gut zwei Steinwürfe von der letzten Hütte entfernt schlug er sich in die Büsche, die den Grünwald säumten. Im Schutze des Laubs bewegte er sich auf das Dorf zu. Er hörte Hühner gackern und das gedämpfte Lachen einer Familie, die sich vermutlich zum Essen zusammenfand. Der köstliche Duft von Gebratenem stieg ihm in die Nase. Sein Magen krampfte sich zusammen. Endlich stieß er auf die Mündung des Waldpfads. Er schnaubte entschlossen, kehrte Grüntal den Rücken und machte sich an den Aufstieg.

Als Léun auf den Rundweg stieß, blieb er stehen um zu verschnaufen. Von dem Gewaltmarsch, den er hingelegt hatte, rann ihm der Schweiß von der Stirn. Er wandte sich um und schaute zurück. Weit unter ihm, von den Baumwipfeln teilweise verdeckt, lag Grüntal. Von hier oben aus gesehen hatte das Wasser des Mittleren Sees eine grünbraune, brackige Farbe. Die Luft war diesig geworden. Der Himmel war nicht mehr blau wie am Morgen, sondern von milchigem Weiß, das sich an manchen Stellen zu einem regenverheißenden Grau verdichtet hatte. Noch dazu türmten sich am östlichen Horizont Gewitterwolken auf, die die südlich stehende Sonne fast erreicht hatten. Unwetter zogen laut Léuns Großvater meistens von Osten heran.

Hoffentlich schaffe ich es vor dem Sturm noch nach Hause, dachte er säuerlich.

Der obere Teil des Pfades zur Quelle wurde selten benutzt. Zweige von Buchen und Kastanien hingen bis auf den Boden, und an einer Stelle versperrte eine umgestürzte Tanne den Weg. Léun musste den Baumriesen umgehen und holte sich weitere Schrammen, als er sich mühsam zwischen Ästen und Zweigen hindurchschob.

Kurz danach wurde das Gelände steiler und noch unwegsamer. Beim letzten Regen musste sich der Pfad in einen reißenden Bach verwandelt haben; der Erdboden war zu großen Teilen mitgerissen worden, so dass die darunterliegenden Felsen freilagen. Die kleinsten davon waren faustgroß und kullerten in die Tiefe, wenn Léun darauf trat. Andere Brocken saßen zwar noch fest im Boden, hatten dafür aber tückisch scharfe Kanten. Er musste doppelt vorsichtig sein. An vielen Stellen blieb ihm nichts anderes übrig als zu klettern, weil der Pfad plötzlich von einem hüfthohen Felsabsatz durchbrochen war. Oder er wand sich in einer engen Kehre um einen riesigen Findling herum, den fünf Männer mit ausgestreckten Armen gemeinsam nicht hätten umfassen können.

Léun begegnete niemandem. Froh, für eine Weile dem emsigen Treiben im Tal entflohen zu sein, gab er sich mit allen Sinnen der Stille des Waldes hin. Sie klang anders als die Stille einer Nacht, die sich auch über Grüntal herabsenkte; hier oben sangen kaum Vögel, und keine einzige Grille oder Zikade war zu hören. Nicht einmal die Bäume rauschten. Mittlerweile wehte absolut kein Wind mehr. Nur ab und zu ratschte ein Häher, oder ein paar Waldtauben flogen mit klatschenden Flügeln auf.

Einmal sah Léun ein Reh, das keine zwanzig Schritt vom Pfad entfernt dastand wie ein Bildnis aus Stein. Er blieb ebenfalls stehen, und das Tier und er starrten einander eine Weile reglos an. Wie auf Kommando verfiel es in gemächlichen Galopp, um nahezu lautlos in nördlicher Richtung den Hang hinab zu verschwinden.

Die Wegstrecke zur Löwenquelle war länger, als Léun sie in Erinnerung hatte. Aber damals waren Stán und Arrec dabei gewesen. Sie hatten die ganze Zeit über herumgealbert. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Umso erleichterter war er, als das Gelände nach einem schier endlosen, beschwerlichen Aufstieg flacher wurde.

Léun kannte die Stelle – ein erster bewaldeter Hügelkamm, mit dem die Rockenberge begannen. Jetzt musste er noch ein letztes Stück nach Norden marschieren, dann war er am Ziel.

Das Wasser der Löwenquelle entsprang einem felsigen Buckel, der aus dem Hügelkamm herausragte. Er hatte unverkennbare Ähnlichkeit mit dem erhobenen Kopf eines Löwen. An der Seite lief das Wasser herunter und bildete am Boden den kleinen Teich. Dahinter zog sich ein schmaler Bachlauf durch den Wald bis nach Grüntal hinunter.

Beim letzten Besuch hatte sich Stán einen Spaß daraus gemacht, den Felsen zu erklettern, um von dort aus ins Wasser zu springen. Er hatte es doch nicht gewagt. Sie hatten ihn als Feigling verspottet, obwohl Léun sich insgeheim vorstellte, dass die Höhe von oben bedrohlicher wirkte als von hier unten. Außerdem hätte auch er sich nicht unbedingt den Hals brechen wollen.

