Читать книгу King Artus und das Geheimnis von Avalon - Pierre Dietz - Страница 12

Оглавление

13. August 408 nach Christus

Der römische »Caesar« Honorius lässt, nach heftigen Meinungsverschiedenheiten, den in Ungnade gefallenen Heermeister Stilicho hinrichten. Der von Alarich, dem »Reix«1 der Goten, unter Druck geratenen Kaiser Roms erwägt, seinen General Konstantin als Mitkaiser einzusetzen, der sich im Jahr zuvor selbst zum Kaiser der »Letavier«2 ausgerufen hat. Um ihn auf seine Seite zu ziehen, überträgt der Herrscher seinem Gegenspieler die Aufgabe, die Germanen, die zwei Jahr zuvor den Rhein überquert haben, zu hindern, sich in Gallien auszubreiten und die sächsischen Piraten zu bekämpfen, die in »Letavia« an Land gegangen sind. Beides gelingt dem »Britanier« nicht, was ihn gegenüber dem »Imperator« als unfähig dastehen lässt.

Da Konstantin aufgrund seiner militärischen Misserfolge keine offizielle Anerkennung aus Rom erhält, rebellieren Volk und Armee gegen ihn und seine Anhänger. Der Bürgerkrieg bindet seine gesamte Kraft und den Rest seiner Getreuen. Um seinen Spielraum zu erweitern, erhebt der Widersacher seinen Sohn Constans zum »Caesaren« und beruhigt so die Gemüter in den eigenen Reihen wieder. Statt mit dem gewonnenen Freiraum die von Rom gestellten Aufgaben zu erfüllen, marschiert sein Heer in Italien ein. Honorius wartet nicht und bläst zum Gegenangriff. Die Invasion endet im späten Frühjahr 410 mit der Niederlage der Angreifer, denen nur der Rückzug bleibt. Der Unterlegene zieht sich in das gallische Oppidum »Vienne« zurück.

Aus Verzweiflung rebelliert General Gerontius erneut und ruft seinen Sohn Maximus zum Kaiser aus. Unbeirrt von diesen Ereignissen beordert Honorius den inzwischen in seine Dienste übernommenen Gerontius nach »Hispanien«, um von dort die Germanen zu bekämpfen, die plündernd durch Gallien gezogen und auf dem Weg nach »Africa«3 sind. Von den Hunnen vertrieben, sind die Völker des Nordens auf der Suche nach neuen Siedlungsräumen. Durch das kälter gewordene Klima reichen die Ernten in Mittel- und Südeuropa nicht aus, Zuwanderer mit Nahrung zu versorgen. Die Kunde von der Kornkammer auf der anderen Seite des »Mare Nostrum«4 zieht die Heimatlosen an wie ein Magnet.


Römische Kolonie Tarraco5, 411 nach Christus

Außer Atem rennt Maxiumus in Begleitung seines jüngeren Bruders Fortigus durch den Palast, hin zum Arbeitszimmer seines Vaters. Seit der Niederlage Konstantins gegen Rom wirkt Gerontius kraftlos. Die Verwaltung der Provinz »Hispanien« ist sein einziges Lebensziel. Ihm fehlt der Wille, sich anstelle des für ihn imaginären Honorius den Germanen entgegenzustellen. Der ehemalige Heerführer lebt seitdem in sich gekehrt und schenkt seiner Umwelt nur wenig Beachtung. Das Ungestüme der Jugend widert den welterfahrenen General an.

„Ihr stört mich!“

„Ein Bote hat eine fantastische Nachricht überbracht“, sprudelt Maximus heraus.

„Erkennt mich der »Caesar« endlich als Mitkaiser an?“

„Weitaus besser, Vater! Ein Gote namens Alarich hat die Stadt Rom geplündert und den »Schatz der Götter« erbeutet.“

„Den »Schatz der Götter«? Ich habe ihn gesehen, diesen Schatz. Im Friedenstempel sind auserlesene Stücke aus dem Tempel von Jerusalem ausgestellt gewesen.“

„Den Goten ist die Überfahrt von »Bruttium«6 nach »Africa« missglückt und ihr Anführer ist inzwischen gestorben. Sein Nachfolger, Athaulf, ist auf dem Weg nach »Hispanien«. Die Goten marschieren die Küste entlang durch »Gallia Narbonensis«7.“

„Was interessieren mich die Goten? Rom ist geschwächt und unsere Zeit scheint gekommen, die Macht zu übernehmen! Honorius hat die Insel »Albion«8 räumen lassen. Ihm fehlen Truppen. Konstantin hat sich in »Vienne« verschanzt und ist ihm keine Hilfe.“

„Die Goten haben vor, von »Hispanien« aus nach »Africa« zu gelangen. Der Bote sagt, dein ehemaliger Vorgesetzter plant gleichwohl, den Schatz an sich zu reißen. Haben wir den Schatz, gehört uns Rom!“

„Maximus“, nimmt Gerontius seinen Sohn beiseite, „du hältst die Stellung in »Hispanien« und kümmerst dich um administrative Aufgaben! Fortigus begleitet mich bei der Jagd auf Konstantin und dem Schatz. Diesem »letavischen« Versager, der Schande über unsere Familie gebracht hat, gönne ich das »Gold der Götter« nicht!“

„Sei du unser Kaiser, Vater! Lasse mich mit Fortigus gegen Konstantin kämpfen!“

„Meine Männer halten dich für ungeeignet, kampferfahrene Legionäre in den Krieg zu führen. Du bist zu jung und kennst das Leben der Soldaten nur aus Erzählungen. Ich bleibe bei meinen Kriegern! Meine Kameraden folgen mir bis in den Tod. Ich zwinge Honorius in die Knie! Dank Konstantin hält dieser mich für einen wertlosen Strategen.“

„Niemand denkt so von dir!“

„Maximus, kümmere dich um die Verwaltung »Hispaniens« und überlasse das Denken mir! Und du, Fortigus, reite nach »Gallia Narbonensis« und bekomme heraus, welche Route die Goten nehmen. Sende mir einen Boten! Greife auf keinen Fall ohne mich an!“ „Wenn du den Schatz erobert hast“, sinniert Maximus, „und ihn Honorius zurückgibst, ernennt dich der Kaiser zum Heerführer!“

„Hast du den Verstand verloren? Mit dem Gold stellen wir das größte Heer aller Zeiten auf und reißen das Reich an uns. Schon bald sind wir die Herrscher in »Ravenna«!“


Der Gegner steckt in »Vienne« fest. Die Rekrutierung und Ausrüstung neuer Soldaten bereitet ihm seiner Misserfolge wegen Probleme. Gerontius greift die unzureichend verteidigte Stadt an und fügt seinem ehemaligen Anführer eine bittere Niederlage zu.

