Читать книгу Lasst den Jungen eine Chance - Peter Ratz - Страница 9
Menschliche Grundwerte
Оглавление„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles.“ ( J. W. Goethe, Faust I ) - Ist das Geld wirklich das Wichtigste in unserem Leben? Ordnen wir dem Besitz und der Sehnsucht nach Anerkennung und Macht alles Andere unter? Zählen Freundschaft, Liebe, Ehre, Anstand, Gerechtigkeit und Freiheit so wenig?
BESITZ
Mit dieser Feststellung drückte Goethe vor rund 150 Jahren den immer währenden Drang nach Besitz aus. Besitz verleiht Ansehen und Macht. Bei den gesellig lebenden Säugetieren ist in der Regel die Grundfrage, von dem die Beantwortung fast alle anderen abhängt: „Wer ist der Bestimmende?“ Das entscheidet bei den Männchen nicht nur über die Stellung im Rudel, sondern in Zusammenhang damit auch darüber, wer die Begattung vollziehen darf und wer warten muß oder überhaupt nicht zum Zuge kommt. Die endgültige Entscheidung darüber treffen aber häufig die Weibchen. Sie wird von den Männchen geachtet. Bei den Menschen ist das wegen der kulturellen Überlagerung nicht mehr ganz so offensichtlich. Aber jedem Beobachter wird rasch klar, dass derjenige Mann besonders gute Chancen bei den Frauen hat, der Geld besitzt oder eine hohe Position oder sich einer besonderen Anerkennung erfreut. Insofern ist der Wunsch nach diesen auszeichnenden Eigenschaften verbreitet und sehr verständlich. Die Eigenschaft, die am leichtesten vorgezeigt werden kann, ist der Reichtum. Daran hat sich, soweit schriftliche Zeugnisse in die Vergangenheit reichen, nichts geändert. Körperliche Schönheit, Kraft und Mut gehören zu den Eigenschaften, die einen Menschen auszeichnen, die aber weitgehend angeboren sind. Geld aber kann auch der erreichen, dem diese Qualitäten fehlen, sei es auch nur dadurch, dass er es erbt. Aber wieso haben das Geld und seine verschiedenen Erscheinungsformen eine so große Macht über uns bekommen, dass alles Andere dadurch beinahe verdrängt wurde?
REGELN FÜR DAS ZUSAMMENLEBEN
Die zehn Gebote
Alle Völker haben Regeln und Gesetze für ihr Zusammenleben entwickelt. C. G. Jung stellte fest, dass sie sich in allen Kulturen ähneln. Sie sind also die Grundlage für ein gedeihliches Miteinander, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Gemeinschaft. Sie erst machen das Überleben einer Gruppe in einer schwierigen, oft als feindlich empfundenen Umgebung möglich.
In der abendländischen Welt sind es die zehn Gebote, in der islamischen die Gebote und Vorschriften des Koran. Dort und überall sonst wurden die grundlegenden Vorstellungen angereichert mit den kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Weltgegend. Die zehn Gebote dürften zwar allgemein bekannt sein, dennoch seien sie in ihrer Kurzform noch einmal zitiert. Die Originalform findet sich in der Bibel, Zweites Buch Moses, Kapitel 20, bzw. Fünftes Buch Moses, Kapitel 5. Alles, was sich später im jüdisch – christlichen Raum an Gesetzen ergab, geht auf das eine oder andere Gebot zurück.
1) Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
2) Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, bete sie nicht an und diene ihnen nicht.
3) Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.
4) Du sollst den Feiertag heiligen.
5) Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
6) Du sollst nicht töten. (In den Niederlanden wird diese Stelle übersetzt mit: Du sollst keinen Totschlag begehen; nach wikipedia müsste es heißen: Du sollst nicht morden)
7) Du sollst nicht ehebrechen.
8) Du sollst nicht stehlen.
9) Du sollst nicht falsch reden über deinen Nächsten.
10)Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Hab und Gut.
Wie nicht anders zu erwarten, haben die Menschen sich häufig nicht an diese Gebote gehalten. Je nach Zeitalter haben sie sich mehr oder weniger offen darüber hinweggesetzt, besonders die Oberen. Aber wer der Religion anhing und von ihr überzeugt war, der versuchte, nach diesen Regeln zu leben.
