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Frau Jansens Brille
ОглавлениеDing-Dong.
In hellen Tönen kündigt Frau Jansens Türglocke Besuch an.
„Wer ist da?“
„Frau Jansen, ich bin es, Rudi.“
Die Tür öffnet sich und vor Rudi und seinem Drachen steht Frau Jansen mit zusammengekniffenen Augen.
„Hallo Rudi. Komm doch rein.“
Die beiden Freunde huschen schnell in den Flur. Rudi bemerkt gleich die Kommode, an der alle Schubladen aufgezogen sind und Papier, Tischdecken und andere Dinge verstreut davor liegen. Rudi wundert sich.
Frau Jansen ist doch immer so ordentlich!?
„Dich schickt der Himmel!“, hört Rudi Frau Jansen in die Hände klatschen.
„Nein“, antwortet Rudi, „meine Mama schickt mich“.
„Ach Rudi. Das sagt man doch nur so. Aber gut, dass du da bist. Du kannst mir bestimmt helfen. Ich habe meine Brille verlegt.“
Rudis Mutti sagt immer, Anneliese, so heißt Frau Jansen mit Vornamen, sei blind wie ein Maulwurf ohne ihre Brille.
„Ich weiß nicht, wo sie ist. Vorhin, als ich den kleinen Nils hingelegt habe, hatte ich die Brille noch auf.“
Nils ist Frau Jansens kleiner Sohn, mit dem Rudi sehr gerne spielt. Allerdings klappt das nicht immer allzu gut. Nils ist noch ziemlich klein, erst anderthalb Jahre alt, freut sich aber trotzdem jedes Mal, wenn Rudi ihm einen Ball zuwirft oder eine Rassel hinhält. Und das macht Rudi glücklich. Wenn die kleinen Händchen sich um seine Finger klammern, dann fühlt sich Rudi wie ein großer Bruder. Oder wie ein Vater. Heimlich wünscht er sich auch einen kleinen Bruder, nur weiß er nicht, wie er den Storch erreichen kann, um ihm das zu erzählen.
„Siehst du die Brille vielleicht irgendwo?“
Der Junge blickt sich um und entdeckt die Brille auf Annelieses Stirn hochgeschoben.
„Also die Brille ist …“
„Ja, verschwunden“, wird Rudi von der jungen Frau unterbrochen, „das sagte ich bereits“.
„Nein, ich wollte doch sagen, dass ich deine Brille …“
Aber Rudi kommt wieder nicht dazu, zu Ende zu sprechen.
„Auch nirgends sehen kannst? Das dachte ich mir schon. Komm doch mit ins Wohnzimmer.“
Rudi muss kichern. Die Zunge des Taschendrachens kitzelt ihn im Ohr, als der kleine Freund ihm zuflüstert: „Was hat sie denn?“
„Manchmal“, flüstert Rudi zurück, „scheinen die Erwachsenen uns nicht zu hören!“.
„Vielleicht musst du einfach lauter reden?“, weiß der grüne Flattermann.
„Was hast du gesagt?“, fragt Frau Jansen. Mit den zusammengekniffenen Augen und der runzeligen Stirn sieht sie einer alten Kartoffel sehr ähnlich.
„Ich habe dich nicht richtig verstanden.“
„Nichts“, antwortet Rudi, „nur weiß ich, wo deine Brille …“.
In diesem Moment hören sie Nils laut schreien.
„Herrje, auch das noch.“
Rudi zeigt noch auf Frau Jansens Stirn, da ist sie ihm schon in Nils Zimmer entwischt.
„Ist ja gut“, hört Rudi sie sagen, und gleich darauf steht sie mit dem kleinen Kind auf dem Arm vor ihm.
„Dudi, dudi“, reckt sich der Kleine nach Rudi und der streckt Nils seinen Zeigefinger entgegen.
Die kleinen Finger in Rudis Hand fühlen sich wunderbar warm an.
„Wenn ich jetzt nur wüsste, wo die Brille ist, dann könnte ich den Kleinen baden.“
Schnell schreit Rudi so laut er kann. „Auf deinem Kopf!“
Nils zieht seine Fingerchen blitzschnell aus Rudis Hand zurück und Rudi schaut ihm in die großen Augen. Erste Tränen zeigen sich. Schnell hält sich der Junge die Ohren zu, denn er weiß schon, was gleich passiert.
Und da brüllt Nils laut los.
„Also wirklich, Rudi. Du brauchst nicht so zu schreien. Ich bin nicht taub!
Außerdem erschreckst du nur Nils!“ Frau Jansen scheint nun etwas genervt zu sein und huscht mit dem Kleinen so schnell ins Badezimmer, dass Rudi an die Wand im Flur gedrängt wird. Der Rotschopf zieht die Schultern hoch und wendet sich an seinen Freund: „Verstehst du das?“.
„Nein“, antwortet der, „sie könnte ihre Brille schon lange haben, wenn sie dir einfach nur zuhören würde“. Aus dem Bad hören die beiden einen lauten Schrei, gefolgt von zerspringendem Glas auf dem Fußboden.
„Jetzt habe ich auch noch den Badezusatz fallen lassen. Alles wegen der blöden Brille!“ Rudi schaut ins Badezimmer und sieht, wie Frau Jansen hin und her läuft, Nils fest im Arm. Er nutzt den Moment und springt rufend ins Bad.
„Auf deinem Kopf. Auf deinem Kopf. Auf deinem Kopf. Auf deinem Kopf. Auf deinem Kopf.“
„Was ist denn mit meinem Kopf?“ Rudi schaut in das fragende Gesicht von Anneliese, die sich mit der freien Hand durch die Haare wuschelt und sich auf die Stirn tastet.
„Da ist ja meine Brille. Na Gott sei Dank. Danke, Rudi.“, sagt Frau Jansen und schiebt sich die Brille auf die Nase.
„Aber warum hast du das denn nicht schon viel früher gesagt?“
„Das habe ich doch versucht. Du hast mich nur nicht ausreden lassen. Nicht mal zugehört hast du!“
„Ja“, antwortet Frau Jansen, „da hast du vielleicht Recht“.
Rudi spürt Frau Jansens Hand durch seine Haare streicheln.
„Aber das werden wir ändern. Weißt du was? Wenn wir Nils gebadet haben, dann essen wir zur Belohnung einen Kuchen. Möchtest du mir helfen, den Kleinen zu baden?“
„Au ja!“, jubelt Rudi und sieht den Drachen mit seinem Feuerstrahl schon mal das Wasser im Waschbecken erwärmen.