„Konstantin ist geflohen!“, stellt Fortigus enttäuscht fest.

„Wir haben seinen Sohn als Geisel genommen!“, freut sich der General über seinen Teilsieg. „Jede Wette, der feige Bastard ergibt sich freiwillig, wenn ihm das zu Ohren kommt!“

„Töten wir diesen kleinen Bastard!“

„Constans ist mein Druckmittel und nur lebend von Wert! Ich schätze, sein räudiger Vater flieht zur Garnison nach »Arelate«9. Für die Goten mit ihren schweren Fuhrwerken sind die zwei Brücken dort über den »Rhodanus«10 der einzige passierbare Weg nach »Hispanien«. Ich folge ihm und du verhinderst seine Rückkehr nach »Vienne« mit allen Mitteln!“ „Warum lässt du mich nicht mit dir ziehen? In diesem trostlosen Nest langweile ich mich zu Tode!“

„Vertreibe dir die Zeit mit dem Wiederaufbau der Stadt. Halte mir den Rücken frei, falls Honorius auf die Idee kommt, seinen neuen Heerführer Constantius auf uns zu hetzen!“

„Mit meinen Leuten bin ich nicht in der Lage, die Stadt zu halten!“

„Ich überlasse dir die »Pictonischen Söldner«11, die miserable Reiter sind. Ihre Stärke ist die Verteidigung.“


Nach einem Marsch von acht Tagen über die Römerstraße entlang des »Rhodanus« erreicht Gerontius »Arelate«. Der Fluss und die Sümpfe hindern ihn, die Stadt zu umstellen. Die Stadtmauer ist ohne den Einsatz von Kriegsmaschinen nahezu uneinnehmbar. Der General verlangt, seinen ehemaligen Prinzipal zu sprechen. Unter dem Versprechen der gegenseitigen Unversehrtheit begegnen sich die beiden vor dem »Runden Turm«.

„Was erwartest du von mir?“, mimt Konstantin den Unschuldigen.

„Ich verlange von dir, dich aus der Politik zurückzuziehen und mir nie wieder in die Quere zu kommen. Begebe dich in meine Gefangenschaft und ich garantiere dir ein ruhiges Leben, für dich und deine Familie.“

„Weshalb bist du so erzürnt, mein Freund? Bin ich dir nicht stets ein guter Vorgesetzter gewesen?“

„Deinetwegen habe ich meinen Ruf verloren, habe ich in Italien keine Beute gemacht und habe die letzten Jahre mit der Verwaltung einer Provinz zugebracht.“

„Fortuna ist mir wahrlich nicht immer hold gewesen. Das Blatt hat sich gewendet, mein Freund. Ich stehe kurz davor, die Macht Roms an mich zu reißen, und benötige einen erfahrenen General wie dich, Gerontius. Stelle dir kurz vor, welchen Reichtum du als mein Heerführer eines Tages hast.“

„Unter dir diene ich nie wieder. Räume das Feld. Meinetwegen verlasse die Stadt und gehe nach »Germanien« oder »Africa«. Im Gegenzug verschone ich das Leben deines Sohnes, der in meiner Gewalt ist.“

„Du bluffst! Ich erspähe Constans unter deinen Leuten nicht. Auf diese Taktik falle ich nicht herein, mein Freund.“

„Fortigus hält deinen Sohn in »Vienne« in Gewahrsam.“

„Ich spiele seit Langem mit dem Gedanken, mein Freund, mich zur Ruhe zu setzen. Ich habe ein großes Landgut in »Letavia«. Weit genug weg, um dir nicht im Wege zu stehen. Bringe mir meinen Sohn. Am gleichen Tag ziehe ich aus »Arelate« ab. Wehe dir, mein Freund, wenn du ihm ein Leid zugefügt hast!“


Gerontius schickt nach seinem Sohn und fordert ihn auf, samt dem Gefangenen und allen entbehrlichen Truppen zu ihm zu stoßen. Weigert sich Konstantin trotz des Druckmittels abzuziehen, erwägt der General, Constans vor den Augen seines Vaters hinzurichten. Die Zeit drängt. Die Goten sind auf dem Vormarsch und Gerontius benötigt die Kontrolle über die Stadt, um diese an der Weiterfahrt zu hindern. Nach drei Wochen zermürbenden Wartens taucht die Vorhut seines Sohnes vor den Toren auf.

„Ich habe dich schon vor einer Woche erwartet!“

„Meine Hochzeit hat die Abreise verzögert“, sagt Fortigus unbeeindruckt. „Ich stelle dir voller Stolz meine Frau Sevira vor. Ihr Vater ist der Stadtvorsteher von »Vienne«.“

„Wo ist der Arrestant?“

„Sevira ist froher Hoffnung.“

„Dein Privatleben interessiert mich nicht“, sagt Gerontius scharf.

„Schaffe mir die Geisel herbei! Nach der Übergabe überlässt Konstantin mir die Alleinherrschaft. Mir steht der Weg nach Rom offen. Ich benötige »Arelate«, um die Goten aufzuhalten, bevor Honorius Wind von meinen Plänen bekommt.“

„Constans?“, fragt Sevira. „Ist das der junge Mann, den die

»Pictonen« zum Beweis deiner Liebe vor unserer Hochzeit hingerichtet haben?“

„Ich erwürge dich!“

„Du nimmst deinem Enkel den Vater“, sagt Sevira beherrscht. „Ich selbst habe von Fortigus diesen Beweis seiner Macht gefordert.“


September 411 nach Christus

Von Trauer und Wut getrieben, verteidigt Konstantin »Arelate« gegen die Übermacht vor den Toren der Stadt. Um seinerseits die Goten an der Überquerung des »Rhodanus« zu hindern, erreicht Flavius Constantius »Arelate«. Der Heermeister des Honorius vertreibt aus reinem Eigennutz die Belagerer und nimmt, gegen sein Versprechen, Konstantin zu verschonen, die für ihn strategisch wichtige Stadt selbst ein.

