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Die Folgejahre

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Mit dem Risikokapital, das sie von Malley Venture Partners erhielten, gründeten Debby und Jay das Biotech-Startup ProX/Y. Das Unternehmen residierte auf dem Gelände des Brooklyn Army Terminals, einem industriearchitektonischen Juwel des jungen 20. Jahrhunderts. In früheren Zeiten hatte der Komplex an der Upper New York Bay der Armee als Verladepunkt für den Seetransport gedient, war inzwischen jedoch in einen schmucken Industriepark umgewandelt worden. Das Forschungslabor von ProX/Y bezog die oberste Etage mit Blick auf den Hudson, von wo aus der junge Elvis Presley einst seinen Wehrdienst in Deutschland angetreten hatte.

Nach einigen Jahren der klinischen Forschung erteilte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde dem Biopharmazeutikum Wish die Zulassung. Der stereotypen Farbenlehre folgend kam das Präparat in den Varianten Hellblau und Rosa auf den Markt. Die Formate der aufwändigen Werbekampagne waren in den jeweiligen Farben des Wunschgeschlechts gehalten und trugen den Slogan Wish – Die Pille davor.

Ein Jahr nachdem die ersten Chargen ausgeliefert worden waren, protestierten die großen Weltreligionen in Form eines gemeinsamen Manifests – ein bis dato einzigartiger Vorgang – gegen den Verkauf von Wish. Medien berichteten in Sondersendungen über die Thematik, während sich die Diskussionen in den sozialen Netzen regelrecht überschlugen.

Aus gegebenem Anlass erhielt Jay eine Einladung in die Talkshow Two on Two, um mit einem Priester, einem konservativen Politiker und einer Wish-Mutter der ersten Stunde die ethischen Aspekte des Präparats zu diskutieren. Nachdem die Moderatorin die Anwesenden vorgestellt und dem Publikum die Wirkungsweise von Wish erläutert hatte, ergriff der Priester mit eindringlicher Stimme das Wort.

»Dieses Präparat ist ohne jeden Zweifel das Resultat modernistischer Hybris. Es spiegelt den Versuch wider, Gott gleichkommen zu wollen. Haben wir denn schon vergessen, wo uns der Turmbau zu Babel einst hingeführt hat? Sie–«, deutete der Priester auf Jay, »maßen sich durch die Geschlechterselektion ein originär göttliches Vorrecht an. Ihre Pille steht in einer ganzen Reihe lebensverachtender Techniken, die den Menschen unter dem Deckmantel der reproduktiven Selbstbestimmung zu einer Versündigung an sich selbst verleiten.«

Die Moderatorin machte sich eine kurze Notiz und wandte sich an Jay.

»Dr. Sen, ich könnte mir vorstellen, dass Sie direkt darauf antworten möchten.«

»Danke«, nickte Jay und faltete bestimmt die Hände zusammen. »Wenn Sie die Argumente versachlichen, stellen Sie fest, dass Wish zutiefst lebensbejahend ist. Durch seine unterstützende Wirkung erreichen sogar mehr Spermien die Eizelle, wodurch die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung erhöht wird. Unser Präparat fördert nachweislich die Entstehung von Leben.«

»Wie stehen Sie als Wählervertreter zu dem bisher Gesagten?«, wandte sich die Moderatorin an den Politiker.

»Unsere Partei ist der unerschütterlichen Überzeugung, dass kein Menschenleben mehr oder weniger wert sein darf als ein anderes. Daher sollte sich auch kein Mensch zum Herrscher über das Leben aufschwingen.«

»Und doch haben Sie in Ihrem letzten Wahlkampf vehement die Todesstrafe unterstützt«, brachte sich die Wish-Mutter in die Diskussion ein. Jay wandte sich an den Politiker.

