Читать книгу King Artus und das Geheimnis von Avalon - Pierre Dietz - Страница 11

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Juli 1996

Der Gedanke, mit dem Zug weiterzufahren, bereitet ihm Unbehagen. Was, wenn der Glatzkopf am Bahnsteig auf ihn wartet? Marcel versteckt sich in einem kleinen Park neben dem »Musée des Beaux-Arts« und wechselt dort sein T-Shirt. Gegenüber steht eine Telefonzelle. Die Schwester seiner Mutter erklärt sich bereit, ihn mit ihrem Auto abzuholen. Treffpunkt ist die gegenüberliegende Uferstraße. Bis dahin sind, je nach Verkehrslage, bis zu drei Stunden Wartezeit zu überbrücken. Dem Gejagten fehlt die Ruhe in der Zwischenzeit alte Gemälde zu betrachten. Gespannt schweift der Blick die »Avenue Jean-Janvier« Richtung Bahnstation hinunter. Der Junge fragt sich, wer in besagter Nacht aus dem Ufo gestiegen ist. Weshalb lohnt der Aufwand, ihn nach so langer Zeit weiterhin zu verfolgen? Oder ärgert sich der Soldat nur deshalb, die Nerven verloren und auf ihn geschossen zu haben?

Zweihundertzehn quälende Minuten später rollt der uralte weiße Peugeot 203 Cabriolet über den »Quai Châteaubriand«. Die Inneneinrichtung des Zweisitzers besteht aus rotem Leder und riecht modrig. Das Verdeck hat Risse. Die feuchte Seeluft verhindert das Austrocknen der eingenisteten Pilze und Flechten. Im Fahrtwind des langsam fahrenden Wagens flattert das Kopftuch der glücklichen Tante.

„Was hat der Typ von dir gewollt?“, erkundigt sich Louane. „Am Telefon habe ich nur »Bahnhof« verstanden!“

„Das ist recht kompliziert.“

„Ich verstehe! Manche Gedanken brauchen Zeit, um sich zu setzen, und gewisse Erlebnisse ausreichend Abstand, bevor du darüber sprichst.“

„Ich habe dank des Vorfalls bisher nichts gegessen!“

„Ich kenne ein sympathisches Restaurant in »Larmor-Baden«, das von außen nicht sonderlich schick ist, aber eine ausgezeichnete heimische Küche hat. Von dort genießen wir einen grandiosen Ausblick auf die sagenumwobene Landschaft der Apfel-Inseln. Ich habe dir einiges zu erzählen.“


Am Golf von »Morbihan« angekommen hält das Auto auf einer Landzunge im Hafen der Stadt an. Das Wetter klart auf. Dünne weiße Wolken treiben nach Osten ins Landesinnere. Der Wind riecht nach Jod. Marcel holt tief Luft, um den Großstadtmief aus seiner Nase zu verbannen. Die Wellen rauschen im Sand oder gluckern unter den Booten. Der Strand ist übersät mit Muschelschalen, Seetang und toten Krebsen. Die wärmende Sonne taucht die Szenerie in ein friedliches Licht.

„Die Gegend ist ganz anschaulich, Tante Louane!“

„Du untertreibst! Dies ist der magischste Ort auf der ganzen Welt!“

„Übertreibst du nicht ein wenig? Eine alte Pinie, ein paar Häuser, ein kleines Schloss und eine Hafenmole. Der Ort hat nichts Eminentes.“

„Ich spreche von dem See!“

„Ist das ein See oder ein Meeresarm?“

„Dieses Gewässer ist in mystischer Zeit einmal ein verzauberter See gewesen, bevor der Fluss »Auray« das trennende Land weggeschwemmt hat.“

„Soso! Verzaubert. Ich sehe nur verendetes »Frutti di Mare«.“

„Das Wasser ist mit den Gezeiten gekommen und verschwunden. Die Menschen damals haben für den Vorgang keine Erklärung gehabt. Zur passenden Zeit angekommen sind hier die Wiesen aufgetaucht und die Inseln sind leicht erreichbar gewesen. Wenn die Sonne auf das nasse Gras geschienen hat, ist Dunst aufgestiegen. Die sagenhaften Nebel von »Avalon«! Oder auf Keltisch: Ãbállon.“

„Von der Seeluft bekomme ich Hunger!“

„Du hast recht! Wir essen etwas und ich lege dir dar, was ich in Erfahrung gebracht habe.“

Gleich ein paar Hundert Meter weiter steuert die Tante den nächsten Parkplatz an. Eine Mauer hindert einen kleinen Abhang, abzurutschen. Ein wenig schicker Bungalow, der auf einer durchgehenden Garage steht, beherbergt ein Restaurant mit großen Fenstern. Davor und an der Seite erstreckt sich eine Terrasse mit Seeblick. Liegende Betonstäbe mit Löchern verunstalten das Geländer. Ein Kellner stellt nach dem Regenschauer des Vormittags die Bestuhlung wieder auf.

„Hübsch ist das Ambiente wahrlich nicht!“

„Sitzen wir draußen?“, fragt Louane reflexartig.

„Der Wind ist zu heftig! Hinter den Scheiben wärmen uns die Sonnenstrahlen.“

„Drinnen sehen wir genug!“

Der Ober mittleren Alters, der schon bessere Tage erlebt hat, empfiehlt Taschenkrebs, Salzlamm mit weißen Bohnen samt Röstkartoffeln und flambierten Crêpe.

„Auf der Insel gegenüber hat einst eine Frau namens Morgane gelebt.