Vorbestimmung und irdischer Erfolg
Bleiben wir aber in den moderneren Zeiten. Durch Missstände in der katholischen Kirche kam es zur Bewegung der Reformation, besonders geprägt von Martin Luther, Johann Calvin, Melanchthon, Zwingli und Hus. Dabei hat eine Vorstellung von Calvin sich als besonders wirksam gezeigt. Er glaubte, dass keine eigene Handlung unser Heil bewirken kann. Gott habe für die einen Menschen aufgrund von Wohlgefallen Heil und ewige Seligkeit beschlossen, für die anderen Böses und ewige Verdammnis. Diese Einteilung gelte schon für das diesseitige Leben. Die Bevorzugten haben Gottes Unterstützung und deswegen Glück und Erfolg im Leben. Wenn jemand das nicht habe, lasse sich daran erkennen, dass er zu den Verworfenen gehöre.
Der Calvinismus verbreitete sich in der Schweiz und in England. Er führte dazu, dass die Menschen dort sich sehr bemühten, Erfolg zu haben. Mehr, besser, schneller als die anderen, das war das Ziel. Die USA, mehr noch als Kanada, verschrieben sich der calvinistischen Sichtweise. Mehr zu haben und mehr zu sein ist bis heute amerikanische Lebensweise. Mit der Vorherrschaft der Amerikaner breitete sich dieser Leitgedanke über die ganze Welt aus.
Trotz der Religiosität vieler Amerikaner sind sie in Ihrem Leben sehr diesseitig orientiert. Vor dem Hintergrund ihrer geistigen Herkunft ist der Vorrang materieller Erfolge verständlich. Aber niemand kann zwei Herren dienen, wie bei Matthäus 6,24 nachzulesen ist. Des Weiteren heißt es in der Bibel: „Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz“. Man kann sich nicht an die Gebote und ethischen Forderungen halten, wenn man unbedingt an die Spitze will.
GRÜNDERMENTALITÄT UND AMERICAN WAY OF LIFE
Die zweite Wurzel für das unbändige Streben nach mehr in jeder Hinsicht könnte darin zu suchen sein, dass Amerika von Einwanderern geformt wurde. Sie hatten den Wunsch, politische und religiöse Freiheit zu erreichen und zu bewahren und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. In ihrem Kampf um eigenes Fortkommen kannten sie keine Rücksicht. Was sie für sich selbst als selbstverständlich und gottgegeben ansahen, standen sie der eingeborenen Bevölkerung nicht einmal ansatzweise zu. Die Indianer wurden in Vernichtungskriegen bis auf kleine Bevölkerungsreste ausgerottet, diese in unwirtliche Gebiete verdrängt, ihre Kultur erbittert bekämpft und zerstört. Sie selbst wollten es auf jeden Fall zu etwas bringen, der heimatlichen Armut entrinnen. Viele waren ungebildete Habenichtse, die sich mit Anstrengung und Fleiß ein wirtschaftlich gesichertes Leben schufen. Um erfolgreich zu sein, musste man die ethischen Werte dem materiellen Erfolg unterordnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bei diesem unaufhörlichen Wettbewerb wird jeder eines jeden Konkurrent. Freundschaft, Anstand und Würde treten in den Hintergrund. Ob als Selbstzweck oder mit metaphysischen Begründungen, der äußere Erfolg ist für sie entscheidend im Leben. Luther hingegen war überzeugt: „Was nutzt' es, wenn ich die ganze Welt gewänne, und nähme doch Schaden an meiner Seele?“
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbreitete sich die amerikanische Lebensart auch in Europa. Vor und in dem Weltkrieg wurden in Deutschland die überkommenen Werte vom Volk gelebt. Sie wurden von der politischen Führung zur Erreichung ihrer Ziele immer wieder angesprochen und missbraucht. Die Niedertracht und der Umfang des Betrugs durch die Herrschenden wurden den meisten Menschen erst nach Ende des Weltkriegs klar. Die militärisch-politische Niederlage sowie die Scham über im Namen des Volkes verübte Verbrechen führten dazu, dass die meisten sich vom Nazi-Gedankengut rasch abwandten. Dabei wurden nicht nur die politischen Ideen verbannt, sondern nahezu das gesamte Gedankengut, das damit in Zusammenhang gebracht wurde, auch die alten, überlieferten Werte. Man suchte einen neuen Sinn und fand ihn in den Ideen der siegreichen Amerikaner. Der „American Way of Life“ wurde als beinahe religiöse Offenbarung übernommen. Er beherrscht die Köpfe der Deutschen bis jetzt.
Und was hat die Neuorientierung gebracht? Hat sie uns glücklicher gemacht? Sind wir heute zufriedener als früher? Hat sich unsere Gesellschaft weiter entwickelt? Ist sie menschenfreundlicher geworden?
