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III. In flagranti

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Was faszinierte mich am Fotografieren so? Nicht das Künstlerische, dafür hatte ich nie eine Ader. Auch nicht die Suche nach dem richtigen Motiv oder Augenblick, ich nahm ohnehin nur Personen auf. Vermutlich bin ich dabei nicht mal ein besonders guter Fotograf. Nein, es war die Nähe. Die Intimität, die ich mit einer Kamera einfing. Unbemerkt. Gesichter, Körperhaltungen, Momente, in denen meine Modelle nicht ahnten, dass sie abgelichtet wurden. Ich war kein Voyeur, mir ging keiner dabei ab. Ich legte es nicht mal darauf an, jemanden nackt oder beim Sex zu erwischen. Klar, vorgekommen war das schon, aber mehr, weil es sich ergab. Ich suchte nicht danach.

Es ging um eine andere Art von Intimität: Teil von jemandem zu sein, ohne dass er es wusste. Kleinigkeiten mitzubekommen, die sonst niemand sah. Ein bisschen wie dieser Film mit diesem Typen, der Mädchen dabei fotografierte während er sie ermordete. Natürlich brachte ich niemanden um, trat nicht einmal in Erscheinung oder machte jemandem Angst. Obwohl die meisten wohl Panik bekommen hätten bei dem Gedanken, wie nah ihnen ein Objektiv schon gekommen war. Und, wenn ich ehrlich war, hatte es auch irgendetwas mit Macht zu tun. Wie diese Wilden, die sich davor fürchteten, dass ihnen beim Fotografieren ihre Seele gestohlen wurde. In solchen unbemerkt geschossenen Bildern steckte etwas davon. Zumindest fühlte es sich so an.

Ich war allerdings aus der Übung. Diese Digitalkameras waren immer moderner geworden, seit ich vor ein paar Jahren das letzte Mal eine benutzt hatte. Aber praktisch. Ich besorgte mir eine schnelle Speicherkarte, groß genug, um ganz Prezella abzulichten. Dann fing ich an zu fotografieren, ein paar Probeaufnahmen, während ich wartete. Bodos Firma. Mein geliehener Golf parkte zwischen zwei LKWs und von dort aus konnte ich das Eingangstor samt Pförtnerhaus sehen. Das war nur ein paar Stunden am Tag besetzt. Hier draußen passierte nicht viel und nachts gab es den Werksschutz. Hinter einem weiten Parkplatz standen zwei Lagerhallen, eine Werkstatt und der Anbau mit den Büros. Bodos Räume befanden sich in der oberen Etage. Manchmal meinte ich Bewegungen hinter den Fenstern zu erkennen, aber Bäume versperrten mir die genaue Sicht. Sein blauer Jeep stand im Hof. Gelegentlich fuhren Lastwagen an oder ab, dann versank ich tiefer im Rücksitz, auf dem ich es mir gemütlich gemacht hatte. Das Radio lief leise, aber ich hörte kaum zu. Die Kamera in meiner Hand ließ mir keine Ruhe, seit ich sie letzte Nacht ausgepackt hatte. Sie schien zu Leben. Bilder im Takt eines schlagenden Herzens. Und ich hatte sie im Griff, konnte sie auch einfach beiseite legen und eine Weile aus dem Fenster starren. Draußen zog die Dunkelheit herauf, kroch hinter den Bergen hervor wie ein ungutes Gefühl. Der Wind zerrte an den Ästen und manchmal trommelten Regentropfen auf das Wagendach. Ich knabberte an einem Schokoriegel und sah auf die Uhr – bald neun. Immerhin war ich seit heute Morgen unterwegs, hatte Bodo beim Verlassen der Villa abgepasst, mich an ihn gehängt, als er gegen elf eine Kundentour drehte. Hatte mir ein Rostbrätl reingezogen, während er im Ratskeller zu Mittag aß. Nur, um den Rest des Tages hier abzuwarten. Von einer Geliebten keine Spur. Er hatte mich nicht bemerkt, war viel zu selbst versunken oder in Telefonate vertieft. Und ich hatte ihn fotografiert, anfangs ein paar zur Probe, dann genauer. Es kam ganz von allein. Bild um Bild – Porträt, Profil, Front. Im Jeep, am Firmentor, in der Fußgängerzone. Ich war ganz dich bei ihm – konnte ihn atmen hören, ihm über die Schulter sehen. Es war das alte Kribbeln. Angenehm, aber irgendwo beunruhigte es mich auch. Also ließ ich die Spiegelreflex auf dem Rückweg zur Spedition auf dem Beifahrersitz. Ich hatte alles unter Kontrolle.

