Читать книгу Hindurch ins Licht - Mirijam Schaeidt - Страница 12

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Hören? Ja, aber was? Wohin? In den Äther hinein? Wer so praktisch fragt, kann sich ruhig zu unserem Benedikt setzen, denn der dachte ebenso praktisch, konkret. Er war vertraut mit der »Lectio Divina«, die viele Nonnen und Mönche in den Klöstern sowie andere Christen bis heute praktizieren. Das ist eine konkrete Form des Hörens, des betenden Lesens der Bibel. Hören auf das Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift bezeugt wird. Und ins eigene Herz: »Neige das Ohr deines Herzens«6, heißt der zweite Satz des Regelprologs. Aber ein Herz, das eben auf Gottes Wort hört. Von dort aus gestaltet sich dann ganz natürlich das Hören in den Alltag hinein, in die konkreten Situationen, in die Zeichen der Zeit, in das Leben der Mitmenschen, um ihnen angemessen zu dienen.

Doch in der Bibel steht bekanntlich nicht nur Aufbauendes, sondern auch manches Widersprüchliche, Unverständliche, Anstoß-Erregende, zumindest auf den ersten Blick. Trotzdem: In der Bibel finden wir Gottes Wort in Menschenwort. Nicht vom Himmel diktiert, sondern so, dass Menschenworte sozusagen in Dienst genommen wurden vom Geist Gottes – sogar in ihrer Begrenztheit. Auf diesen krummen Linien schreibt Gott seinen Liebesbrief an die Menschen. Um die Dynamik der Heilsgeschichte geht es da, die auch in uns Wirklichkeit werden will; um Grunderfahrungen der Menschen mit Gott, ausgedrückt in manchmal sehr zeitbedingter Sprache und doch wieder in zeitlos gültige Worte und Bilder gekleidet, die unseren eigenen Erfahrungen auf der Suche nach Gott plötzlich Farbe und Sinn geben. Es geht um einen Gott, der Mensch wird, um uns ganz nahe zu sein. Es geht um die Offenbarung von Gottes unendlicher Liebe mitten in unsere konkrete Welt hinein, in Ihren konkreten Alltag. Es geht um die Kraft der Liebe, die selbst vom Tod nicht besiegt werden kann.

Mein Vorschlag: Beginnen Sie mit einem Bibeltext, der nicht allzu schwer ist. Am besten mit einem, der Ihnen schon etwas bekannt ist.

• Bitten Sie Gottes Geist um Hilfe.

• Lesen Sie den Text langsam durch und achten Sie darauf, welche Worte oder Sätze Sie besonders ansprechen. Wiederholen Sie sie mehrmals langsam, eine ganze Weile, auch laut. Versuchen Sie dabei zu erspüren, was sie in Ihnen auslösen, aber ohne zu grübeln.

• Als nächsten Schritt versuchen Sie, aus dem Hören dieser Worte heraus eigene Worte an Gott zu richten. Sie können eng angelehnt an die Worte der Schrift sein, die Sie gerade gelesen haben, oder ganz anders: eine Frage, ein Gedanke, ein Dank, eine Bitte, eine Klage oder auch nur eine Geste, ein Seufzen. Nichts Kompliziertes oder Aufgesetztes. Seien Sie ganz Sie selbst.

• Anschließend können Sie versuchen, einen Moment auf die Stille zu hören, im Glauben an den Geist, der im Wort, mit dem Wort und durch das Wort hindurch gegenwärtig ist und wirkt. Das Hören in die Stille hinein sollte ungezwungen und eher kurz sein, es sei denn, Sie spüren so etwas wie neues Leben, ein Aufatmen, eine tiefe Entspannung, eine neue Erkenntnis. Dann bleiben Sie so lange, wie es guttut.

• Schließen Sie mit einem kleinen Dank und einer Bitte für die Kirche, für die Welt oder für konkrete Menschen, die Ihnen am Herzen liegen.

Wenn Sie diese Art von Hören oft praktizieren, wird sich Ihr Leben verändern. Wichtig ist allerdings, sich parallel zur »Lectio Divina« – »göttliche Lesung«, so heißt diese Gebetsform – um Grundkenntnisse im Verständnis der Heiligen Schrift zu bemühen.7 Dem Geist Gottes bleibt dann immer noch unendlich viel Spielraum – nun erst recht, wenn manche unnötigen Stolpersteine weg sind –, um Ihnen durch das Wort hindurch zu begegnen und Sie seine Gegenwart und sein Wirken erfahren zu lassen.

Es folgen nun sechs Gedichte, die ein wenig von dem bezeugen, was »Lectio Divina« sein kann. Sie beziehen sich auf verschiedene Abschnitte des Prologs und der ersten Kapitel der Regel Benedikts. Der Prolog besteht fast nur aus Bibelworten, die zum Aufbruch und zur Begegnung mit Gott ermutigen.

Die Gedichte sind so etwas wie Momentaufnahmen, aus dem Herzen geboren. Ich habe einfach ein wenig von dem, was ich erlebt habe an Begegnung, Gemeinschaft mit Gott in seinem Wort, Verwandlung von Angst und Enge in Vertrauen und Glück, Erbarmen und tiefes Aufatmen, in Worte gegossen. Ergänzen muss ich dazu: oft nach langen Durststrecken; bzw. die Erfahrungen führten mich erneut in Durststrecken hinein, wo sie sich bewähren sollten. Auch das finde ich übrigens in der Heiligen Schrift bezeugt, etwa in der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste nach der Befreiung aus Ägypten oder im babylonischen Exil. Die Durststrecken brauchen uns nicht zu entmutigen, sie gehören dazu als Weg des Kennenlernens des eigenen Herzens und der Öffnung auf Gott hin. Nicht zuletzt helfen sie uns, andere Menschen, die ebenfalls auf der Suche sind, besser zu verstehen. Durststrecken und Nächte werden für jeden Gott suchenden Menschen immer wieder »dran« sein, aber sie verlieren ihren Schrecken, weil wir wissen dürfen: Sie führen ins »Gelobte Land«, zur Quelle.

Hindurch ins Licht

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