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Kapitel 2

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Kersten Kramer arbeitete als Banker in einem der renommiertesten Geldhäuser in der Frankfurter Innenstadt. Er war sehr zielstrebig, eifrig und voller Elan, was seinen Beruf in der Branche anbelangt. Finanzen spielten schon immer bei ihm eine große Rolle, war es doch eines seiner Tagesgeschäfte, in einem Geldinstitut mit annähernd zweitausend Mitarbeitern global und zugleich flexibel zu agieren. Sein Aufgabengebiet umfasste nicht nur das Investment Banking, wie die Börsianer sagen, sondern auch die Marktanalyse zu globalen Handelsbilanzen auf dem Rohstoffmarkt.

Wegen seinem freundlichen und zuvorkommenden Auftreten gegenüber dem Vorgesetzten, traute ihm so mancher einen höheren Posten zu, wenngleich das Machtgefüge unter den Bankangestellten in der Branche zeitweise für Zündstoff sorgte. Oftmals entflammten in der Finanzwelt des Bankhauses Machtkämpfe, wer denn nun den lukrativsten Deal für sich vereinnahmen konnte. Aber auch hier gab es klare Regeln, die notwendigerweise den Frieden im Geldhaus bewahrten. Gelegentlich kam es vor, dass das Bankhaus auch negative Tagesbilanzen auswies, dies war aber nur sporadisch der Fall, wenn der sogenannte Hexensabbat eine übergeordnete Rolle spielte.

Natürlich gehörte es auch zum jeweiligen Tagesgeschäft, vor Ort auf dem Finanzplatz der

Hausbank in London präsent zu sein. Gerade das war von Vorteil, weil der Finanzplatz in London einen hohen internationalen Stellenwert hat. In vielerlei Hinsicht jedoch konnte man dem Finanzplatz in London durchaus etwas Markantes abgewinnen, was mit der Popularität am Wirtschaftsstandort zusammenhing.

Nahezu jede Woche gab es mitunter nervenaufreibenden Sitzungen, die in dem Bankhaus in Frankfurt bis spätabends oftmals für Furore sorgten. Ein jeder verabscheute diese Sitzungen, weil er nicht wusste, ob er beim Namen genannt wird. Neben Englisch und Deutsch sprach Kersten vor allem die Sprache der Finanzwelt und die hatte es in sich. Derivate, Futures und Zertifikate standen da an erster Stelle. Auch wenn es nicht immer ums einzelne Tagesgeschäft ging, so musste aber grundsätzlich die Ausrichtung stimmen. Neben einem Grundsalär erhielt Kersten eine monatliche Provision, sowie branchenübliche Bonuszahlungen, die vom Geschäftsfeld seiner Tätigkeit abhängig waren.

Einmal im Monat flog Kersten von Frankfurt am Main nach London, um die Finanzgeschicke des Bankhauses bei der Muttergesellschaft dort zu thematisieren. Keine leichte Aufgabe für einen Mann Ende dreißig, der zudem verheiratet ist und noch ziemlich am Anfang seiner Karriere stand. Im Laufe seines Berufslebens hatte er sich erst spät dazu entschlossen Banker zu werden. Das Bankgewerbe war sein ein und alles.

Den Kollegen aus London war die Übermacht “Made in Germany” schon immer ein Dorn im Auge, aber sie wussten auch, dass es im globalen Wettbewerb dazu keine Alternative gab. Kersten hatte es sich zu eigen gemacht, dass operative Geschäft von dem übrigen zu trennen, was ihm mehr Handlungsspielraum ermöglichte. Das Auf und Ab an den Aktienmärkten machte Ihn aber sichtlich nervös, waren doch die Zinsen schon seit ewiger Zeit im Keller. Für gewöhnlich musste Kersten zahlreiche Überstunden schrubben, die er dann und wann abbummeln konnte, wenn seine Vorgesetzten dafür grünes Licht gaben. Daher gönnte er sich hin und wieder eine Auszeit in der Metropole London, die er gelegentlich zum Shopping nutzte. Seine adretten Maßanzüge besorgte er sich fast ausschließlich in einem Fachgeschäft in der Londoner Innenstadt, weil er der Auffassung war, dass die Preise in Frankfurt teils über dem Niveau lagen. Die Stofffarbe, die Gütequalität und das Markenzeichen des Smokings spielte dabei eine ausschlaggebende Rolle. Zu dem jeweiligen Anzug musste auch die Farbe der Krawatte passen, denn die war sozusagen die Visitenkarte eines jeden Bankers. Charlotte half hier schon mal bei jeder Gelegenheit und bei der passenden Auswahl. Lediglich knallrote Krawatten mochte Kersten überhaupt nicht, waren sie doch von der Farbe her zu demonstrativ.

