Читать книгу Nicht alle sehen gleich aus - Monica Maier - Страница 4

Ohne Grenzen

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Die seit acht Stunden im Atlantik Treibenden waren also nicht allzu weit südlich von Tanger ins Schlauchboot gestiegen, erfuhr Annika nun, weil Karim sich mit ein paar von ihnen auf Französisch zu unterhalten begann. Sie war sich inzwischen sicher, dass die Geflüchteten nicht vorhatten, ihre Retter für ihre Zwecke zu kidnappen. Keiner von ihnen trug eine Pistole oder ein Messer bei sich oder war gewaltbereit, sonst hätten sie nach diesen 15 Minuten Rettungsaktion schon einen Versuch unternommen, sie zur Fahrt nach Spanien zu zwingen oder selbst den Motor anzuwerfen. Der war immer noch aus. Ein Kinnhaken hätte sie ebenso ins Jenseits befördern können, malte sich Annika aus und vertraute lieber ihrem wachen weiblichen Instinkt. Wer einem half, dem sollte man nichts antun, sonst bestrafte einen Gott, das Leben oder man sich selbst, dachten die Geretteten offenbar. Sie besaß eine gute Menschenkenntnis und es war auch nicht ihre erste Begegnung mit Geflüchteten. Aber die bisher extremste.

Freundlich machte man ihrem Mann Platz, als er aufstehen wollte. Eigentlich war der Plan, dass sie an ihrem ersten Spätsommerurlaubstag in Marokko nur etwas auf dem Wasser relaxen. Und jetzt? Menschen, die auf Gottes und ihre Hilfe warteten.

Das überfrachtete Boot machte das Vorankommen zu schwierig, aber dafür konnten die beiden Segler ja nichts. Die Mittagssonne brannte inzwischen vom Himmel und trocknete die nasse Kleidung schon wie von selbst. Die in ihr Schicksal ergebenen Afrikaner begannen ruhig und geduldig, weiter von sich zu erzählen. Mit ihnen auf so engem Raum zusammenzusitzen, fühlte sich nach den vollbrachten Anstrengungen beinahe schon entspannend an. Sie stammten aus dem Senegal, aus Mali und Marokko und hatten sich mithilfe von Schleppern weiter südlich an der Westküste zwischen Tanger und Assilah zusammengetan. 1000 Euro habe es jeden einzelnen von ihnen gekostet, erzählte der Glatzkopf. Dies sei ihr erster Versuch, übers Meer zu kommen und für diesen Betrag erhielten sie insgesamt drei Versuche. Wer ungefähr 2000 Euro zahlen könnte, käme sicher in Spanien an, aber so viel Geld hätte ja kaum einer! Die Preise erstreckten sich bis zu 4000 Euro. Je teurer, desto sicherer, lauteten die Versprechungen.

Annika konnte es ja verstehen, wenn die Männer sich nach diesem ersten gescheiterten Mal nicht geschlagen geben und einen neuen Versuch wagen würden. Obwohl es in ihren Augen natürlich andererseits gar keine Option war. Sie sollten besser in einem Flugzeug sitzen, mit einem legalen Visum oder noch besser einer von einem europäischen Staat bereits ausgestellten Arbeitserlaubnis in der Tasche. Angesichts so weniger legaler Möglichkeiten, nach Europa zu gelangen und dort zu arbeiten, waren es so in Wirklichkeit etwa die Schlepper, die entscheiden durften, wer aus Afrika nach Europa reinkam? Wie konnte das sein, fragte sie sich immer wieder und blickte ratlos in die Runde. Nur die Sonne war Zeuge, als die eurasische und afrikanische Kontinentalplatte hier auf- und übereinandersaßen, alle redlich bemüht, wenigstens diesen überladenen Kahn nicht zum Sinken zu bringen. Der muskulöse junge Mann machte einen intelligenten Eindruck. Zwischen den anderen redete er sich in den Mittelpunkt und erzählte nun als Einziger auf Französisch über seine Pläne, während das Boot ohne Zwischenfälle ruhig auf dem Wasser trieb und Karim nur ein wenig die Richtung hielt:

„Ich heiße Mamadou, ich komme aus Mali.“

„Ich bin Annika und das ist Karim“, erwiderte sie die Vorstellung. „Alles okay?“, fügte sie hinzu.

