Читать книгу Die Chroniken von 4 City - Band 1-3 - Manuel Neff - Страница 14
Die Arena
ОглавлениеDer Weg bis in die sogenannte Arena ist eine Tortur für Loves Psyche. Sie wird durch eine enge Gasse, nicht mehr als eine Scharte zwischen den Häusern, getrieben. Ihre Hände sind auf dem Rücken festgebunden. Eine Speerspitze trifft sie immer wieder schmerzhaft zwischen den Schulterblättern und lässt sie vorwärtsstolpern. Hebt sie den Blick, erkennt sie verzerrte Gesichter aus ihrem alten Clan - erstarrt im Angesicht des Todes. Sie haben die Menschen aufgespießt. Dutzende Gepfählte säumen den Weg zur Arena. Dahinter erheben sich große Holzfeuer und Rauchsäulen steigen zwischen den Häuserblocks auf. Hier ein Gesicht aus der Leibgarde ihres Vaters. Dort ein Mann, den sie von der Straße kannte. Jeden, der sich zur Wehr gesetzt hat, haben sie getötet und als Mahnmal hier aufgespießt. Was ist das nur für ein grausamer, unbarmherziger Clan? Noch nie hat Love von so etwas Bestialischem gehört oder so etwas Barbarisches gesehen.
Wieder spürt sie die Speerspitze in ihrem Kreuz und macht ein paar weitere Schritte vorwärts. Sie spürt das Blut an ihrer Wirbelsäule herunterlaufen. Es ist nicht viel, sie ist kaum verletzt. Sie soll nicht kampfunfähig in der Arena ankommen. Wieder hebt sie den Kopf und sieht in ein totes Gesicht, als ob es keine andere Alternative für ihre Augen gäbe. Menschen grölen aus den Fenstern der emporragenden Gebäude zu ihr hinab. Ein Junge wirft etwas nach ihr, verfehlt sie jedoch knapp. Fäkalien. Love schüttelt sich innerlich. Nur noch eine aufgespießte Leiche, dann wird sie diese schmale Straße hinter sich lassen. Fast schon freut sie sich auf das, was kommt, auch wenn es ihren Tod bedeutet. Ein innerer Impuls ergreift wieder Besitz von ihr. Stolz. Mut. Sie wird nicht sterben. Vorher wird sie sich rächen. Sie hebt ihr Gesicht, um der Niedertracht und dem Mob zu trotzen. Der letzte Pfahl befindet sich vor ihr. Dahinter ist die Arena. Sie kann das Jubelgeschrei deutlich hören. Ihr Vorgänger hat es nicht geschafft. Tig hat die Arena nicht überlebt. Woher sie das weiß?
Sein Körper hängt aufgespießt und schlaff an dem Holzpfahl herab. Sein Gegner hat ihm die Brust durchbohrt. Dort klafft ein riesiges Loch. Dieser Weg durch die Gasse des Grauens soll sie einschüchtern. Ihr allen Mut und den letzten Rest Überlebenswillen rauben, aber bei Love funktioniert es nicht. Es ist, als würden die schlimmen Situationen, wie die Ermordung ihrer geliebten Lea mit ansehen zu müssen, sie nur noch stärker machen.
Zornig blickt sie in die schreienden Gesichter. Der Junge, der mit Scheiße nach ihr geworfen hat, ist wieder in einem der Fenster über ihr erschienen. In seiner Hand einen neuen Beutel und zum Wurf bereit. Love fokussiert ihn. Durchbohrt ihn mit ihren stahlblauen Augen. Der Junge zögert, erschreckt förmlich, lässt den Beutel fallen und haut ab. Sie erwartet wieder einen Stupser mit dem Speer, lässt es aber nicht soweit kommen. Gefasst und bereit schreitet sie weiter. Sie wird das hier überleben. Sie kann es fühlen, die Stunde ihres Todes ist noch nicht gekommen.