Das grelle Licht der Scheinwerfer schreckte mich auf, ließ mir gerade noch genügend Zeit, abzutauchen. Der Jeep röhrte die Einfahrt herunter, das Tor glitt automatisch hinter ihm zu, dann war er schon an mir vorbei und jagte den Hügel hinab.

Ich fluchte lauthals und kletterte hinter das Steuer, warf den Motor an und manövrierte den Golf aus der Parklücke. In seinem Büro brannte kein Licht mehr, ich hatte einfach vor mich hin geträumt. Wenn er wie gewohnt fuhr, lief ich Gefahr, ihn aus den Augen zu verlieren. Also riskierte ich ein bisschen was und quälte meinen Wagen durch die Kurven. Der verdammte Regen hatte zugenommen. Endlich sah ich seine Rücklichter und ging vom Gas. Er bog auf die Umgehungsstraße ein. Hier herrschte mehr Betrieb, so dass es ihm nicht auffallen sollte, wenn ein Verfolger hinter ihm blieb. Zudem konnte er nicht so rasen. Ich entspannte mich. Auch wenn ich kein Profi war, lief es doch glatt. Ein wenig Nervenkitzel war auch dabei.

Wir blieben einige Zeit auf der Schnellstraße, die man nach der Wende um Prezella gelegt hatte. Keinen interessierte es damals, wie sehr man damit die Landschaft verschandelte. An der Ausfahrt Ost orientierte er sich plötzlich von der Stadt weg, in Richtung des Waldes. Einen Moment war ich irritiert, weil ich nicht verstand, wo er hin wollte. Denn hier draußen gab es nur die Kommune, sonst nichts. Dann wusste ich, welches Ziel er haben musste. Direkt neben dem Areal, das den Alternativen gehörte, gab es eine Reihe Ferienhäuser, mitten im Wald. Sie waren vor zwei oder drei Jahren hochgezogen worden und sollten den Anfang einer Ferienanlage bilden. Aber Rechtsstreitigkeiten um den Besitz des Baugrunds hatten das Projekt zum Erliegen gebracht. Die Alternativen besaßen mehr Grund und Boden, als man angenommen hatte. Und sie wollten nicht verkaufen. Seitdem schlugen sich ihre Anwälte miteinander. Josiger war einer der Investoren gewesen, nicht verwunderlich also, dass er sich dort ein lauschiges Liebesnest eingerichtet hatte.

Ich ließ mich weiter zurückfallen, denn hier draußen war wenig los und meine Scheinwerfer musste er irgendwann bemerken. Außerdem kannte ich die Gegend hier wie meine Westentasche. Die Ferienhäuser hatten einen eigenen Parkplatz, einsehbar von der Straße. Aber zu Fuß konnte man sich der Anlage von der anderen Seite her nähern. Durch den Wald der Kommune. Eigentlich hätte ich den Golf dort parken können, aber man kannte mich und fremde Fahrzeuge fielen sofort auf. Also stellte ich ihn ein Stück zurück am Straßenrand ab und machte mich auf den Weg. So hatte Bodo genügend Zeit, die Dinge etwas warmlaufen zu lassen.