Die Halbschwester des nebulösen Königs Artus hat die Region der Inseln beherrscht.“

„Das ist scheinbar Ewigkeiten her.“

„Durch massive Unruhen hat das Römische Reich zu jener Zeit die Vormachtstellung eingebüßt. Auf ihrer langen Wanderung haben die Goten eine Waffe mitgebracht, die auf Umwegen zu uns gelangt ist. Neuerdings ist behauptet worden, die Klinge sei aus Kalabrien und mit der »Macht der Götter« ausgestattet gewesen. Der erste Stahl in den Händen der Menschen.“

Der Junge schaut seine Tante an, als ob diese von einem anderen Stern zur Erde gekommen sei.

„Binde mir keinen Bären auf!“

„Hast du je von »Avalon« und von »Excalibur« gehört?“

„Wer kennt nicht das legendäre Schwert? Im Lateinunterricht haben wir gelernt »ex« heißt »aus«, »cai« bedeutet »Stein« und »libur« meint »frei«. Was hat der Säbel in der Bretagne verloren? Spielt die Artussage nicht in Britannien?“

„Wir sind in Britanien mit nur einem »N«! Das ursprüngliche Land der Kelten. Und alles geschah in »Letavia« und nicht auf den Inseln!“

„Beruhige dich! Ich habe verstanden, worauf du anspielst!“

Der Garçon serviert zwei »Chouchen«1 zum Aperitif.

„Der schmeckt hervorragend!“, urteilt Marcel.

„Achten Sie darauf“, mischt sich der Kellner ein, „Wenn Sie zu übermäßig davon trinken fallen Sie unweigerlich auf den Hinterkopf!“

„Ist das so?“

„Hier weiß das jedes Kind!“, stimmt Louane zu.

Die Servicekraft setzt ein Lächeln auf und verschwindet in Richtung Küche.

„Auf der Insel gegenüber hat Morgane Lancelot eingesperrt, um ihn zu verführen und ihm ihren Willen aufzuzwingen.“

„Liebe Tante, ich hoffe, du machst nur Spaß? Hast du Beweise? Denkst du dir das aus, um mich auf den Arm nehmen? Was weiß ich, der Junge aus der Stadt, über die Witze aus der Provinz? Jetzt sei bitte wieder ganz normal!“

„Bei uns Feen sind deine sogenannten Scherze fundierte Überlieferungen!“

„Seit wann bist du eine Fee?“

„Du bist durch Propaganda-Märchen verdorben, die uns Feen und Druiden diffamieren! Erst hat Rom, anschließend die Kirche, schließlich die vorgeblichen Aufklärer die Idee vom Leben mit der Natur diffamiert und uns in den Untergrund gedrängt. Wissen basiert auf den Lehren der Schöpfer. Wir haben die Kenntnisse zum Wohle der Menschen und aller Lebewesen angewandt. Schau nur, was Forscher dem Planeten angetan haben! Waffen und Umweltzerstörungen.“

„Ihr habt versäumt“, provoziert Marcel, „selbst Waschmittel und Fahrzeuge zu entwickeln. In diesem Fall wäre euer Ansehen in der Bevölkerung deutlich besser!“

Der Kellner bringt die frisch aufgebrühten Taschenkrebse, die der Koch fachgerecht geöffnet hat.

„Falls Sie einen Nussknacker oder Ähnliches benötigen, winken Sie mich kurz herbei.“

„Das geht schon!“, lächelt Louane die Bedienung an und führt ihre Ausführungen fort. „Die Allmächtigen haben uns solche Entwicklungen nicht erlaubt! Ihrer Aussaat und Schöpfung hat niemand Schaden zuzufügen. Nicht mehr lange und die Umwelt ist dank deiner Wissenschaftler, Waschmitteln und Autos dem Untergang geweiht! Bald ist die Erde wieder wüst und leer. So, wie die Götter unsere Erde vorgefunden haben.“

„Und die Fee, die mir gegenübersitzt, eine alte stinkende Karre fährt, und die Wissenschaft verurteilt, rettet die Welt vor der Apokalypse?“

„Von mir aus. Laufe jetzt gerne auf der Stelle zurück nach Hause in dein von miefenden Vehikeln und Reinigungsmitteln verseuchtes Paris!“

„Tut mir leid, das mit der ausgedienten Möhre ist mir so raus gerutscht!“

Die Tante schaut hinaus auf den ehemaligen See. Die Ebbe hat eingesetzt und die Furt zur Insel zeichnet sich deutlich ab. In der Strömung zwischen den Buhnen üben Paddler den Umgang mit den Kräften der Natur.

„Ich fahre den Schrotthaufen, bis dieser auseinanderfällt, um dem größten Übel, der Profitgier, entgegenzutreten. So ein Auto führe fünfzig Jahre und mehr. Wenn Konzerne Interesse am Naturschutz hätten, wären alle Teile in Modulen verbaut, die eine Werkstatt bei Defekt oder technischer Weiterentwicklung bequem austauscht.“

„Das ist ein Denkfehler! Wie baust du in einen Oldtimer nachträglich Airbags, Sicherheitsgurte, Kassettenrekorder, elektrische Fensterheber oder leistungsfähigere Motoren ein?“

„Das ist gar nicht nötig! Früher sind die Menschen mit dem zufrieden gewesen, was der Einzelne besessen hat. Neid ist in den Dorfgemeinschaften verpönt gewesen und ist in extrem harten Fällen bestraft worden.“

„Wie viele sind ums Leben gekommen, weil die alten Fahrzeuge unzureichende Sicherheitsvorrichtungen gehabt haben? Aber um erneut auf die Artussage zurückzukommen: Woher weißt du so genau, was damals geschehen ist? Aufgrund der vagen Hinweise aus der Gralsgeschichte ist die Forschung nicht von der Authentizität der Überlieferungen überzeugt.