Die Gasse öffnet sich in einen Innenhof. Hinter Love wird ein Metallzaun zusammengeschoben und versperrt ihr den Rückweg. Als hätte sie jemals vorgehabt, noch einmal durch diese Straße zu gehen. Alle anderen Ausgänge sind ebenfalls verbarrikadiert. Holzpalisaden, Metallgitter, Stacheldraht. Das, was Schrottsammler eben so auftreiben können. Feuer flackert und wird von den Häuserfronten reflektiert. Sie haben drei brennende Mülltonnen aufgestellt, um auch die Geschehnisse in den dunkelsten Ecken für die Zuschauer auszuleuchten. Love wagt einen Blick nach oben, um den Ursprung des Geschreis und Gejohles zu ergründen. Fenster, Balkone und aufgerissene Wände gestalten die Tribüne. Hunderte sind gekommen, um das Schauspiel zu verfolgen. Um sich an Blut und Todesangst zu ergötzen.
Love schluckt die Gefühle, die ihre Kehle emporzuklettern versuchen, wieder hinunter. Sie senkt den Blick, versucht, sich zu fokussieren und die nächsten Minuten irgendwie zu überstehen. Sie entdeckt ein Podest zu ihrer Rechten und ihr Magen krampft sich zusammen. Auch dort wurden zwei Pfähle aufgestellt. An einem hängt Lea. Nackt. Kopfüber. Ausgeblutet. Zorn, unfassbare Wut und unbändiger Hass vermischen sich mit tiefster Traurigkeit über den Verlust ihrer lieben Lea. Love droht innerlich an den Gefühlsregungen zu verbrennen. Daneben haben sie ihren Vater an den Pfahl gebunden. Gebunden? Nicht etwa aufgespießt wie die anderen?
Plötzlich traut Love ihren Augen nicht. War da eine Bewegung zu sehen? Tatsächlich. Ihr Vater hebt leicht den Kopf. Er lebt noch! Er ist doch nicht tot. Es ist keine Freude, was Love nun empfindet. Zu schlimm ist alles andere. Es ist ein Fünkchen Hoffnung. Nicht diese Art von Hoffnung, dass am Ende alles gut wird. Es ist die Hoffnung, sich noch einmal wiederzusehen. Sie dürfen sich verabschieden. Lebewohl sagen. Man wird sich im Jenseits finden. Love macht ein paar Schritte auf ihren Vater zu. Plötzlich ertönt ein Horn und der Mob auf den Rängen verstummt.
Der Mörder von Lea entpuppt sich wirklich als der Master des Schrottsammlerclans.
»Einschüchterung und Abschreckung ist die zweitbeste Waffe, mit der wir uns unsere Gegner vom Hals halten. Die Beste ist, sie alle zu töten oder zu versklaven. Ich halte nichts von Integration, bevor mir die einstigen Feinde nicht uneingeschränkt ihre Loyalität erweisen. Knie nieder!«, befiehlt er.
Love denkt nicht einmal daran. Lieber würde sie sterben. Die Speerspitze in ihrer Kniekehle zwingt sie zu Boden und erhalten den Schein ihrer demütigen Unterwerfung. Der Mob grölt. Das Gejohle hält an und das Stahlgitter vor einer der gegenüberliegenden Gassen wird auseinandergeschoben. Herein bugsiert wird eine zweite Person. Loves Gegner entpuppt sich als ein Mitglied der Leibgarde ihres Vaters. Sie kennen sich. Sein Name ist Garen. Als sich ihre Blicke treffen, reißt Garen seine Augen auf. »Hoffentlich hält er seinen Mund«, denkt Love.
Wieder ertönt das Horn. Love steht ruhig da, Garen zuckt unwillkürlich zusammen und duckt sich, als würde jemand nach ihm schlagen.