FREIHEIT
Eines ist sicher: Mit dem Verlust des überlieferten Werte-Korsetts, das der Gesellschaft in den Jahren der Diktatur in einer speziellen Weise aufgezwungen worden war, wurde eine bis dahin nicht gekannte Freiheit erreicht. Der Wechsel war für die Frauen besonders groß. Endlich konnten sie in allen Bereichen für sich selbst entscheiden. Sie brauchten zum Beispiel ihren Mann nicht mehr zu bitten, wenn sie ein Konto einrichten oder aber arbeiten gehen wollten. Vor rund 50 Jahren wurde die Empfängnis verhütende Pille entdeckt. Sie gab den Frauen erstmals in der Geschichte die Freiheit, ihre sexuellen Wünsche auszuleben, ohne ständig von Schwangerschaften und den nachfolgenden Zwängen bedroht zu sein. Sie konnten über die Mutterschaft selbständig entscheiden und damit über ihren Lebensweg. Die Grenzen der Freiheit wurden nicht mehr durch die Biologie gezogen, sondern nur noch durch die allgemeinen Gesetze und die persönliche Moral. Vor dem Gesetz erreichte die Frau erstmalig eine Gleichstellung mit dem Mann.
SUCHE NACH GLÜCK
Doch bei dem Bestreben, möglichst viele der bestehenden Möglichkeiten zu nutzen, können die alten Wertvorstellungen nicht mehr überzeugen. Man richtet sich nur in beschränktem Umfang nach ihnen. Sie scheinen hinderlich zu sein bei der Suche nach dem Glück, einem hohen, von allen Menschen angestrebten Ziel. Liest man alte Märchen und Sagen, haben die Menschen schon immer geglaubt, materieller Besitz sei gleichbedeutend mit Glück. Es stelle sich von selbst ein, wenn man eine gewisse Menge materieller Güter besitze, glauben viele. George Bernard Shaw drückte es so aus: „Die Armen glauben, dass sie nichts als Reichtümer brauchen, um vollkommen glücklich und gut zu sein.“
Andererseits darf man nicht vergessen, dass es kein Glück geben kann, wenn es im alltäglichen Leben am Wichtigsten mangelt. Echter Mangel ist immer Unglück. Wer im Elend lebt, nicht genug zu essen und zu trinken hat, keine Wohnung besitzt , sich nicht richtig kleiden kann, keinen Zugang zu Bildung und ausreichender medizinischer Versorgung hat und nicht in Freiheit leben kann, muss zu den Unglücklichen gerechnet werden. Dauerhaftes Glück kann man nicht kaufen, aber es ist durchaus möglich, Menschen mit materieller Hilfe aus dem Unglück zu befreien. Man muss es nur wollen.
Glücksgefühle stellen sich ein, wenn man sich etwas sehnlichst wünscht und es dann bekommt. Doch wie lange dauert dieses Glück? Ist es nicht folgendermaßen? Wenn wir eine ersehnte Sache bekommen, erscheint sie uns bald nicht mehr so begehrenswert wie zu der Zeit, als wir sie noch nicht hatten. Glück ist ein rauschhaftes, sehr intensives Erlebnis. Auch wenn die Art der Glücksempfindung unterschiedlich ist, so ist allen Formen des Glücks doch eines gemeinsam: sie halten nur kurze Zeit an. Glück ist flüchtig. Die Suche nach Glück kann zur Sucht werden.
KANN MAN GLÜCK KAUFEN?
Den allgemeinen Wunsch nach Glück nutzen Werbung und Ideologen rücksichtslos aus. Wohl wissend, dass sie die Menschen belügen, behaupten sie, dieses oder jenes Produkt führe zu Schönheit, Schlankheit, Beweglichkeit oder Jugend - und damit zum Glück. Man müsse es nur kaufen. Sekten versprechen Erlösung und Erleuchtung, wenn man sich ihren Vorstellungen und Forderungen völlig unterwirft. Dann werde sich das Glück einstellen. Statt Glück erwartet die Menschen bei ihnen aber harte Arbeit, Ausbeutung und ein weitgehender Verlust der Freiheit. Einige Menschen mögen sich in einer solchen Umgebung wohl fühlen. Aber Glück ist das nicht.
Man will uns davon überzeugen, dass wir uns nur genug bemühen müssen, dann könne man ständiges Glück erlangen. Erreicht man diesen Zustand nicht, bietet man uns andere Produkte zum Kauf an. Bald stellt man fest, dass man auch damit nicht das Ergebnis erhält, das man sich wünscht. So kauft und kauft und kauft man immer wieder neu und anders. Der Konsum steigt. Die Werbung hat ihr Ziel erreicht. Sie verkauft in erster Linie nicht Produkte, sondern Illusionen. - Diese Form der Jagd nach Glück hat die geradezu gegenteilige Wirkung. Die Erwartungen an das Leben werden so hoch getrieben, dass sie nicht erfüllt werden können. Deshalb sind die Menschen in den Industrieländern trotz des riesigen Warenangebots und der hohen Kaufkraft nicht glücklich. Die unaufhörliche, stets angetriebene, beinahe zwanghafte Suche nach mehr und anderem zerstört jede Aussicht auf Glück und Zufriedenheit.