„Mein geliebter Sohn ist tot! Nimm du mir nicht meine Würde!“

„Ich habe dir mein Wort auf freien Abzug gegeben. Meine Späher berichten, vor »Vienne« steht ein Heer fränkischer Söldner. Stehen diese unter deinem Befehl?“

„Das Reich ist seit dem Ansturm der Hunnen in Aufruhr. Dein Kaiser ist ein Versager! Ich habe den römischen Frieden aufrecht erhalten und mich den Eindringlingen entgegengestellt. Und zum Dank hat mich dein »Caesar« bekämpft und mir den Marsch durch »Italien« verweigert. Schließe dich mir an. Gemeinsam retten wir Rom vor dem Untergang.“

„Deine Tage sind gezählt. Ziehe dich nach „Vienne“ zurück und vertreibe die Aufständischen. Wenn du Honorius überzeugst, mich als Mitkaiser einzusetzen, zeige ich mich erkenntlich.“

Konstantin verlässt »Arelate« nicht ohne Hintergedanken und nutzt in »Vienne« die Gelegenheit, ein Ersatzheer auszurüsten. Sein ehrgeiziger Befehl an seinen General Edobich lautet, gegen Constantius vorzugehen. Der Franke hat eigene Pläne. In der Hoffnung, selbst an den »Schatz der Götter« zu gelangen, greift Edobich den Zug der Goten an. Dieser stellt sich als Scheinkonvoi heraus, der keine Schätze geladen hat, und nur zur Ablenkung dient. Die Verteidiger wehren sich dennoch erbittert und töten viele Angreifer.

Constantius’ Heerführer Ulfila, der das gleiche Ziel verfolgt, reibt die Söldner Edobichs bis auf den letzten Krieger auf. Seiner eigenen Sicherheit wegen lässt Constantius Konstantin in »Vienne« hinrichten. Die Exekution ist im Gange, da bringen römische Ritter die Söhne des Hingerichteten, Aurelius Ambrosius und Uther, zu »Reix« Budicus auf die Insel »Albion«.


412 nach Christus

Nach ihrer Niederlage fliehen Gerontius und Fortigus mit den wenigen, ihnen übrig geblieben Soldaten nach »Hispanien«. Des Winters wegen sind die Berge und die Straße entlang der Küste nicht passierbar. Heftige Schneefälle und eisiger Wind zwingen die beiden, auf der gallischen Seite zu überwintern. Eines Morgens, bei erneutem Neuschnee, ist Fortigus mitsamt den »Pictonischen Söldnern« spurlos verschwunden. Jeden Tag kehren weitere Krieger nicht von der Jagd zurück oder entfernen sich ohne Abschied in die Nacht hinein.

Das Frühjahr kündigt sich durch laue Winde an. Der Schnee taut und nach langer Wartezeit, ist die Uferstraße wieder frei. Der General setzt mit eine Handvoll Männern wütend und enttäuscht seinen Rückweg nach »Tarraco« fort.

„Wo ist der Schatz?“, empfängt ihn Maximus erwartungsvoll.

„Gegen die römische Übermacht“, sagt Gerontius resigniert, „habe ich keine Chance gehabt.“

„Du hast dir angemaßt“, ist sein ältester Sohn empört, „der bessere Feldherr von uns beiden zu sein!“

„Dein Bruder hat sich nicht an meine Anweisungen gehalten und meinen Plan vereitelt!“

„Wenn ein einziger Soldat versagt, hat der Anführer die Konsequenzen zu tragen! Wo ist Fortigus? Weshalb ist mein Bruder nicht bei dir?“

„Erwähne diesen hinterhältigen Nichtsnutz nicht, der die »Pictonen« auf seine Seite gezogen hat und mit den Überläufern in die »Pyrenaei Montes«12 entflohen ist.“

„Wie viele deiner Soldaten haben sich ihm angeschlossen?“

„Wie du siehst, bin ich nur mit der Leibgarde zurückgekehrt, deren Anführer du einst gewesen bist.“

„So bist du zu nichts zu gebrauchen, Vater! Gehe mir aus den Augen! Suche dir einen Altersruhesitz und kreuze nie wieder meinen Weg! Wie konnte unsere Mutter nur einen solchen Versager heiraten! Welch eine Schande, solch einen Vater zu haben. Zum Glück ist mein Elend, von ihrem derzeitigen Ort aus, nicht zu sehen.“

„Seit unserer Hochzeit habe ich stets versucht, den Anforderungen deines Großvaters zu genügen. Sein Adelstitel erhebt ihn nicht zu einem besseren Menschen! Wo befindet sich deine Mutter?“

„Wen interessiert das schon? Macht und Einfluss gelten mehr als militärische Misserfolge! Meine Mutter ist einer schweren Krankheit erlegen und hat davor verfügt, dich nicht zu benachrichtigen.“

Der Gedemütigte schleicht wie ein verletzter Fuchs aus dem von ihm gehassten Palast hinaus. Der Schock sitzt tief. Auf dem Weg zum Meer laufen ihm die Tränen übers Gesicht. Verächtliche Blicke folgen ihm, Frauen spucken hinter ihm auf den Boden und Kinder werfen mit kleinen Steinen nach ihm. Am Strand, unterhalb des Amphitheaters, zieht Gerontius sein Schwert und begeht Selbstmord.


412 nach Christus

Vor Einbruch des Winters sendet Fortigus einen Boten nach »Ravenna« und bittet den »Caesar«, ihm die Legitimierung als Heerführer, im Rang eines »Reix«, zu erteilen, um langfristig die Kontrolle über die Soldaten seines Vaters zu erlangen. Seine Heerschar zieht derweil plündernd durch die Pyrenäen, was dem Kaiser zu Ohren kommt und ihm missfällt. Da der Friede gebrochen ist, erhält der Abtrünnige weder Landzuteilung noch einen Titel.

Die Goten unter Athaulf marschieren in das ihnen von Honorius zugewiesene Gebiet um »Tolosa« ein und besetzen das Land der »Santonen« und »Pictonen« unterhalb des »Ligers«.