Die Orte lassen sich nicht finden und die Geschichte ist vermutlich nur ein Idealbild des Mittelalters gewesen.“

Louane schüttelt unablässig den Kopf. Begreift der Junge nichts?

„Weil die Wissenschaft in England, Irland oder Skandinavien und nicht in der Bretagne nach den Fakten sucht! In den Köpfen der Bevölkerung ist weit mehr überliefert als in allen Büchern der Welt!“

„Von wem ist das Zitat? Einstein? Wallenstein? Freiherr von Stein?“

„Von Merlin persönlich, der gewusst hat, wie manipulierbar geschriebene Worte sind!“

„Soviel ich weiß, sind von ihm keine Aufzeichnungen vorhanden!“

„Wir kennen jedes Wort von unserem göttlichen Meister! Diese sind bis heute mündlich weitergegeben.“

„Ach! Merlin ist göttergleich gewesen?“

„Sein Vater ist der Teufel und die Mutter eine Gläubige.“

„Meinst du den drei Meter aufragenden Darth-Vader-Verschnitt, dem ich in Paris begegnet bin?“

Marcel schaut in weit aufgerissenen Augen.

„Jetzt überraschst du mich!“

„Vor dem Louvre ist bei Nacht so eine Art Ufo gelandet und der Gigant ist ausgestiegen.“

„Wenn der Herr der Finsternis dich bemerkt hat, bist du in großer Gefahr! Der hohe Herr hasst Zeugen, die nicht zu den Auserwählten zählen.“

„Du glaubst mir?“

„Warum nicht? Nur weil die Geschichte für normale Charakteren unglaubwürdig klingt?“

„Da sind Uniformierte mit Glatzen und kleinen Ohren aufgetaucht.“

„Das sind die Nachkommen seiner Brut! Nimm dich vor denen höllisch in Acht! Ich habe bei anderer Gelegenheit von der heimlichen Armee gehört.“

Der Junge runzelt die Stirn. Bringt die Tante die Zeiten nicht arg durcheinander?

„Was haben Menschen von heute mit der Spätantike zu schaffen?“

„Die Götter versuchen seit Anbeginn der Menschheit, uns für ihre territorialen Machenschaften zu missbrauchen. In jener Zeit sind die Franken die »Kleinohren« gewesen. Für den Diabolus existiert die Zeit nicht! Ich warne dich vor den Häschern!“

„Einer ist mir bis in den Zug gefolgt. Ich bin ihm nur knapp entkommen!“

„Ich habe mich über dein vorzeitiges Aussteigen gewundert. Jetzt ist mir so einiges klar. Große Vorsicht ist geboten! Am besten rufst du die Eltern aus einer Telefonzelle an. Und nur, wenn wir unterwegs sind.“

„Übertreibst du nicht ein bisschen?“

„Alle Telefongespräche laufen über Paris durch die Telecom-Zentrale unter den Tuilerien. Dort bist du leicht zu lokalisieren.“

„Das ist technisch unmöglich! Alle Gespräche zu belauschen, erfordert eine Unmenge an Personal.“

„Der Teufel verfügt über Techniken, die du dir in deiner kühnsten Fantasie nicht auszudenken vermagst. Und selbst im Traum reicht Vorstellungskraft nicht aus, um sich den Umfang auszumalen. Ich habe eine Freundin, die in »Comper am See« wohnt. Was hältst du davon, wenn wir die Nachfahrin der Viviane besuchen?“

„Ich kenne die Frau nicht!“

„Und weiter? Sie ist liebenswert und äußerst mitteilsam. Ihre Geschichten sind unbezahlbar.“

Marcels Laune sinkt auf den Tiefstpunkt.

„Ist dieser Tag nicht anstrengend genug für mich verlaufen? Ich sehne mich nach dem Meer.“

„Du verbringst sechs Wochen am Meer. Da fällt eine Übernachtung auf dem Lande nicht ins Gewicht. Der geschichtsträchtige Ort ist nur ein paar Kilometer entfernt. »Garçon«! Hat das Lokal ein öffentliches Telefon?“

„Neben den Toiletten, Madame.“

„Ich bin kurz weg.“

„Louane!“

„Keine Widerrede!“

Der Junge hofft, die Telefonverbindung kommt nicht zustande. Der Kellner tischt das Salzlamm auf.

„Die Dame möge sich beeilen. Das schmeckt kalt nicht besonders lecker und ist warm gestellt schnell zäh.“

„Danke! Meine Tante ist nur kurz weg.“

„Nehmen Sie zum Hauptgang einen Rotwein oder lieber einen Cidre?“

„Ein Apfelwein passt zur Gegend – ein Roter zum Lamm.“

„Wir haben den besten Cidre der Welt! Unser Nationalgetränk ist aus den handverlesenen Äpfeln der Inseln in diesem See hergestellt. Eine Tradition, die bis in die Urzeit zurückreicht, als Eva einen der Äpfel Adam reichte.“

„Das Paradies lag …“

„… auf »Avalon«, mein Freund! Beerenfrucht oder Apfelsekt?“

„In dem Fall einen paradiesischen Cidre.“

Zufrieden schlendert der Ober zur Theke. Der Stadtjunge fragt sich, was die Sichtweise auf Geschichte der Bretagne derart verändert hat. Schafft die Abhängigkeit zu Frankreich Minderwertigkeitskomplexe? Marcel winkt Louane zu, die im Gesprächsrausch die Welt um sich vergessen hat. Der Garçon serviert die Getränke. Der Junge verliert die Geduld und stochert zaghaft im Essen herum. Größere Bissen folgen, bis der Teller annähernd leer gegessen ist. Da kehrt die Schwester seiner Mutter endlich wieder an den Tisch zurück.