DAUERHAFTES GLÜCK
Es hat sich als Grundüberzeugung in uns festgesetzt, wenn ich nicht so glücklich werde, wie ich nach Aussagen anderer eigentlich sein müsste, dann mache ich etwas falsch. Das bezieht sich unglücklicherweise auch auf den Lebenspartner. Wenn die aufregende Stimmung des Verliebtseins sich abschwächt oder endet, das berauschende Glücksgefühl verschwindet, ist man enttäuscht. Denn auch im Bereich der Gefühle erwarten wir, die Abendländer, stets das Maximum. Diesem Wunsch kann niemand gerechnet werden. Aber statt die eigenen unrealistischen Erwartungen zu korrigieren, versuchen wir, ob es mit dem nächsten Partner nicht doch noch klappt. Man überträgt seine Hoffnung und Erwartungen auf ihn. Scheitert man erneut, folgt ein erneuter Versuch. Das geht so lange, bis man dazu gelernt hat oder bis sich kein neuer Partner mehr findet.
Die erfolglose Suche nach dauerhaftem Glück und Anerkennung ist auch das Problem der nicht integrierten Kinder. Sie suchen den Grund dafür, dass sich ihre Erwartungen nicht erfüllen, ausschließlich bei den anderen. Dabei sind „die anderen“ alle die, die nicht zu ihrem sozialen und ethnischen Zuhause gehören. Die Schuld, so glauben sie, trägt die Gesellschaft. Das gilt im übrigen auch für alle sonstigen Nicht-Integrierten.
ZUFRIEDENHEIT
Aber vielleicht sagen wir auch Glück und meinen Zufriedenheit. Zufriedenheit ist ein angenehmes, dauerhaftes Gefühl. Es stellt sich ein, wenn wir in Übereinstimmung mit uns selbst und unserer Umgebung leben. Dann sind wir überzeugt, so wie jetzt könnte es eigentlich immer weitergehen. Uns fehlt nichts Wesentliches. Wir leben in überschaubaren Verhältnissen. Die materiellen Grundlagen sind gesichert. So haben wir Zeit genug, um uns der Familie, den Freunden und unseren Hobbys zu widmen. Wir sind eingebettet und geborgen in einem Geflecht menschlicher Beziehungen. Wir genießen Zuneigung, Wertschätzung und das uns entgegengebrachte Vertrauen. Wir werden bereichert durch Freundschaften und die damit verbundene gegenseitige Verlässlichkeit und Unterstützung. Partnerschaften sind segensreich, wenn sie sich auf Liebe, Vertrauen, Zuverlässigkeit und auf Achtung vor einander gründen. Solche Lebensumstände kommen nicht von selbst. Wir müssen uns darum bemühen. Wir müssen auf den anderen zu gehen und zum Gleichklang der Wünsche selbst ab und zu einen Schritt zurück tun. Wir müssen bereit sein, wegen des Gemeinsamen auf die Durchsetzung einiger persönlicher Ziele zu verzichten.
VERZICHTEN KÖNNEN
Und da sind wir bei einem Punkt angelangt, der sehr unmodern zu sein scheint. Auf etwas zu verzichten, das man haben oder tun könnte, wird meist als dumm, ja fast als krankhaft angesehen. „Warum soll ich mir etwas nicht gönnen, wenn ich es doch kann? Alle machen das so. Man lebt nur einmal. Und da sollte man doch so viel mitnehmen wie möglich.“ Das sind uns allen bekannte Vorstellungen. Verzicht, warum?
Ein Ergebnis des Nicht-Verzichten-Könnens oder des Nicht-Verzichten-Wollens lässt sich leicht beobachten. Man schaue nur auf die große Zahl Übergewichtiger aller Altersklassen und aller Gesellschaftsschichten. Die Dicken finden sich nicht besonders schön und anziehend. Sie sind mit ihrem Aussehen unzufrieden. Sie würden das gerne ändern, können es aber nicht. Sie können nicht verzichten. Sie schaffen es nicht, weniger zu essen und zu trinken. Sie können nicht Maß halten. Was für Essen und Trinken gilt, trifft auch auf viele andere Bereiche unseres Lebens zu.
