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Ein anderes glatzköpfiges X-Klon mit bleicher Haut und roten Augen begleitete Aurun auf sein Zimmer. Es half mit der Tasche, ließ sich den Neubezug des Raumes quittieren und überreichte die Einweisungspapiere und die Hausordnung. Aurun ließ alles ein wenig eingeschüchtert über sich ergehen. Xe waren größer und kräftiger als die übrigen Klone und der Blick ihrer starren roten Augen ließ Widerspruch nicht zu. Mit lauter Stimme verabschiedete sich das Weiße förmlich: „Wie gesagt, mein Name ist Xylon Xojor. Ich bin hier der oberste Ordnungshüter. Wenn Sie noch Fragen haben, ich bin in meinem Büro neben dem Eingang – gegrüßt, Aurun Ebanan!“

„Gegrüßt, Xylon Xojor!“, antwortete Aurun höflich.

Das X-Klon ging und schloss leise die Tür hinter sich.

Nun war Aurun allein. Es sah für eine Weile wie gebannt aus dem Fenster in der 43. Ebene auf die anderen Häuser herab. Etwas war passiert und Aurun bemühte sich vergeblich, es zu verstehen.

Irgendwo dort, in diesem Häusermeer, hatte es seine ersten Lebensjahre verbracht. Wie riesig und endlos das alles war. Und dann machte es eine Entdeckung: Dort hinten, erkennbar nur als dünne Linie am Horizont, war das Meer. Das Meer!

Einmal, vor unendlich langer Zeit, wie es ihm vorkam, war es einfach allein aufgebrochen und bis zum Meer gelaufen. Hatte Wellen an eine alte Hafenmauer krachen sehen, hatte Tang gerochen, Salz geschmeckt und die Gischt auf den Wangen gespürt. Und da war es nun wieder, das Meer, ein dünner Faden, der Verbindung hielt zwischen früher und heute.

Fast versöhnt mit seinem neuen Zuhause drehte sich Aurun vom Fenster weg.

Das neue Zimmer war groß und niedrig, viel niedriger als die Räume, die das E-Klon Aurun bisher mit seinem Preklon bewohnt hatte. Alle Wände waren kalkweiß gestrichen. Die Fensterrahmen aus mattsilbernem Metall reichten bis hinunter auf den Boden, ein sicheres Zeichen dafür, dass man dieses Haus aus der Megaho-Zeit umgebaut hatte. Aus einem Stockwerk hatten sie jeweils zwei gemacht. Das reichte für die Klone, die je nach ihrer Familien-Zugehörigkeit nur zwischen einem halben und einem Meter groß waren.

Die alte, riesige Aufzugkabine jedoch hielt weiterhin nur in den alten Stockwerken, denen mit geraden Nummern, auf der Ebene 43 hielt er nicht. Man fuhr zum Stockwerk 22, Ebene 44 und stieg die Treppen zur nächsten Ebene hinab. Umgekehrt stieg man am besten auf Ebene 42 hinunter und nahm von dort den Aufzug, wenn man das Haus verlassen wollte.

… das Haus verlassen wollte – Unsinn, dachte Aurun. Darüber nachzudenken war Gedankenverschwendung. Hatte dieses X-Klon Xylon Xojor nicht gerade erklärt, dass man das Haus nicht mehr verlassen dürfe? Alles Wichtige, hatte es gesagt, stände in der Hausordnung, die zu Lesen eine Pflicht sei. Nur so viel vorweg: Niemand von den Separierten dürfe das Haus verlassen.

Aurun sah sich um. Alles sah sauber aus, frisch renoviert. Von der Decke hing an einem Kabel eine funktionierende Lampe. Eingeschaltet vergiftete sie den weißen Raum mit grellem, grünbläulichen Licht.