415 nach Christus

Der selbst ernannte »Dux«13 Fortigus ist auf der Suche nach Verpflegung für seine Männer. Ohne Land bleibt ihm nur die Jagd, da sein Geld zur Neige gegangen ist. In den Höhenlagen ist das Wild knapp und seine Männer plagt der Hunger. Ein Überfall auf das »Oppidum Ruscino«14 ist geplant. Im Morgengrauen ziehen die verwahrlosten Krieger ins Tal und treffen zufällig auf einen Konvoi der Goten, der von »Tolosa« nach »Barcino« über die Brücke des Flusses »Test« zieht.15 Die schwer beladenen Ochsenkarren versprechen reiche Beute. Fortigus wartet, bis alle Wagen den Fluss passiert haben, und greift den Konvoi von vorne an. Die an Hinterhalte gewohnten Goten setzen sich heftig zur Wehr. Die Angreifer reitet über die erhöhten Flanken und reißt die Kolonne auseinander. Während der Schlacht flieht ein Teil der Goten, mit ihnen ihr Anführer Athaulf, in Richtung »Hispanien«. Die Überlebenden unterwerfen sich und schwören ihrem neuen Oberhaupt treu zu folgen. Unter den Goten predigt ein junger arianischer Priester namens Anaolsus, der Fortigus von seinem Glauben überzeugt und ihn Vortigern tauft.


416 nach Christus

Mit dem erbeuteten Gold rekrutiert der selbst ernannte »Dux« einen gewaltigen Heerhaufen und erbittet vom Kaiser erneut eine Provinz, die allein ihm gehört. Rom weist ihm aus Angst vor dem erstarkten Widersacher, das von Gaius Iulius Caesar unterworfene »Lugdunensis Tertia« zu, das durch Einwanderung fremder Völker in Unruhe geraten ist. Der Kaiser ernennt ihn zum lang ersehnten »Obersten Reix«. Seinem Freund Anaolsus vertraut Vortigern die gotischen Einheiten an und gibt ihm den Auftrag, »Arelate« zu sichern.

In der Garnisonsstadt »Condate«16 herrscht seit dem Tod Konstantins ein Machtvakuum, da dessen Söhne seine Nachfolge nicht angetreten haben und sich weiterhin im Schutz von »Reix« Budicus auf der Insel »Albion« aufhalten. Im Osten bedrängen gallische Stämme unter der Führung von Meirchion Gul von Gorron die Kelten, im Zentrum des Landes waltet ein fremdartiges »Volk vom See« und im Norden marodieren sächsische Piraten. Vortigern bezieht das Backsteingebäude der Präfektur. Dort kleidet sich der Heerführer nach der neuesten Mode ein. Der neuartige Kammhelm ist wegen des fehlenden Nasenschutzes leichter und das Blickfeld weniger eingeschränkt. Das Kettenhemd ist feingliedriger als das vorherige und in den Stoff der langärmligen »Militärtunika«, sind kostspielige Verzierungen eingewebt. Die »Bracae«17 besteht aus Leinen und die geschlossenen »Calceus«18 sind aus weichem Wildleder gearbeitet. Einigen Sklaven schneidet der neue Statthalter persönlich die Zungen heraus und lässt diese den enormen Rest seiner Beute in den labyrinthartigen Kellerräumen tief unter dem Amtsgebäude vergraben. Fallgruben mit angespitzten Pfählen verhindern unerwünschten Zutritt.

Als Anführer der gotischen »Cevisaer« ist Vortigern bekennender »Arianer« und ist schon alleine aus diesem Grund beim Volk unbeliebt. Die Anhänger der Marienkirche hegen ihm gegenüber tief sitzenden Argwohn, da der Machthaber sich mehrfach für deren Vertreibung ausgesprochen hat. Wenn Gott als höchstes Wesen kein Sohn hat, ist eine Frau, die genau das verkündet, der Schadenszauberei wegen zu verurteilen und die Ungläubigen sind mit der bloßen Verbannung milde bestraft. Das Gerücht kursiert, der Vertreter Roms habe den beim Volk beliebten Constans aus dem Weg räumen lassen. Daraufhin ordnet dieser an, die angeblichen Täter aus den Reihen der »Pictonen« öffentlich zu erwürgen. So sagen die Auftragsmörder nicht gegen ihn aus. Die stets treu kämpfenden »Pictonen« verlassen in dieser Nacht wutentbrannt die Stadt und ziehen sich auf ihr eigenes Territorium zurück.

Der im Stich gelassene Tyrann lässt willkürlich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten auf dem »Forum« auspeitschen. Wer ihm in die Quere kommt, findet sich schnell auf dem römischen oder keltischen Friedhof wieder. Im Untergrund formiert sich zunehmend Widerstand, doch im Zweikampf ist der Schwertkämpfer unbesiegbar. Gegen seine silbrig glänzende Waffe, die dem Gerede zufolge von den Göttern in »Liburnia«19 aus Salz20 geschmiedet worden ist und sich auf einem der Wagen des Goten-Konvois gelegen hat, sind seine Feinde chancenlos. Jedes herkömmliche Schwert zerbricht beim ersten Schlagabtausch und kein Kettenhemd hält der scharfen Klinge stand. Deshalb lässt Vortigern seine Beute nicht einen Augenblick aus den Augen. Das Unikat trägt die Inschrift: »Ex.Sal.Liburn«.


Der »Oberdruide« aus »Condate«, Ardagus, trifft sich mit Unterdrücker in der Absicht, die angespannte Lage im Land zu beruhigen. Zwölf Sklaven begleiten den heiligen Mann, der standesgemäß eine weiße Tunika mit rotem Cape trägt. Nur widerwillig lässt der Alleinherrscher den hohen Besuch zu sich bitten.

„Das Volk hörte ich sagen, du habest ein umfangreiches Wissen über den Lauf der Dinge. Siehst du die Zukunft?“

Der Naturgelehrte und geistige Führer des Volkes schaut betreten zu Boden. Der Tradition zufolge stehen ihm die ersten Worte zu! Vortigern wertet sein Zögern als Respektlosigkeit, und bekommt vor Wut einen roten Kopf. Endlich tritt der Seher nach vorn.