ACHTUNG UND RÜCKSICHT
Was ganz offensichtlich im Laufe der letzten Jahrzehnte abhanden gekommen ist, das sind die gegenseitige Achtung, die Wertschätzung für einander und die Rücksichtnahme auf einander. Der Wert eines Menschen wird oft nur an seiner Nützlichkeit gemessen. Das war bis zu einem gewissen Grade schon immer so und ist in begrenzter Form auch sinnvoll. Wer mir hilft, wer mich unterstützt, der hat für mich naturgemäß eine viel höhere Bedeutung als jemand, den ich nicht einmal kenne. Die Menschen, mit denen wir umgehen, stehen uns näher als jene, die wir nur flüchtig kennen gelernt haben oder von denen wir gar nur hörten. Wir brauchen persönliche Beziehungen. Sie bereichern das Leben und erleichtern es. Nützlichkeitserwägungen, mögen sie auch unbewusst angestellt werden, spielen dabei eine Rolle. Aber die gefühlsmäßigen Beziehungen zu anderen Menschen sind von ungleich größerem Wert. Der Wert, den man als Einzelperson besitzt, erschöpft sich nicht im Grade der Nützlichkeit für die Umgebung. Jeder Mensch ist einzigartig in der Kombination von Aussehen, Charakter und Fähigkeiten, aber auch von Schwächen und Fehlern. Jeder ist ein Unikat, ein Einzelstück, etwas ganz Besonderes. Das gibt jedem Menschen einen unveräußerbaren Wert. Er wird nicht beeinflusst durch Hautfarbe, Geschlecht, Kulturkreis, Religion oder was es noch an Merkmalen gibt, die die Individuen unterscheiden. Unterschiede machen keine Wertungleichheit. Diese Erkenntnis führte zu dem Satz von der Gleichheit der Menschen.
Billigt man einem Menschen nur den Wert zu, den er aufgrund seiner Nützlichkeit hat, vertritt man eine zutiefst Menschen verachtende Weltsicht. Das führt unter anderem zu der Einstufung anderer als lebensunwertes Leben, als Stimmvieh, als Untermenschen oder wie die Ausdrücke sonst noch heißen mögen. Die eigene Überschätzung und die Verachtung fü die anderen führen zu Völkermord, Versklavung und Tyrannei. Die Geschichte ist voll von solchen Fehlentwicklungen. Diese Geisteskrankheiten sind bis heute nicht besiegt, wie man an den Mordbanden in Somalia, dem Irak und Nigeria sehen kann, um nur einige zu nennen.
GLEICHBERECHTIGUNG
Nicht unerwähnt lassen kann man die überaus verbreitete Schande, die die Unterdrückung, Ausbeutung und Ungleichbehandlung der Frauen darstellt. Wir tun uns viel zugute auf unsere Fortschrittlichkeit bei dieser Frage, aber ganz haben wir die Gleichstellung von Mann und Frau auch in Deutschland nicht erreicht. So wird zum Beispiel in sehr vielen Fällen immer noch kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt. Bis Mitte des vorigen Jahrhunderts bestimmte der Mann nahezu alles. Heute gelten die Frauen als gleichberechtigt. Aber in den Gesetzen ist die Gleichstellung von Mann und Frau weiter fortgeschritten als in den Köpfen.
Frauen wurde früher die Möglichkeit zur Bildung genommen. Männer hatten und haben zum Teil immer noch Angst vor gebildeten Frauen. Denn im Umgang mit ihnen reicht es nicht mehr, nur etwas zu behaupten oder einfach anzuordnen. Frauen fordern Begründungen. Das können die Männer oft nicht geben, oder nur mit Schwierigkeiten. Wegen der männlichen Probleme im Umgang mit selbstbewussten, ihnen geistig gewachsenen Frauen versuchen sie, die Frauen als Konkurrentinnen im Spiel um Macht und Einfluss von Beginn an auszuschalten.
Gegen solche gesellschaftlichen Strömungen muss man überall auf der Welt hartnäckig und entschlossen vorgehen. In Europa und den angelsächsischen Ländern ist die Entwicklung zur Gleichberechtigung von Mann und Frau weitgehend abgeschlossen. Aber es gibt weite Teile der Welt, wo die Frauen recht- und bildungslos sind und die Männer alle Rechte für sich reserviert haben (wie bei den Schimpansen). Bildung ist die Voraussetzung dafür, dass Frauen sich aus ihren Ketten befreien können. Sie alleine garantiert, dass Frauen die ihnen zustehenden Rechte erobern und bewahren können.
