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Seelenpfad 3
ОглавлениеUnd gehen
… und sehen
sehen o Wunder …
Heinz-Albert-Heindrichs (* 1930)
Maria hatte gleich das nächste Schiff genommen. Tant’ Mimi wohnte in der Siedlerstraße, hatte sich eines der grauen Häuser zurechtgemacht und vermietete Zimmer an die Feriengäste. Nur eines hielt sie immer frei. Für Karl. Manchmal dachte Maria, dass Onkel Karl womöglich eine Liebesbeziehung zu Mimi hatte. Aber sie konnte sich ihn nur schwer als Liebhaber vorstellen.
Er war nicht nur äußerlich, sondern auch vom Wesen her sehr speziell. Ein prima Kumpel, ein Mann, auf den man sich in jeder Lebenslage verlassen konnte. Für so manche Frau mochte das reichen. Doch Maria fiel es schwer, sich das einzugestehen: Onkel Karl glich er einem abgeliebten Teddybären. Sein Rauschebart ließ kaum einen Blick auf die Gesichtszüge zu. Ein Rest rot geäderter Wangenhaut blinzelte unterhalb des Auges hervor, zeugte von häufigem Aufenthalt an der frischen Luft. Viel Mimik war bei ihm ebenfalls nicht zu erkennen. Einzig seine Lippen bewegten sich ununterbrochen, wie bei einem Fisch, der an Land nach Luft schnappte. Seine Augen wirkten so, als würden sie immer lächeln. An den meisten Tagen trug er eine Latzhose, die er nur hin und wieder gegen eine dunkelbraune, verwaschene Cordhose tauschte.
Nein, Maria konnte es drehen, wie sie wollte: Onkel Karl war alles andere als attraktiv. Wobei Tant’ Mimi mit ihrer übergewichtigen Dominanz auch nicht auf den Laufstegen dieser Welt zu Hause war. Von daher waren ihre Ansprüche vielleicht nicht so hoch.
Karl hatte bei Mimi angerufen und Marias Kommen angekündigt. Noch während des Telefonats hatten seine Hände dermaßen vibriert, dass Maria kaum hinsehen mochte. Immer wieder schüttelte Karl den Kopf, während er Tant’ Mimi die Situation klar machte.
Maria hatte zu Hause die Tasche noch gegen Karls Trolley eingetauscht. Es machte einen Höllenkrach, als sie damit über das unebene Pflaster lief. Auch nicht besser als Autolärm, dachte sie und stellte sich vor, wie es klingen musste, wenn sich ganze Gruppen auf den Weg in das Oldenburger Heim oder zur Villa Kunterbunt, dem Mutter-Kind-Heim, machten.
Tant’ Mimi wartete schon im Vorgarten. Sie zupfte an ein paar Blütenstängeln herum, die noch vom Vorjahr karg ins Licht schauten. Außer den vereinzelten Krokussen war noch kein Farbtupfer im Garten zu erkennen. Es war zu lange viel zu kalt gewesen. Schwerfällig stemmte Mimi ihren Oberkörper in die Höhe. Sie blinzelte in die Sonne, als Maria vor ihr stand.
»Da bist du ja, mien Deern.« Sie strich ihr mit der erdigen Hand über die Wange. Es kratzte, als dabei ein paar Krümel zur Erde fielen. »Warst so lange nicht mehr hier. Hätte dich kaum erkannt.« Sie schürzte die Lippen. »Zehn Jahre sind das wohl.«
Maria nickte. Im Sommer waren es zehn Jahre.
Tant’ Mimi bugsierte sie ins Haus, in dem es etwas abgestanden und leicht schimmelig roch. Marias feine Nase hatte den typischen Geruch sofort eingefangen.
»Tee?«, fragte Tant’ Mimi und setzte schon den Kessel auf den Herd.
Maria verstaute derweil ihre Tasche im Zimmer.
»Hast auch eine eigene Dusche«, hörte sie Tant’ Mimi.
Es war Maria egal, sie hätte sich das Bad auch mit anderen geteilt. Schließlich wollte sie sich hier nicht erholen.
»Warum bist denn du überhaupt auf der Insel?« Tant’ Mimis Stimme klang angestrengt, als recke sie sich gerade, um etwas vom Schrank zu holen. Über Marias Gesicht glitt ein flüchtiges Grinsen. Tant’ Mimi holte den Kandis von dort oben. Mimi war kein Mensch, der in seiner kleinen Welt gern etwas veränderte.
