Читать книгу Schön wie die Acht - Nikola Huppertz - Страница 6
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Erst nachdem Papa den Motor ausgestellt hat, kriege ich die Zähne auseinander. Die ganze Fahrt über hab ich überlegt, wie ich es sagen soll, hab ihm und Josefine von der Rückbank aus Löcher in die Hinterköpfe geglotzt, während Papa versucht hat, mit ihr Smalltalk zu machen, und sie nur eisig zurückgeschwiegen hat. Aber mir ist nichts Brauchbares eingefallen. Jetzt allerdings ist da draußen meine Schule, da sind Leute, meine Leute, und plötzlich schießt es ganz von selbst aus mir raus: »Wir gehen aber nicht zusammen!«
Papa dreht sich auf dem Fahrersitz zu mir um, sein Gesicht ein Fragezeichen.
»Wundern sich wahrscheinlich eh schon alle, warum ich nicht im Bus war«, erkläre ich, schnalle mich schnell ab, nehme meinen Rucksack vom Sitz neben mir. Aber Papa zu bitten, mich rauszulassen und selbst noch ein bisschen zu warten, traue ich mich nicht, denn das Fragezeichen ist immer noch da und hat auch noch eine Runzelstirn bekommen.
»Na und?«, sagt Papa. »Wenn sie sehen, dass du heute gebracht worden bist, wundern sie sich nicht mehr. Ist doch praktisch!«
Nun wird es doch kompliziert. Hätten wir bloß hinten im Auto Türen, dann könnte ich einfach gehen. Stattdessen muss ich ihm irgendwie klarmachen, dass ich nichts mit seinem Besuch bei der Eckert zu tun haben will: Ah, die Familie Ripken! Dass es nicht meine Sache ist, wenn er Josefine ins Direktorat schleppt, obwohl sie beim Aufbruch so aussah, als wollte sie dort sofort Randale machen. Und überhaupt, dass es nicht meine Entscheidung war, meine Halbschwester in meine Schule zu stecken, ob sie da nun reinpasst oder nicht.
Wo sie sogar schon zum zweiten Mal in die Zehnte geht!
Josefines Entscheidung war es übrigens auch nicht, sie ist genauso wenig gefragt worden wie ich. Vielleicht hätte sie selbst ja auch was anderes passender gefunden, aber das interessiert Papa offenbar nicht. Der meint nur, wo das eine Kind hingeht, kann auch das andere hin.
Ich meine, Papa hat echt was auf dem Kasten, und auch, wenn er kein Mathemensch ist, kann er logisch denken. Aber in dem Punkt setzt irgendwas bei ihm aus. Und er scheint auch nicht zu kapieren, dass die Sache mit dem Nicht-im-Bus-gewesen-Sein noch das geringste Problem ist, das ich heute in dieser Schule haben werde. Es sei denn, er lässt mich jetzt endlich abhauen.
»Ich hab’s eilig«, sage ich und drücke meine Knie in seine Rückenlehne. »Wir haben Erste, Zweite Erdkunde beim Frings, da darf man nicht zu spät kommen.«
»Es ist zehn vor acht!«, erwidert Papa und das Fragezeichen auf seinem Gesicht verwandelt sich in ein Ausrufezeichen. »Wir können in aller Ruhe zusammen gehen.«
»Hör mal, Christian«, sagt Josefine da – Christian, nicht Papa! –, schiebt sich einen Streifen Kaugummi in den Mund, und ich sehe im Rückspiegel, wie sie ihn mit der gepiercten Zunge faltet und sich in die Backe schiebt, »du merkst doch wohl, dass es Malte peinlich ist, mit mir zusammen gesehen zu werden.«
Und das ist ja wohl das Unangenehmste der Welt, vor allem, weil Papa immer noch guckt und wahrscheinlich sieht, dass ich rot werde, und weil er dann auch noch fragt: »Ist es dir peinlich, mit deiner Schwester zusammen gesehen zu werden? Oder mit mir?«
»Quatsch«, murmle ich. »So meinte ich das nicht.«
»Na, dann.« Papa zieht den Zündschlüssel ab und steigt endlich aus dem Auto. »Auf geht’s!«
Seine Stimme klingt, als wäre die Sache für ihn erledigt. Er klappt die Lehne um, lässt mich aus dem Auto krabbeln, und was bleibt mir da anderes übrig, als hinter ihm herzulatschen – neben mir meine Halbschwester, die jetzt plötzlich vor sich hin grinst und ihren Kaugummi kaut und auch nicht den Anschein erweckt, als hätte sie vor, ihn bei der Eckert rauszunehmen. Überhaupt sieht sie nicht aus wie an einem ersten Tag an einer neuen Schule, an dem man einen guten Eindruck machen will. Im Gegenteil, sie wirkt eher so, als wollte sie einen ganz anderen Eindruck machen mit diesem fetten Loch im Hoodie, ohne Winterjacke, obwohl es höchstens sechs, sieben Grad sind, und den Haaren, die so verwuschelt unter der Kapuze hervorgucken, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gekippt – was sie natürlich nicht ist. Sie war schon richtig früh wach und hat im Keller rumgelärmt und sich, wenn man mich fragt, sorgfältig gestylt, aber es fragt mich ja keiner. Bloß gucken tun alle, als wir über den Hof zum Schulgebäude gehen. Wer da Neues kommt und wer Nicht-Neues und dass Papa dabei ist, und vermutlich gehen dann auch schon die Spekulationen los: Woher dieses Mädchen plötzlich kommt und was ich mit der zu tun habe und wie das familientechnisch zusammenhängt.