Nach den ersten fünfzig Metern war ich bereits durchnässt. Der Regen wollte nicht aufhören, aber zwischen den Bäumen würde es nicht mehr so schlimm sein. Über der Einfahrt zur Kommune hing ein Holzschild, das leise quietschte. Ein paar Fahrzeuge standen herum, der klapprige Gemeinschaftsbus, zwei ausgezehrte Schrottautos und ein Kleinwagen. Weiter hinten sah ich die Lichter der ersten Hütten in der Dunkelheit schimmern. Es gab mindestens zwanzig davon, allesamt aus Holz gebaut und im Wald verteilt. Dazu eine Gemeindehalle und die Tofu-Anlage. Trotz des Windes konnte ich sie leise rattern hören. Sie war seit knapp zehn Jahren die einzige Errungenschaft der Kommune und warf neben dem Gemüseanbau und Handwerksarbeiten genügend Kohle ab, um den Laden am Laufen zu halten. Die Kommune gab es schon seit den späten Sechzigern. Während der DDR-Zeit tummelten sich hier Alternative im Deckmantel von Kunsthandwerk und Freikörperkultur. Außerdem ein paar Spinner, die sich dem Erhalt der Indianerkultur verschrieben hatten. Ich konnte mich nicht erinnern, wer schlimmer gewesen war. Die Freaks in Wildlederklamotten und Federschmuck, die auf dem Platz am See Tänze aufführten, oder die bekifften Nackten, die man regelmäßig aus dem Wasser fischen musste. Zumindest die Alternativen waren ausdauernder gewesen, von den Indianern war nur noch ein altes Ehepaar übrig geblieben. Ihren sächsischen Akzent hatten sie trotz Kriegsbeil nie abgelegt.

Ich hatte hier drei oder vier Jahre gelebt, ich weiß nicht mehr genau. Damals war ich fünf und lief ich genauso nackt und schmutzig umher wie die wenigen Kinder, die es zu der Zeit hier gab. Ich ging den Kommunenleuten heute aus dem Weg, den meisten zumindest. Irgendwie ertrug ich den Gedanken nicht, dass sie mich noch als splitternacktes Kind erlebt hatten. Vor allem der alte Silvester. Er war so etwas wie der Diktator der Gemeinschaft. Klar, man entschied im Konsens, aber meist nur das, was er wollte. Wie die Indianer auch, war er von Anfang an dabei. Und an ihm lag der ganze Clinch wegen dem Ferienpark. Silvester war ein sturer, sarkastischer, ungewaschener Drecksack. Da bestand bei mir Konsens. Es lag eine gewisse Ironie darin, dass Bodo seine Affäre direkt vor dessen Haustür vollzog.

Neben dem Parkplatz führte ein Trampelpfad in den Wald. Aber in der Dunkelheit konnte ich ihn nicht finden und zwängte mich mühsam durch das Unterholz. Immerhin drang kaum Regen durch das Blätterdach. Als ich klein war, hatte ich mich stundenlang hier herumgetrieben. Wir waren damals sechs oder sieben Kinder, ein paar ganz kleine darunter. Jeder in der Kommune kümmerte sich um uns. Oder niemand. Wir verliefen uns im Wald, bewarfen die Hütten mit Steinen, fielen in den See und stahlen Essen aus der Vorratskammer. Klang alles ziemlich idyllisch, aber eigentlich war es nur ein ganzer Haufen Scheiße, durch den wir mit unseren kurzen Beinen staken mussten. Keine Ahnung, wie oft ich in dem Alter Leuten beim Vögeln zugeschaut oder heimlich an einem Joint gezogen hatte.

Ich brauchte zwanzig Minuten, bis ich die Ausläufer der Ferienanlage erreichte. Man hatte geplant, sie bis zum Ufer runter zu erweitern, ehe Silvester dazwischen schlug. Zwei der Häuser waren nur noch Bauruinen, von Wind und Wetter und Kommunarden unbrauchbar gemacht. Dazwischen verliefen betonierte Wege. Im Sommer gab es einen Kiosk und Shuttlebusse zum Freibad, da die Touristen den See nicht benutzen durften. So viel ich wusste, schrieb das Projekt keine schwarzen Zahlen und Bodo war frühzeitig ausgestiegen. Aber nicht völlig, wie es schien.

In drei der Wohneinheiten brannte Licht. Von dem, was ich im Dunkel erkennen konnte, befand sich die Anlage in einem desolaten Zustand. Der Beton war gesprungen, überall wucherte Unkraut und der Wald war sehr dicht an die Gebäude herangerückt. Ich fragte mich, ob hier überhaupt Urlaubsgäste wohnten oder nur ein paar reiche Herren Zwischenquartier bezogen hatten, wenn es im Club 69 keine akzeptablen Mädchen gab.

