Читать книгу Das Archiv des Teufels - Martin Conrath - Страница 12

Bundesrepublik Deutschland, München, 28.3.1952

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Robert schreckt aus einem Albtraum hoch. Er ist nass geschwitzt, neben ihm liegt Kate. Sie sind in ihrer Wohnung, das Bett ist schmal, es gibt nur eine Decke. Sie atmet völlig ruhig, ist anscheinend in tiefem Schlaf. Robert betrachtet ihr Gesicht. Sie ist eine schöne Frau, gebildet, intelligent und sie hat Spaß am Leben.

Eine Stunde nach dem Twist verließen sie zu zweit den Club. Will war nicht beleidigt, er wünschte ihnen eine angenehme Nacht. Und so war es gekommen. Kate hat Erfahrung mit Männern, Robert mit Frauen. Sie tasteten ihre Vorlieben ab und ließen sich Zeit. Es stimmte zwischen ihnen.

Er streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht, horcht in sich hinein. Ob Kate eine Frau ist, mit der er sein Leben verbringen könnte? Ist er in sie verliebt? Er möchte sie wiedersehen, möchte sie näher kennenlernen. Ja, er ist ein wenig in sie verliebt. Aber wie steht es mit ihr? Ist er nur ein One-Night-Stand? Einer von vielen? Sie kann jeden haben, daran zweifelt er nicht.

Ihre Lider flattern, sie öffnet kurz die Augen, kuschelt sich an ihn. Ihre Haut ist warm und weich wie Samt. »Schön, dass du nicht abgehauen bist«, murmelt sie. »Hast du schon geduscht?« Sie lacht leise. »Frühstücken wir zusammen?«

»Ja«, antwortet Robert, »gerne.« Wann hat er das letzte Mal mit einer Frau morgens am Tisch gesessen? Es muss vor dem Krieg gewesen sein. Und die letzte war wahrscheinlich seine Mutter und keine, mit der er das Bett geteilt hat. Die einzige Frau, die jemals bei ihm zu Hause übernachtet hat, war die quirlige Priscilla, die nur wenige Wochen später an die Westküste gezogen war. Damit war ihre Beziehung beendet.

Es gibt Toast, Tee und Orangenmarmelade. Kate kommt aus der Nähe von London. Sie haben nicht viel geredet, aber das hat Robert erfahren. Er bestreicht den Toast mit Butter und einer dünnen Schicht Marmelade. Er beißt ab. Sie schmeckt bitter und süß zugleich. Angenehm. Er wird sich ein Glas besorgen.

Kate nimmt einen Schluck Tee aus einer zierlichen Tasse und schaut ihn aus ihren blauen Augen an. »Die Bombennächte habe ich nur von Weitem erlebt. Nachts habe ich mich mit meinen Schwestern nach draußen geschlichen. Wir waren fasziniert von dem Grollen und dem Wetterleuchten und dachten zuerst tatsächlich, es seien Gewitter.« Ihr Gesicht verfinstert sich. »Als wir wussten, was es war, konnte ich kaum noch schlafen.«

»Hast du Verwandte in London gehabt?«

Kate setzt die Tasse ab, nimmt Roberts Hand, Tränen glitzern in ihren Augen. »Elisabeth. Meine Lieblingstante. Sie haben nicht mehr viel von ihr gefunden. Eine V2.«

Robert zieht Kate auf seinen Schoss, nimmt sie in die Arme, streicht ihr über den Kopf. Sie weint leise. Robert beneidet sie darum. Er hat das Weinen verlernt. Zu viele hat er sterben sehen. Alte Freunde und neue. Und vieles hat er einfach vergessen, sein Gedächtnis hat Dinge gelöscht, die nicht zu ertragen, nicht zu verarbeiten sind. Eine Gnade, die nicht jedem zuteilwird. Aber nicht alles kann er vergessen, nicht alles will er vergessen. Er denkt an seinen Bruder, der irgendwo in Feindesland verscharrt ist. Er stellt sich das kalte Grab vor, schaudert, obwohl er weiß, dass Ted nichts mehr fühlen kann.