Maria antwortete nicht, stand mit hängenden Armen vor ihrem Bett. Karl hatte es Tant’ Mimi doch am Telefon lang und breit erklärt, und auch aus ihrem Mund würde seine Cousine es nicht verstehen. Die hatte ihre eigene Sichtweise auf die Dinge. Was vorbei war, war vorbei. Wer gestorben war, war gestorben und konnte nicht wieder zum Leben erweckt werden. Besser, man verdrängte alle Erinnerungen. Sie lebte nach der Vogel-Strauß-Methode. Kopf in den Sand und abtauchen. Da war sie wie Karl.
Achim war nun schon lange verschollen. Wenn er tot war, würde von ihm nicht mehr viel übrig sein. Wahrscheinlich gar nichts. Nicht ein Haar, vielleicht ein paar Knochen. Maria kannte sich damit nicht aus. Das Meer hatte bestimmt entsprechend dazu beigetragen.
Gleich wollte Maria noch zum Osten raus radeln. Es war wie eine Schocktherapie und sie wusste auch nicht, ob es eine gute Idee war. Ob nicht zu viele Erinnerungen ausgegraben werden würden.
»Tee ist jetzt fertig, mien Deern. Setz dich zu mir.«
Maria seufzte und schlich in die Küche. Auf dem runden Eckregal tanzten noch immer zwei Porzellanfeen um eine halbnackte grüne Meerjungfrau und kleine gehäkelte Blumen schmückten die Fensterbänke. Nichts sah auch nur ansatzweise anders aus als vor zehn Jahren. Sogar das schlammfarbige Tischtuch zierte den dreibeinigen Beistelltisch noch wie damals.
Trotz der Furcht vor der eigenen Courage fühlte Maria an diesem Ort so etwas wie ein Nachhausekommen. Sie hatte schreckliche Angst vor dem, was sie hier finden könnte. Am meisten fürchtete sie sich davor, zu viel von sich selbst zu entdecken, ihren Erinnerungen nicht gewachsen zu sein.
Tant’ Mimi bemerkte davon nichts. Redete ununterbrochen über den zu kalten Frühling, über den Garten ihrer Nachbarin und ob die Insel in drei Wochen von den Badegästen förmlich überflutet werden würde. Sie hoffte auf eine große Ausbeute. »Immerhin habe ich viel renoviert im letzten Winter.«
Maria blickte erstaunt zu Tant’ Mimi. Die Küche war von den Neuerungen definitiv nicht betroffen.
Tant’ Mimi realisierte Marias fragenden Blick sofort. »In den Gästezimmern. Das muss sich jetzt auszahlen.« Sie wiegte den Kopf. Allein die Toilette habe sie ein Vermögen gekostet. Keiner müsse noch an der Strippe ziehen. Zwei runde Scheiben an der Wand waren für alles zuständig. Eine zum Wassersparen. Man käme nicht umhin, an den Aufwand zu denken, mit dem das Wasser vom Festland hierher gebracht werden würde. Die Wasserlinse unter der Insel reiche schließlich nicht, dazu sei Wangerooge viel zu sehr geschrumpft. Man munkele jetzt sogar, die Insel sei mittlerweile kleiner als Baltrum. Aber davon wollten weder die Wangerooger noch die Baltrumer etwas wissen.
Tant’ Mimi war nicht zu stoppen. Auch die Stelle des Inselarztes sei vakant. Eine Vertretung wäre jetzt da.
Maria trank ihren Tee, sagte aber nichts dazu. Das wusste sie noch von früher: Tant’ Mimi widersprach man besser nicht und eine Unterbrechung des Redeflusses wurde mit einem noch ausschweifenderen geahndet.
Nach drei Tassen mochte Maria nicht mehr. Tant’ Mimi kochte den Tee so stark, dass sie bei zu großer Menge Magenschmerzen davon bekam. »Ich will los, Tant’ Mimi. Noch ist es hell.«
»Komm ja vor Sonnenuntergang zurück!« Sie kniff die Lippen zusammen, nickte beflissen mit dem Kopf. »Hier treibt sich ein Mörder herum.«
Maria nahm sich Tant’ Mimis Fahrrad, das sie vorher bereitgestellt hatte. Die Straße war arg uneben und die Reifen holperten über die Siedlerstraße in Richtung Osten. Der Flughafen lag sehr ruhig da, noch schlief die Insel ihren Winterschlaf. Doch schon bald würden die Maschinen in Schwärmen aufsteigen und landen.