Am Trafalgar Square unweit vom Westminster sah Kersten plötzlich eine Gruppe von Demonstranten auf sich zukommen, die lautstark Ihren Unmut über die britische Regierung äußerten. Es waren Forderungen über den Verbleib in der Europäischen Union, den das Vereinigte Königreich schon seit geraumer Zeit in zwei Lager spaltete. Vor allem junge Leute mischten sich unter die etwa hundert Demonstranten, die ohne Ausschreitungen verlief. Kersten machte sich Sorgen um seinen Job in London, der maßgeblich davon abhing, dass Großbritannien in der Europäischen Union verbleibt. Würde der Finanzplatz in London wegfallen, wäre auch seine Karriere ernsthaft in Gefahr. Vom Westminster bis zum Southbank Centre waren es ungefähr zehn Fahrtminuten, die er von dort mit der Underground Bahn zurücklegte. Kersten wurde von einem Interessenten aus Shanghai zu einem Geschäftsessen in ein nahes gelegenes Hotel eingeladen. Bis zur Verabredung um zwölf Uhr Ortszeit mittags hatte er noch genügend Zeit um in aller Ruhe seine Mails zu checken.

Die Bankenaufsicht hatte Unregelmäßigkeiten beim Kauf und Verkauf von Aktientitel durch Großaktionäre in seiner Bank festgestellt. Diesen Grundsatz galt es vehement auszuräumen. Schließlich glaubte er innerlich daran, dass die Bankenaufsicht im Irrtum ist. Denn Unregelmäßigkeiten waren ihm noch nicht aufgefallen. Gleichzeitig ging es ihm aktuell darum, auf dem Handelsmarkt der Rohstofffonds Neukunden zu gewinnen. Gerade in diesem Segment hatte es bis vor kurzem einige Leerverkäufe gegeben. Der Gold- und Silberpreis war zuletzt stark gestiegen, aber andere Metalle wie Kupfer oder Palladium unterlagen teils heftigen Kursschwankungen. Hinzu kam noch der rückläufige Bedarf nach Aluminium und Stahl. Sowohl der Markt, als auch die Nachfrage nach den Rohstoffen für die unterschiedlichsten Industriezweige bestimmten den Preis, wenngleich die Weltkonjunktur etwas lahmte, so sah sich Kersten ständig getrieben, im Wettlauf mit der Zeit.

Sein Geschäftspartner wartete schon in der Hotellobby, als er die gläserne Drehtür zum Eingang des Hotels durchschritt. Der Gast aus Shanghai grüßte freundlich und lud ihn zum Essen ein. Der Gastgeber aus der VR China war Teil eines Konsortiums, die sich für den Kauf rentabler Stahlkonzerne in Deutschland interessierten. Die Volksrepublik China und auch Indien beherrschten schon seit langem, mit Hilfe von staatseigenen Subventionen den globalen Markt im Stahlsektor. Besonders die Europäischen Stahlerzeuger litten unter der teils schwachen Nachfrage und den staatseigenen Subventionen aus China. Der Überschuss an Stahlerzeugnissen erschütterte zeitweise die Weltmarktpreise, die sich von den Turbulenzen der letzten Jahre noch nicht wieder erholt hatten. Angesichts enormer Überkapazitäten in der