„Ich habe das Volk sagen hören, du ignorierst die Götter!“

„Ich akzeptiere nur einen Gott. Den einzig Wahren!“

„So traust du meinen Worten nicht, denn mehr als nur ein Wort kommt über meine Lippen!“

„Meine Religion verbietet mir die Teilhabe an heidnischem Tun, nicht aber das Anhören oder Lesen eines heidnischen Rates.“

„Die römische Schrift ist uns Druiden verboten. Unsere »Zeichen«21 haben übernatürliche Kräfte, deren Nutzung für alltägliche Aufzeichnungen nicht gestattet ist. Was genau, erwartest du, von mir zu hören?“

„Ich vergewissere mich nur, ob du mir die volle Wahrheit sagst!“

„Weshalb? Ich stehe im Rang über dir! Wir lenken das Volk, der »Reix« die Armee.“

„Das mag in alten Zeiten so gegolten haben. Heute ist ein »Reix« Herrscher über alle Untertanen und dem fügst du dich! Ich überführe dich ansonsten der Scharlatanerie! Das wäre dein Tod. Beweise mir deine Fähigkeiten!“

„Welcher meiner Künste?“

„Sage meine Zukunft voraus!“

Der Druide streicht feierlich mit seiner rechten Hand über seine Augenbrauen, wobei sich der Daumen dem Mittelfinger nähert, und hebt im Anschluss theatralisch den Arm in die Höhe bis der Zeigefinger zur Decke zeigt.

„Ein Heer der »Pictonen« zieht heran.“

„Davon wüsste ich! Diese nutzlose Bande habe ich vertrieben.“

„Deine Späher haben versagt und deine Spione sind ausgetrickst worden. Die »Pictonen« sinnen auf Rache für die von dir Hingerichteten. Deine Gegner haben sich mit den Goten verbündet, deren Schatz du gestohlen hast! Ein gewaltiges Heer marschiert herbei. Deine Gegner reiten des Nachts, um unentdeckt zu bleiben.“

„Du spielst mit dem Tod oder um unsäglichen Reichtum! Sage mir, steht mir ein Sieg bevor?“

„Ich komme demnach zu Wohlstand! Verliere keine Zeit und nimm die Verteidigung entlang des »Ligers« in Angriff. Im Stammesgebiet der »Curiosoliten« steht ein Heer der Sachsen. Biete den Eindringlingen deine Freundschaft an und bitte ihre Anführer um deren Unterstützung.“

Nach über einer Woche Wartezeit kehrt der von Vortigern entsendete Bote zurück.

„Hast du gute Nachrichten?“

„Ich sprach mit zwei Heerführern, deren Namen wie Pferde klingen und deren Dialekt schwer zu verstehen ist.“

„Wie lauten ihre Namen?“

„Hengist und Horsa. Ihre Reiterei ist auf dem Weg hierher …“

„Für Verhandlungen habe ich dir keine Vollmacht erteilt! Wie lauten ihre Forderungen?“

„Die Brüder schätzen, ihre Unterstützung ist dir ein Quent22 »Letavias« als Siedlungsgebiet wert.“

„Die »Pictonen« sind auf dem Vormarsch. Ihre Streitmacht steht am

»Liger«. Wir haben keine Zeit zu verlieren! Diesmal lasse ich dein Fehlverhalten durchgehen. Handelst du ein weiteres Mal eigenmächtig, lasse ich dich erwürgen!“


Ein keltisches Heer taucht vor »Condate« auf. Bevor Vortigern seine Truppen mobilisiert, erreicht ihn ein Bote der Gegenseite.

„Mein Herr, Meirchion Gul von Gorron, schickt mich.“

„Sage deinem Herren, wir vertreiben euch und töten ausnahmslos jeden, den wir gefangen nehmen!“

„Gul hat von eurem Vorhaben erfahren“, bleibt der Bote geduldig, „gegen die »Pictonen« zu Felde zu ziehen“.

„Wenn wir mit euch fertig sind, metzeln wir die »Pictonen« nieder.“

„Das ist ebenfalls das Ansinnen meines Herrn. Die »Pictonen« überfallen ständig unsere Ländereien. Gul bietet dir seine Hilfe an!“

„Warum sagst du das nicht gleich? Jede Unterstützung ist mir in diesen schweren Zeiten willkommen, mein Freund!“


Zur Bewährung im Kampf entsendet Hengist seine beiden Söhne Ochta und Ebissa. In der Nacht überqueren die Sachsen die Römerbrücke von »Condevincum«23, um den sich nähernden »Pictonen« in die Flanke zu reiten. Zeitgleich täuschen Vortigerns und Guls Truppen einen Frontalangriff vor. Nach der gewonnenen Schlacht finden sich die Sieger in »Condate« zu einem Festessen ein.

„Eure Söhne haben sich tapfer geschlagen“, lobt Vortigern seine Gäste.

„Und ich danke euch für den geleisteten Beistand.“

„Du hast uns ein »Quent« versprochen“, sagt Hengist in seiner Sprache, wobei der Sachse eine Hand hoch hält und auf einen Finger deutet.

„Gewähre ihnen“, mischt sich Ardagus ein, „dort, wo unsere neuen Freunde angelandet sind, im ehemaligen Gebiet der »Curiosoliten« zu siedeln. Seit deren Aufstand gegen Gaius Iulius Caesar, ist das Land verödet.“

„Gib den Fremden kein eigenes Land!“, murmelt Meirchion Gul von Gorron. „So sind diese gehalten, sich zu verteilen und zu integrieren.“

„Ich bestehe auf ein weiteres Pfand“,sagt Hengist und zeigt auf eine junge Frau. „Heirate zum Zeichen unserer Freundschaft meine Tochter Renouein!“

„Ein »Arianer« vermählt sich nicht mehrmals“, versucht sich der Statthalter aus der Affäre zu ziehen.

„Du bist der Herrscher! Also stellst du die Regeln auf. Durch die familiäre Bindung bin ich dir stets zum Beistand gegen deine Feinde verpflichtet.“

Der Sachse umarmt Vortigern brüderlich.

„Deine Religion interessiert niemanden“, mischt sich der alte Druide ein.

„Mit deiner zweiten Hochzeit erneuerst du den Glauben an die alten Götter. Sonst schätzt dich das Volk wie die »Pictonen«, die behaupten, der San Grá EL24 lebe auf ihrem Gebiet.“

„Was ist der San Grá EL?“, ist Hengist hellhörig.

„Ein Schatz von unschätzbarem Wert“, sagt Ardagus geheimnisvoll.

„Sprichst du von dem Schatz aus Rom, der in aller Munde ist?“

„Lasse mich den Schatz für dich suchen. Wo finde ich diesen San Grá EL?“

„Erkundige dich nach der Schale“, lügt Vortigern, „in der das Blut des Heilands aufgefangen worden ist! Folge stets dem Rosenkreuz.