Kate atmet tief ein, legt ihre Hände auf Roberts Brust. »Es ist vorbei. Wir haben Glück gehabt. Meine Eltern haben überlebt und alle meine Schwestern.«

»Wie viele hast du?«

»Sechs. Ich bin die älteste.« Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. »Und du? Hast du Geschwister?«

Robert lächelt schwach. Das wäre ein guter Moment, um zu weinen, aber die Trauer ist unter einem Berg von Zorn begraben. »Einen Bruder. Er ist in der Ukraine verschollen.«

Kate bedeckt sein Gesicht mit Küssen. »Das tut mir unendlich leid«, sagt sie immer wieder. »So unendlich.« Sie beginnt erneut zu weinen, wedelt mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum, auf dem sich rote Flecken gebildet haben. »Entschuldige, dass ich einfach losflenne, aber ich kann nicht anders. Das ist so unendlich traurig.«

»Schon gut«, sagt Robert. »Du musst dich nicht entschuldigen. Es tut gut, wenn du weinst, ich kann es nicht.«

Eine Weile sitzen sie noch in Kates Küche, Robert könnte sich vorstellen, öfters hier zu frühstücken und Kate im Arm zu halten. Er hätte nicht gedacht, dass sich seine Gefühle so schnell ändern. Gestern noch wollte er nichts weiter mit einer Frau zu tun haben, was über eine gemeinsame Nacht hinausgeht, jetzt möchte er hierbleiben, bei Kate.

»Ich muss gehen«, flüstert er ihr ins Ohr. »Möchtest du mich wiedersehen?«

Sie wirft den Kopf nach hinten, lacht kurz. »Ja, gerne. Wo? Wann?«

Sie scheint überrascht, hat wohl damit gerechnet, dass sich Robert auf leisen Sohlen verabschiedet. Also ist sie vielleicht auch ein bisschen verliebt. »Am Sonntag. Wir gehen essen, danach ins Kino. Ich lade dich ein.«

Kate wird plötzlich ernst. »Bist du dir sicher?«

Robert versteht nicht, was sie meint. »Natürlich.« Er überlegt, ob sie vielleicht kein Kino mag. »Wir können auch in die Oper …«

Sie erstickt seine Worte mit ihren Lippen. »Kino ist wunderbar«, sagt sie durch die Zähne hindurch

»Ich hole dich ab. Um sechs am Abend?«

Sie müssen lachen. Wenn sie reden, die Lippen so aufeinandergedrückt, kribbelt es im ganzen Körper. Es ist wie Kitzeln von innen.

Kate strahlt über das ganze Gesicht. Zum Abschied küssen sie sich leidenschaftlich. Fast wird Robert schwach, der Duft der Nacht in ihren Haaren wirkt wie Opium. Aber er muss los, es ist schon spät, nach neun Uhr. Widerwillig macht er sich frei, noch ein Blick in ihre Augen, dann verlässt er ihre Wohnung und tritt auf die Straße. Vom Fenster aus winkt sie ihm zu, er winkt zurück, wendet sich ab, schneller, als er möchte.

Er schaut sich um und entdeckt einen Friseursalon. Fromm, gegenüber seiner Wohnung, wird auf ihn verzichten müssen. Er hat Zeit genug, und er wird nicht warten müssen. Außer ihm braucht anscheinend niemand einen Haarschnitt, aber er weiß, dass das nicht der einzige Grund ist. Viele können sich keinen leisten. Der Laden ist leer, bis auf einen schlanken jungen Mann, der auf einem der Friseurstühle sitzt und wehmütig dreinschaut, während er in einer Illustrierten blättert. Roberts Ansicht nach hat er zu viel Pomade in seinem Haar verteilt. Das scheint die neueste Mode zu sein, der letzte Chic vielleicht aus Italien. Robert öffnet die Tür, eine Klingel läutet, der junge Mann springt auf, jegliche Wehmut ist verflogen, er lächelt warm.

»Darf ich Ihren Mantel nehmen?«

»Sehr gerne«, antwortet Robert und reicht ihm den Mantel, unter dem Roberts Uniform sichtbar wird. Der junge Mann lässt sich nichts anmerken und hängt das Kleidungsstück sorgsam auf einen Bügel, streicht es glatt. Er zeigt auf den Friseurstuhl, auf dem er gerade gesessen hat.

»Wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?«

»Waschen und schneiden bitte. Kurz. Die Ohren frei, den Nacken frei.«

»Sehr wohl, der Herr.«

Robert nimmt Platz. »Da habe ich ja Glück, dass ich so schnell drankomme, Herr …«

»Nennen Sie mich Holger.«

»Gerne, Holger.«

Holger wartet einen Moment mit der Antwort, wahrscheinlich rechnet er damit, dass Robert ihm ebenfalls seinen Namen nennt. Er legt Robert den Friseurumhang an, damit die abgeschnittenen Haare nicht an seiner Uniform hängen bleiben.