Stahlindustrie rechnete Kersten damit, dass diese Entwicklung eine weitere Konsolidierung durchlaufen wird. Flexibilität war hier also gefragt, in einer Branche, die sich durchaus im Zickzack Kurs befand. Neben dem Stahlsektor interessierten sich die Chinesen vor allem für Hochtechnologie “Made in Germany”, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Auch hierfür gab es anteilseigene Kaufoptionen verschiedener Interessenten aus dem Reich der Mitte. Die im Raum stehenden Kaufoptionen des Chinesen überzeugten Kersten vorerst noch nicht. Er wollte Sicherheiten für eine Anlage in Form von Aktien. Auch das Kartellamt müsste im Falle eines Kaufes, der Übernahme vollends zustimmen, schließlich ging es ja um einen dreistelligen Millionen Deal. Um seinen Gastgeber zu ermutigen, brachte er aus seinem Portfolio gleich drei Rohstofffonds mit ins Gespräch, die er sicherheitshalber von einer Datei aus seinem Londoner Büro kopiert hatte. Denn Rohstofffonds waren sein Markenzeichen, mit denen er sich bestens auskannte. Immer wieder kam es vor, dass man ihn um Rat fragte, oder aber auch nur Anfragen zum aktuellen Börsengeschehen stellte. Der Chinese stellte ihm Fragen zu den Renditen der einzelnen Fonds, auf die Kersten stets eine passende Antwort fand. Langfristige Anlagen seien eben lukrativer, weil dadurch auch vorübergehende negative Bilanzen ausgeglichen würden. Es ermangelte ihm auch nicht die Risiken zu erwähnen, die mit einem solchem Kauf verbunden waren. Der Gast aus Shanghai versicherte ihm, dass er über die Angebote erst nach Rücksprache mit den Kollegen vom Investment Trust in China Entscheidungen treffen kann. Aber vorrangig ging es dem Chinesen um den Kauf eines Stahlkonzerns im Rhein-Neckar-Raum. Der Wertpapierhandel ist ein nahezu unüberschaubarer und mitunter komplizierter Markt mit hohem Risiko. Aber wer träumt nicht davon, das große Geschäft seines Lebens zu machen. Der Chinese stellte vorerst keine weiteren Fragen zur Bonität bei einem fragwürdigen Kauf von Aktienanteilen, ließ aber wissen, dass er sich von dem Angebot inspiriert fühle und dem Wunsch nach einer feindlichen Übernahme des Stahlkonzerns Nachdruck verleihen möchte. Einig war man sich hinsichtlich der Börsennotierten Werte am Aktienmarkt, da einige dieser Titel völlig unterbewertet schienen. Mit einem durchaus gemischten Gefühl voller Hoffnung und Zuversicht verabschiedete sich Kersten von seinem Gastgeber aus Shanghai. Der Weg danach führte ihn anschließend zur nächstgelegenen Underground Station, von wo aus er die Zentrale des Londoner Bankhauses nach nur wenigen Schritten erreichte. Die Geschäftstätigkeit innerhalb des Bankhauses war allgegenwärtig zu vernehmen. An manchen Tagen herrschte ein regelrechtes Chaos, weil die Aktienmärkte durch das ständige Auf und Ab für Nervosität sorgten. Brian leitete als Mitglied des Vorstandes jenes Bankhaus, für das Kersten auch in London arbeitete. Des Öfteren musste sich Kersten von einigen Vorstandsmitgliedern aus London anhören, dass seine Bemühungen in den zuständigen Geschäftsfeldern moderat ausfielen. Das war auch eines der Gründe, weshalb sich untereinander ein Kräftemessen entwickelte, was an dem kollegialen Verhalten ums Miteinander zerrte. Auch gab es in der Bank sogenannte Überflieger, die sich zwar an den Marktwerten orientierten, aber oft genug für Furore sorgten, angesichts mangelnder Erfahrungen und dann wie Heuschrecken über einzelne Aktientitel herfielen. Andere wiederum versuchten mit ambitionierter Gelassenheit auf Kursschwankungen zu reagieren, indem sie auf langfristige Erfolge setzten. Ihre Aufgaben erledigten sie oft verschwiegen und routiniert.

Es dauerte nicht lange bis Brian sich bei Kersten am Arbeitsplatz meldete.

>>Kennen sie schon die aktuellen Meldungen aus der Stadt Frankfurt am Main?<<, fragte Brian.

>>Nein<<, entgegnete Kersten.

>>In dem Bankhaus in Frankfurt gab es offenbar Unregelmäßigkeiten im Backoffice….<<.