Nur würdige Edelleute haben das Recht, das Heiligtum zu sehen. Aber bedenke, der Unwürdige stirbt bei seinem Anblick.“

„Wer ist dieser Heilsbringer?“

„Die Römer haben ihn gekreuzigt, weil dieser Prophet behauptet hat, der Sohn Gottes und der König der Juden zu sein.“

„Entspricht das nicht der Wahrheit?“

„Auf keinen Fall! Angenommen Jesus ist der Sohn Gottes, so stünde ein zweiter Gott neben dem Allmächtigen. Da nur ein Gott existiert, ist Christus folglich kein Gott.“

„Bevor ich losziehe, feiern wir deine Hochzeit!“


428 nach Christus

Die »Pictonen« haben sich von ihrer schweren Niederlage nicht erholt. Stattdessen haben die Sachsen auf der Suche nach dem vermeintlichen Schatz zusätzliche Spuren der Verwüstung in weiten Teilen ihres Land hinterlassen.

Zeitgleich ziehen in »Condate« dunkle Wolken auf. Gegen Vortigern erhebt sich ein neuer Aufstand aus seinen eigenen Reihen, den Vortimer, sein inzwischen herangewachsener Sohn, anführt. Der »Reix« flieht auf Anraten seines Druiden nach »Oalas«, wo ihn Ochta vor seinen Verfolgern versteckt. Der Jugendliche greift mit seinem kleineren Bruder Catigern und einer Horde Kriegern, die in den Kindern eine glänzende Zukunft »Letavias« sehen, das »Quent« an.

In der dritten Schlacht bei »Episford«25 fallen Catigern und Horsa. Die Streitmacht aus dem Norden erleidet eine vierte Niederlage. So bleibt den Invasoren nur die Flucht mit ihren »Keels«26 aufs offene Meer hinaus.

Renouein, die mit ihrem Gemahl ins Exil gegangen ist, sucht auf Anweisung Vortigerns nach ihrem Vater Hengist, um ihn zur Rückkehr zu bewegen. Sevira vergiftet ihren Sohn und verhindert so den Mord an ihrem Gatten.

Nach Erhalt dieser Neuigkeiten kehrt Vortigern unverzüglich nach »Condate« zurück. Der alte Druide empfängt den Heimkehrer.

„Ich habe dich erwartet“, lügt Ardagus ihm ins Gesicht.

„Zum Glück hast du mich vor meinem missratenen Sohn gewarnt!“

„Und ich warne dich erneut! Mangelnden strategischen Kenntnissen wegen hat dein Sohn das Heer stark dezimiert. Deine Verbündeten sind seinetwegen entflohen. Du bist deinen Feinden zweifellos schutzlos ausgeliefert und ich ahne Unheilvolles!“

„Mein Gold ist längst nicht mehr in Sicherheit, obwohl niemand wähnt, wo ich den Schatz versteckt halte. Nicht einmal mein verdorbener Sohn ist fündig geworden und deine seherischen Fähigkeiten reichen zum Glück nicht aus, um ihn aufzustöbern.“

Der Hintertriebene wäre in der Lage diese Aussage zu bestätigen, denn in der Abwesenheit Vortigerns hat dieser die meiste Zeit erfolglos mit Suchen verbracht. Das bleibt sein Geheimnis.

„Für dich ist ein Schutzbau erforderlich“, formuliert Ardagus seinen hinterlistigen Plan, „das dich und dein Gold behütet. Baue einen festen Turm auf einem Hügel namens »Erfil«27. Dieser erhebt sich westlich von »Condate«. Folge der Römerstraße Richtung »Sulis«.“

„Kehrt Hengist zurück, um mir zur Seite zu stehen?“

„Wenn du dich bis zur Rückkehr der Sachsen nicht selbst schützt, kommt jede Hilfe zu spät!“

„Ich baue eine Kirche und bitte Gott um Unterstützung!“

„Erwarte von Gott, in solch einem Gebäude, gegen die Schwerter deiner Feinde, keinen Beistand! Nur der von mir erdachte Turm rettet dein Leben! Eile dich! Die Zeit ist knapp!“

„Weshalb ein Bauwerk außerhalb der sicheren Stadt errichten und nicht innerhalb des »Castrums« von »Condate«?“

„In diesen Mauern bist du nicht vor den Feinden aus deinen eigenen Reihen geschützt.“

„Zeige mir, wo sich dieser Hügel ist! Diesmal begleitest du mich dorthin!“


Unterhalb des Hügels »Erfil« ist eine Zeltstadt entstanden, in der emsiges Treiben herrscht. Vortigern lässt die kostspieligen Mietsklaven unbarmherzig von seinem Baumeister antreiben. Das Fundament ist gegraben. Die ersten Steine sitzen aufeinander. In der Nacht weckt lautes Getöse die erschöpften Arbeiter. Der Turm ist in sich zusammengebrochen. Noch in der Dunkelheit begibt sich ein Bote nach »Condate«. Am späten Nachmittag erreicht der Reiter die Stadt.

„Mein »Reix«! In der letzten Nacht hat uns ein seltsamer Vorfall verstört!“

„Ich habe befürchtet, du meldest mir einen Angriff der »Pictonen«.“

„Der Berg hat gebebt. Grauenvolle Geräusche sind aus seinem Inneren gedrungen. Schreckliche Angst hat unsere Herzen erfasst, da mit einem lauten Krachen die Grundmauern deines Turmes nachgaben und das Gerüst mit in die Tiefe gerissen hat!“

„Der Druide hat mir den Baumeister als den Besten empfohlen!“

„Der Einsturz ist nicht mit rechten Dingen zugegangen!“

„Die Mietsklaven sind die Schuldigen! Verstehen diese Untauglichen ihr Handwerk nicht? Der Erbauer möge die Mannschaft austauschen!“

„Dunkel ist die Nacht gewesen und die Arbeiter haben geschlafen. Nur üble Geister oder finstere Dämonen haben die Kraft, ein solch solides Bauwerk zu zerstören!“


Zweimal stürzt der Bau erneut ein, ein drittes Mal spricht der Bote vor. Vortigern lässt den Druiden Ardagus kommen.