»Die meiste Kundschaft kommt am Nachmittag, nach der Arbeit. Und natürlich am Samstag. Da kommen wir gar nicht hinterher. Dann ist auch mein Chef da und noch zwei Gesellen.«

Vorsichtig drückt Holger Roberts Kopf nach hinten auf die Waschschale. Er öffnet den Hahn, prüft mit der Hand, ob das Wasser die richtige Temperatur hat. Roberts Puls schlägt höher. Er bietet Holger seine Kehle, liefert sich ihm aus, ein unangenehmes Gefühl. Nur indem er sich sagt, dass ihm hier nichts passieren werde, gelingt es ihm, nicht die Muskeln anzuspannen, um den Kopf zu heben und seine Kehle wieder zu schützen. Hoffentlich dauert das Waschen nicht zu lange, er würde es gerne genießen, aber seine Instinkte lassen es nicht zu. Gut, dass er sich bei Kate hat fallen lassen und die Kontrolle hat abgeben können. Er kennt viele, die durch den Krieg impotent geworden sind. Ihm ist dieses Schicksal erspart geblieben. Dafür ereilte ihn ein anderes.

Robert versetzt sich in Gedanken nach Kentucky. Ted und er stehen vor ihrem Vater, sein Gesicht ist eine wutverzerrte Maske. Ted ist gerade zwölf geworden. Robert ist vierzehn, wird bald fünfzehn und versucht, sich gegen seinen Vater aufzulehnen. Er hat in der Stadt ein Heft gekauft, in dem leicht bekleidete Frauen abgebildet sind. Sie sind nicht einmal nackt. Mit Ted hat er sich die Bilder angeschaut, sie haben sich vorgestellt, wie es wohl ist, diese Frauen anzufassen. Vater hat sie erwischt, das Heft in Tausend Schnipsel zerrissen. Seit Minuten schimpft er, zitiert die Bibel, wirft ihnen vor, der Teufel sei in sie gefahren. Ihre Mutter kommt dazu, boxt Vater auf die Brust, hält ihm den Zeigefinger hin und sagt: »Wer ohne Fehl ist …«

Daraufhin schweigt ihr Vater und geht weg. Ihre Mutter senkt den Kopf, hebt ihn wieder, schaut den beiden abwechselnd in die Augen, ihr Blick ist weich, voller Liebe. »Ihr macht so was nie wieder, versprochen?«

Ted und Robert schwören es. An diesen Schwur hält sich Robert. Bei allem anderen, was verboten ist und er trotzdem tun will, wird er ab sofort darauf achten, nicht erwischt zu werden. Es ist ihm gelungen, und als er siebzehn ist, hat er kein Bedürfnis mehr, sich aufzulehnen.

Seine Haare sind gewaschen, Holger drückt vorsichtig Roberts Kopf wieder hoch. Üblicherweise reden Friseure beim Schneiden ununterbrochen, doch Holger ist schweigsam. Robert ist es recht. Im Spiegel beobachtet er den jungen Mann, der konzentriert arbeitet. Büschel für Büschel raschelt über den Umhang, fällt auf den Boden, es lohnt sich, Robert war seit einem halben Jahr nicht mehr beim Friseur. Kate könnte enttäuscht sein, denn sie hat sich in der vergangenen Nacht an seinen Haaren festgekrallt, sie zerwühlt in Leidenschaft, ein süßer Schmerz.

Holger bringt die letzten Schnitte an, massiert ein wenig Haarwachs ein, ganz dezent, fährt mit den Händen durch Roberts neue Frisur, kämmt sie glatt, schaut ihn im Spiegel an, lächelt selbstsicher.

»Gefällt es Ihnen?«

Er hält einen zweiten Spiegel so, dass Robert seinen Nacken sehen kann.

»Perfekt, Holger. Gute Arbeit.« Robert ist sehr zufrieden. Die Haare haben genau die richtige Länge, er hat seine Kopfform berücksichtigt und die Wirbel gebändigt, die an seinem Hinterkopf regelmäßig für Unordnung sorgen.

Er bezahlt, gibt ein üppiges Trinkgeld, Holger bedankt sich, wünscht einen Guten Tag.

Robert geht zur nächsten Wache, zeigt seinen Dienstausweis und lässt sich ein Taxi rufen. Sein Kopf fühlt sich tatsächlich leichter an, obwohl die Haare nur wenige Gramm wiegen.