Je weiter Maria aus dem Dorf herausfuhr, desto freier fühlte sie sich. Sie hätte dieses Gefühl selbst nicht für möglich gehalten, aber die große Furcht, die sie eben noch in Tant’ Mimis Haus befallen hatte, war wie weggeblasen.
Schon am ersten Dünenübergang stellte sie das Rad ab. Es zog sie an den Strand und die steilen Dünenhänge. Sie wollte die Schaumkronen vom Meer sehen, wenn die Wellen sich brachen. Egal, wie das hier ausging. Sie war über sich selbst hinausgewachsen, indem sie den Mut gefasst hatte, nach Wangerooge zu reisen. Auf dem Dünenkamm stellte sie sich auf und schaffte es zum ersten Mal nach zehn Jahren, sich gerade hinzustellen, den Rücken aufzurichten.
Das Schicksal des kleinen Jungen hatte sie hierher geführt, damit sie das vollenden konnte, was sie musste, um endlich leben zu können.
Unten am Weg stand ein Pfahl mit einer Tafel darauf. Maria fühlte sich magisch angezogen. Und gehen hieß das Gedicht. Sie würde gehen. Sie würde sehen, atmen und am Ende hören, was das Leben ihr zu sagen hatte. Sie ging los, ihren neuen Weg entlang.
*
Daniel hatte Maria vorhin fortgehen sehen. Mit dem Trolley in der Hand. Er konnte das nicht zulassen. Sie war seine Braut, auch wenn sie das noch nicht wusste. Was hatte er nicht schon für sie getan. Und er wollte es noch weiter tun. Liebe kannte keine Grenzen. Ihm war klar, wohin sie unterwegs war und er würde ihr nach Wangerooge folgen. Nicht einen Schritt durfte sie ohne ihn machen. Er musste auf sie aufpassen. Das hatte er sein Leben lang so gehalten. Auch als die Sache mit dem Jungen damals passiert war, war er da gewesen.
Sie hatten sich zusammen für die Betreuung der Kinder angemeldet. Das heißt, sie hatte sich angemeldet und er hatte es ihr gleichgetan. Nur in ihrer Nähe wollte er sein. Es war für ihn so wichtig wie essen und trinken. Auch wenn sie seine Sehnsucht nicht erwiderte, nicht begriff, welche Anziehungskraft sie auf ihn hatte. Er liebte ihren warmen Blick, der in den letzten Jahren von so unglaublicher Traurigkeit geprägt war. Er liebte ihren recht kräftigen Po, der für ihn nicht dick, sondern einfach wahnsinnig weiblich war. Er liebte den vollen Mund, der sich viel zu selten zu einem Lachen verzog, obwohl Marias Schönheit erst durch ein Lächeln richtig zur Geltung kam. Er liebte sogar ihre kleine Speckfalte oberhalb des Hosenbundes, die sich auch mit geschickter Kleidung nur schwer verbergen ließ. Sie gehörte zu Maria, genau wie ihre Wortkargheit, die sie nur durchbrach, wenn sie wirklich etwas zu sagen hatte. Maria war keine Frau, die wahllos drauflosplapperte. Sie redete nur, wenn sie es für unabdingbar hielt.
Daniel kniff die Augen zu. Warum nur wollte sie nun nach Wangerooge? Er selbst segelte ab und zu rüber, versuchte aber, die Kindermassen nicht zu beachten, die das ganze Jahr über aus den Schullandheimen über die Insel schwärmten.
Er dachte an den liebevollen Blick, mit dem Maria dieses hässliche sommersprossige Kind damals immer angesehen hatte. Das, was aussah wie einer der Simpsons. Oder wie ein aus dem Nest gefallener Vogel. Er fand keinen passenden Vergleich, weil es für diese Ausgeburt an Hässlichkeit keinen gab. Er war schlaksig und eigenwillig gewesen. In Daniels Augen auch viel zu besitzergreifend. Wenn er nur an dieses blöde Lied dachte, das der Kleine ständig beim Anziehen gesungen hatte: »Erst die Schuhe, dann die Jacke, dann die Mütze, dann der Schal.«
Dabei hatte er gekichert. Weil Sommer war und er weder Mütze noch Schal brauchte. Wenn er die Handschuhe dazu kreierte, hatte er sich schließlich vor Lachen auf dem Fußboden gekugelt.