„Böse Mächte verhindern meine Rettung. Deine Götter taugen nichts!“

„Die Götter haben keine Zustimmung erteilt, weil du ihnen nicht geopfert hast!“

„Gott steht über allem Irdischen und verlangt keine Opfer.“

„Dein Gott ist weit weg. Versöhne dich mit den hiesigen Göttern!“

„Was ist deiner Meinung nach zu tun? Ich kenne mich mit euren heidnischen Gepflogenheiten nicht aus.“

„In der Zeit unserer Vorväter ist ein vaterloser Jüngling bei lebendigem Leibe in das Fundament eingemauert worden, um die Mächte der Unterwelt zu besänftigen.“

„Solch unchristliche Praktiken sind mir zuwider!“

„Dein Leben ist in Gefahr!“

„Wenn du der Auffassung bist, ein Mord besänftigt deine Götter, so kümmere dich selbst um die Ausführung!“

„Ich schaffe dir einen Jungen herbei. Das Opfer hast du selbst zu vollziehen, sonst wirkt der Zauber nicht!“

„Aus christlicher Sicht ist das ein Mord.“

„Sagt ein Heermeister, der unzählige Seelen zu den Göttern geschickt hat.“

„Das ist jeweils in einem fairen Zweikampf geschehen. In einer Schlacht oder Mann gegen Mann!“

„Ein dunkler Schatten umgibt dich.“

„Was erhoffst du, mir mit diesen Worten zu sagen?“

„Dein Handeln ist nicht immer so rein und voller Edelmut gewesen, wie du mir gegenüber behauptest.“

„Bezichtigst du mich der Lüge?“

„Mich betreffen deine Vorgehensweisen nicht! Komme mit den Allmächtigen ins Reine!“

„Bring mir den Jungen! Aber gehe unauffällig vor!“

„Ziehe die Arbeiter von der Baustelle ab. So hast du keine Zeugen.

Unterstelle mir für seine Ergreifung einen Trupp deiner Kämpfer!“

„Wen hast du für das Opfer vorgesehen?“

„Die Götter haben mir ihre Wahl mitgeteilt“, lügt der Druide. „An der Küste lebt bei einem Fischer ein elternloser Jüngling, der behauptet, seine Mutter sei eine Adlige aus dem »Veneti«, der Vater aber sei unbekannt. Sein Wesen versetzt die Menschen in Angst. Dieser Bastard ist der Sohn des gefallenen Gottes! Dies ist der Grund, weshalb die ehrbaren Götter seinen Tod verlangen.“

„Ich gebe dir zu deiner freien Verfügung mein Siegel für Anweisungen an meine Soldaten. Erledige, was zu vollbringen ist.“


Der dem Tod geweihte Junge fällt durch seine blasse Haut und seine schwarzen Haaren aus dem Bild der Einheimischen. Zunächst weigert sich der großgewachsene Außenseiter, Ardagus Folge zu leisten. Der Druide fordert seine Männer auf, ihn zu ergreifen. Eine unsichtbare Kraft bildet eine Wand. Wie gebannt stehen die Krieger tatenlos neben ihrem Anführer. Auf einmal entschließt sich der Sonderling, freiwillig mitzugehen. Die Soldaten folgen ihm mit respektvollem Abstand.

„Ich bin Merlin,“ stellt sich der Bartwuchslose unaufgefordert vor. „Ich habe mich auf den Weg zu dir gemacht, da ich sehe, wie viele Menschen dich am liebsten tot sehen. Dein ärgster Feind ist dieser falsche Druide, der vorhat, mich ebenfalls aus dem Weg zu räumen!“

Der Angeklagte hebt an, sich zu der Schuldzuweisung zu äußern. Eine ihm überlegene Macht hält ihn vom Sprechen ab.

„Wie kommst du darauf?“, ist Vortigern erstaunt.

„Ein wahrer Druide stellt sich niemals in den Dienst eines Heerführers.“

„Dieser wahre Druide wäre nicht mehr am Leben. Ich bestrafe jeden, der sich über mich zu stellen wagt! Beweise deinen Vorwurf!“

„Du hast vor, mich auf Rat dieses Scharlatans einzumauern.“

„Woher weist du, was ich mit dir vorhabe?“

„Ich sagte schon, ich bin ein Seher! Folge mir zu deinem Turm! Dort sage ich dir, aus welchem Grund das Bauwerk nicht fertig ist. Und nimm den Alten mit, der nicht in der Lage ist, das Problem zu beseitigen!“

Vortigern ist verwundert über die Art, wie der Knabe mit der flachen Nase und den kleinen Ohren mit ihm spricht. Dem »Reix« fehlt der Wille, sich gegen den Jungen durchzusetzen. Merlin weigert sich, ein Pferd zu besteigen, und läuft zu Fuß, weshalb die Reise eine gefühlte Ewigkeit lang dauert. Der Hügel rückt in sein Sichtfeld. Der junge Augur bleibt stehen und wartet auf eine Inspiration. An der Baustelle angekommen, befiehlt Merlin den Mietsklaven, ohne auf eine Reaktion des Statthalters zu warten, einen Stollen in den Hang treiben.

„Innerhalb des Hügels ist ein See, in dem zwei Drachen gelebt haben. Durch die Bauarbeiten sind diese nervös geworden, und ich erahne, die gereizten Tiere aus der »Anderswelt« haben sich gegenseitig totgebissen.“

„Du vermutest?“

„Ich spüre keine Lebenszeichen. Wenn der Tunnel gegraben und das Wasser abgelaufen ist, schickst du den Druiden hinein. Der Schwindler ist gehalten, uns zu berichten, ob die Kreaturen am Leben sind.“

Unter großen Kraftanstrengungen graben die Mietsklaven den Abflusskanal. Vortigern ist ungeduldig und lässt die ganze Nacht durcharbeiten. In den frühen Morgenstunden schießt das Wasser unter hohem Druck ins Freie und füllt eine nahe gelegene Senke auf. Die Quelle versiegt. Merlin und der Druide sind spurlos verschwunden. Die Arbeiter bergen die toten Drachen. Aus der näheren Umgebung strömen die Menschen herbei. Auf einem großen Feuer grillt die Bevölkerung die Fleischmassen und verzehrt diese.