Von außen konnte ich unmöglich sagen, welches Haus Josigers war. Also entschied ich mit einem anzufangen, das etwas abseits lag. Nur aus einem Fenster fiel Licht, gedämpft durch eine altrosa Gardine. Vom Garten keine Spur mehr, den hatten sich Brombeersträucher erobert. Ich fluchte innerlich. Meine nassen Klamotten begannen auszukühlen, hier war ich wieder weniger vor dem Regen geschützt und die Dornen taten ihr übriges. Die Ranken wucherten so wild, dass ich nicht dicht genug an das verdammte Fenster herankam. Zudem verursachte jeder Versuch, sich von ihnen loszureißen, Lärm. Trotzdem kämpfte ich mich so weit vorwärts, bis ich ins Zimmer sehen konnte. Meine Hand zog die Kamera unter der Jacke hervor, strich über den Haltegriff, den Auslöser. Blitzlicht war tabu, daher hatte ich gestern Nacht mit Einstellungen und Belichtungszeiten experimentiert. Mit etwas Helligkeit sollte ich ein paar akzeptable Aufnahmen kriegen. Allerdings nicht für den Prezella Fotowettbewerb …

Hinter dem Fenster befand sich ein Schlafzimmer. Ich konnte den Ausschnitt eines Doppelbettes erkennen. Die Gardine war zum Glück eine dieser durchscheinenden. Die Lampe an der Zimmerdecke brannte, direkt darunter stand Josiger und zog sein Hemd aus. Es ging los. Jetzt nahm ich alles nur noch durch den Sucher wahr, er wurde ein Teil von mir. Meine Finger fanden ihren Rhythmus am Auslöser.

Bodo war ein stämmiger Endvierziger. Dunkle, kurze Haare, kräftige Oberarme. Auch seine Brust war behaart, darunter zeigte sich der Ansatz eines Bierbauchs. Er redete mit jemandem außerhalb meines Blickfeldes. Und er hatte es eilig. Warf seine Hose in eine Ecke, dann machte er eine auffordernde Geste. Eine Frau näherte sich, ging aber sofort vor ihm in die Knie. Der verdammte Fenstersims war zu hoch, ich konnte gerade mal blondes Haar erkennen. Der Auslöser klickte, fing Bodos verzerrtes Gesicht ein. Sie verstand ihr Handwerk. Ich grinste, trotz Dornen und Kälte. Cornelia hätte mir eine Videokamera mitgeben sollen.

Jetzt wollte er mehr. Der Sucher verfolgte wie er sich breitbeinig auf das Bett legte. Sein Schwanz war beachtlich. Ich erinnerte mich an Gerüchte darüber, ein paar der Mädchen aus dem Club wollten ihn nach dem Tod seiner Frau nicht bedienen.

Und dann kam sie …

Blondes, schulterlanges Haar, etwa seine Größe. Ich konnte nur ihren Rücken sehen. Glatte Schultern und ein straffer Arsch. Jung. Sie stieg auf das Bett blickte auf ihn herab, ließ sich sinken und vögelte ihn.

Klick – klick – klick. Ich hämmerte auf den Auslöser. Auf und ab, auf und ab. Ihr Hintern pumpte. Seine Finger gruben sich in ihre Hüften.

Klick. Dann erkannte ich ihre Frisur.

Klick. Wusste, wer da auf ihm ritt.

Klick. Meine Hände fingen an zu zittern.

Klick. Ich schmeckte Galle in meinem Mund.

Klick. So jung.

Klick. Kamilla.

Klick. Alles fing wieder von vorne an.