„Beeile dich! Das Fleisch ist kalt.“

„Und weiter? So verbrenne ich mir wenigstens nicht den Mund!“

„Lass mich raten – die Gute hat abgesagt.“

„Wie kommst du denn darauf?“

„So lange, wie ihr telefoniert habt, sieht das nach einer Absage aus.“

„Wir haben unsere Neuigkeiten ausgetauscht und ich habe ihr erst einmal von dir erzählt …“

„Am Telefon?“

Kreidebleich sinkt Marcel auf dem Stuhl nieder.

„Oh! Die »Tuilerien« habe ich völlig außer Acht gelassen!“

„Jetzt lesen mich die Teufelsglatzen bei deiner Freundin auf.“

„Den Nachnamen habe ich nicht erwähnt. Wie viele deines Namens leben in Frankreich pro Quadratkilometer?“

„Diejenigen davon, die eine Tante Louane haben: exakt einen!“

„Lass uns aufbrechen!“

„Und der Nachtisch?“

„Ein kleiner Kaffee tut – in der Tat – stets gut!“

Die Tante ordert zwei »Expressos« und Marcel grübelt nach Argumenten, sein Gegenüber umzustimmen.

„Du hast nichts zum Umziehen mitgenommen.“

„Sorge dich nicht um mich! Janine hat die gleiche Kleider- und Schuhgröße wie ich. Wenn wir uns besuchen, helfen wir uns immer gegenseitig aus.“

„Verbringen Sie Ihren Urlaub in der Gegend?“, fragt der Kellner und serviert die Crêpes.

„Ein geheimnisvoller Landstrich“, schwärmt Louane, „um sich zu erholen. Wir lieben die Zeugnisse aus der Urzeit!“

„Wenn das so ist, setzen Sie auf »Gavrinis« über und sehen Sie sich dort den »Cairn« an. Das Bauwerk ist sechstausend Jahre alt. Dort ist kurioserweise eine zerbrochene Stele verbaut, die ursprünglich vierzehn Meter hoch gewesen ist. Die Archäologen fragen sich, wie die Menschen damals das schwere Stück auf die Insel transportiert haben.“

„Das klingt hochinteressant und wir nehmen Ihren Vorschlag unbedingt in unser Programm auf.“

Die Bedienung eilt zum nächsten Tisch und der Junge schaut sein Vis-à-vis fragend an.

„Warum hast du ihn angelogen?“

„Ich traue dem Kerl nicht. Der Schnüffler ist ständig um uns herum.

Ich wette, der hat jedes Wort mitbekommen. Sei nach dem Vorfall im Zug überaus vorsichtig! Am Ende ist der Ausflug eine Falle. Wenn wir dort verschwinden, bekommt das niemand mit.“

„Jetzt übertreibst du! Der Kerl hat normale Ohren. Eher ein wenig zu groß und leicht abstehend. Der »Garçon« hat uns den Tipp aus Freundlichkeit gegeben.“

„Sein Zuvorkommen ist mindestens eine Provision von dem Bootsbesitzer Wert, der uns zur Insel übersetzt. Für den Fall, wir führen hin.“

„Besser das, als bei deiner Freundin in einen Hinterhalt zu geraten!

Heute Abend sind wir …“

„Ich zahle und wir fahren zu ihr! Die Gute wartet schon auf uns.“

Der Ober bringt die Rechnung.

„Ich habe zwei ermäßigte Karten für Sie. Die bekommen nur gute Kunden. Die Führung ist inklusive.“

Louane bezahlt.

„Was habe ich dir gesagt?“, lacht sich die Tante beim Verlassen des Lokals ins Fäustchen. „Der tätigt nebenbei Geschäfte.“

„Ob sein Chef was von den Nebengeschäften ahnt?“


Ein befestigter Feldweg nimmt die ausgeleierte Federung des alten Peugeots erheblich in Anspruch. Janine steht am Gartentor ihres ländlichen Reihenhäuschens, das aus Naturstein gemauert ist. Die Fassaden sind mit Efeu bewachsen. Die Fensterkanten muten mittelalterlich an. Über die mannshohe Mauer ragt eine Palme. Mit quietschenden Bremsen und einer Fehlzündung kommt der alte Wagen zum Stehen. Ohne die Handbremse anzuziehen, hechten die langjährigen Freundinnen freudestrahlend aufeinander zu. Die beiden Damen umarmen sich und der Junge zieht geistesgegenwärtig den Hebel nach oben. Mit gemischten Gefühlen nähert sich der Jugendliche der, aus seiner Sicht, betagte Dame.

„Was für ein Prachtkerl!“, juchzt Janine entzückt. „Warum verbringst du deine Ferien nicht bei mir?“

„Ich bin bevorzugt am Meer!“, beschwert sich Marcel.

„Das ist hoffentlich nur ein Scherz! Kommt rein! Ich sage du zu dir? Ich bin

Janine, und ich serviere uns erst einmal einen Aperitif, zum Auflockern.“ Als wenn Louane nicht unterwegs schon locker genug gewesen sei. Die Angetrunkene argumentierte ihre Weiterfahrt unentwegt mit der Behauptung, Alkoholverbot am Steuer bezöge sich nur auf Autobahnen.