„Lindwürmer schmecken besser als Tauben!“, denkt Vortigern. „Schade, diese Tiere sind nur äußerst selten anzutreffen und für die Zucht nicht geeignet.“


Trotz ruhiger Zeiten wartet der Statthalter sehnlich auf die Rückkehr von Hengist. Aus Zweifel an den Göttern der Heiden lässt der Arianer sicherheitshalber ein Baptisterium bauen. Um den Zorn der Einwohner nicht auf sich zu lenken, liegt die Baustelle außerhalb der Stadtumfriedung von »Condate«. Der Turm in »Erfil« ist fertiggestellt und großzügig bevorratet. Vortigern zieht dort mit ein paar wenigen Vertrauten und sorgfältig ausgewählten Soldaten ein. Das Gebäude verfügt über eine massive Tür aus Eichenholz, die von innen mit schweren Balken verbarrikadiert ist. Das Fundament und der erste Stock sind aus Stein gemauert. Für den Bau des Obergeschosses sind kleinere Steine verwendet worden. Die zweistöckige Dachkonstruktion besteht aus Holz. In der obersten Etage ist ein Erker angebracht, aus dessen Fenster die Region Richtung Westen zu überschauen ist. Vortigern schaut andächtig hinaus und sieht Merlin, der vor der Tür steht und um Einlass bittet. Nur mit Mühe erträgt der Junge die für ihn ungewohnte Höhe.

„Ich habe erfreuliche Neuigkeiten für dich“, reißt sich der Riese zusammen. „Im »Quent« sind die Segel der Sachsen gesichtet worden.“

„Wie den Boten einer Verderben bringenden Meldung der Tod ereilt, verdient der Überbringer einer freudigen Botschaft eine Belohnung!“

„Ich bin mit meinem Bericht nicht am bitteren Ende angelangt. Leute, die von der Insel »Albion« gekommen sind, berichteten von einer gewaltigen Streitmacht, vor der Hengist geflohen ist.“

„Wenn nur meine Verbündeten zurückkehren, bevor die »Pictonen« von meiner Wehrlosigkeit Wind bekommen.“

„Hast du Aurelius Ambrosius und Uther aus dem Gedächtnis gelöscht?“

„Niemals vergesse ich je meine Ziehbrüder! Nach dem Tod ihres Vaters und des Bruders sind die beiden spurlos verschwunden. Ich habe befürchtet, die beiden nie wieder zu sehen.“

„Weshalb versuchst du, mich zu täuschen? Den Mord hast du eingefädelt! Du hast die »Pictonen« beauftragt, Constans zu töten.“

„Das ist eine Lüge!“

„Der Nachfolger General Konstantins hat deiner Karriere im Weg gestanden. Seine Brüder hast du ebenfalls auf deiner Todesliste gehabt.

Zu deinem Glück haben sich die beiden in Luft aufgelöst.“

„Dieser Hochnäsige hat sich gegen mich gestellt. Deutest du mit dieser Aussage an, die Streitmacht, von der du gesprochen hast, steht unter dem Befehl dieses Lumpenpacks?“

„Das Heer ist verschifft und sein Eintreffen ist nur eine Frage der Zeit.“

„Deine Vorhersagen sind stets eingetroffen. Wo landet der Feind an? Wehrt Hengist die Invasoren ab?“

„Ich berichte dir nur von meinen Vorahnungen. Details sehe ich nicht! Ich weiß nur, deine Verbündeten sind von der Insel geflohen. Der Sachse stirbt in einer der kommenden Schlachten.“

„Bleibe ich am Leben? Schützt mich dieser Turm vor meinen Feinden? Hält das Bauwerk einem Angriff stand?“

„Nach dem Tod deines Konföderierten kämpfen dessen Söhne für dich weiter. Schütze dich vor Aurelius Ambrosius und Uther.“

„Der Turm bewahrt mich vor allen Gefahren!“

„Und bleibe dem Feuer fern!“, sagt Merlin für Vortigern nicht hörbar.

„Schau dir diese massive Konstruktion an! Keine Armee der Welt erobert dieses moderne Verteidigungsgebäude. Keine Balliste vermag den Mauern zu schaden und kein Belagerungsturm ist hoch genug, um dieses Fenster zu erreichen.“

„Mit dieser Vermutung wirst du recht haben.“


431 nach Christus

Aurelius Ambrosius und Uther landen am Strand von »Ben Odet«. Die Sachsen stellen sich ihnen auf dem Vormarsch nach Osten bei »Guoloph«28 entgegen. Das Land ist verwüstet, die Bewohner fliehen.

Wie Merlin vorausgesagt hat, fällt Hengist. Der neue Anführer ist sein Sohn Ochta, der das Blatt nicht zu wenden vermag. Der Unterlegene bietet an, nach der Beerdigung seines Vaters abzuziehen. Auf dem Weg zu seinem Bruder, der nach »Condate« vorausgeeilt ist, um die Machtverhältnisse zu klären, kommt Uther an einer heruntergebrannten Ruine vorbei. Dort begegnet der Adlige Merlin, der ein sonderbar glänzendes Schwert in den Händen hält, das der Junge nur mit Mühen hebt.

„Vortigern hält dich nicht mehr auf!“, sagt Merlin.

„Auf dem Schlachtfeld haben wir den »Reix« nicht zu sehen bekommen?“

„Sein Turm ist ihm zum Verhängnis geworden“, erklärt der Riese.

„Der Beschreibung nach bist du sein Berater, der in aller Munde ist.“

„Ich habe nie in seinen Diensten gestanden! Ich handele stets nur im Einvernehmen mit meinem Vater.“

„So bist du Merlin. Das Volk behauptet, du siehst die Zukunft.“

„Mein Vater hält große Stücke von dir und ist derjenige gewesen, der euch gerettet und auf die Insel »Albion« hat bringen lassen. »Reix« Uther, ich bin dir treu ergeben.“

„Wieso maßt du dich an, mich einen Heerführer zu nennen?“

„Nach deines Bruders Tod bist du schon morgen sein Nachfolger!“

„Mein Bruder ist am Leben!“

„Ochta, der Sachse, hat sich Zutritt zu den Gemächern von Aurelius Ambrosius verschafft und ihn vergiftet. Jede Hilfe kommt zu spät!“

Die römischen Adligen aus dem Ritterstand, die Uther eskortieren, sind von den Worten entsetzt.

„Merlin, begleite mich nach »Condate«!“

„Ich gehe in den Wald von »Caledern«. Dort wartet mein Vater auf mich, um mir meinen Lehrer namens Blaise vorzustellen. Ich finde mich bei dir in »Gesogribate« ein, wenn die Zeit gekommen ist!“

„Ich bleibe demnach nicht in der Stadt?“

„Du baust im »Ben Trajon«29 einen Seehafen und erneuerst das »Castrum« von »Ker Leon«!“



King Artus und das Geheimnis von Avalon

Подняться наверх