Der kleine Wasserfall schien ihm diesmal höchstens halb so mächtig wie damals zu sein. Das Wasser des Teichs wirkte schwarz und abgestanden; erst aus der Nähe sah er, dass ihn eine ungünstige Spiegelung des Lichts getäuscht hatte. Weit und breit war niemand zu sehen.

Kurzerhand schleuderte er sämtliche Kleider von sich und watete langsam in den Teich hinein, um sich an das eiskalte Wasser zu gewöhnen. Es reichte ihm immerhin bis zum Bauchnabel. Er hielt beide Hände in den Wasserfall und löschte seinen Durst, tat einen weiteren Schritt und stellte sich direkt darunter. Als das kühle Nass über seine Schultern rann, stockte ihm für einen Moment der Atem.

Das Wasser nahm seinen Schweiß und den klebrigen Geifer der Hunde mit sich fort. Es überspülte seine brennenden Schrammen, bis die Kühle den Schmerz völlig betäubte. Léun hatte seinen inneren Gleichmut wiedergewonnen. Noch einmal schöpfte er Wasser und schüttete es sich ins Gesicht. Er lehnte sich mit beiden Händen gegen den Felsen und legte das Kinn auf die Brust, so dass ihm das Wasser auf den Hinterkopf prasselte. Er schloss die Augen, genoss die klare, reine Kälte des Stroms und stand eine Weile da, ohne zu denken.

Mit einem Mal überkam ihn das untrügliche Gefühl, beobachtet zu werden. Ruckartig hob er den Kopf, wandte sich um und wischte sich mit einer Hand das Wasser aus dem Gesicht. Niemand war zu sehen, nicht einmal ein Tier. Der Pfad und der ganze Hügelkamm, soweit er ihn überblicken konnte, lagen still und verlassen da. Trotzdem – höchste Zeit, dass er sich wieder aufmachte. Mit langen Schritten ging er zurück zum Ufer, stieg aus dem Wasser und schüttelte sich die Nässe aus den Haaren.

Wo war seine Hose? Er hatte sie über eine Baumwurzel geworfen, keine drei Schritt vom Teichufer entfernt. Auch sein Hemd und seine ledernen Sommerschuhe waren verschwunden. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Er ging um den Stamm des Baumes herum, suchte den Waldboden mit hastigen Blicken nach seinen Kleidern ab. Nichts. Er blieb stehen, versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Arrec?«, rief er auf gut Glück. »Stán?«

Niemand antwortete.

»Verflixt nochmal«, murmelte Léun ärgerlich. Solche Späße konnte er überhaupt nicht leiden, zumal sich die Sonne mittlerweile ganz hinter die Wolken verzogen hatte. Der Himmel war grau, stellenweise schwärzlich. Fahles Zwielicht und stickige Hitze herrschten unter dem Blätterdach des Grünwalds. Es war vollkommen still. Nur in seinem Rücken plätscherte der Wasserfall. Er musste sich endlich auf den Heimweg machen, wollte er noch rechtzeitig vor dem Gewitter zu Hause sein!

Da kam ihm eine Idee. Seine Freunde, wenn sie es denn waren, hatten all seine Sachen geklaut und sich unbemerkt hinter den Löwenfelsen verzogen. Natürlich! Jetzt lachten sie sich ins Fäustchen und warteten nur darauf, dass er ihnen seine Kleider, nackt, wie er war, wieder abzujagen versuchte. Blöde Kindsköpfe. Den Spaß würde er ihnen gründlich verderben.

Plötzlich kribbelte es ihn unangenehm zwischen den Schulterblättern. Da musste jemand direkt hinter ihm stehen. Er wandte den Kopf.

Niemand. Léun war das einzige menschliche Wesen in diesem Wald.

Doch sein Gefühl sprach dagegen. Langsam drehte er sich um die eigene Achse. Die Wasseroberfläche des Quellteichs sah wieder so schwarz und ölig aus wie vorhin, als er angekommen war. Vor Grauen stellten sich ihm am ganzen Körper die Haare auf.

Er war nicht allein, soviel stand fest. Doch wo waren die anderen? Zitternd ließ er den Blick den Wasserfall entlang bis zur Spitze des Felsens hinauf schweifen.

Léun erstarrte.

Dort oben war jemand. Oder vielmehr, etwas.

Das muss ein Traum sein, schoss es ihm durch den Kopf. Ganz ruhig, gleich wirst du aufwachen.

Hinterher konnte er nicht sagen, wie lange er vor Angst wie gelähmt dastand und das Wesen anstarrte, das da aufrecht auf dem Felsen thronte und ihn aus gelben Augen unverwandt musterte. Allerdings brachen währenddessen tausend Gedanken zugleich über ihn herein, an die er sich sein ganzes Leben lang erinnern sollte.

Das kann kein Löwe sein, der letzte wurde vor zehn Jahren in Grüntal gesichtet … Ein Sprung, und er reißt mich in Stücke … Götter, hat das Vieh Augen und Pranken, meine Freunde werden mir kein Wort glauben … Wo hab ich bloß meine Steinschleuder gelassen?