Es dauert eine halbe Stunde, bis der schwarze Benz mit der weißen Linie Robert abholt. Zeit, über Kate nachzudenken oder besser nachzufühlen. Mit Bedauern und Erleichterung stellt er fest, dass die Euphorie der Nacht langsam verfliegt. Zurück bleibt Wärme und das Gefühl, mit Kate reich beschenkt worden zu sein. Würde er sie heiraten, wenn sie nun schwanger wäre? Selbstverständlich. Die Frage ist: Würde sie ihn heiraten wollen? Was bedeutete Kate ihr Zusammensein? Er wird es herausfinden, wenn es an der Zeit ist.

Das Taxi trifft ein. Robert wendet sich seiner Aufgabe zu, sagt dem Fahrer die Adresse, der daraufhin die Nase rümpft. Es geht zu den Notunterkünften am Frauenholz. Keine gute Gegend. Kyrill Dragusch ist dort gemeldet. Nach einer Dreiviertelstunde sind sie da, der Fahrer lässt Robert an einem Holzgatter aussteigen, das den Eingang zum Lager bildet. Robert gibt ihm Trinkgeld. Er bedankt sich und fährt in Richtung Innenstadt davon.

Um das Lager wurde ein Holzzaun errichtet, knapp zweieinhalb Meter hoch. Nichts, was jemanden daran hindern könnte hinaus- oder hineinzukommen, ohne kontrolliert zu werden. Man will nicht an ein KZ erinnern, aber dennoch die Bewohner klar von der übrigen Bevölkerung trennen. Hier leben Flüchtlinge und Asylbewerber, die nicht deutscher Abstammung sind und darauf warten, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten oder abgeschoben zu werden. Für viele ein Todesurteil.

Robert drückt sich an der Schlange vorbei, die im Eingang eines neu gebauten einstöckigen Hauses verschwindet. Die Verwaltung ist dort untergebracht. Einige murren, aber die meisten erkennen an seiner Uniform, dass Robert sich nicht vordrängt. Er sieht die drei Schalter, hinter denen jeweils ein Mann und eine Frau sitzen und versuchen zu verstehen, was die Leute ihnen sagen wollen. Es gibt zu wenige Dolmetscher. Am Ende des Schalterraumes liest Robert von einem Namensschild ab, dass hinter dieser Tür der Lagerleiter Klaus Soltau zu finden sei. Er klopft an.

Eine ärgerliche Stimme ruft: »Kann man denn hier nicht einmal in Ruhe zu Mittag essen?«

Robert zückt seinen Ausweis, drückt die Klinke und tritt ein. Hinter einem armseligen Holzschreibtisch sitzt ein fetter Mann, der mindestens fünfzig Jahre alt ist. Vor ihm steht ein Teller mit Klößen und Gulasch. Klaus Soltau verzieht ärgerlich das Gesicht, zeigt mit der Gabel auf Robert, als wolle er ihn zum Duell fordern. Robert hält ihm den Ausweis wie einen Schild entgegen und fragt sich, ob Soltau Nazi war. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch.

Soltau erhebt sich erstaunlich behände für seine Körperfülle, reicht Robert die Hand. »Willkommen, Major.«

Robert drückt die Hand. Sie ist trocken.

»Was kann ich für Sie tun?« Er setzt sich, zeigt auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch steht.

Robert schüttelt den Kopf. »Danke, aber ich habe es eilig. Ich muss mit Kyrill Dragusch sprechen. Er soll hier untergebracht sein.«

Soltau wirft einen Blick auf das Gulasch und seufzt.

»Sie können es ja später wieder aufwärmen«, schlägt Robert vor. »Ich habe mir sagen lassen, dass es dann noch besser schmeckt.«

Soltau lächelt. »Danke, Major, ich werde Ihren Rat beherzigen.«

Soltau geht zum Wandtelefon. Es ist ein Feldtelefon, das mit einer Kurbel betrieben wird und nicht mit dem übrigen Netz verbunden ist. Man kann nur innerhalb des Lagers jemanden erreichen.

Soltau kurbelt, wartet einen Moment, sein Gesicht legt sich in Falten, dann glättet es sich wieder. »Ja, Rudi, Klaus hier. Ich brauche einen Insassen namens Kyrill Dragusch in meinem Büro. Sofort.«

Dragusch müsste schnell gefunden sein. Die Flüchtlinge sind in Listen erfasst und Baracken zugeordnet, dürfen das Lager nicht verlassen. Werden sie dabei erwischt, fliegen sie raus aus Deutschland, nicht nur aus der amerikanischen Zone.

Soltau setzt sich wieder, schaut das Gulasch an, dann Robert.

