Читать книгу Die Burnout Lüge - Martina Leibovici-Mühlberger - Страница 9
Wenn der Vorhang fällt
ОглавлениеMargret ist 46 Jahre alt und am Ende, wie sie gleich zu Beginn festhält. Ihr Blick spricht von Flucht vor einem unsichtbaren Feind, dem sie sich schon längst ergeben hat. Zur Konsultation kann sie nur in Begleitung ihres Mannes Robert erscheinen, der drei Jahre älter als Margret ist und die Terminvereinbarung an ihrer Stelle getroffen hat. Sie hätte, so erklärt sie, das nicht mehr geschafft. Auch besteht sie darauf, dass Robert sie ins Sprechzimmer begleitet, ein Wunsch, den er ihr etwas widerstrebend erfüllt.
Etwa zur Mitte der Sitzung schicke ich ihn hinaus. Es wird deutlich, dass Robert von der Situation mit Margret bereits sehr konsumiert ist, ihm das Ganze selber schon gehörig zugesetzt hat und ganz dringend etwas geschehen muss, weil er sonst nicht mehr weiter mitspielt. Dabei wirken die beiden auf den ersten Blick wie ein durchschnittliches Paar in den mittleren Jahren. Ein Paar, das sich einen gewissen Lebenswohlstand und fast schon Unabhängigkeit von den beinahe erwachsenen Kindern erarbeitet haben könnte, in gesicherten beruflichen Positionen ohne Turbulenzen untergebracht erscheint und dessen größte Herausforderung nun in einer optimalen Gestaltung dieser mittleren Jahre liegen könnte. Auch wenn vieles diesen ersten Eindruck zu bestätigen scheint, ist es bei näherer Betrachtung doch ganz anders und beinhaltet viel mehr als eine Krise zwischen Margret und Robert.
Dabei war Margret, die Frau, die mir jetzt mit fettigen, ungewaschenen Haaren gegenübersitzt, eigentlich immer eine „brave“ Frau gewesen. Genauso, wie sie zuvor ein „braves“ Kind war, das seinen Eltern wenig Probleme bereitet und nach der Matura rasch begriffen hatte, dass es viel aussichtsreicher ist, in den Staatsdienst einzutreten, statt ihrem brennenden Interesse für Pflanzen mit einem Botanikstudium oder ähnlich wirren Ideen nachzugeben. Das bestätigte sich auch durch die recht frühe Ehestandsgründung mit Robert und die rasch aufeinanderfolgenden Geburten der beiden ersten Söhne, die heute beide sehr erfolgreich studierten. Als Finanzbeamtin trug Margret zwar unspektakulär und freudlos, jedoch planbar und zuverlässig zum Familieneinkommen bei, seit der jüngere Sohn in die Schule eingetreten war.
Erwartungen zu erfüllen, war immer Margrets oberste Maxime. Das lässt sie nach außen zielorientiert bis ehrgeizig sowie genau und zuverlässig wirken und bereitet ihr im Inneren beständigen Stress. Im Amt nimmt sie eher eine Außenseiterposition ein. Ihre Rolle als „Finanzprüferin von Unternehmen“ setzt ihr enorm zu. Nirgends fühlt sie sich willkommen, beständig hat sie das Gefühl, dass man ihr ausweichen, etwas vor ihr verbergen will. Ihre Arbeitsbelastung steigt beständig an, da es ihr äußerst schwer fällt, sich gegen Kollegen abzugrenzen, ebenso der „Erfolgsdruck“ und die Vorgabe, unnachgiebig zu sein. Die Organisation des Familienlebens lastet zusätzlich nahezu vollständig auf ihren Schultern, die Erziehung von inzwischen drei Söhnen inklusive. Robert hat seinerseits mit dem Thema Abgrenzung keine Probleme, seine Hobbys sind ihm heilig und, wie Margret meint, wichtiger als sie. Als der jüngste Sohn eine sehr schwierige Pubertät durchlebt, in der Maturaklasse vorzeitig ohne Abschluss von der Schule geht und sie dafür von Robert wegen ihrer Nachgiebigkeit als Verantwortliche gesehen wird, beginnt ihr Leben aus den Fugen zu geraten. Der Finanzdruck, um die Kreditraten für das Einfamilienhaus, die Lebenskosten der drei noch wirtschaftlich abhängigen Söhne und die Erhaltung von Roberts Segelboot, das an der kroatischen Küste ankert, zu bestreiten, ist die Eintrittspforte für einen Kreislauf von Ängsten, Schlafstörungen und zunehmenden Überforderungsgefühlen. Im Amt fühlt Margret sich ihren Anforderungen nicht mehr gewachsen. Ihre Genauigkeit, ja ihr Perfektionsstreben, konsumiert zu viel Zeit. Sie beginnt, offene Akte mit nach Hause zu nehmen, ursprünglich, um diese in der Freizeit zu bearbeiten. Doch daraus wird nichts. Auch daheim scheinen die Wogen des Unerledigten immer mehr über ihr zusammenzuschlagen. Ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Leere macht sich in ihr als Grundeinstellung breit. Beständig oszilliert sie zwischen Krankenstand und ein paar wenigen Tagen im Amt hin und her. Daneben quälen sie nervöse Durchfälle und Zitteranfälle. Der Stapel der unerledigten Akten wächst auf ihrem Nachttisch und neben ihrem Bett. Schließlich erträgt sie es nicht mehr und lagert die Finanzakten in den Gartenschuppen aus, wo sie von Robert knapp vor unserem ersten Termin gefunden werden….