MÄNNLICHE ANGST VOR WEIBLICHER SEXUALITÄT
Auffallend ist eine Besonderheit, die im muslimischen Kulturkreis besonders stark ist. Es scheint so, dass die Männer kein hinreichendes Vertrauen zu ihren Frauen haben und in der Vorstellung leben, die Frauen suchten ständig sexuelle Erlebnisse und dazu immer andere Partner. Es bietet sich keine einleuchtende andere Erklärung dafür an, dass im muslimischen Kulturkreis die Frauen von klein an unterdrückt werden. Das mag zu Mohammeds Zeiten eine Berechtigung gehabt haben, könnte man einfach einmal unterstellen. In Gesellschaften aber, die sich weiterentwickelt haben, sind solche Zustände unhaltbar. Frauen werden zu Unterwürfigkeit erzogen und von jeder Bildung ferngehalten. Das gilt in dieser extremen Form nur noch für wenige muslimische Länder. Besonders deutlich ist das bei den mehrheitlich völlig ungebildeten und unwissenden Taliban in Afghanistan und bei den Terrorgruppe der Boko Haram in Nigeria und der ISIS-“Gotteskrieger“ im Irak.. Sie führen regelrecht Krieg gegen die Frauenbildung. Das geht soweit, dass sie Gasangriffe gegen Schulen durchführen, Schulmädchen mit körperlicher Züchtigung und Verstümmelung bestrafen, auf die Mädchen schießen, sie entführen und verkaufen oder sie umbringen. Kann man sich erbärmlichere Gesellen vorstellen als die bewaffneten Männer, die sich an wehrlosen Mädchen und Frauen vergehen?
Auch in Europa gab es die Furcht vor Frauen, vor allem vor den Weisen Frauen, denen besondere Kenntnisse und Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Aus dieser Furcht heraus kam es zu beschämenden Auswüchsen. Man denke nur an die Hexenprozesse und die Verfolgung der Frauen, ein großer Schandfleck auf Europas Geschichte.
WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG
Eine weitere Folge der Angst der Männer vor der Sexualität der Frauen zeigt sich in dem grausamen Brauch der Genitalverstümmelung. Sie wird verharmlosend Beschneidung genannt, wobei gedanklich Ähnlichkeiten zur männlichen Beschneidung hergestellt werden sollen. Dabei ist die Beschneidung der Männer ein kleiner Eingriff, bei dem lediglich die Vorhaut des Penis entfernt wird. Dieser Eingriff hat in den Ländern seines Ursprungs durchaus seine Berechtigung. In den Trockengebieten des Orients ist es schwierig, die erforderliche Körperreinigung durchzuführen und die Ansammlung von abgestoßenen Körperzellen und Fett unter der Vorhaut zu entfernen. Diese Ansammlung kann zu Entzündungen führen und, wie man heute weiß, auch zu einem Genitalkrebs bei den Frauen. Der verhältnismäßig kleine Eingriff kann also viel Nutzen bringen. Und, wie so oft, wurde auch in diesem Fall eine allgemeine hygienische Vorschrift in das religiöse Gebotewerk aufgenommenen. Als religiöse Vorschrift war die hygienische Empfehlung viel leichter durchzusetzen.
Nicht der kleinste Vorteil ist zu entdecken, den die Frauen durch die Genitalverstümmelung gewinnen könnten. Ohne hier auf die einzelnen Formen der Geschlechtsverstümmelung eingehen zu müssen, kann sich jeder eine ungefähre Vorstellung davon machen, wenn er weiß, dass Mädchen die Geschlechtsteile ganz oder teilweise ohne jede Betäubung weggeschnitten werden. Dabei werden die Mädchen von mehreren Frauen festgehalten, von traditionellen Heilerinnen, Hebammen oder Barbieren ohne anatomische Kenntnisse verstümmelt. Als Instrumente dienen Rasierklingen, Messer, Scheren, Glasscherben, manchmal sogar Deckel von Konservendosen. Die Nachbarorgane werden häufig verletzt. Manchmal werden die Wunden grob vernäht, wieder ohne Betäubung, manchmal gibt es nur einen Druckverband. Das ist oft nicht genug, um die Blutung, die durch die Operation entsteht, zu stillen. Die misshandelten Mädchen sterben am Blutverlust. Weil bei dieser Operation nicht steril gearbeitet wird, gibt es Infektionen, die zu einer Blutvergiftung führen, die zum Tode führen . Bei dieser Operation wird häufig auch der Scheideneingang soweit zugenäht, dass eine höchstens bleistiftstarke Öffnung bleibt, durch die das Menstruationsblut abfließen kann. Die Verengung des Scheideneingangs wird erst dann wieder entfernt, wenn es zur Geburt kommt. Danach werden die Frauen wieder zugenäht. - Jährlich werden in Afrika etwa zwei Millionen Mädchen dieser Verstümmelung unterworfen. Es ist eine Sitte, die schon vor der Verkündung des Islam entstand und die unabhängig von ihm weiter lebt. So werden auch die Mädchen koptischer Christen und äthiopischer Juden ihr Opfer. (Niedersächsisches Ärzteblatt, 11/2006)
Beim Geschlechtsverkehr empfindet die verstümmelte Frau nur Schmerz. Die geschlechtliche Lust und Befriedigung ist ihr auf immer verwehrt. Die so geschaffenen Verhältnisse sind die gewollten Folgen dieser Barbarei, die die praktizierenden Völker als kulturell hoch stehende Überlieferung ansehen.