Der nickt, Soltau schmatzt einmal, dann lässt er sich nieder und füllt sich den Bauch. Robert ist es recht, er hat keinen Grund und keinen Bedarf, mit Soltau Konversation zu betreiben. Gerade als er den letzten halben Kloß vertilgt, klopft es. Ohne auf Antwort zu warten, öffnet jemand die Tür. An Soltaus Reaktion erkennt Robert, dass es sich um Rudi handeln muss. Hinter Rudi betritt ein hagerer Mann den Raum, eingehüllt in einen abgetragenen Anzug, der ihm zwei Nummern zu groß ist. An den Füßen trägt er Arbeitsschuhe aus derbem Leder, die Schnürsenkel sind mehrfach geknotet, an Stellen, die sich durchgescheuert haben. Er ist gründlich rasiert, riecht gewaschen.

Robert zeigt auf ihn, spricht ihn an. »Kyrill Dragusch?«

Der Mann nickt.

»Vielen Dank, Herr Soltau. Aber ich muss mit Herrn Dragusch allein sprechen.« Robert lässt Dragusch nicht aus den Augen.

Soltau wuchtet seinen Leib aus dem Stuhl und verlässt ohne ein weiteres Wort mit Rudi das Büro. Robert zeigt auf Dragusch und den verwaisten Stuhl. Der Mann zögert.

»Setzen Sie sich, Herr Dragusch«, sagt Robert auf Russisch. Er mag die Russen nicht, sie sind ihm zu triebhaft und zu unterwürfig, aber er mag ihre Sprache. Dragusch ist Ukrainer. Deren Temperament ist noch überschwänglicher. »Na los, nehmen Sie schon Platz. Soltau wird es nicht erfahren, dass Sie auf seinem Thron saßen.«

Dragusch zögert einige Sekunden, dann setzt er sich so vorsichtig, als lauere unter dem Stuhl eine Mine, die durch sein Gewicht ausgelöst würde.

Robert bleibt stehen. So muss Dragusch zu ihm aufblicken. »Sie sind Kyrill Dragusch, ehemaliger Soldat der Wehrmacht?«

Dragusch nickt vorsichtig.

»Sie waren dem Bataillon Ostmark zugeteilt?«

In Draguschs Augen flackert es. Erinnerungen stürzen auf ihn ein, und Angst breitet sich in seinem Körper aus, das kann Robert deutlich sehen. Dragusch hustet, schweigt.

»Ich weiß, dass Sie in Lemberg waren. Aber Soltau weiß das anscheinend nicht. Er könnte die falschen Schlüsse ziehen und Sie ausweisen, weil er Sie für einen Nazi-Verbrecher hält, der mit gefälschten Papieren ins Land gekommen ist, und nicht für einen politisch Verfolgten.«

Dragusch spannt seine Muskeln an. Robert muss aufpassen, dass er den Mann nicht zu sehr in die Enge treibt. Er könnte auf die Idee kommen, dass nur noch Flucht ihm helfe, um dem Gefängnis oder der Ausweisung zu entkommen, die für ihn den Tod bedeuten würde. Er wird von den russischen Behörden gesucht. Angeblich wegen Mordes, aber dafür liegen keine Beweise vor. Es gibt aber eine beeidigte und beglaubigte Zeugenaussage, dass Dragusch sich geweigert haben soll, an Verbrechen in Lemberg teilzunehmen, und noch weitere Papiere, die ihn wie einen Engel aussehen lassen. »Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, haben Sie nichts zu befürchten. Wenn Sie mich anlügen, sind Sie erledigt.«

Dragusch beißt auf seiner Lippe herum. Er denkt nach, wägt die Risiken ab, versucht Robert einzuschätzen, versucht zu ergründen, vor wem er mehr Angst haben muss: vor Robert und dem CIC oder seinen ehemaligen Vorgesetzten. Dragusch senkt den Kopf, reibt sich die Schläfen. »Was wollen Sie wissen?«

Sein Russisch hat einen leichten Akzent, den Robert aus dem Süden des Landes kennt, aus Odessa, das am Schwarzen Meer liegt.

»Ich kann mir vorstellen, dass Sie das lieber vergessen möchten.«

Dragusch entspannt sich, beginnt stockend. »Ich habe nur für mein Land gekämpft. Für die Ukraine. Ich habe nichts gegen Juden.«

»Dann wären Sie ja glatt eine Ausnahme.«

Dragusch schluckt.