Anka, 52 Jahre alt, im Hauptberuf Stationsschwester auf einer chirurgischen Abteilung und ansonsten, wie sie meint, 24-Stunden-Pflegekraft für ihren Partner, bringt Michael, 56 Jahre alt, in meine Praxis. Nach zehn Jahren Beziehung mit ihm kann sie einfach nicht mehr weitermachen und gleichzeitig weiß sie nicht, wie sie aussteigen soll. Sie selbst fühlt sich schon seit geraumer Zeit dem eigenen Zusammenbruch nahe. Eigentlich hätte das eine Paartherapie werden sollen…
Michael war praktischer Arzt, bis er vor zehn Jahren, gerade als er Anka kennenlernte, in Konkurs ging. So wie er vor mir sitzt, mutet es an, als müsse dies in einem anderen Leben gewesen sein. Wir sind per Du, entscheidet er kurzerhand und fällt sofort in einen Ton kollegialer Vertrautheit. Sein Haar ist dünn und strähnig und gibt den Blick auf ein breitflächiges Hautekzem auf der Kopfhaut, das sich bis auf die Stirn ausgebreitet hat, frei. Auch auf den Armen und seinen nackten Beinen, die aus knielangen Shorts ragen, stehen zahllose Pusteln und entzündete Kratzspuren eines juckenden Ausschlags in Konkurrenz miteinander. Während er mit einem etwas singenden Tonfall spricht, tauchen immer wieder ein paar verbliebene dunkle Zahnstummel auf. Die Zeige- und Mittelfinger beider Hände sind tief nikotingelb verfärbt und haben hartnäckige Schmutzspuren unter den Nägeln. Anka hat sich sicher Mühe gegeben, ihn auf Vordermann zu bringen und ihn in sauberes Gewand gesteckt. Aber der Mann ist ungepflegt, hat seine Körperhygiene im Sinne eines eigenen Anliegens längst abgeschrieben. Er ist ein eindeutig „Verloschener“. Egal, was er einmal war, heute sind nur mehr ausgebrannte Ruinenreste auf dem Weg zum endgültigen physischen Kollaps geblieben. Unruhig nestelt er an seiner Kleidung oder der Polsterung meines Sprechzimmersofas herum, während er erzählt. Eine Riesenpraxis hat er geleitet, die größte im Bezirk, bis zu 120 Patienten pro Tag, drei Ordinationshilfen. Ich nicke anerkennend, und er traut mir zu, einschätzen zu können, was das bedeutet. Daneben Rettungsarzt, Schularzt, als Konsilar die Betreuung eines Pensionistenheims und ein paar andere Nebentätigkeiten. Was sich eben so anbot. Dreimal verheiratet. Das kostet. Er macht eine Pause, bevor er die Details des Scheiterns dieser Ehen und die damit verbundene Kostenschätzung ausrollt. Ein Sohn, noch aus der Turnuszeit. Eine der üblichen Krankenschwesterngeschichten, winkt er ab, nichts Fixes, aber er hat immer pünktlich seine Alimente gezahlt, bis vor wenigen Jahren. Der Sohn hat schließlich lange studiert. Dreimal hat er ihn in seinem Leben gesehen. Früher wollte er nicht, war zu beschäftigt, jetzt hat der Sohn zu viel zu tun.
