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Der Abfall und das Museum

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Fast möchte man meinen, es gebe keine Institution, die weniger mit Abfall zu tun hat als das Museum. Ein Aufbewahrungsort von Dingen, die als unbedingt erhaltenswert taxiert werden, ballt es die in Gegenstandsform greifbaren kulturellen Werte einer Gesellschaft in Sammlungen und Ausstellungen zu höchster Dichte zusammen. Nirgends in den Gesellschaften der Moderne findet sich eine höhere räumliche Konzentration wertvoller Objekte als in den Sälen des Museums. Seine Vorgängerinstitutionen sind die antiken Schatzhäuser, die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reliquiensammlungen, die Kunst- und Wunderkammern sowie die Trophäengalerien der Zeughäuser. Seine Gegenspieler sind die Entsorgungsstätten des Abfalls, früher die Latrinen, Halden und Ehgräben, heute die Kehrichtverbrennungsanlagen und Mülldeponien. So lässt sich im Umgang mit Dingen kein stärkerer Kontrast vorstellen als die ordentliche Aufbewahrung der Objekte im Museum, ihre nicht selten mit grossem technischem Aufwand betriebene Konservierung und, wo nötig, ihre wissenschaftlich fundierte Restaurierung, ihre sorgfältige Inventarisierung, ihre akribische Erforschung und Dokumentierung und vor allem ihre effekt volle Zurschaustellung auf Sockeln und in Vitrinen, hinter Respekt gebietenden Schranken, in alarmgesicherten, klimatisierten und lichtgeschützten Räumen – und im Gegensatz dazu die Entsorgung von Abfallobjekten, ihre Zertrümmerung und Zermanschung, ihre Entfernung aus der menschlichen Wahrnehmung durch Verbringung in Müllhalden und Sonderdeponien, ihre Vernichtung durch Verrottung oder Verbrennung, ihre Auflösung und Entdifferenzierung im Recyclingprozess. Das Museum und die Mülldeponie bilden bezüglich des normativen Umgangs mit den Dingen die modernen Gegenorte an sich.

Dennoch schliesst die Grenze zwischen Museum und Abfall nicht vollkommen dicht: Es ist eine abfalltheoretisch triviale Feststellung, dass der Wert der Dinge nicht aus ihnen selbst hervorgeht, sondern dass es eine Bewertungsinstanz braucht oder, wie Theodor Bardmann formuliert, einen «Beobachter», der das Beobachtete beurteilt: «Von Abfällen kann man nur reden, wenn eine Beobachtungsreferenz angegeben werden kann: Wer bzw. was bezeichnet etwas als Abfall?»1 Dasselbe gilt in gleichem Mass natürlich auch für Wertobjekte. Dementsprechend kann sich die Bewertung von Dingen ändern, wenn andere Instanzen auf den Plan treten und sich Geltung verschaffen oder wenn sich der Beobachter eines anderen, vielleicht Besseren besinnt. So kann es vorkommen, dass Abfälle in den Rang von Museumsobjekten aufsteigen, während umgekehrt Dinge, die sich seit vielen Jahren in der Sammlung eines Museums befinden, eines Tages zu Abfall werden. Hier soll es um die Aufwertung von Abfall zum Museumsob jekt gehen, während seine (erneute) Entwertung zu Abfall im Beitrag Jenseits von Nimmerland zur Sprache kommt.

Die Logik des Museums

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