»Hören Sie. Wir müssen eine Absprache treffen. Sie versprechen mir, die Wahrheit zu sagen, und ich verspreche Ihnen, dass Sie straffrei ausgehen werden, dass niemand etwas von dem Teil Ihrer Vergangenheit erfährt, den ich kenne. Ich weiß, dass Sie die Juden hassen. Es gibt Geheimakten, aus denen sich das ergibt. Ich weiß, dass Sie im Verdacht stehen, am Massaker in Lemberg beteiligt gewesen zu sein, weil Sie mit dem Bataillon Ostmark unter Sigfried Heiderer als Erste eingerückt sind, nachdem die Russen geflohen waren und die Stadt geräumt hatten. Der Auftrag war klar: ethnische Säuberung. Die Juden sowieso, und dann noch jeder, der im Verdacht stand, mit den russischen Besatzern kollaboriert zu haben, vorzugsweise Polen. Dann schützt Sie auch Ihr Zeuge nicht mehr, der Sie anscheinend für einen Heiligen hält.«

Wie immer gehen Robert diese Lügen leicht über die Lippen. Menschen einzuschüchtern, ihnen Angst einzujagen, ohne sie physisch zu verletzen, ist die hohe Kunst des Verhörs. Er weiß einiges über Dragusch, aber längst nicht alles, was er gerade behauptet hat.

»Ich habe die Juden gehasst, sie hatten alles, wir nichts«, spuckt er aus. Dann senkt er die Stimme. »Aber das ist vorbei. Ich habe es eingesehen. Es war falsch. Und ich habe nicht mitgemacht.«

Dragusch wird sich nicht ans Messer liefern, er traut Robert nicht. Verständlich. Warum sollte er? »Was war falsch?«

»Was meine Kameraden gemacht haben. Juden und Polen metzeln. Aber ich und eine Gruppe von knapp vierzig Mann sind nicht ausgerückt zu den Erschießungen der Juden. Das müsste doch auch in den Akten stehen, dass es welche von uns gab, die nicht mitgemacht haben. Wir wussten, dass wir uns weigern durften. Niemand hat uns Vorwürfe gemacht, weil die SS das doch mit Vergnügen gemacht hat, wenn wir nicht wollten. Das waren echt harte Hunde, die von der SS.« Dragusch schlägt das Kreuz. »Heilige Mutter Gottes, steh mir bei«, murmelt er. »Wissen Sie, die haben auch Kinder und Schwangere umgebracht. Wir wussten das. Ich hätte das nicht machen können.«

In der Tat hat es einen schriftlichen Befehl an alle Kommandanten gegeben, dass sich Wehrmachtsangehörige, die sich an Pogromen beteiligen, unsoldatisch verhalten und die Täter vor ein Kriegsgericht gestellt werden sollen. Doch passiert ist das nicht. Der Befehl diente nur dazu, die zu schützen, die sich dem Gemetzel verweigerten. »Wer hat den Befehl zu den Erschießungen der Juden gegeben?«

Dragusch hebt erstaunt die Augenbrauen. »Ich weiß es nicht. Angeblich hat niemand einen Befehl gegeben.«

»Kein Soldat rennt einfach los und erschießt Leute. Das sollten Sie wissen.«

»Die haben gesagt, die Juden hätten Kinder mit dem Messer abgeschlachtet und den Frauen die Gebärmutter herausgeschnitten. Wir haben das nicht geglaubt und wurden abkommandiert, die Ostseite der Zitadelle zu sichern. Aber da gab es nichts zu sichern. Die Bolschewiken waren ja kampflos abgehauen.« Dragusch holt tief Luft. »Das waren gute Tage. Genug zu essen und zu saufen, und Huren gab es auch.«

»Haben Sie von dem Erschießungskommando gehört, das Spione hinrichten sollte, die versucht haben, Juden aus der Stadt zu schmuggeln?«

Dragusch steckt einen seiner Finger in den Mund und fängt an, auf dem Nagel herumzukauen.

»Also haben Sie davon gehört.« Dragusch antwortet nicht, Robert kommt ein Verdacht. »Waren Sie dabei?«

Dragusch schreckt hoch. »Nein, um Gottes willen.«

»Erzählen Sie mir, was vorgefallen ist. Wer war dabei? Dragusch, los Mann, raus damit.«

»Die sind alle tot«, flüstert Dragusch. »Vom Bataillon Ostmark hat so gut wie niemand überlebt.« Dragusch wippt mit dem Oberkörper vor und zurück, sein Blick ist starr, Schweiß bildet sich an seinem Haaransatz. Er ist bereit zu reden.

Robert zieht eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche, hält ihm das Päckchen hin. Er starrt darauf, als hätte er eine Erscheinung. »Nehmen Sie«, sagt Robert.