„Ja, alles okay, nur wenig geschlafen“, meinte er. Seine gelassene Art wirkte auf Annika in diesem Moment fast irgendwie beruhigend, aber ihr entging auch nicht, dass seine braunen Augen sie aufs Genaueste beobachteten. Ihr Vertrauen hatte er durch seinen seelenvollen Blick jedenfalls geweckt. Außerdem schien er eloquent, was ihn zugänglich machte. Sie lächelte ihn aufmunternd und herzlich an, wollte ihm jedoch nicht zu nahetreten. Immerhin fühlte sich die Situation für sie als einzige Frau unter so vielen Männern weiterhin nicht ungefährlich an. Wenigstens war die Übelkeit wie weg.

„Sie sind sehr nett, Madame!“, sagte er in seinem gepflegten Französisch dann auf einmal.

„Warum tut ihr das? Was wollt ihr in Spanien?“, platzte sie heraus. Ihr Blick glitt dabei auch über seine Leidensgenossen.

Mamadou meinte mit einem gutmütigen Lächeln: „Ich will eine gute Arbeit, vielleicht in Medizin oder im Krankenhaus. Und ein gutes Leben. Ich denke, Spanien ist besser als Libyen. Und mein Bruder ist noch in Libyen, ich weiß nicht, ob er es schafft nach Europa?“

Sie bemerkte seinen skeptischen Unterton und nickte, als er das gefährliche nordafrikanische Land nannte, dem auch Deutschland Geld gab, um Migranten dort abzuschirmen. Aber was brachte es? Die wurden doch immer noch zur Abschreckung geschlagen oder anderweitig gedemütigt. Da wurde man ja zum Handlanger. Viel konnten sie und Karim jetzt auch nicht für die Leute tun, ganz im Gegenteil, sie brachten sie jetzt nach Tanger, das war die einzige Lösung, dachte Annika.

„Deutschland hat Menschenrechte, bei uns Korruption, viel zu wenig Geld für Arbeit, und ich werde wahnsinnig ohne gute Arbeit. Ich will meiner Familie helfen“, sagte Mamadou, während sich ein hoffnungsvolles Lächeln in seinen ernsten Zügen zeigte, fast als hätte er ihre Gedanken erraten. Trotz des Schlafentzugs schien er klar in seinem klugen Kopf zu sein.

Sie sah ihn verständnisvoll an und auch der erschöpfte Karim nickte zustimmend. Ihn hatte sie einige Momente lang ausgeblendet. Er schaffte es, sich mit Annikas Hilfe sein nasses Hemd über den Kopf zu ziehen und ließ es dann einfach fallen. Die Überforderung stand ihm ins Gesicht geschrieben, neben ihr legte er nun beschützend, aber auch wie selbst Schutz suchend den Arm um sie. Was sollte er jetzt noch tun? Er hatte den zehn jungen Männern im Boot genug Platz gemacht. Die hatten sich beruhigt und schwiegen die meiste Zeit über.

„Ich bin Marokkaner, ich bin auch gegen Korruption in Marokko und bei euch in euren Ländern, aber glaubt ja nicht, dass bei uns alles besser ist in Europa, wir haben da andere Probleme. Mit Politikern, Arbeitsmarkt, Drogen!“, sagte er aufgewühlt.

Zunächst einmal, dachte Annika, galt es, die Probleme an Bord zu lösen. Sie hatte jetzt keine Kraft für weitere Diskussionen und seine plötzliche und für ihn ungewöhnliche Art der Identifikation mit Europa. Sie blickte nur in Richtung Motor. Er wirkte gerade erschöpft und gleichzeitig verärgert darüber, dass er in so eine Situation geraten war, die niemand anders als diese Fremden ausgelöst hatten. „Seid froh, dass ihr noch lebt!“, fuhr Karim fort. „Der Atlantik hat starke Strömungen, aber das wisst ihr ja wohl selbst. Es ist besser, wir fahren so schnell wie möglich nach Tanger.“

Die Reaktion auf diese Ansage fiel zu seiner und auch ihrer Erleichterung friedlich aus. Als Berber aus der unteren Mittelschicht kannte er Situationen und Gefühle zwischen Verzweiflung und Hoffnung auf ein besseres Leben selbst gut genug. Im Moment gab es eine Überbevölkerung an jungen Leuten, die teilweise ohne jede berufliche und finanzielle Perspektive lebten, überlegte sie. Ein paar dieser männlichen Exemplare saßen wahrscheinlich gerade vor ihnen. Ein Wunder, dass die hier nicht aggressiv wurden. Wie andere Afrikaner oft auch nahm ihr Mann die Dinge nicht todernst und blieb, wenn möglich, auch in schwierigeren Situationen locker und sogar selbstironisch. Er konnte erstmal sowieso nichts daran ändern.