»Ich sehe ehrlich gesagt keinen großen Widerspruch zwischen unseren Positionen. Wish respektiert vollends das Recht auf Leben, denn es wird bereits vor der Befruchtung wirksam und damit zu einem Zeitpunkt, bevor Leben entsteht – sogar nach der strengen Definition der Religion. Wir sind lediglich der Auffassung, Eltern sollten selbst entscheiden dürfen, ob dieses Leben nun einem Mädchen oder einem Jungen geschenkt werden soll.«

»Als mündige Bürgerin kann ich das nur unterschreiben«, warf die Wish-Mutter ein. »Und ich kann auch beim besten Willen nicht erkennen, dass es zu moralisch höherwertigen Ergebnissen führt, wenn der Zufall entscheidet. Schließlich werden weltweit Millionen weiblicher Babys getötet, bloß weil sie das vermeintlich falsche Geschlecht haben.«

»Diese bedauernswerten Eltern bedürfen unseres Mitgefühls und unserer Unterstützung«, ermahnte der Priester. »Mir scheint jedoch, hier soll das eine Übel mit einem anderen bekämpft werden.«

»Wir haben bereits eine große Resonanz aus der Community zu dem Thema«, unterbrach die Moderatorin. »Und wie immer an dieser Stelle möchte ich einige Beiträge in die Runde geben. Userin hope18 hat uns einen Clip geschickt, der von den Zuschauern mit den meisten Likes bewertet wurde.«

Auf einem Bildschirm erschien das Gesicht einer jungen Frau mit ebenmäßigem Gesicht und rostroten Locken.

»Die katholische Kirche praktiziert doch seit jeher Geschlechterselektion – und diese sogar einseitig. Wer selbst Wein trinkt, sollte anderen Menschen nicht Wasser predigen. Das ist scheinheilig.«

Die Moderatorin blickte reihum und nickte dem Priester zu.

»Das geht wohl an Sie. Was antworten Sie hope18

»Wissen Sie, ich bin kein Freund blinder Zahlengläubigkeit, aber an dieser Stelle kann ich die Zuschauerin beruhigen. Die Gemeinschaft unserer Gläubigen besteht zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen. Derartige Statistiken haben für uns jedoch keinerlei tiefere Bedeutung, denn wir fragen nicht, ob jemand nun weiblich oder männlich, arm oder reich, schwarz oder weiß ist. Bei uns sind alle Menschen gleich willkommen.«

»Entscheidend ist aber doch die Frage, ob Frauen auch gleichberechtigt willkommen sind – und das nicht nur bei der Kollekte. Fakt ist, dass Sie ausnahmslos Männern Zutritt zu Ihren Ämtern gewähren«, erwiderte die Wish-Mutter und wandte sich an den Politiker.

»Welche Chancen hätte Ihre Partei wohl bei der nächsten Wahl, wenn sie mit einer derart unverhohlenen Diskriminierungspolitik im Programm antreten würde?«

»Wir verwahren uns energisch gegen jegliche Form der Diskriminierung. Die Wähler wissen sehr genau, dass unsere Partei die Werte der Gleichberechtigung von Mann und Frau verteidigt. 42 Prozent unserer Ämter werden bereits von Frauen besetzt. Und wir arbeiten an einer freiwilligen Selbstverpflichtung, unsere Ministerposten künftig geschlechtsparitätisch aufzuteilen.«

Die Moderatorin nickte unwillkürlich, während sie auf ihren Schirm blickte.

»Der folgende Beitrag des Users dad2b hat die meiste Zustimmung in der Kategorie Postings erhalten: Die Haltung der Konservativen spricht den Eltern jegliche Fähigkeit ab, zum Wohl der eigenen Familie zu entscheiden. Was sagen Sie als Mutter dazu?«

»Ich teile diese Ansicht uneingeschränkt. Ein Kind bedeutet eine Entscheidung für das gesamte Leben und ich empfinde es als Anmaßung, wenn Außenstehende mir vorschreiben wollen, was in diesem Zusammenhang das Beste für mich und meine Familie ist. Umgekehrt respektiere ich es doch auch, wenn jemand wie der Herr Priester bewusst keine Familie gründen möchte.«

Die Moderatorin schaute zu dem Politiker herüber und las von ihrem Bildschirm ab.