Mit spitzen Fingern greift Dragusch eine Chesterfield und zupft sie heraus. Robert steckt sich eine in den Mundwinkel und gibt sich und Dragusch Feuer. Sie inhalieren tief. Robert raucht normalerweise nicht tagsüber. Doch jetzt ist es ein Zeichen der Gemeinsamkeit, der Zuwendung, des Respekts, mit Dragusch zu rauchen.

Dragusch seufzt. »Die sind verdammt gut.«

Robert wirft ihm die Schachtel zu. Ohne hinzuschauen, fängt er sie aus der Luft und lässt sie in seinem Mantel verschwinden. Draguschs Reflexe sind gut. Robert würde niemals jemanden unterschätzen, der das Inferno des Krieges fünf Jahre lang überlebt und danach einige Zeit im Untergrund und im Auffanglager überstanden hat, mit der ständigen Angst im Nacken, abgeschoben zu werden. »Mein Angebot steht«, sagt Robert. »Aber nicht mehr lang.«

Dragusch zieht mehrfach schnell hintereinander an der Zigarette. »Ein Unteroffizier hat mich und zehn andere mit einem Laster hoch in den Kaiserwald gefahren. Da gibt es ein flaches Stück ohne Bäume mit Wiese. Da können Flugzeuge landen.« Dragusch schüttelt den Kopf. »Es ist verrückt, total verrückt.«

»Was ist in dem Wald passiert, Dragusch?« Roberts Anspannung wird fast unerträglich.

»Wir haben die armen Schweine abgeknallt.«

Robert verliert bald die Geduld, er spürt es, aber er muss sich zusammenreißen. Gewalt würde nicht helfen. Dragusch würde für immer verstummen. »Welche armen Schweine?«

»Ein paar Bauern, bei denen sie Waffen gefunden haben. Na ja, und die wurden an derselben Stelle erschossen, an der die Amis erledigt wurden. Angeblich während eines Gefechts, aber die waren unbewaffnet, das hat schnell die Runde gemacht. Hatten sich ergeben. Eigentlich hätten sie als Kriegsgefangene gelten müssen, obwohl die Amis noch gar nicht im Krieg waren. Die kamen erst später. Hat keine Sau interessiert. Ich hätte da nicht mitgemacht.«

Aber Bauern erschießen, die irgendeine alte Schrotflinte für die Fasanenjagd im Keller hatten. Robert hat den Wahnsinn des Krieges zur Genüge erlebt. Dragusch ist nur ein winziges Teil des kollektiven Irrsinns, der Menschen zu wertlosem Fleisch degradiert.

»Wer war der Unteroffizier, der Sie in den Wald gebracht hat?«

»Wir haben ihn nur den Verrückten genannt. Müsste doch alles in den Akten stehen. Die Deutschen hatten Berge von Akten, Lkw-Ladungen.«

»Davon ist nicht mehr viel übrig. Verbrannt. Kommt Ihnen vielleicht auch gelegen, Dragusch, oder?«

Der altgediente Kämpfer lässt sich nicht verunsichern. Er wirft Robert einen fetten Brocken hin.

»Der Unteroffizier hieß Paul Sauer. Er war Heiderer direkt unterstellt. War für die Exekutionen verantwortlich. Ein fleißiger Kerl. Aber er hat nur Befehle befolgt. Er war nicht grausam. Er hat uns befohlen, schnell und präzise zu schießen, damit niemand leiden muss. Das haben wir dann auch gemacht. War nicht immer so. Ein paar Offiziere liebten es, mit ihren persönlichen Revolvern den Fangschuss zu setzen, ins Genick. Sie haben die Angst ihrer Opfer genossen. So bin ich nicht, das müssen Sie mir glauben.«

Robert muss Dragusch gar nichts glauben. Trotzdem geht sein Atem schneller, seine Hände werden feucht. Paul Sauer. Ein Name, der ihm nicht fremd ist, den er schon einmal gelesen hat.

»Hat Sauer auch die Exekution der Amerikaner ausgeführt?« Robert bemüht sich um einen neutralen Ton, doch dieser misslingt ihm. Dragusch muss erkennen, dass in seinem Inneren ein Sturm tobt.

Der presst die Lippen aufeinander, sieht Robert trotzig an. »Ich habe nur Befehle befolgt. Ich schwöre es.«

Dragusch hat Roberts Reaktion tatsächlich missverstanden. Er wird sein Wort halten. Was immer ihm Dragusch auch erzählt, es wird ihm nicht zum Nachteil gereichen. Robert geht es um Sauer. Der Name taucht in den Akten auf, er gilt als verschollen. Was weiß Dragusch noch? Welche Namen stecken in seinem Kopf? Ist alles nur Lüge?