Das bescheidene Wohnzimmer ist mit Jesusdarstellungen aller Art übersät. Repliken von Gemälden, Kruzifixe und winzige Figurinen tummeln sich auf den rustikalen Möbeln oder hängen an den weiß getünchten Wänden. Eine Katze liegt auf der Fensterbank und beobachtet, was im Garten vor sich geschieht. Der Raum riecht nach Weihrauch und altem Holz. Marcel schaut sich fassungslos um. Bei sämtlichen Kirchgängen hat der selten praktizierende Katholik nicht so viele Gekreuzigte, Gegeißelte oder Gesegnete gesehen, wie in diesem Zimmer versammelt sind. Manche sind modern, einige Einzelstücke scheinen aus dem Mittelalter zu stammen.

„Spielen wir eine Partie Domino?“, durchbricht die Freundin die Stille. Ohne auf eine Antwort zu warten, zieht Janine eine kleine Holzschachtel aus der Schublade ihres Buffets. Ein roter Punkt markiert eine vertiefte Stelle im Deckel, mit der sich das Kästchen öffnen lässt. Mit einer geschickten Drehung landen die Spielsteine seitenrichtig auf dem Tisch. Die Vierzigjährige verschwindet in einem Nebenraum und kommt mit einer dunklen Flasche wieder zurück.

„Auf das Wiedersehen entkorken wir einen »Pineau des Charentes«!“

„Was ist das?“, fragt der unbedarfte Junge.

„Ein mit Wein angesetzter »Cognac«. Ein wohlschmeckender Aperitif. Ich ziehe den Korken und du verteilst die Steine!“

„Mein von der Großstadt verdorbener Neveu und ich haben einen Glaubenskonflikt. Deshalb sind wir bei dir. Ich hege die Hoffnung, du überzeugst den Abtrünnigen von der mystischen Einmaligkeit unserer paradiesischen Bretagne.“

„Ich habe nur erwähnt von der Schule von eurer Theorie abweichend unterrichtet zu sein.“

„Mein Neffe sucht Viviane bei den Engländern!“

„So verdummen die Kinder an den angeblichen Bildungsstätten!“, ist Janine erbost. „Einer behauptet eine vorgebliche Wahrheit und alle anderen plappern der Lüge hinterher. Erwachsenen haftet das falsche Wissen wie karamellisierte Butter an ihren Hirnen fest.“

„Die Lehrer brauchen eine Basis für ihren Unterricht!“, versucht Marcel seine Ausbildung zu verteidigen.

„Viviane ist in »Comper vom See« zur Welt gekommen!“, sagt Tante Louane mit Nachdruck. „Nicht in Großbritannien, sondern vor Ort hat die »Herrin vom See« Uther Pendragon das Schwert »Excalibur« überreicht! Im Wald von »Paimpont«, südwestlich von uns aus gesehen, hat das Haus gestanden, in dem die Schwester der Elaine ihr Pflegekind Lancelot aufgezogen hat, nachdem sein Vater Ban von Bénoïc getötet worden ist!“

„Ihr Ehemann Gerren ist der Herr des hiesige Wehrdorfs gewesen“, ergänzt Janine. „Dessen Vater Solor DuLac ist der Urahn aller alteingesessenen Familien dieser Gegend. Der Brautvater ist der Heiland gewesen, der mit Beginn der Unruhen, die Gralsburg bei »Saint-Jean-de-Monts« bezogen hat.“

„Von einer Hochzeit des Gekreuzigten ist in der Bibel kein Hinweis zu finden!“

„Erinnere dich! Wer hat ihn am Kreuz besucht? Die Mutter Maria, Magdalena und Marthe, die Schwester des Lazarus, den der Erlöser von den Toten auferweckt hat und der ebenfalls nach Frankreich gegangen ist.

Die Gebeine bewahrt die Kirche in »Autun« in der »Bourgogne« auf.“

„Was hat das mit den Leuten vom See zu gemein?“

„Der See im Familiennamen bezieht sich auf »Jesus vom See Genezareth« und ist ein alter Adelstitel. Mit dem See hinter dem Schloss hat der Name keine Relation. Über viele Generationen lang haben auf dem Land seine Nachfahren immer wieder untereinander geheiratet, um die göttliche Blutlinie nicht zu verwässern.“

„Ein Familienstammbaum von Abkömmlingen der Allmächtigen?“, ist Marcel überrascht.

„Hast du ihm noch nichts von dem Gral erzählt?“, fragt Janine.

„Das hätte den Jungen restlos überfordert!“

„Ist dir unsere Geschichte nicht wichtig? Du bist einer von uns! Der Gral ist keine wandelnde oder grell leuchtende Schale gewesen.“

„Sind mit dem Gral nicht die Blutstropfen aufgefangen, die der Sohn Gottes am Kreuz vergossen hat?“

„In England hat ebenfalls einen Ort »Sulis« geheißen“, ergänzt Tante Louane, „das heutige »Bath«! Die Briten behaupten, dies sei der Ort aus der Artussage.“

„Der Gral ist der Gesalbte selbst. Nach der inszenierten Wiederauferstehung ist das »Agnus Dei«, wie erwähnt, mit seiner Frau und den drei Marien auf zwei kleinen Seglern über Ägypten vor den Römern geflohen. Auf dem zweiten Boot ist neben den anderen Mirjam von Bethanien mitgereist. Ihr hat der Messias den Auftrag gegeben, dessen Lehren zu verbreiten und eine Kirche zu gründen. Die drei Frauen sind in Südfrankreich in »Saintes-Maries-de-la-Mer« gelandet. Das Schiff mit Marthe, Jesus und Josef von Arimathia an Bord hat »Hispanien« umrundet und ist in dem »Sulis« vor Anker gegangen, das fernerhin in Erinnerung an die Ankömmlinge aus dem Orient »Lorient« genannt worden ist. Die Nachfahren der Besatzungen irren, da der Sinn des Unternehmens in Vergessenheit geraten ist, nach wie vor auf der Rückreise über Land in die alte Heimat heute als Zigeuner durch Europa.“

„Das ist unhaltbar. Artus hat mehr als vierhundert Jahre später als Jesus gelebt! Oder stimmten deren Geburtsjahre überein?“

„Der Friedensfürst ist unvorstellbar alt geworden“, setzt Janine ihren Vortrag fort, „wenn der Heiland nicht am Ende weiterhin am Leben ist.