Auch wenn es im Angesicht des Leids, das durch diese rückständigen und grausamen Gepflogenheiten verursacht wird, etwas theoretisch anmuten mag, muss man sich doch nach den Gründen für solche Barbarei fragen. Es gibt vorgeschobene, unzutreffende Gründe wie die Behauptung, es diene der Schönheit des Genitalbereichs und einer besseren Hygiene. Eine lange Tradition, so heißt es, habe diese Praxis der Verstümmelung zu einem wesentlichen Teil der Kultur gemacht. Wenn schlechte, barbarische, grausame Gepflogenheiten über lange Zeiträume hinweg geübt werden, werden sie dadurch auch nicht um eine Winzigkeit besser. Man darf doch Schlechtes nicht deshalb beibehalten wollen oder müssen, weil man das Schlechte schon so lange macht. Ganz im Gegenteil! Man muss endlich damit aufhören! Über sehr lange Zeit hinweg hat der Mensch andere Menschen unterjocht, gequält und als Sklaven gehalten. Es ist auch eine alte Überlieferung, die leider immer noch nicht ganz von der Erde verschwunden ist. Möchten die, die der Verstümmelung das Wort reden, die Sklaverei wieder eingeführt sehen? Und möchten sie dabei dann Sklaven sein?
Der wirkliche Grund für die Vernichtung weiblicher sinnlicher Erfüllung ist die Angst der Männer vor der Sexualität der Frauen. Sie könnten sich selbst befriedigen, heißt es, und das dürfe nicht sein. Ich habe noch nie gehört, dass man dieselbe Forderung Männern gegenüber erhebt. Außerdem kann niemand eine zufrieden stellende Antwort darauf geben, warum das nicht sein darf. Was ist schlimm daran? Und hat man je von einer Verteufelung der Sexualität im allgemeinen und der Masturbation im besonderen gehört, wenn es sich um Männer handelt? Hat man Maßnahmen ergriffen, um deren Selbstbefriedigung unmöglich zu machen?
Genauso wenig gibt es eine nachvollziehbare Begründung für die Forderung, Frauen dürften den Geschlechtsverkehr nicht lustvoll erleben. Die größtmögliche Perversion der natürlichen Abläufe wird durch die Geschlechtsverstümmelung erreicht. Keine Lust, nur Schmerz. Eines allerdings wird dadurch sicher erreicht: kaum eine Frau dürfte unter diesen Voraussetzungen den Wunsch nach Sex verspüren, weder nach ehelichem noch nach außerehelichem. Dass sie den ehelichen Sex erdulden muss, ist schon schlimm genug.
Bei diesen Verhältnissen fragt man sich, wie gering das Selbstbewusstsein der Männer sein muss, die zu solchen Mitteln greifen müssen, um neben den Frauen bestehen zu können. Sie lehnen unbeschnittene Frauen als Ehepartner ab. Das ist wohl der Hauptgrund, weshalb Mütter ihren Töchtern dasselbe Schicksal zufügen (lassen), das sie selbst erdulden mussten. Die Männer überkompensieren ihre Schwäche durch die überhebliche, bevormundende und zurücksetzende Haltung Frauen gegenüber.
TOLERANZ UND KOOPERATION
Ein anständiger Umgang miteinander ist die Voraussetzung dafür, dass wir gut miteinander auskommen. Das Leben ist zu kurz, zu wertvoll und schon schwierig genug, um es durch vermeidbare Auseinandersetzungen zu erschweren. Warum verwenden wir so viel Energie darauf, uns von anderen abzuheben, unsere Sichtweise anderen aufzuzwingen und andere beherrschen zu wollen? Es kommt doch viel mehr darauf an, einen Weg zu finden, den alle gehen können, denn in den meisten Fällen handelt es sich nicht um lebensentscheidende Fragen.