»User rational_choice möchte wissen: Wie fände es der Politiker, wenn die Wähler ihre Kreuzchen beim nächsten Urnengang nach dem Zufallsprinzip setzen würden, statt eine bewusste Entscheidung zu treffen? Diese abschließende Frage gebe ich direkt weiter.«

»Die Wähler entscheiden sich natürlich ganz bewusst für unsere Partei und das ist auch gut so. Gleichwohl sollte das Thema der heute diskutierten Wahlfreiheit sehr genau beobachtet werden. Wir müssen die Risiken für die Gesellschaft gründlich abwägen.«

»Vergessen Sie bei dieser Abwägung nicht die Chancen«, bat Jay. »Wir schreiben niemandem etwas vor. Vielmehr ist Wish gleichbedeutend mit einer bewussten und lebensbejahenden Entscheidung liebender Eltern. Eine solche Entscheidung trägt nicht nur zum Wohl der Familien selbst bei, sondern zum Wohl der gesamten Gesellschaft.«

Das Aufbegehren der Religionen gegen Wish erfolgte ebenso vehement wie vergeblich, fanden ihre Botschaften doch kaum Gehör. Zu unmittelbar waren den Menschen die Vorteile des Präparats, zu abstrakt dagegen die Argumente seiner Kritiker. In den Chats und Foren der sozialen Netzwerke formierte sich vielmehr eine Welle des Widerstands gegen das Manifest selbst, während Wish eine überwältigend positive Resonanz erlebte.

Weltweit stieß das Präparat in den Folgejahren auf eine riesige Nachfrage. Zwar hatten vereinzelte Länder Einfuhrverbote erlassen, doch erwiesen sich diese in Zeiten individueller Reisefreiheit und globalisierter Warenströme als schlicht untauglich, um die Verbreitung der kleinen Kapseln zu verhindern.

Auf Malleys Vorschlag hin wurde das zentrale Werksgelände von ProX/Y auf den Cayman Islands errichtet, von deren Eigenschaft als Steueroase bis dato lediglich Finanzinstitute profitiert hatten. Doch beanspruchte auch die Produktionsstätte der kleinen Pillen derart wenig Platz, dass sich der hohe Bodenpreis durch die jährlichen Steuereinsparungen mehr als rechnete.

Als weiterer Standortvorteil erwiesen sich die Millionen von Touristen, welche die Inselgruppe jährlich besuchten. In den Suiten der Hotels wurde Wish zu einem festen Bestandteil des Honeymoon-Pakets und als Aufmerksamkeit des Hauses auf den Kopfkissen drapiert. Ebenso gehörte ein Tagesausflug in den Werksverkauf zum Standardangebot der Kreuzfahrtgesellschaften – und das Präparat bald zu einem der beliebtesten Urlaubsmitbringsel.

Gemessen an der Kundenakzeptanz war Wish ein durchschlagender Erfolg beschieden. Binnen weniger Jahre hatten Eltern schon bei jedem zweiten Neugeborenen weltweit ihr Wunschgeschlecht mittels des Präparats ausgewählt, in den Industrienationen lag der Anteil sogar nochmals deutlich höher. Gefördert von der Weltgesundheitsorganisation entwickelte sich Wish in den Schwellen- und Entwicklungsländern zum ersten effektiven Mittel der Familienplanung – mit der Folge, dass die weltweiten Geburtenzahlen erstmals wieder spürbar zurückgingen und die Gefahr der Überbevölkerung des Planeten nachhaltig gebannt wurde. Als die Verkaufszahlen von Wish im Jahr 2038 die Grenze von fünfhundert Millionen Packungen durchbrachen, kürte das Time Magazine Debby und Jay zu den Personen des Jahres – für die größte Innovation seit Facebook – und widmete ihnen die Titelgeschichte Sex sells.