»Zu Hause in Grünhag«, half ihm der Löwe.

Léuns Gedanken versiegten. Er brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass gerade ein wildes Tier zu ihm gesprochen hatte.

Der Traum ist gleich vorbei, versuchte er sich zu beruhigen. Ich muss nicht kämpfen. Ich muss nicht weglaufen.

»Fast richtig. Lange genug bist du weggelaufen. Jetzt ist es Zeit, dich mir zu stellen. Kämpfen?« Der Löwe spreizte die Schnurrhaare und schnaubte vergnügt. »Das wäre zwecklos. So zwecklos, wie sich auf den Weg zum Horizont zu machen, mit einem Sieb Wasser zu schöpfen oder die Flamme von der Kerze loszuschneiden.«

Die Stimme klang tief und sonor, zugleich hatte sie einen knurrig-belustigten Tonfall, eine Mischung, genau wie sie Léun von einem Raubtier erwartet hätte, das nichts und niemanden zu fürchten brauchte. Einerseits klang sie so weich und samtig, wie das Fell des Löwen aussah, andererseits aber auch so bedrohlich und tödlich, wie seine scharfen Krallen Wunden rissen. Seltsamerweise kam Léun die Tonlage dieser Stimme unendlich vertraut vor.

Was jetzt?, dachte er.

»Das weißt du doch«, erwiderte der Löwe freundlich. »Ich werde dich verschlingen, auf dass du mich dir einverleibst und endlich zusammengefügt wird, was so lange getrennt gewesen ist.«

Wenn ich nur endlich aufwachen könnte!

»Wovor hast du Angst?«, fragte der Löwe.

Ungläubig starrte Léun ihn an.

Vor dir, dachte er.

»Wovor hast du Angst?«, wiederholte der Löwe mit dröhnend lauter Stimme.

Vor deinen Krallen. Deinen Zähnen. Vor Schmerzen und davor, zu bluten. Vor dem Tod.

Der Löwe erhob sich, spannte die Muskeln. Sein Schwanz peitschte die Luft. Er riss den Rachen auf.

»Wovor hast du Angst?«, brüllte er zum dritten Mal.

Vor dem Sterben, dachte Léun.

»Du lügst«, sagte der Löwe. Und sprang fauchend auf ihn zu.

Mächtige Pranken trafen Léun an den Schultern. Er wurde rücklings zu Boden geschleudert. Sein Hinterkopf schlug hart irgendwo auf, und für einen Moment sah er nichts mehr außer bunten, tanzenden Funken. Verzweifelt versuchte er sich herauszuwinden aus dem unbarmherzigen Griff der Raubtierpranken, doch er war gefangen. Dem jagenden Untier hilflos ausgeliefert.

Und dieses riss ohne Gnade seine Beute.

Léun stöhnte vor Schmerz, als der Löwe ihm die Krallen ins Fleisch grub. Er spürte, wie sein eigenes warmes Blut aus tiefen Wunden hervorschoss und an seinem Körper herunterlief. Er schrie, wie er nie zuvor geschrien hatte. Das Leben in seinem Körper bäumte sich gegen die Bedrohung auf … und für einen kurzen Augenblick kehrte die klare Sicht zurück.

Der Löwe öffnete das Maul und entblößte blitzende, fingerlange Reißzähne. Dann senkte er den Kopf, um seinem Opfer die Kehle durchzubeißen.

Es ist aus mit mir …

Da geschah etwas Unerwartetes.

Dunkelheit kroch aus dem Rachen des Löwen und breitete sich über Léuns Gesichtsfeld wie ein samtenes schwarzes Tuch. Tausend Funken glommen auf und erfüllten die Dunkelheit wie Sterne einen klaren Nachthimmel.

Augenblicklich fühlte er sich leicht. Seine Schmerzen waren wie weggeblasen, sein Leben nicht mehr in Gefahr. Es gab kein Hier, kein Dort, kein Gestern und kein Morgen – nur ein unbegreifliches Überall.

Wo bin ich?, wollte Léun fragen, doch die Worte blieben reine gedankliche Regung, bevor sie Form annehmen konnten; fast wie wenn er die erste Note eines vertrauten Liedes anstimmte und seine Freunde nach und nach einfielen. Auf einmal nahm er den Widerhall dieses Liedes aus allen Richtungen und sämtlichen Zeiten wahr – und er wusste, dass es auf seine Frage nur eine einzige Antwort gab.

Ja.

Blödsinn, wollte er widersprechen.

Die Frage war nicht zu beantworten; sie stellte sich erst gar nicht. Trotzdem war sie berechtigt und willkommen. Wie eine passende, durch nichts zu ersetzende Note in einem unendlichen, vielstimmigen Weltenlied.

Deshalb Ja.

Und Léun begriff staunend, dass dies auch die richtige Antwort auf die Frage des Löwen gewesen wäre.

Siehst du, sagte der Löwe und lachte.

Wer bist du?, sandte Léun verzweifelt eine neue Note in das Lied hinein.

Da erloschen die Lichter, die Musik verklang, und es wurde dunkel um ihn herum.

Weltenlied

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