Sie kannte ihn jetzt schon fast vier Jahre. Die Rede, die er gerade gegen zu sehr gelebten Fatalismus gehalten hatte, und sein Selbstbewusstsein standen ihm gut. Annika liebte ihn dafür und sah ihn bewundernd an, weil er die Lage hier jetzt wirklich gut meisterte. Er wusste mit den Jungs zu reden und hatte ein gutes Händchen für die schweigsamer und nachdenklich gewordenen jungen Männer und gleichzeitig das Segelboot. Er bahnte sich den Weg aus der Mitte der Jolle wieder hin zum Heck und Motor. Alle ließen ihn freundlich durch.

„Bitte bleiben Sie ruhig! Wir können das mit diesem Boot hier nicht nach Spanien schaffen, das haben wir Ihnen doch vorher schon gesagt!“, meinte Karim weiterhin auf Französisch, während auf einmal ein lautes Gemurmel durch die Reihen ging. Annika hatte beruflich Erfahrung mit der menschlichen Psyche, sie unterrichtete in Berlin seit vielen Jahren Deutsch als Fremdsprache. Hier verstand sie allein mithilfe von schlichtem gesundem Menschenverstand, dass er sichtlich froh sein konnte, wenn die flüchtenden Männer nicht doch noch meuterten.

„Alles im grünen Bereich!“, las sie aus den Gesichtern und rief ihm energisch zu: „Los!“ Karim schmiss den Motor an und wendete jetzt ganz vorsichtig und mit ruhigen Bewegungen das Boot, aus Angst, die jungen Afrikaner könnten doch noch aggressiv reagieren, weil er ihnen ihren Traum von Europa nun ganz nahm. Seine Furcht war unbegründet. Wie nahe diese beiden Wörter Traum und Trauma doch klangen, fiel Annika auf.

Das Boot nahm nun Kurs auf die Küste, und die Reaktionen in den Gesichtern vor ihr schienen positiv zu sein. Die Männer blieben friedlich und bei Verstand oder waren vielleicht nur fatalistisch religiös ihrem Schicksal ergeben. „Inscha‘Allah“, was aus dem Arabischen war und „Wie Gott will“ bedeutete, hörte sie Karim sagen. Dieses Wort vernahm man häufig in diesen Breitengraden und hatte auch mit der Gottergebenheit der Menschen zu tun.

Ein Fischkutter habe die zehn Männer gestern Abend erst ein Stück aufs Meer hinaus mitgenommen, erzählte Mamadou. Und dann ihrem Schicksal überlassen. Weit waren sie nicht gekommen, und dieser Segler hier, das sei ihm aufgefallen, läge auch viel zu tief im Wasser als dass er es easy nach Spanien hinüberschaffen könnte. Wollte Gott nicht, dass sie nach Europa kamen, und schickten ihnen deswegen die beiden, schienen die schweigenden Blicke der anderen zu fragen. Zwei von ihnen glaubten an Jesus Christus, was ihnen vorhin wichtig war zu bemerken. Waren die beiden Christen und die anderen Muslime?

Gerade kam etwas Rückenwind auf und die Küste näherte sich ohne Zwischenfälle.

„Woher habt ihr eigentlich die 1000 Euro für die Schlepper?“, fragte Annika neugierig.

Mamadou antwortete: „Meine Schwester aus Spanien hat etwas geschickt, sie hat einen Spanier geheiratet, wissen Sie, dann habe ich viel im Tourismus in Mali als Musiker gearbeitet, muss aber auch viel zurückzahlen an Leute in meinem Dorf und meine Schwester.“

„Habt ihr noch Geld übrig, um euch Essen zu besorgen?“, fragte sie weiter. Alle schwiegen, sogar Mamadou verneinte mit einem Kopfschütteln.

„Die Jungs sind okay“, flüsterte sie aus Erschöpfung und legte den Arm um ihn am Steuer, als er gerade die Pinne umlegte.

„Sei ja nicht zu nett, ihr Deutschen seid oft zu nett!“, meinte er.

„Halt den Mund!“, sagte sie und wusste, dass er damit recht hatte, weil sie in Gedanken schon kurz davor war, in ihr Portemonnaie zu greifen. Im Gegensatz zu ihr störte es ihn sehr, wenn sie Fremden Geld spendete. Auch Wohlfahrtsorganisationen, da sollte sie lieber innerhalb seiner marokkanischen Großfamilie etwas verteilen. Vor allem an diejenigen seiner Verwandten, die nur Tiere und selbst angebautes Gemüse, Kaktusfeigen oder eine Bienenzucht in ihrem Dorf als Lebensunterhalt in den recht trockenen Bergen ihr Eigentum nannten, aber nicht einmal genug warme Kleidung oder Brennholz für kältere Wintermonate besaßen. Da wusste man wenigstens, wo das Geld landete und wofür es ausgegeben wurde.