Zu dieser Zeit hatten sich professionelle Datensammler längst auf Hausmüll spezialisiert, der zu einem begehrten Gut der Informationsgewinnung geworden war. Im Rahmen der Sortierung wurde der Inhalt der Mülltonnen untersucht und mit den gespeicherten Profilen der Haushaltsmitglieder abgeglichen. Abnehmer der so gewonnenen Daten waren insbesondere Versicherungen, Arbeitgeber und Handelsunternehmen, die auf diese Weise Informationen über den Gesundheitszustand, die Konsumgewohnheiten oder auch die Familienplanung ihrer Mitarbeiter und Kunden erhielten.

Die noch geringfügigste Konsequenz für unvorsichtige Wish-Nutzerinnen bestand darin, dass sie bereits vor einer Schwangerschaft individualisierte Werbung für Produkte ihres Wunschgeschlechts erhielten. Einen gewissen Schutz bot es, stets beide Pillen aus der Wish-Verpackung zu entfernen. In diesem Fall war es den Müllsammlern zumindest nicht möglich, Rückschlüsse auf die Nutzungsweise des Präparats zu ziehen.

Die größte Gefahr für die Privatsphäre drohte jedoch von anderer Seite. Zwar wurde Wish diskret bis an die Haustür geliefert, doch hinterließ bereits der bloße Kaufvorgang Spuren. Und schon längst hatten die sozialen Netze ihre Geschäftsmodelle soweit optimiert, dass sie den rein virtuell erfolgenden Zahlungsverkehr vollständig auszulesen vermochten – mit der Folge, dass sie ihren Nutzern anboten, Zugang zu sämtlichen Kaufentscheidungen des eigenen Freundeskreises zu erhalten. Der zugehörige Premiumdienst war zwar kostenpflichtig, erfreute sich jedoch höchster Beliebtheit. Eine anonymisierte Kaufentscheidung war lediglich dann noch möglich, wenn sich der Hersteller eines Produkts bei den Betreibern der sozialen Netzwerke freigekauft hatte. Die horrenden Gebühren hierfür wurden jedoch in der Regel nur von Anbietern pornografischer Inhalte und ausgewählter Medikamente gezahlt. Und auch ProX/Y musste fortan ein Drittel seines Jahresumsatzes an die sozialen Netzwerke abführen, um die Privatsphäre seiner Kunden zu schützen.

Finanziell betrachtet vermochte Wish nur einen kärglichen Erfolg zu erwirtschaften, der trotz immenser Verkaufszahlen nicht ansatzweise an die Rentabilität vorheriger Blockbuster-Präparate heranreichte. Wirtschaftsanalysten kamen schließlich zu dem Ergebnis, ProX/Y verschwende das gigantische Marktpotenzial von Wish durch zwei geschäftspolitische Kardinalfehler. Erstens gelte für die pharmazeutische Produktgestaltung bekanntlich der Leitsatz Das Ganze ist weniger als die Summe seiner Teile. Anstatt den Wirkstoff für ein halbes Jahr in nur einer Depotkapsel zu bündeln, sollte eine Stückelung in Tagesdosen erfolgen, wodurch sich eine deutlich höhere Zahlungsbereitschaft bei den Kunden abschöpfen ließe. Der zweite Kritikpunkt bezog sich auf die Preispolitik, denn in kaufkraftschwachen Regionen der Welt wurde Wish zu einem Preis nahe den Herstellungskosten angeboten – und die kaum zu verhindernden Reimporte belasteten die ohnehin schon geringe Marge auf dem US-amerikanischen Heimatmarkt zusätzlich.

Als es Internetaktivisten schließlich gelang, Informationen zur Herstellung des Präparats von den unternehmenseigenen Servern zu kopieren, entwickelte sich ProX/Y endgültig zu einem finanziellen Albtraum für Analysten und Anleger. Im Rahmen einer außerordentlichen Aktionärsversammlung wurden Debby und Jay daraufhin abberufen und durch den Finanzchef von Malley Venture Partners ersetzt. Der Aktienkurs des Unternehmens sollte sich jedoch nicht mehr erholen, hatten doch sämtliche Pharmaunternehmen die im Internet kursierenden Pläne umgehend genutzt, um wirkgleiche Präparate zu entwickeln.

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