Mit der Erkenntnis kam die Wut. In diesem Maß hatte ich sie lange nicht mehr gespürt. Heiß und stechend. Etwas, das sich einen brennenden Weg aus der Dunkelheit bahnte. Mein Körper begann zu schmerzen. Da war ein Schrei, der mir nicht aus der Kehle hervorbrechen durfte. Ich schloss die Augen, presste die Finger gegen die Lider, bis Sterne das Bild auslöschten. Kamilla und dieses Schwein. Doch sie blieben. Vögelten weiter, kaum vier Meter von mir. Auf und ab. Ihre Haare, Schultern, Hüften. Ihr Hintern. Seine Hände darauf, seine Finger in ihrem jungen Fleisch. Ich knurrte wie ein Tier. Krallte mich an die Kamera, bis das Gehäuse knirschte. Wut. Ich wollte die Spiegelreflex nehmen und durch das Fenster schleudern. Dann hinterher klettern und Kamilla von ihm herunterzerren. Die Scheiße aus ihm herausprügeln. Mein Schmerz in ihn hineinhämmern.

Aber ich tat es nicht. Wandte mich um, bahnte mir halb von Sinnen einen Weg durch das Dornengestrüpp. Ich wollte ihr Gesicht nicht sehen. Nicht dort, nicht so. Meine Haut juckte, aber ich hielt erst an, als ich zwischen den Bäumen heraustaumelte. Dann begann ich zu schreien. Heulte wie ein abgestochenes Schwein, schlug und trat gegen die Autos, bis Lichter in den Hütten angingen. Ehe mich jemand aus der Kommune sehen konnte, rannte ich zu meinem Wagen, warf mich hinter das Steuer und … und sackte erschöpft zusammen. Die Raserei ebbte ab, die Wut zog sich wieder zurück. Dorthin, wo ich sie eingeschlossen hatte. Wo sie wartete. Kontrolle – Kontrolle war alles.


Ich fuhr. Trieb über Landstraßen, wechselte auf die Autobahn in Richtung Grenze, jagte die Tachonadel hoch. In mir brodelte es. Ich war voller Selbstmitleid, Ärger, Frustration. Die Dinge, die uns wirklich wehtaten, waren die einzigen im Leben, die zählten. Wir wussten es erst dann, wenn die Wunde klaffte und der Schmerz da war.

Ich drehte mich innerlich im Kreis. Nur nicht den gleichen Fehler noch einmal machen. Denk nach, Marr, denk nach! Ich musste der Wut einen Kanal geben, sie langsam fließen lassen. Oder sie würde mir nur Ärger einbringen. Aber es war schwer, gegen die roten Schleier anzugehen. Nicht unbedarft zu handeln. Überlegt. Fokussiert.

Entschlossen trat ich auf die Bremsen, kurbelte wie verrückt am Lenkrad und schaffte gerade noch die Ausfahrt. Die Neonlichter von Muttis. Eine Truckerkneipe erster Güte, das letzte deutschsprachige Höllenloch vor der Grenze. Schlägereien wurden nicht den Bullen gemeldet, solange irgendjemand für den Schaden aufkam. Im Hinterzimmer wurde gespielt oder illegale Geschäfte abgewickelt. Und in der oberen Etage hingen all die Nutten ab, die im Club keine Kohle mehr einbrachten. Donnerstags feierten die örtlichen Skins in der alten Werkstatt neben an, samstags war Stripteaseabend. Der Alkohol war billig und das Essen genießbar.

Mutti war eigentlich Oskar, ein ehemaliger Bodybuilder und Exknacki, der sich hatte umoperieren lassen. In etwas, das nicht mehr aussah wie ein Steroidberg, aber weit davon entfernt war, feminin zu wirken.

Ich war lange nicht mehr hier gewesen.

Fünf LKW standen auf dem Parkplatz, ein paar Motorräder und Oskars Lieferwagen. Mittwochs fuhr er damit zum Markt, aufgetakelt wie eine alte Hure beim Arbeiten. Eine echte Attraktion, aber niemand würde ihm das sagen. Der Baseballschläger unter dem Tresen wies nicht umsonst ein paar Dellen auf.

Mutti mochte mich. Außerdem wusste ich über seine Zeit als IM der Stasi Bescheid, plauderte aber nicht darüber.

Es war genau der Ort, an dem ich gerade sein musste. Rau, schmutzig, in genau dem Ton, den meine Wut und Frustration anschlugen. Ich stieg aus und stapfte auf den Eingang zu. Keine Ahnung, wann ich mich das letzte Mal bewusst betrunken hatte. Aber jetzt war ein guter Zeitpunkt dafür.

Stadt der Sünder

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