Sein Zustand ist Michael bewusst. Aber da kann man nichts mehr machen, meint er. Er fühlt sich wie ein leerer Sack, auch wenn er mehr nach dem Gegenteil aussieht, wobei er auf seinen aufgeschwemmten Bauch klopft. Das ist der Alkohol, gibt er freimütig zu. Braucht er zum Schlafen, gemeinsam mit einer Latte von entsprechenden Medikamenten. Er kennt sich da aus und ein paar Apotheker im Umkreis geben ihm, was er braucht. Schließlich haben die Knaben ja viele Jahre gut an seinen Verschreibungen verdient. Mit mir geht’s bergab, meint er in einer seltsam sich selbst entfremdeten Art. Drei Lungenentzündungen vergangenen Winter, keine Widerstandskraft mehr, die Niere spielt auch nicht mehr lange mit und die Ekzeme vergehen selbst unter antibiotischer Dauermedikation, die er sich selbst verordnet hat, nicht mehr. Er kratzt sich aufwändig und ungeniert am Kopf, und Hautschuppen und Teile der Verkrustungen landen auf der Polsterung. Im Prinzip geht gar nichts mehr. Bis er aus dem Bett kommt, ist früher Nachmittag, dann zwei Stunden bis er sich so einigermaßen betriebsfähig fühlt, vielleicht ein Einkauf bei einem Diskonter, dann warten auf Anka, aber da hat er schon lange die erste Flasche aufgemacht…
Sechs, zugegeben ausgesuchte, Fallgeschichten aus meiner Praxis. Sechs Lebensgeschichten nenne ich das lieber, obwohl ich mit dem Nomenklaturwechsel von „Fallgeschichte“ zu „Lebensgeschichte“ das professionelle Terrain der Ärztin und Psychotherapeutin zu verlassen drohe und auf etwas schlüpfrigen Boden gelange, wenn ich nicht mehr in erster Linie die Person als Fallgeschichtenträger sondern auf sehr persönliche Art einen Menschen mit seinem Erleben vor mir sehe.
Wenn wir Mediziner uns einem Sachverhalt nähern, und das kann dann auch eine Erkrankung, ein ganzer Körper, beziehungsweise ein Teil davon sein, oder auch ein Patient, so erfolgt dies auf beschreibende Art. Diesem deskriptiven Modell haftet der Nimbus von Objektivität, Mess- und Wägbarkeit, also nach landläufiger Meinung von Wahrheit an. Außerdem schafft es Distanz zum Gegenüber. Auf diese Art bringen wir Licht ins Dunkel des Geschehens, denn diesem reduktionistisch-mechanistischen Ansatz liegt die Idee zu Grunde, dass, wenn wir alles immer weiter bis in seine Einzelteile, möglichst bis ganz runter auf atomare oder gar subatomare Ebene zerlegen und beschreiben, es also katalogisieren, wir die letztendliche Erkenntnis zum „So-sein“ des vorliegenden Dings vor uns liegen hätten.
Diese Überzeugung hält eine Menge Vorteile bereit, allerdings auch ein paar gravierende Nachteile. Doch es ist wie mit Versicherungsverträgen. Auf den ersten Blick eröffnet sich alles als gefügt und sicher, nahezu ideal, die deckungsfreien Eventualitäten finden sich nur im Kleingedruckten, das man erst dann liest, wenn es zu spät ist. Der Faszination, mithilfe dieses Denkmodells Kontrolle und Sicherheit, ja letztendlich Macht über Erkrankungen zu erlangen, entzieht man sich als Arzt nicht leicht, noch dazu wo doch die meisten von uns in ihrer psychischen Grundstruktur in der einen oder anderen Art eine vergleichsweise hohe Sehnsucht gerade nach dieser Macht mitbringen.
Außerdem kann man sich Fallsammlungen anlegen, über die Liebe zur Klassifikation scheinbare Ordnung schaffen, eine gemeinsame kollegiale Fachsprache entwickeln, an den Kanten dieses Modells immer weiter forschen und sich dabei habilitieren und bei Kongressen zum Wohl der versammelten Ärzteschaft und der abwesenden Patienten berichten. Es wundert also nicht, dass das Studium der Medizin, die ja bekanntlich heute unbestritten zu den Naturwissenschaften zählt, sein Jungvolk bereits vom ersten Tag an genau auf dieses Modell einschwört. Auf die Bibel des reduktionistischen Mechanismus muss der unbedingte Treueeid abgelegt werden. Wer hier zweifelt ist ein Ketzer, der die Klippen hinuntergestoßen wird. Und dabei hat die Medizin doch einmal ars medicinae geheißen…
In anderen Worten gesprochen: der Anilinarbeiter, der gegen Ende seiner Berufslaufbahn Hodenkrebs bekommt oder der schwere Raucher mit seinem Emphysem, das die Zielsetzung in den ersten Stock zu gelangen einer Mount Everest Besteigung gleichsetzt, sind uns lieber als die 38-jährige schlanke Nichtraucherin, deren plötzliche Beschwerden von einem Lungenkarzinom herrühren, obwohl wir bei ihr nicht einmal eine genetische Prädisposition ausmachen können. Die beiden ersten Fälle entsprechen unserem Kausalverständnis und Denkmodell von Krankheitsverursachung, der letzte Fall lässt uns ratlos zurück und ist uns peinlich. Burnout ist deshalb eine harte Herausforderung an unser Medizinestablishment, ja, wie keine andere Erkrankung eine laute und deutliche Infragestellung des unserem Denkmodell zu Grunde liegenden Paradigmas.