Unübersehbar lagen die Hausordnung und die Einweisungspapiere mitten im Raum auf seiner Tasche. Aurun nahm die Broschüre zur Hand und begann zu lesen:

Hausordnung

Erste Schritte: Kontrollieren Sie, ob die Separation zu Recht erfolgt ist, insbesondere ob die in der Separations-Einweisungsverfügung genannte Person mit Ihnen identisch ist. Vergleichen Sie alle Personendaten genau!

Aurun nahm die Einweisungspapiere.

Vorname:........................................Aurun

Zugehörigkeit:...............................Ebanan

Klon-Familie:.................................E

Klondatum:....................................17. Februar 237

Separationsdatum:.........................12. Mai 244

Grund:...........................................Mutation durch hormonelle Auffälligkeit (E-Familie!)

Separationszeitraum:.....................bis auf weiteres

Sicherheitsstufe:............................gering

Der Ausdruck bis auf weiteres bewirkte in Aurun aufs Neue dieses merkwürdig kühle Gefühl im Rücken.

Verwundert wollte Aurun sich wieder der Hausordnung zuwenden, konnte aber diesen merkwürdigen Schauder nicht gleich abschütteln. Immer wieder in den letzten Monaten hatte es dieses merkwürdige Gefühl gehabt und Aurun fragte sich, ob dies vielleicht sogar die Ursache für seine Separation war.

Es war alles sehr schnell gegangen. Ein Medizin-Klon hatte bei einer Routineuntersuchung anscheinend etwas festgestellt. Eine gewisse Hektik und Aufregung war zu spüren gewesen. Wir müssen da noch etwas zusätzlich klären, hatte man ihm mitgeteilt. Eine Visitation, eine Blutabnahme und dann zwei Tage später die Zustellung der Separationsverfügung mit dem Hinweis, sich hier in diesem Haus einzufinden.

Das Preklon hatte zusammen mit Aurun das Dokument durchgelesen. Merkwürdig, hatte es gemeint. Solche Probleme hatte ich nie. Aber es wollte Aurun auch nicht erklären, was mit hormoneller Auffälligkeit gemeint sein könnte. Vielleicht wusste es das selber nicht, dachte Aurun.

Gemeinsam hatten sie gepackt. So ist es eben, hatte das Preklon ein paar Mal gemurmelt. Wenn es so ist, wie es ist, dann ist es eben so, in vielen Variationen. Tagelang und dann die ganze Fahrt über.

Und als es sich dann vor ein paar Minuten am Schutthaufen mit diesem letzten „Gegrüßt!“ verabschiedet hatte, war bei Aurun dieses kühle Gefühl im Rücken wieder aufgetaucht.

Was ist los mit mir? Aurun schüttelte seinen Körper, aber die dumpfe Erinnerung wollte nicht verschwinden.

Hausordnung: Erste Schritte …

Aurun zwang sich weiterzulesen.

Sie werden hier nichts entbehren. Alles, was Sie brauchen, Nahrungsmittel, Kommunikation und Arbeit, wird Ihnen von der Separationsverwaltung zugeteilt werden.

Wenn Sie Hunger haben, fahren Sie bitte mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk. Dort finden Sie unser 24-Stunden-Büfett mit lebenserhaltenden und nahrhaften Speisen und Getränken. Die Verbringung von Lebensmitteln in die Einzelräume ist untersagt.

Es wurde Abend, Aurun hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Es atmete tief durch.

Was ist los mit dir?, murmelte die Stimme.

Nichts!, antwortete Aurun trotzig.

Wäre doch eine gute Idee, das neue Leben mit Essen zu beginnen. Aber zuvor wollte es den Raum ein wenig einrichten.

Unter dem Stichwort Möblierung fand es in der Hausordnung eine Reihe Möbel zur Auswahl. Aurun blätterte eine Weile, dann schickte es die Bestellung durch den Hauskommunikator an die Verwaltung. Man kümmere sich darum, war die prompte Antwort. Das kleine Klon beschloss, sich zum Essen umzuziehen.