Annähernd fünfhundert Lebensjahre hat unser geistiger Meister und heimlicher König in der Bretagne gewirkt. Das erklärt, warum wir so gläubig und die katholischsten unter den Katholiken sind! Nach dem Tod seiner Frau, der schwarzen Martha von Bethanien, ist der Sohn Gottes auf der Suche nach »Maria«2 Magdalena in Richtung Pyrenäen weitergezogen. Dessen Nachkommen haben sich im Laufe der Zeit über die Königshäuser in allen Ländern Europas ausgebreitet.“

„Die Ritter der Tafelrunde haben den Herzenswunsch gehegt“, übernimmt Louane das Gespräch, während Janine an ihrem Tee nippt, „ihm zu dienen. Der Nazarener hat nur Rechtschaffenen gewährt, sich ihm zu nähern. Der Verkünder der Liebe hat keine Raufbolde um sich gewollt. Besonnenheit, Nächstenliebe und Mäßigung haben die Gralsritter ausgezeichnet.“

„Für was benötigt ein höheres Wesen Soldaten?“, ist Marcel sprachlos.

„Die »Hüter des Heiligen Grals« sind seine Leibwächter gewesen.“

„Jesus hat hübsche Töchter gehabt“, grinst Janine.

„Selbst der Teufel hat sich an einer vergangen“, sagt Louane trocken. „Die Gute hat ihr Kind sofort taufen lassen, weshalb sich ihr Sohn Merlin auf die gute Seite geschlagen hat.“

„Der Druide ist getauft worden?“, fragt der Junge ungläubig.

„Endlich verstehst du uns!“, freut sich Janine.

„Ich sehe, worauf ihr hinaus zielt, aber nicht, was ihr mit euren Räubergeschichten zu bezwecken gedenkt.“

„Du bist halber Bretone. In dir fließt das Blut des Herrn!“

„Ist sein Blut nicht in uns allen? Zumindest in uns Christen?“

„Jesus ist der Sohn Gottes und hat uns zu Nachfahren Gottes gemacht.“

„Trinkt nicht so viel von dem »Pineau«!“, ermahnt Marcel die leicht angetrunkenen Frauen. „Sonst erlangt ihr den Status von Heiligen! Davon abgesehen, sind meine Vorfahren Karl Marx und Martin Luther. Die beiden Wegbereiter anderen Denkens sind die Ahnen der Deutschen, warum dieses Volk gegen Kommunismus und Religionen ist. Welches Kind interessiert sich für das, was die Eltern treiben oder getrieben haben?“

„Eben nimmt uns der Frechdachs auf den Arm!“, schmunzelt Janine.

„Oh, jetzt habt ihr mich ertappt!“

„Was wir dir über unsere Halbinsel erzählt haben“, spielt Louane die Ernsthafte, „entspricht der Wahrheit.“

„Ich gehe eher von der Realität zweier trunkener Damen aus, die einem Urlauber den Glauben an die Historie der Menschheit rauben!“

„Dem Jungen ist nicht zu helfen!“, bemängelt seine Tante.

„Was meinst du“, steht Janine auf und hebt ihren Zeigefinger hoch über ihren Kopf, „weshalb die Bretagne bestrebt ist, sich von Frankreich zu trennen? Eines Tages stehen Artus und Merlin wieder auf und erheben das Land zum Zentrum der Welt!“

„Das dauert noch ein paar Tausend Jahre!“, zieht Marcel die enthusiastischen Frauen weiter auf. „Ich denke, ihr habt für eure Behauptung keinerlei Beweise.“

„Beschäftigen dich mehr mit deiner Herkunft, statt dich nur an den Strand zu legen.“

„Schau dir die Sehenswürdigkeiten an! Janine fährt dich gerne zu den Schauplätzen der Geschichte. Du bestaunst viele Zeugen aus Gestein, um dir ein Bild der eigenen Vergangenheit vor Augen zu führen.“

„Die Menhire sind Bestandteile einstiger Großbauwerke“, steigert sich Louane in das Thema rein. „Die kleinen Steine sind beim Bau von Burgen und Ortschaften entwendet worden. Die ursprünglichen Aufbauten aus Holz sind verbrannt oder verfallen. Die Quader sind durch die Kräfte der Natur erodiert. Wissenschaftler sagen, primitiven Völker haben die Monolithen mühsam durch Europa transportiert, um diese für ihre Götter hinzustellen. Gott selbst hat jene Säulen aus den Felsen gebrochen oder aus Beton gegossen. Nach über sechstausend Lenzen ist von den Bauwerken nichts geblieben.“

„Angenommen ihr habt recht mit den Vermutungen, welche Gebäude haben eurer Meinung dort gestanden?“

„Keine anderen als heute!“, begeistert sich Janine über Marcels einlenken. „Da standen Bahnhöfe, Supermärkte, Verwaltungsgebäude, Verteidigungsanlagen und Wohnhäuser.“