Das beginnt schon mit der Diagnose, also dem Versuch einer eindeutigen Feststellung, was Burnout wäre und was etwas anderes, zum Beispiel eine Depression sei. Der britische Taxonom John S. Kendall soll einmal gemeint haben, dass die Taxonomie (die systematische Erfassung der in der Natur vorkommenden Lebewesen und Strukturen, vergleichbar mit einem riesigen Karteikasten, in dem alles sein systematisiertes Fach erhält) die Kunst wäre, die Natur an ihren Gelenken zu zerteilen. Um in diesem Bild zu bleiben, stellt sich beim Burnout ganz rasch die Frage: Wie zerteilt man eine Qualle an ihren Gelenken?
Abgerichtet nach der verbindlichen Denkstruktur aller jungen Ärzte, wenn auch mit heimlichen Zweifeln, die mich immer ein wenig in den Gärten der neuen psychotherapeutischen Schulen grasen ließen, näherte ich mich ursprünglich dem Verständnis von Burnout mit der geforderten logischen, deskriptiven Methodik. Das heißt, ich stellte mir bei meinen PatientInnen die Frage, ob die „richtigen Symptome“ zu erheben wären, die die entsprechenden Kriterien eines Burnouts befüllen konnten, verglich, was bei den einzelnen Fällen gleich und was anders und eventuell ein Ausdruck von Variabilität wäre, ohne damit schon aus dem Diagnosekatalog herauszuragen, und versuchte das Phasenhafte, das mir besonders wesentlich im Hinblick auf die Prognose erschien, zu erfassen.
Ein genauso faszinierendes wie gleichzeitig frustrierendes Unterfangen, denn immer wieder schienen mir die mühsam herausgearbeiteten Gesetzmäßigkeiten anhand eines „neuen Falls“ zwischen den Fingern zu zerrinnen. Es war wie Spiegelfechterei. Kaum hatte ich scheinbar eine verbindliche Regelmäßigkeit isoliert und beim Schopf gepackt, entwand sie sich meinem Zugriff wie ein Aal und es blieben wieder nur unspezifische Gemeinplätze, wie die „Arbeitsüberlastung“ über. Gleichzeitig war die Diagnose Burnout bei jedem Patienten eindeutig zu stellen. Es ging mir genauso wie Richard Bolles, der einmal zugab: „Burnout ist wie Pornographie. Ich weiß nicht genau, ob ich es wirklich definieren kann, aber wenn ich es sehe, erkenne ich es sofort.“
Doch warum dieser Mensch und warum an diesem Arbeitsplatz? Wenn man einen Faden einer gewissen Zugkraft aussetzt, die seine Tragfähigkeit übersteigt, so reißt er irgendwann planmäßig. Das lässt sich todsicher immer wiederholen und zwar mit jedem Fadenstück desselben Knäuels beim immer selben Belastungsmaximum. Das galt aber nicht für alle Beschäftigte ein und desselben Unternehmens. Und was der eine als Arbeitsüberlastung beschrieb, bedeutete für den nächsten noch gar nicht einmal richtig in die Gänge gekommen zu sein. Eine klare Dosis-Wirkung-Beziehung war also nicht auszumachen.
Zumindest schien sich für mich in meiner persönlichen Hypothesenbildung ein nachvollziehbarer und erwartbarer Stadienablauf abbilden zu lassen. Warum wer wann und in welchem Berufskontext an Burnout erkrankte, blieb mir zu diesem Zeitpunkt wie allen anderen, die nicht bereit waren, sich mit Schnellschüssen zufriedenzugeben, zwar weitgehend noch ein Mysterium. Aber wie diese Erkrankung verlaufen würde, welche Phasen sie durchlief und wo ihr Endpunkt liegen würde, das und eine damit verbundene Ernsthaftigkeitseinschätzung für den Therapieansatz ließ sich wenigstens immer deutlicher umgreifen.