Dass der Seenebel Achim mitgenommen hatte, war für Daniel eine gute Fügung des Schicksals gewesen. Verschluckt und weg. Das durfte er natürlich nur denken, solche Gedanken sprach man nicht aus.
Maria hatte sich danach Hilfe suchend an ihn geklammert. Sie war so froh gewesen, dass er da war. Daniel, ihr bester Freund. Er, der ihr sacht über das halblange Haar gestrichen hatte. Eine Strähne nach der anderen war ihm durch die Finger geglitten. Maria hatte unvergleichlich weiches Haar. Sie hasste es, weil sie es nicht richtig frisieren konnte. Nicht eine Spange hielt darin. Daniel aber liebte es. Diese Gar-nichts-Farbe, die Marias Onkel liebevoll als straßenköterblond bezeichnete.
Er sah es noch sacht im Wind fliegen, als sie gerade mit ihrem Trolley um die Ecke gebogen war. Er würde ihr folgen. Wie er es immer in seinem Leben getan hatte. Und wie immer würde sie es hinnehmen, es nicht wirklich bemerken.
*
Angelika Mans hatte rotgeweinte Augen. Ihre Gesichtszüge waren erstarrt, wirkten maskenhaft. Rothko war klar, dass er vorsichtig vorgehen musste. Diese Frau war in ihren Grundfesten erschüttert worden. Sie schwebte ohne Halt durchs Leben, wusste noch nicht, wie sie sich ohne ihr Kind neu platzieren sollte, ja wie sie überhaupt ohne Lukas weiterleben konnte. Wobei er aus Erfahrung wusste, dass das Ausmaß des Schmerzes, die ganze Intensität, noch gar nicht bei ihr angekommen war.
Rothko hatte Tee gekocht, aber der war ihm nicht so recht gelungen. Er hatte eine uringelbe Färbung und erinnerte nur mit großer Fantasie an das, was man echten Ostfriesentee nannte. Angelika Mans schien es egal zu sein. Sie hatte wahrlich andere Sorgen, als sich um schwachen oder starken Tee zu kümmern. Wahrscheinlich schmeckte sie den Unterschied nicht einmal.
»Wissen Sie, wo der Kleine an diesem Morgen hinwollte?« Rothko bemühte sich um einen sensiblen Tonfall. Am liebsten würde er schweigen, gar nichts sagen, aber das war in diesem Fall völlig unmöglich. Er musste den Menschen finden, der dieser Frau und ihrem Kind das angetan hatte.
Angelika schüttelte den Kopf. Nein, sie wisse nicht, wo er hinwollte. Normalerweise schlafe ein Kind um diese Zeit und treibe sich nicht draußen herum.
Ganz langsam bewegte sie dabei ihren Kopf hin und her, wurde mit ihrer Bewegung aber immer schneller. Am Ende schleuderten die aschblonden Haare um ihr Gesicht, bis sie abrupt innehielt. Gleichzeitig mit diesem Stopp sank ihr Kopf auf die Tischplatte. Die Frau war einfach erledigt. Viel mehr als gestern würde nicht aus ihr herauszukriegen sein. Der Schmerz hatte ihre Sinne betäubt, duldete keine nähere Erinnerung an das, was so wehtat, dass es nicht auszuhalten war.
Rothko, der keine Kinder hatte, bekam eine vage Ahnung davon, dass man ein Stück von sich selbst verlor, wenn ein Kind plötzlich nicht mehr da war. Angelika Mans kam ihm wie abgeschnitten vor. Nicht so, als fehle ihr mindestens ein Körperteil, sie wirkte eher wie seelenamputiert.