„Da hat sich ein minimaler Denkfehler eingeschlichen! Die technische Entwicklung hat sich stets auf den Kenntnissen der Vorfahren aufgebaut und sich fortwährend weiterentwickelt. Katastrophen und Krieg haben immer wieder für Verschlechterungen gesorgt.“

„Das gilt für uns niedere Kreaturen“, bleibt Janine stur, „aber nicht für die Allmächtigen!“

„Der Mensch hat durch Konflikte und Seuchen schwere Rückschläge hingenommen“, ergänzt Tante Louane. „Ein Gott erkrankt nicht! Ein Gott stirbt im Kampf oder lebt ewig!“

„Wie lässt sich eure Vielgötterei mit katholischem Gedankengut vereinbaren?“

„Das ist in der Bretagne eine lang gehegte Tradition. In der Kirche glauben wir an den einen Gott und privat an die alten Überlieferungen.“


Der Junge wacht von innerer Unruhe getrieben auf. Wo ist der Lichtschalter? Im Schein einer unzureichenden Beleuchtung offenbart sich ihm ein fremder Raum. Vor der Couch stehen seine Schuhe. Eine kratzige Zudecke strömt einen undefinierbaren Geruch aus. Sämtliche Kleidungsstücke hat der Schlaftrunkene noch an. Die ungewohnte Umgebung und der Restalkohol schlagen auf sein Gemüt. Wo ist die Toilette?

Der Aufstieg lärmt unter den wieder angezogenen Schuhen. Janines Stimme dringt an sein Ohr.

„… bei mir! Gleich morgen früh, holst du ihn ab!“

In welche verlogene Welt ist Marcel da nur geraten?

„Ich passe auf ihn auf. Bei mir kommt so schnell nichts weg! Schon gar nicht mitten in der Nacht!“

Marcel packt die Panik. Die saubere Freundin der Tante unter einer Decke mit diesen merkwürdigen Gestalten? Bei dem ganzen Unfug, den die Märchentante erzählt hat, ist ihr Verhalten vorauszusehen gewesen. Das Telefonat ist der eindeutige Beweis. Nachdenken! Einmal tief durchatmen. Auf keinen Fall in der Falle bleiben! Louane zu wecken, ist ihm verwehrt. Die Treppe erzeugt beim Betreten einen Höllenlärm. Ein winziger Hohlraum unterhalb der Stufen hält als Unterschlupf her. Ein Gestell mit Schürhaken und ein Ascheimer bieten ihm zusätzlichen Sichtschutz. Die Zeit vergeht nicht. Aus dem Zimmer nebenan kommen nicht zuzuordnende Geräusche. Endlich zieht Janine schlafwandlerisch an ihm vorbei.

„… bekommt ihn schon!“, flüstert die Verräterin vor sich hin.

Das Holz über ihm knarrt. Eine Tür gähnt in ihren nicht geölten Angeln. Kurz darauf herrscht Stille. Der Junge schleicht zur Ausgangstür, dreht bedachtsam den Schlüssel um und entweicht ins Freie. Die Katze nutzt die Gelegenheit und verschwindet in der Finsternis. Dicke Regentropfen prasseln herab. Der Ausreißer schnappt sich einen Schirm, der neben der Eingangstür in einem Eimer steckt und huscht mit dem für ihn zu kleinen Regenschutz in den Garten. Dankenswerterweise ist das Tor in die Freiheit nicht abgesperrt. In welcher Richtung liegt die nächste Stadt? In der Dunkelheit verliert Marcel nach ein paar wenigen Metern die Orientierung. Hauptsache weit genug weg von dem Irrenhaus. Eine Taschenlampe hätte im Wohnzimmer auf der Anrichte gestanden, schießt ihm durch den Kopf.

In der Ferne brennt eine Laterne. Dort steht vermutlich das Schloss. Der Boden ist auf einmal weich unter den Sohlen. Die Straße scheint an dieser Stelle einer Biegung zu folgen. Der Nachtblinde tastet sich vorsichtig ein Stück zurück. Der Mond erhellt gelegentlich die Konturen in der Landschaft. Weshalb hat der kopflose Junge die Tante nicht geweckt? Umkehren kommt nicht in Frage. Seine Schulter rammt einen harten Gegenstand. Der Schmerz lässt endlich nach, da ist ein Anlasser zu hören. Mehrfach heult ein Motor auf und würgt wieder ab. Scheinwerfer rasen auf ihn zu. Das Auto hupt! Erschrocken springt der Ausreißer zur Seite. Erst jetzt sind die Umrisse des alten Peugeots erkennbar.

„Wohin gehst du?“, schreit Louane. „Weißt du, welchen Schrecken du uns eingejagt hast?“

„Was treibst du mitten in der Nacht draußen im Regen?“, ruft Janine vom Beifahrersitz aus. „Du brichst dir am Ende ein Bein!“

„Ich habe gehört“, rechtfertigt sich Marcel, „wie du mich an die Spione des Teufels verpfiffen hast!“

„Gott gütiger Mann! Wenn du Alkohol nicht verträgst, trinkst du besser nichts!“

„Janine ist die frömmste Frau“, ist die Tante empört, „die ich kenne! Verrat kommt für meine beste Freundin nicht infrage!“

„Ich habe einen Anruf von der der Frau von Gegenüber erhalten.“

„Um Mitternacht?“

„Sie kennt meine Schlafstörungen. Vor zwei, drei Uhr schlafe ich nie ein.“

„Du hast gesagt, die Person könne mich gleich morgens abholen!“

„Aber auf keinen Fall dich, du Dummerchen! Ihren Schirm, mit dem du durchgebrannt bist, beabsichtigte die Gute zurückzubekommen!“

„Janine hat gesehen, wie du dich aus dem Staub gemacht hast.“

„Für Staub fällt allerhand Regen.“

Die Tante springt aus dem Wagen und klappt den Fahrersitz nach vorne.