Geschockt saß Kersten auf seinem gepolsterten Lehnstuhl und brachte kein Wort über die Lippen. Wie konnte das sein, hatte er doch nie etwas von Unregelmäßigkeiten aus dem Umfeld seines Kollegenkreises gehört. Er mutmaßte ganz und gar, dass es sich hierbei lediglich um eine Falschmeldung handeln könnte, denn die Finanzierung im Bankhaus war stets konsolidiert. Anders verlautende Meldungen waren ihm fremd. Einen Augenblick später zeigte Brian ihm einen Auszug aus der aktuellen Ausgabe einer Abendzeitung. Eifrig studierte Kersten die Meldung, die zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam. Es war die Rede davon, dass das Bankhaus in Frankfurt am Main auf faulen Krediten saß, die das Eigenkapital der Bank um einiges übersteige. Noch nie habe er derartige negative Schlagzeilen zur Kenntnis nehmen müssen. Brian zeigte sich unentschlossen, dachte aber zugleich über eine Kapitalerhöhung oder Finanzspritzen ausländischer Geldgeber nach. Notfalls müsse eben der deutsche Staat eine Bürgschaft leisten, um die Bank vor einem exzessiven Untergang zu bewahren. Auch eine Akkreditierung des börsennotierten Wertpapierhandels schloss Brian nicht mehr aus, um letztendlich das Bankhaus vor allzu großen Kursschwankungen zu bewahren. Eine interne Revision hatte den Fall öffentlich gemacht, was Kersten dazu veranlasste, noch sorgsamer als sonst mit dem Geld seiner exponierten Kunden umzugehen. Nur zu gut wusste er, dass er sich keine Fehler erlauben durfte. Auch dachte er darüber nach, dass eine Fehlentscheidung im gehobenen Management für die Misere mitverantwortlich sei, was ihn dazu bewog, Erkundigungen in Frankfurt einzuholen. Jedoch niemand vermochte es ihm derartige Erklärungen mitzuteilen, denn das Bankhaus vermittelte immer ein Gefühl von Beständigkeit und Stabilität. Konnte er jetzt einfach so zum Tagesgeschäft übergehen und fleißig Neukunden für sein Portfolio akquirieren oder sollte er Distanz gegenüber den chinesischen Investoren bewahren. Das alles bereitete ihm Kopfzerbrechen, mehr als er sich das jemals vorstellen konnte.

Es war schon kurz vor Feierabend, als Brian ihn zu einer außerordentlichen Konferenz in sein Arbeitszimmer lud. Obwohl er doch keine persönliche Rechenschaft ablegen musste, so sorgte allein die Anwesenheit eines eigens angereisten Publikums aus der globalen Finanzwelt für ein eher unscheinbares und mulmiges Gefühl. Die Konferenz in Brians Arbeitszimmer begann mit einer Krisensitzung. Mit angespannter Miene verfolgten alle Anwesenden den Verlauf der Sitzung, um am Gesprächsstoff teilzuhaben. Eine junge Dame im gedeckten Kostüm machte sich auf Ihrem Laptop Notizen zum Meeting, wobei sie zuweilen aus ihrer Deckung aufschaute und das Publikum ihrerseits musterte. Die Lage war äußerst angespannt und kompliziert. Nicht einer aus den eigenen Reihen wollte etwas beschönigen und dennoch blieb nicht viel Zeit für den Freigeist, weil alle wussten was auf dem Spiel stand. Der Abend zog sich geradezu in die Länge, als plötzlich jemand mit der Faust auf den Tisch schlug. Es war Brian, der eine offene Konfrontation suchte.

>>Wir können doch nicht so tun, als wenn nichts gewesen wäre, denn schließlich handele es sich hierbei um Bilanzmanipulationen und nicht um unautorisierte Transfers<<.

Es wurde still in der Runde und niemand wollte irgendetwas in Frage stellen. Brian wurde wütend, weil keiner aus der Runde etwas sagen oder irgendein Kommentar abgeben wollte. Er werde gegen jede Art der ungetreuen Geschäftsbesorgung rigoros vorgehen. Notfalls wolle er um ein Rechtshilfeersuchen bitten und die Schuldigen beim Namen nennen. Eine Zerschlagung der Bank sollte vorerst keine Alternative sein. Er machte aber auch klar, dass die Frankfurter Zweigstelle Prioritäten setzen müsse und sich nicht unabdingbar zu geplanten Reformen entgegenstellen sollte. Gegenseitige Schuldzuweisungen seien wohl fehl am Platz. Schließlich bestehe die Partnerschaft schon seit dem letzten Jahrhundert und man habe ja schon so manche Krise gut überstanden. Die ökonomischen Folgen seien ohnehin in einer globalisierten Zivilisation schwer kalkulierbar, was das Vertrauensverhältnis mitunter auf eine harte Probe stellt. Die angereisten Banker begrüßten Brians Vorschlag, aus deren Quelle sie neue Hoffnung schöpften.

Odyssee Korsika

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