Ein paar Leute aus meiner Klasse sehen uns auch, und Kolja, der da in seinen runtergelatschten Sneakers rumsteht, zusammen mit anderen aus der Zehnten, und als ich ihn im Vorbeigehen grüße, fällt mir glühheiß ein, dass Josefine ja vielleicht in seine Klasse kommt.
Der Frings lässt uns einen unangekündigten Test schreiben, Hausaufgabenkontrolle, wie er das nennt, weil wir zu jeder Stunde vorbereitet erscheinen sollen, egal, ob er es extra sagt oder nicht. Jedenfalls müssen wir Fragen zur extensiven Weidewirtschaft beantworten, Rentierhaltung in Lappland und dergleichen, und als die erste Pause beginnt, vergleichen die meisten erst mal ihre Antworten: Überweidung der Tundra, Verbiss der Jungbäume. Aber kaum sind die Brotdosen ausgepackt und alle auf dem Gang, kommt, was kommen muss.
»Wer war das heute Morgen mit dir und deinem Vater?«, fragt Mats, und Philipp schließt gleich auf, um mitzuhören.
Ich hab keine Lust zu antworten. Mats und Philipp sind nicht meine Freunde, was geht sie da so was an. Allerdings komme ich mit Schweigen nicht weit, jetzt geht einer rechts neben mir, einer links, und sie lassen nicht locker.
»Die sah irgendwie schräg aus«, sagt Philipp.
Mats nickt, und beide gucken so, als wäre ich ihnen nun aber wirklich eine Erklärung schuldig.
»Ach, nur meine Halbschwester«, erwidere ich, als wir auf dem Schulhof ankommen, weil, ganz verderben darf ich es mir mit Mats und Philipp auch nicht. Sie sind zwar nicht meine Freunde, aber wir stehen in den Pausen meistens zusammen rum, und das ist auch nicht ganz unwichtig.
»Wusste ich ja gar nicht!«, ruft Mats. »Dass du eine hast.«
»Doch, hab ich.« Ich zucke mit den Achseln, als wäre es das Normalste der Welt und nicht weiter erwähnenswert. Aber jetzt sind sie neugierig.
»Wie alt ist die?«
Und: »Wohnt die neuerdings bei euch?«
Und: »Sind die Piercings echt?«
Und: »Hat die auch Tattoos?«
Und: »Wer ist denn ihre Mutter?«
Nervig. Vor allem, weil Kolja gerade aus der Eingangshalle kommt und direkt auf mich zusteuert. Da fallen mir ganz andere Sachen zum Unterhalten ein, Mathesachen vor allem.
Kolja ist mein Freund, aber wir stehen in der Pause fast nie zusammen rum. Wenn einer in der Zehnten ist, stellt er sich nicht zu einem Siebtklässler, ist ja klar. Das geht einfach nicht und ich bin deswegen echt nicht sauer auf Kolja. Aber ich freu mich ziemlich, wenn er dann doch mal ankommt, es sind mit Abstand die besten Pausen. Letztes Mal haben wir uns über Fraktale unterhalten, diese selbstähnlichen Gebilde, und deswegen würge ich das Mats-und-Philipp-Gespräch jetzt auch mit einem knappen »Erzähl ich euch nachher!« ab, mache zwei Schritte von ihnen weg und auf Kolja zu.
Aber ich hätte es wissen müssen: Er fragt nach Josefine.
Nein, nicht Schwester, sondern Halbschwester.
Nein, nicht für immer, sondern nur für ein paar Wochen.
Mutter, Krebs, Reha.
Immerhin ist sie nicht in seiner Klasse, sondern in der C, aber in der ersten Doppelstunde hatten sie wohl Werte und Normen, da ist alles gemixt.
»Sie hat den gesamten Unterricht lahmgelegt«, sagt Kolja, und ich kann quasi hören, wie Mats und Philipp hinter meinem Rücken den Atem anhalten. »Die Eckert hat sie um zwanzig nach acht reingebracht und dann ging gar nichts mehr.«
»Äh, wieso?«, frage ich vorsichtig.
Kolja grinst, stößt sogar einen kleinen Lacher aus. »Och, eigentlich hat sie sich nur am Unterricht beteiligt. Aber frag mich mal, wie! Sie hat wohl ihre ganz eigenen Werte und Normen.«
Mir wird es mulmig. »Worum ging es denn?«
»Grob gesagt um Gleichberechtigung. Zumindest am Anfang.«
»Und dann?«
»Um alles, würde ich mal sagen. Abtreibung. Bienensterben. Klimaschutz. Emotionalen Missbrauch. Kopftücher. Funktionellen Analphabetismus. Versammlungsfreiheit. Willst du noch mehr hören?«
»Nee, lieber nicht«, murmle ich.