„Steige ein! Ziehe schleunigst die nassen Sachen aus.“


Die Nachbarin, eine gewisse Madame DuLac, bringt vier Croissants sowie zwei Baguette zum Frühstück mit und übergibt Janine ihre völlig verstörte Katze. Die liebenswerte Dorfbewohnerin ist zehn Jahre älter als Louane.

„Ich bringe dir deinen orientierungslosen Tiger zurück!“, sagt diese gelassen. „Du glaubst nicht, welche glückliche Nachricht ich soeben erhalten habe!“

„So euphorisch wie du ausschaust, hast du im Lotto gewonnen!“

„Viel besser! Meine Tochter ist schwanger.“

„Wieder ein kleiner Arthur oder reden wir von einer Viviane?“

„Das ist nicht ermittelt worden!“

„Ich gehe erst einmal in den Keller, eine Flasche Champagner holen. Darauf stoßen wir an!“

„Der junge Mann schaut nachdenklich drein!“, bemerkt die Nachbarin.

„Mich irritieren die Namensgebungen und Alkohol am frühen Morgen.“

„Du hast Ferien! Die Namen basieren auf der Kenntnis von der Wiederkehr des Königs. Eines Tages kommt Artus zurück, um die Menschheit von ihrer Dummheit zu befreien, aus Religion Wissen zu formen und den tausendjährigen Weltfrieden zu stiften. Damals hat der Heerführer unser Land vor sämtlichen Invasoren beschützt. Deshalb sind wir heute ein stolzes und freies Volk!“

„Das feuchte Wetter scheint Wahnvorstellungen auszulösen. Die Bretagne hat keine Autobahnen geschweige denn einen internationalen Flughafen. Aus dieser Provinz heraus ist die Welt nicht zu regieren!“

„Wir haben den heiligen Boden gegen die Entweihung durch gigantische Baumaßnahmen verteidigt!“, sagt Madame DuLac bitterernst.

„In den hiesigen Wäldern sind von Fabelwesen bewohnt“, pflichtet Tante Louane bei, „weil wir Bretonen die vom Aussterben bedrohten Spezies dort ungestört leben lassen.“

„Welche Substanzen sind in den Croissants? Die Wirkstoffe scheinen für ausreichend Fantasie zu sorgen.“

„Du hältst uns für drogenabhängige alte Schachteln?“, sagt Janine aufgesetzt verbittert.

„Weil Sie nicht die leiseste Ahnung haben!“, ereifert sich die Nachbarin. „Sie sind in einer Großstadt aufgewachsen. Das erklärt Ihr verschrobenes Weltbild.“

„Haben Sie Beweise?“, fragt Marcel.

„Öffnen Sie die Augen! In der Bretagne begleitet Sie die Geschichte der Welt auf Schritt und Tritt.“

„Ob du mir glaubst oder nicht“, sagt die Gastgeberin, „in dir stecken die Gene von Artus, Jesus und der Dame vom See! Die Genannte ist keine geringere als die Maria vom See Genezareth, »Notre Dame«, gewesen!“

„Nicht zu verwechseln mit der »Maria von Magdala«!“, sagt Louane.

„Die Heilige ist rund tausend Jahre alt geworden und 1295 nach Christus in der Basilika von »Saint-Maximin-la-Sainte-Baume« beerdigt worden.“

„Das ist zu lange her!“, regt sich der Junge auf. „Das sind Legenden!“

„Bei weitem nicht!“, rechnet Janine vor. „Seine Tochter – Viviane die Dunkle aus dem Haus David und Ehefrau von Gerren – hat die Welt erblickt, als ihr Vater fünfundvierzig gewesen ist.“

„Das sind rund tausendneunhundert Jahre“, überlegt Marcel. „Da komme ich auf sechsundsiebzig Generationen.“

„Nicht ganz“, erwidert die Nachbarin. „Die katholische Kirche hat im Jahr des Herrn sechshundertvierzehn den Kalender auf das Jahr neunhundertelf nach Christus vorgedreht. Ziehen Sie bei Ihren Berechnungen dreihundert Jahre ab!“

„Das sind immer noch vierundsechzig Menschenalter. Da ist alles Blut verwässert.“

„Wie gesagt“, berichtigt Louane. „Die Jesus-Familie hat stets ausschließlich untereinander geheiratet. Außer deine Mutter, die sich nicht an die Vorgaben unserer Vorfahren gehalten hat. In dir fließt deshalb das Blut des Satans!“

„Sie haben eine Gemeinsamkeit mit Merlin!“, begeistert sich Madame DuLac.

„Jetzt habe ich genug von euren okkulten Fantasien! Ich bin im Urlaub und habe keine Lust an dem unglaubwürdigen Pseudo-Geschichtsunterricht teilzunehmen.“

„Die Vergangenheit Ihrer Sippe holt Sie eines Tages ein!“, prophezeit die Nachbarin.

„Marcel hat zwischenzeitlich die Bekanntschaft mit den teuflischen Dienern gemacht“, petzt die Tante.

„Die Dämonen des Teufels sind wieder unterwegs!“, erschrickt Madame DuLac. „So steht die Welt vor gravierenden Veränderungen.

Am besten erzähle ich Ihnen die wahre Geschichte der Bretagne von Anfang an.“


King Artus und das Geheimnis von Avalon

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