Читать книгу bernsteinhell - Roma Hansen - Страница 6
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ОглавлениеÜber Helena saust der steife Sturm hinweg, treibt sie voran am Pfad zu den Sanddornbüschen. Davor stellt sie den Fischkorb in den Schnee und bläst in ihre Hände, macht sie geschmeidig, denn die verhärtete nicht nur der Wind. Die sie musternden, sie mit Stolz verwünschenden Fischweiber.
„Ach, was soll es!“, ruft sie ins Sanddorngebüsch, „diese in dreister Unwissenheit Befangenen gehen mich nichts an!“
Achtsam für sich selbst, zupft sie schrumpelige Früchte von dornigen Zweigen. Danach hetzt sie mit sicheren Schritten ihren eigenen Fußstapfen folgend am Wiesenweg heim.
Später rieselt grober Zucker auf die Beeren. Goldener Sirup soll es werden, das Morgenmus süßen. Den Pott stellt Helena zum Köcheln neben die Glut. Sie rührt Graupen in ihre Fischsuppe im Topf am Haken, legt einen Kiefernzweig ins Feuer, setzt sich auf den Schemel davor und erschnuppert den aufsteigenden Duft. Untätig schiebt sie die Hände ins vorne überkreuz gebundene Schultertuch, nun fertig geworden aus der im Herbst fein gesponnenen Schafwolle. Sie betrachtet die Strickmaschen, das Licht und die winzigen Schatten darin. Unter dem Stricken saß am Tisch bei ihr ihre Einsamkeit. Die Hände regten sich, die Finger erschufen mit jeder Masche des wärmenden Stücks die Vollendung einer neuen Form. Und dabei prickelte ihre Stirn ihr zu, all die Maschen beseele ein Geheimnis, noch genau zu erfassen, es belichten im Traum. Nur soeben jetzt erhebt der harzige Duft des Kieferastes ihre Sinne zu Joos’ Vorvätern, die, waren keine Netze zu knoten, an Feuern saßen und strickten, vom Wetter gegerbte Kerle. Schließlich erfasst Helena nur noch, nie mehr Socken stopfen zu müssen, ihr hinterließ Joos löchrige Lumpen in ihrer Leere.
Mehr verdrängt die brodelnde Suppe. Helena deckt den Tisch am Fenster, entzündet den Docht im Petroleum. Im gelben Licht sitzend, zerdrückt sie Graupenkörnchen und Fisch auf der Zunge. Warm wird ihr. Noch eine Weile später, kocht sie einen Teil der gemolkenen Milch auf, setzt damit einen nächsten Käse an, rührt Sauermilch in den anderen Teil, lässt ihn über Nacht stehen.
Weit in der Nacht fliegt sie träumend in eine Dünenlandschaft, streift darüber und gleitet in eine Bucht mit wiegendem Schilf, das seinen modrigen Duft der Seeluft beimengt. An der sandigen Bucht jagt ein Fuchs einem Hasen nach. Ein Windstoß wendet wie von Flügeln aufgestellt den Kopf des Jägers. Der Träumenden wie eine stille Antwort, senden die Fuchsaugen einen intensiv von Bernstein beseelten Blick. Ins tiefste Innere hinein verankert sich dies, als die hetzenden Tiere zu winzigen Punkten im gelben Sand werden. Der Flug führt ostwärts. Auf einer goldenen Wolke erscheint ein von Gletschern geglätteter Findling. Darauf steht eine Frauengestalt, knochig und von einem Mantel umhüllt, deren in der Kapuze verborgener Kopf gen Strand weist. Das sphärische Gewahrsein der träumenden Helena lauscht nun magischen Worten.
Mein Kind, wachsam gehe, anstoßen wird dein Fuß. Wohin der zu heben ist, wie es mir misslang, das weißt du dann, bist du dir der Schatz, den du begehrst, mit dem du dich erlöst. Pendele dahin, wo du noch nicht stehst. Sei dir einen Schritt voraus.
Wie jedem Traum möglich, wandelt sich umgehend die Sphäre. Ein rosa Strahl des Lichtes bricht sich an der Frau, an Helenas Urgroßmutter Eli. An ihrem langen Mantel weht der Saum hoch von den Knöcheln, und befreit die Melancholie einer wunden Seele. Schon verblasst der Findling, liegt leer, milde salzige Seeluft streicht darüber in Böen, mehr und mehr daran rüttelnd.
In dunkler Kammer erwacht Helena erschreckt, das Dach ächzt im Sturm. Absolut mehr irritiert der Traum, und der Duft von Schilf in der Nase, klebrig wie für eine Anleitung, um den Lebensfaden frei von Fesseln zu erneuern. Und ihren Willen, der ihrem Erkennen folgt, wie weit es Elis Generation brachte. Helena zieht die Bettdecke über den Kopf, seufzt sich in den Schlaf.