»Kein Sorge, ich halte mein Wort, Dragusch. Sie sind mein Informant und damit stehen Sie unter meinem Schutz. Und glauben Sie mir, mein Arm reicht weit.«

Dragusch steckt sich eine neue Zigarette an der alten an, zieht gierig. Schließt die Augen. »Wissen Sie, warum Sauer und ich überlebt haben?«

Dragusch öffnet die Augen halb, Robert sieht nur die fast schwarze Iris. Es sieht falsch aus.

»Wir haben nie Fragen gestellt, haben getan, was wir tun mussten, nicht mehr und nicht weniger. Das ist heute nicht anders.«

Robert muss ihm widerwillig recht geben. Oft hat er mit schlechtem Gewissen einen Haken gesetzt, um einen Nazi reinzuwaschen. Aber es gab Fälle, bei denen er sich geweigert hat. Mit dem Unterschied, dass Dragusch ein Sandkorn ist und er der Sohn eines Kriegshelden.

»Wo ist Sauer?«

Robert kann seine Ungeduld kaum unterdrücken. Sauer wäre vielleicht ein glaubwürdiger Zeuge, der gegen Heiderer aussagen würde, um seine eigene Haut zu retten, oder der ihn zu dem Archiv führen könnte, das die Beweise gegen Heiderer hütet. Vielleicht.

»Er hat seine Marke irgendwo hingeworfen, wo man sie entdecken musste. Deswegen gilt er als vermisst. Wenn er nicht abgehauen ist, finden Sie ihn in Berlin. Da haben wir uns siebenundvierzig das letzte Mal gesehen. Ich war im Durchgangslager, er hat mir geholfen, hat mir Geld gegeben, Zigaretten und Fusel. Er war ein guter Kamerad. Er ist Deutscher, hat keine Probleme gehabt. Ein echter Glückspilz. Was er macht, weiß ich nicht.«

Und dennoch gilt Sauer als verschollen. Er muss getrickst haben. Oder er hatte gute Verbindungen. Sauer muss wissen, ob Heiderer den Befehl zur Erschießung seines Bruders gegeben hat oder nicht. Robert wird nach Berlin fahren und alles prüfen und er wird dafür sorgen, dass Dragusch hier sicher verwahrt bleibt, vielleicht braucht er ihn noch. Er wird ihn beobachten lassen, und wenn er gelogen hat, dann wird er ihm die Hölle heißmachen.

»Okay, Dragusch. Ich werde Ihre Angaben prüfen. Bis dahin sind Sie hier gut aufgehoben. Ich werde dafür sorgen, dass man anständig mit Ihnen umgeht. Und dass man auf Sie achtgibt.«

Dragusch steht auf, sein Blick verrät Misstrauen, aber er hat keine Wahl, außer zu hoffen. Er reicht Robert die Hand, sie ist fast so knochig wie die eines Insassen eines Konzentrationslagers. Er öffnet die Tür, blickt sich um und sagt: »Man müsste nur die Akte Heiderer finden, sie ist irgendwo da draußen, aber das geht ja nicht.« Dann ist er weg.

Soltau kommt herein, setzt sich wieder auf seinen kleinen Thron. »Und? Was erreicht?«

»Ich brauche Dragusch noch. Sie sorgen dafür, dass es ihm gut geht. Und ich will, dass Sie ihn beobachten. Mit wem hat er Kontakt? Fragt jemand nach ihm? Alles, hören Sie?«

Soltau nickt.

Robert glaubt, dass Soltau noch eine kleine Ermunterung braucht. »Wenn das schiefläuft, wenn Dragusch abhaut oder er stirbt, haben Sie die längste Zeit hier Gulasch gegessen. Klar?«

Soltau sitzt stumm da, er glotzt nur und nickt. Robert kehrt ihm den Rücken, geht an den Schaltern vorbei, tritt ins Freie, die Schlange ist länger geworden, Militärpolizisten passen auf, dass keiner abhaut. Blauer Himmel spannt sich über das Land. Etwas abseits entdeckt Robert Dragusch, der eine seiner Chesterfields raucht und ihn ausdruckslos ansieht. Robert macht sich auf den Weg zur nächsten Tramstation. Er braucht Zeit zum Nachdenken. Das Gefühl, dass Dragusch ein Schauspieler ist, lässt ihn nicht los.

Das Archiv des Teufels

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