»Lasst sie kämpfen«, befiehlt der Master. Die Menge tobt und die Speere, mit welchen Love und Garen bis hierher in die Arena gestoßen wurden, liegen plötzlich zu ihren Füßen. Garen hebt seinen zuerst auf und macht Anstalten, ihn zu verwenden. Der Ausgang wird verschlossen. Die Arena gehört nun den beiden allein. Zwei Schrottsammler aus dem gleichen Clan. Garen reißt seinen Speer in die Höhe und rennt auf Love zu.
»Ich töte die Prinzessin für Euch«, hört Love ihn brüllen. Aber das Gekreische des Mobs ist lauter und so gehen seine Worte unter. Das hofft Love zumindest.
»Wie treulos kann man werden im Angesicht des Todes?«, stammelt Love vor sich hin. Immerhin hat er es ihr leicht gemacht, eine Entscheidung zu treffen. Sie wird kämpfen und ihn töten, wenn es sein muss.
Love gelingt es nur knapp, Garens Angriff auszuweichen. Die Speerspitze verfehlt sie um Haaresbreite und Garen stolpert überrascht ins Leere. Er hat wohl gedacht, dies hier schnell beenden zu können.
»Garen, du hast meinem Vater gedient«, sagt Love entsetzt.
»Jetzt diene ich meinem neuen Master. So läuft das. Das sind die Gesetze der Schrottsammler.«
»Was, wenn die Gesetze falsch wären?«, kontert Love und weicht mit einer Drehung seinem nächsten Angriff aus. Die Menge lacht, was Garen nur noch wilder macht. Die darauffolgende Attacke und auch der Versuch danach, Love aufzuspießen, laufen ins Leere. Es zahlt sich nun aus, dass sie das Kapitel der Verteidigungstechniken gelesen hat: Sie sieht quasi all seine Bemühungen im Voraus und bewegt sich instinktiv genau richtig, sodass es wie ein inszeniertes Spiel aussieht. Sie wird immer besser und die Zuschauer sind begeistert und jubeln ihr zu. Love ist innerhalb weniger Momente zum Publikumsliebling geworden. Die Meute johlt, lacht und schreit begeistert auf. Bei jedem Ausfallschritt, jeder Drehung und immer dann, wenn Garen sie um Meilen verfehlt. Love macht das im Verlauf des Kampfes so perfekt, dass es dem einen oder anderen die Sprache verschlägt.
»Garen, lass es sein, es ist zwecklos!«, ruft sie, aber Garen ist schon lange nicht mehr für Worte empfänglich. Er hat den Ausdruck eines gehetzten, wilden Tieres in den Augen. Der Speer rast vor und trifft. Ein stechender Schmerz zuckt durch ihre Hüfte. Er hat sie doch erwischt. Love blickt an sich hinab. Was ist passiert? Sie hat sich ablenken lassen, war nicht voll bei der Sache. Er hat sie nur gestreift, trotzdem tut es höllisch weh. Love lässt ihren Speer fallen, hinkt zur Seite. Die Menge raunt und verstummt für einen Moment und Garen fühlt sich bestätigt und fasst neuen Mut. Er geht, ohne zu zögern, zur nächsten Attacke über und will Love den Speer in den Bauch rammen. Vielleicht ist es Zufall oder ein Instinkt, dass Love in diesem Moment auf die Spitze ihres Speers tritt, der am Boden liegt und es schafft, gleichzeitig durch eine zwar schmerzhafte, aber geschmeidige Bewegung Garens Anlauf auszuweichen. Love bewegt sich mit schier übermenschlicher Anmut und Geschmeidigkeit. Der aufgerichtete Speer gerät zwischen Garens Beine. Er stolpert und stürzt, seinen eigenen Speer unter sich begrabend. Wieder brüllen, lachen und kreischen alle. Garen bewegt sich, will sich aufrichten, bricht aber wieder zusammen und rollt zur Seite. Eine Hälfte seines eigenen abgebrochenen Speers steckt in seinem Bauch. Garen spuckt Blut. Er hat sich selbst tödlich verletzt. Love schaut ihn mitfühlend an, dann wendet sie sich um und rennt, so schnell sie kann, hinüber zu dem Podest. Zu Lea und ihrem Vater.