Besonders auffällig in diesem Sinne sind die Salafisten, eine Gruppe radikaler Moslems, und rechtsradikale Deutsche. Beiden gemeinsam ist die Unduldsamkeit gegenüber anders Denkenden und allen nicht zu ihnen Gehörigen überhaupt. Sie glauben, etwas Besonderes zu sein und sind überzeugt, dass deshalb die für Normalbürger gemachten Gesetze für sie nicht gelten. Sie stellen sich selbst außerhalb der Gesellschaft und gegen sie. Trotzdem sind sie empört, dass sie als Folge davon abgelehnt werden. Auch weil sie mit ihren Ansprüchen auf breite Ablehnung stoßen, stehen sie der Gesellschaft feindlich gegenüber.
Ganz wesentlichen Anteil am späteren Verhalten hat die Erziehung. Hier ließe sich viel verbessern. Die Erziehung des jungen Kindes und damit seine nachhaltige Prägung erfolgt überwiegend durch die Mutter, ersatzweise durch andere feste Bezugspersonen. Betonung von Erfolg, vom Siegen um jeden Preis und das energische Durchsetzen eigener Vorstellungen gelten heute als positive, ja beinahe lebenswichtige Eigenschaften. Als jeder auf sich selbst gestellt war, also in längst vergangenen Zeiten, mögen sie erforderlich gewesen sein. In moderneren Zeiten erfolgte eine Arbeits- und Aufgabenteilung. Die Gesellschaft kann seitdem nur existieren, wenn man sich auf einander verlassen kann und einander zu arbeitet. Heute ist durch Zusammenarbeit, durch Miteinander und gemeinsame Anstrengung für die Allgemeinheit und damit letztlich auch für den Einzelnen viel mehr zu erreichen als durch das Gegeneinander eines jeden gegen jeden. Die Überbetonung aggressiver Eigenschaften führt dazu, dass die Qualitäten, die zum befriedigenden Zusammenleben aller gehören, vernachlässigt werden und sich nicht richtig entwickeln. Rücksichtnahme auf die Interessen der anderen wird nicht ausreichend geübt. Das Übergewicht der Einzelinteressen gegenüber der Gemeinschaft unterhöhlt das gemeinsame Fundament und führt letztlich zum Zusammenbruch der Gesellschaft. Wir müssen lernen, als selbstverständlich zu betrachten, dass die anderen grundsätzlich gleichwertige Menschen sind und dass sie die selben Rechte und die selben berechtigten Ansprüche haben wie wir. Wir sollten begreifen lernen, dass andere Menschen so behandelt werden müssen wie wir es für uns erwarten und fordern. Wir lernen nicht genügend, dass anders zu sein zunächst einmal nichts über den Wert eines Menschen aussagt. Eine richtige Einschätzung kann man nur dann bekommen, wenn man vorurteilsfrei auf sein Gegenüber zugeht und ihn zu verstehen versucht. Unerlässlich ist die Bereitschaft, Unterschiedlichkeit als das zu erkennen, was sie ist: eine von meiner eigenen abweichende Sicht der Dinge. Andere Vorstellungen und Lebensweisen als zwar verschieden doch gleichwertig zu betrachten und gelten zu lassen, nennt man Toleranz. Diese Duldsamkeit beschert uns eine vielfarbige, facettenreiche, interessante und lebendige Gesellschaft.
FANATIKER
Die Fanatiker, die Einäugigen, die geistigen Scheuklappenträger sind ein unbelehrbarer Herd der Unruhe, ein stetiges Ärgernis. Mit ihnen zu diskutieren ist sinnlos, wenn sie sich auf religiöse Ideen berufen. Den religiösen Ideen ähnlich sind die kritiklos hingenommenen Ideologien. Glaube braucht und will kein Wissen. Und nur das Wissen ist Begründungen zugänglich. Es ist viel leichter zu glauben als zu wissen. Der Glaube gibt ein viel höheres Maß an Gewissheit als das Wissen. Glaubt man selbst, man wisse alles, scheint jede Unterhaltung überflüssig, bei der Fragen erörtert werden sollen. Wer intensiv glaubt, entwickelt leicht die Überzeugung, die anderen zu der eigenen Sichtweise bekehren zu müssen. Dieses Sendungsbewusstsein lässt die angenehme Überzeugung von der eigenen Bedeutung entstehen. Die anderen müssen überzeugt werden, notfalls auch mit Gewalt. Der Zweck heiligt die Mittel.
Mit Intoleranten kann man nicht duldsam sein. Sie begreifen Toleranz als Schwäche. Da das Mittel des Gesprächs als Form der Auseinandersetzung ausfällt, müssen andere Methoden angewandt werden, damit intolerante Menschen nicht die Spielregeln der Gesellschaft in ihrem Sinne verändern können. Toleranz ist eine ganz wichtige Verhaltensweise im Umgang mit einander. Bei Intoleranten aber ist sie völlig falsch. Hier ist entschiedener Widerstand unumgänglich.