Kolja grinst wieder. »Aber cool ist sie ja. Irgendwie.«
Wir schweigen eine Weile. Dann, plötzlich, boxt er mir gegen die Schulter, verkündet: »Wir sehen uns im Matheclub«, dreht sich um und verschwindet wieder zu seinen Zehntklässlern.
Und diese letzte Bemerkung ist bis jetzt die beste, die heute jemand gemacht hat. Die einzig gute, genauer gesagt.
Nach der Mittagspause ist es dann so weit. Der Zerhusen lässt uns warten, vermutlich wegen der IGSlerin, die er noch in Empfang nehmen muss, aber der Raum ist offen und wir setzen uns schon. Viele sind wir in diesem Schuljahr nicht im Matheclub, Kolja aus der Zehnten, Pia aus der Neunten, Gregor, Chen und Leonie aus der Achten und dann noch ich. Eigentlich ist der Club ja erst ab Jahrgang 8, aber ich durfte ausnahmsweise schon in der Fünften mitmachen, und abgesehen von Kolja bin ich auch der einzige, der da echt was will. Matheolympiade und so was.
Und jetzt also auch die Neue. Ich stütze den Kopf in die Hand und linse zur Tür, während Kolja meine Aufgabe zur Sinusfunktion durchguckt.
»Soweit ich’s erkennen kann, ist alles richtig«, sagt er. »Aber sauschwer, das Teil. Hast du’s ganz ohne Hilfe rausgekriegt?«
»Mhm«, mache ich und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich freue. Nicht nur wegen der Aufgabe, sondern auch, weil er endlich über normale Dinge mit mir redet, über seine und meine Dinge. »Hat aber gedauert.«
»Trotzdem der Hammer.« Kolja schiebt mir das Übungsblatt zurück. »Das wird was in der Landesrunde.«
»Meinst du?«
»Aber hallo!«
Wir quatschen noch ein wenig, hierüber und darüber und kein bisschen über Josefine, und dann steht auf einmal der Zerhusen mit einem schwarzhaarigen Mädchen im Raum, Lale Erdem, wie er sagt. Und wiederholt noch mal alles, was wir schon wissen: Dass sie von der IGS ist, wie ich in die Siebte geht, zur Vorbereitung auf die Landesrunde bei uns mitmacht. Dann bittet er Kolja, sich zu Gregor zu setzen, damit Lale und ich zusammenarbeiten können, und zack, sitzt sie auch schon neben mir.
»Hallo, du bist also Malte«, sagt sie und lächelt mich breit an. Die Brackets an ihren Zähnen blitzen dabei genauso wie ihre dunklen Augen. »Ich hab gehört, du sollst richtig gut sein.«
Mein Gesicht wird heiß und in meinem Kopf gerät irgendwas durcheinander. Mir geht das zu schnell. Ich meine, ich wusste ja, dass das alles heute passieren würde, aber trotzdem. Wenn etwas plötzlich Wirklichkeit wird, ist es ganz anders, als man es sich vorgestellt hat. Vielleicht hab ich mir auch gar nichts vorgestellt, weiß nicht so genau, jedenfalls nicht die IGSlerin selbst, als richtige Person, oder dass sie mich einfach anquatschen und dabei so nett lächeln würde, und ich hab keine Ahnung, was ich sagen soll.
»Ich war voll überrascht, dass ich weitergekommen bin«, redet sie einfach weiter. »Eigentlich spiele ich ja Volleyball und hab die Olympiade nur so nebenbei mitgemacht.«
Das wurmt mich. Weil, die Matheolympiade ist normalerweise nichts für nebenbei, da reicht es nicht, wenn man ganz gut rechnen kann, sondern man muss richtig Ahnung haben. Und ich finde, das sollte diese Lale ruhig wissen, Nettigkeit hin oder her.
»In der Landesrunde kommt man damit nicht weit«, sage ich. »Da muss man schon ein bisschen ranklotzen, wenn man was erreichen will.«
»Deswegen bin ich ja hier«, gibt sie prompt zurück.
Was mich nun auch wieder wurmt. Denn wenn eine, die nur so nebenbei weitergekommen ist, richtig loslegt, kann da unter Umständen ganz schön viel bei rauskommen.
»Keine Sorge!«, sagt sie da und lächelt wieder von einem Ohr zum anderen. »Du bist bestimmt tausendmal besser als ich«, und im nächsten Moment kommt der Zerhusen zu uns und legt uns zwei Zettel auf den Tisch, und das bedeutet, dass ich erst mal nichts mehr sagen muss.
Die Zahlen kommen ja zum Glück ganz ohne das ganze Gerede aus. Die Zahlen brauchen nur sich selbst.