Love blickt Lea und ihren Vater an. Sie steht direkt vor dem Podium und kämpft gegen die Tränen an. Wendet den Blick von Lea ab, weil es ihr das Herz zerreißt und sie es nicht länger ertragen kann.
»Vater?«, flüstert Love.
»Love, meine liebe Tochter«, röchelt ihr Vater. Es fällt ihm sehr schwer, zu sprechen. »Ich bin so stolz auf dich!«
»Das weiß ich doch, Vater. Du brauchst mir das nicht zu sagen. Ruhe dich aus. Alles wird wieder gut.«
»Love, du konntest noch nie sonderlich gut lügen.« Die Prinzessin schmunzelt und dicke Tränen kullern aus ihren Augen und ihre Wangen hinunter. »Ich muss dir etwas sagen.«
»Vater, ich ...«
»Halt den Schnabel! Kein Wort mehr! Bitte, lass mich nur einmal aussprechen!«
Loves Lächeln ist erfüllt von einer Melancholie, für die sie viel zu jung ist. Sie wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen, doch dann sieht sie aus dem Augenwinkel, wie der Master des fremden Schrottsammlerclans über eine Strickleiter von seinem Balkon heruntersteigt und in die Arena springt.
»Beeil dich!«, meint Love und ihr Vater verdreht die Augen. Selbst jetzt haben die beiden ihren Humor noch nicht verloren.
»Diese Kämpfe. Sie werden erst dann enden, wenn ich tot bin. So lautet hier das Gesetz. Also töte mich. Und noch etwas. Deine Mutter ...«, er muss husten. Blut läuft ihm aus dem Mund.
Love reißt die Augen auf. Nie zuvor hat ihr Vater etwas über ihre Mutter erzählt. Sie war immer ein Tabuthema.
»Sie ist nicht tot.« Love will etwas sagen, hält jedoch den Mund. Die Zeit drängt, Leas Mörder kommt immer näher. Sie haben vielleicht nur noch wenige Momente Zeit füreinander, bevor sie einander wieder entrissen werden. Dann wahrscheinlich für immer.
»Deine Mutter, du bist wie sie. Ihr Name ...« Ein nahes Geräusch lässt Love reflexartig zur Seite ausweichen. Es ist ein Armbrustbolzen, der die Luft nur wenige Zentimeter neben ihr durchschneidet und sich in die Brust ihres Vaters bohrt. Ihr Vater öffnet noch einmal müde seine Augen, blickt Love liebevoll an und dann erlischt sein Licht für immer. Love fällt auf die Knie. Lea ist tot. Ihr Vater ist tot. Sie wendet den Blick ab und schaut den Mörder der beiden liebsten Menschen in ihrem Leben hasserfüllt an.
»Gut gekämpft! Genug geredet! Die Kämpfe sind beendet«, ruft er und tritt an ihre Seite. Die Armbrust ist frisch gespannt und er zielt damit direkt auf ihren Kopf.
»Du musst eine treue Dienerin der beiden gewesen sein. Er hat dich sehr geschätzt, das sieht man ihm an. Nun ja, das sah man ihm an.« Love schweigt und beißt die Zähne aufeinander, um jetzt keine Dummheiten zu machen. Sie muss einen kühlen Kopf bewahren. »Wo hast du dich so gut zu verteidigen gelernt, Mädchen?«
Love bekommt keinen Ton heraus.
»Ich frage mich, welche Qualitäten sonst noch unter dieser weißen, marmorglatten Haut verborgen sind. Was wohl der Grund dafür ist, dass du ihm und seiner Tochter so verbunden warst?« Er macht eine Atempause, scheint zu überlegen. Love schweigt.
»Nun, dann eben nicht. Schafft sie in den Tower zu den anderen!«, befiehlt er seinen Schrottsammlern.