Als es ein saubereres Hemd aus dem Koffer hob, fiel die kleine Sanduhr heraus, die ihm sein Preklon vor Jahren einmal zum Zeitmessen beim Zähneputzen geschenkt hatte. Aurun hob sie auf und hielt sie gegen das grelle Licht, drehte sie hin und her. Es suchte etwas. Da! Da war es! Inmitten der Tausenden von weißen Sandkörner war ein einzelnes schwarzes Körnchen. Nur zu entdecken, wenn man mit dem Auge ganz nah heranging, wenn man wusste, es war da, irgendwo in der Menge der weißen, und wenn man geduldig danach suchte.

Oder wenn man Glück hatte. Glück, wie damals, als Aurun es entdeckt hatte. Schau mal, Elbon, hatte es sein Preklon hergerufen. Schau mal, da ist ein schwarzes Körnchen dazwischen.

Aber für Elbon hatte das nichts bedeutet. Elbon nahm die Welt so, wie Klone die Welt nehmen – so, wie sie war. Wenn in einer Sanduhr inmitten weißer Körnchen ein schwarzes war, warum nicht.

Wenn sie funktioniert, hatte Elbon gesagt, können wir sie verwenden.

Ja schon, sie funktioniert, hatte Aurun geantwortet, hatte die Sanduhr um- und umgewendet, den Sand immer wieder hinunterlaufen lassen und zugesehen. Dieses schwarze Korn, es rinnt genauso wie die weißen Körnchen, rutscht und fällt genauso, wird verschüttet und taucht wieder auf – aber es ist anders, Elbon, oder? Oder nicht? Verstehst du?

Nein, hatte Elbon gesagt, ich verstehe dich nicht. Wenn es doch funktioniert!

Als Kindklon kennt man sein Preklon noch nicht sehr gut. Man sieht nur das Wesen, das einen ernährt, das einen am Leben hält. Erst als Aurun fünf geworden war –schon fast erwachsen und genauso groß wie Elbon, fast dasselbe Gesicht, nur ein wenig jünger, denn Elbon war damals schon über dreißig – ertappte es sich manchmal dabei, Elbon zu beobachten.

Wir haben identische Gene, dachte es, so werde auch ich einmal sein. In dreißig Jahren vielleicht. Fragte sich: Hat sich Elbon nie für schwarze Sandkörnchen interessiert?

Nein nie!, hörte es die Antwort.

Nie für das Geräusch, das die riesigen Wellen des Meeres machen, wenn sie bei Sturm an die Hafenmauer aus alter Zeit donnern?

Nein, nie!

Nie für die Farben, die ein Regentag zum Leuchten bringt? Nein, nie! Nie für das Geräusch, das ein Klon beim Schlafen macht? Nie für …

Vielleicht haben sie die Zellen vertauscht, hatte Aurun dann gedacht. Vielleicht bin ich nicht aus Elbons Zelle. Vielleicht bin ich gar kein Ebanan, vielleicht nicht mal ein E-Klon.

Vielleicht gibt es irgendwo ein Klon wie mich, das immer wieder nach einem schwarzen Körnchen sucht. Vielleicht war es eine Zelle von jemand anderem, aus der ich geklont wurde. Vielleicht würde es sich lohnen, statt nach einem Körnchen, nach diesem anderen zu suchen.

Aurun ließ die Sanduhr sinken und sah aus dem riesigen Fenster. Plötzlich wurde das kalte Gefühl im Rücken ganz stark, die eisige Hand packte das kleine Klon am Nacken und schüttelte es wild, immer wieder, je mehr es über all das nachdachte. Unter den Augen und in der Nase spürte Aurun ein Brennen.

Es drehte den Kopf weg, als könnte es entkommen, wollte die Gedanken loswerden. Atmete tief, bis die Aufregung verschwand. Ruhe zog wieder in den kleinen Körper ein. Seltsame Dinge passieren heute, wunderte es sich, steckte die Sanduhr in seine Hosentasche und entschloss sich mit dem Aufzug nach oben zum lebenserhaltenden und nahrhaften Büffet zu fahren.

Perfekt Geklont

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