Ihre Stimme klang dumpf, als sie wie zur Bestätigung sagte: »Es ist, als habe man ein Stück vom Herzen entfernt. Mein Zentrum fehlt, Herr Kommissar. Alles verliert seinen Sinn. Ohne ihn.« Sie hob kurz den Blick. »Ohne Ehepartner kann man leben. Das habe ich begriffen, als er mich wegen einer anderen verlassen hat.« Sie warf mit einer energischen Handbewegung die Haare über die Schultern. »Das war nichts gegen das, was jetzt in mir vorgeht.« Ihr Kopf sank zurück auf die Tischplatte.
Es hatte etwas von »Vorhang zu«, dachte Rothko.
»Nichts«, wiederholte sie.
Der Kommissar räusperte sich. So kam er nicht weiter. Aber er hatte absolut keine Lust, sich einen Seelenklempner dazuzuholen, der ihm auch noch ins Handwerk pfuschte. Irgendwie musste er selbst an die Frau herankommen.
»Wo ist Ihr Mann denn jetzt?«, fragte er.
Angelikas Schultern zuckten fast unmerklich. »Ex-Mann«, korrigierte sie. »Keine Ahnung. Er tourt durch die Welt. Mit seiner Neuen.«
»Es ist aber ausgeschlossen, dass er sich auf Wangerooge befindet?«
Angelika erhob ihren Kopf. Sie zupfte ein Papiertaschentuch aus der Tasche. Rothko erwarte, dass sie sich nun kräftig schnäuzte. Ihre Stimme klang von dem vielen Weinen ganz näselnd. Als sie mit den Fingern über die Nasenspitze wischte, zog sich glasiger Schleim über ihr Handgelenk.
Angelika tupfte sich mit dem Taschentuch zunächst vorsichtig über die Augen, tastete sich hinunter zum Nasenflügel, den sie beim Abwischen hin und her bewegte. Danach war ihre Haltung merklich aufgerichteter und die Stimme fester. »Mein Ex-Mann hasst die Insel. Zumindest hat er das während unserer Ehe getan.« Sie schaute Rothko fest an. »Ich glaube, ehrlich gesagt, nicht, dass er hier ist oder war.«
»Weiß er denn Bescheid?« Rothko nahm einen Schluck von dem blassen Tee und verzog angewidert das Gesicht. Der Kaffee oben war schon eine Katastrophe, aber dieses Gebräu grenzte an Folter. Zum Teufel, warum hatte sein Inselkollege nicht einmal hier eine Kaffeemaschine? Er schien eingefleischter Teetrinker zu sein. Rothko hatte nichts gegen Sitten und Gebräuche, aber man musste schließlich nicht dogmatisch an allem festhalten, wenn es bessere Alternativen gab.
»Nein, Herr Kommissar. Er hat sein Handy ausgeschaltet. Ich habe am Tag vor Lukas’ Verschwinden mit ihm gesprochen.« Sie hielt inne, sprach dann sehr überlegt weiter, als müsse sie die Tragweite eines jeden Wortes genau abwägen. »Gestritten haben wir. Über nichts, wie immer. Lukas hat das völlig verstört.« Sie schluckte. »Auch wie immer. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wo er sich gerade aufhält.« Sie tupfte ihre Augen trocken. »Darüber haben wir nicht geredet. So war das dauernd.« Angelika Mans sah ihn von unten her an. »Hören Sie mir überhaupt zu?«
Rothko schreckte zusammen. »Natürlich höre ich zu, Frau Mans.« Er räusperte sich. »Ihr Mann ist also irgendwohin entfleucht. Was hatte er denn für eine Beziehung zu Lukas?«
Angelika Mans lachte schrill auf. »Beziehung?« Wieder folgte dieser merkwürdige Ton. »Er hat ihn vergessen. Einfach vergessen in seinem neuen Leben.« Sie sank erneut in sich zusammen. »Es gibt uns nicht mehr.« Angelika stieß mit gespitztem Mund Luft aus, als puste sie eine Kerze aus. »Weg. Einfach weg.«
Rothko schob seinen Oberkörper ein Stück weit über den Tisch. »Könnte es sein, dass er …«
Angelikas Augen vergrößerten sich. Ihre Stirn legte sich in Falten. Ganz langsam begann sich ihr Kopf zu bewegen. Sie verneinte die Frage, das war eindeutig.
Rothko lehnte sich zurück. Egal, was Angelika Mans sagte, sie war befangen. Er würde den Vater von Lukas finden und ihm gehörig auf den Zahn fühlen.