Die Küste kam näher, sie fuhren ein gutes Stück schweigend. Was sollte sie diesen Männern jetzt im Moment für ihre Flucht nur wünschen? Freiheit, Glück, Demokratie, freie Meinungsäußerung und die ersehnte gute Arbeit? Schon als Kind hatte sie in der Kirche für die in der Gesellschaft immer wieder zitierten Armen und Wohlfahrtsorganisationen auf dem afrikanischen Kontinent gespendet. Warum eigentlich? Im Nachkriegswirtschaftswunderland Bundesrepublik hatte man noch seine katholischen Missionare dort, Mediziner halfen bei tragischen Krankheiten und man hing sich an Klischees und Stereotypen auf, die früher noch durch ihren eigenen Kopf zogen. Sie sah ihrem Mann zu, wie er zwei Badetücher und ein paar Kekse herumreichte, die von seinem Onkel alias seinem Pflegevater stammten, dem die in die Jahre gekommene Jolle gehörte.

Annika schätzte die warmherzige Ehrlichkeit, mit der Mamadou wieder zu einer Unterhaltung ansetzte, und hätte allzu gerne seine ganze Geschichte gehört.

„Mein Freund Owusu und ich sind von Mali zu Fuß durch die Sahara. Für uns ist es das erste Mal, dass wir unser Land überhaupt verlassen“, erzählte er und zeigte auf den Mann neben sich, der sie erschöpft anlächelte. „Die meisten Leute wandern in Afrika nur von Land zu Land, aber wir wollen nach Europa.“

„Ihr könnt euch wohl noch nicht vorstellen, was auf euch zukommt, oder?“, erwiderte sie mit realistischem und fast ungehaltenem Unterton wegen der Mischung aus Verrücktheit und Naivität, die da vor ihr saß und in die sie gerade ungewollt mit hineingezogen wurden.

„Da steht schon die Polizei, sie werden uns jetzt festnehmen!“, unterbrach sie Karim plötzlich laut. Mamadou begann mit den anderen im Boot zu streiten, verstand es aber sie zu beschwichtigen, als wäre er so etwas wie der Anführer der Gruppe. Genau auf ein Boot der marokkanischen Küstenwache im Hafen von Tanger steuerten sie jetzt zu. Dieses hatte sie aber schon lange kommen sehen, wie sich zeigte. Die Polizei hatte die Situation sofort erkannt und im Griff und manövrierte das Segelboot zu einem angewiesenen Liegeplatz. Alle an Bord wurden in Verwahr genommen, die jungen Männer dabei eindeutig handgreiflicher als Annika und Karim. Die Polizisten befragten das Ehepaar ein paar Minuten getrennt von den Afrikanern, woraufhin beide wieder freikamen. Sie hätten nichts verbrochen, sondern rein menschlich gehandelt, meinten sie.

„Passt auf euch auf!“, sagte Annika mit einem weinenden und einem lachenden Auge und gab dem Malier erleichtert wie mitfühlend zum Abschied die Hand: „Viel Glück!“

„Inscha‘ Allah“, tönte es zurück.

Warum auch nicht, dachte Annika und fiel Karim endlich erschöpft um den Hals, der sie an sich drückte und meinte: „Wir haben es geschafft! Ich bin froh, dass wir wieder heil an Land sind. Wir hatten Glück, es hätte auch was Schlimmeres passieren können. Aber ich hatte die ganze Zeit über ein positives Gefühl.“

Plötzlich stand Mamadou noch einmal vor ihnen, wurde aber gleich von einem Polizisten noch fester gepackt. „Ist das okay, wenn wir in Kontakt bleiben? Es würde mich freuen“, fragte er, trotzdem noch höflich.

Als Karim kein großes Interesse zeigte, nahm sich Annika sofort ein Herz: „Klar, gib mir einfach deine Nummer.“ Mamadou nannte schnell seine Handynummer, während er schon von ihr weggezogen wurde, und sie tippte sie genauso rasch in ihre Kontakte.

„Was wird jetzt nur aus ihnen werden? Ich wundere mich, dass der ihm noch erlaubt hat, mit uns zu sprechen“, wandte sich Karim ihr zu, als er alle mit den Polizisten geschlossen in einem Kleinbus davonfahren sah. „Wie geht’s eigentlich deinem Magen?“

Sie überlegte kurz und steckte ihr Handy wieder in den kleinen wasserdichten Sack, den sie die ganze Zeit mit sich trug: „Sie werden es wieder versuchen! Da bin ich mir sicher. Alles okay, die Tabletten haben sehr gut gewirkt!“

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