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Lorena: Vorbereitungen

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Lorena wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Heute wurde Jacqueline siebzehn und hatte ihre Großeltern eingeladen.

Für gewöhnlich musste Lorena mit Jacqueline, oder noch besser Jacqueline alleine, bei den Draschoffs antanzen. Denn die setzten fast nie einen Fuß in das Haus ihrer Tochter, die sie ja so sehr enttäuscht hatte.

Jacqueline machte das nichts aus, sie ging Omi und Opi gerne alleine besuchen, denn dann konnte sie unbekümmert die Hand aufhalten. An diesem Geburtstag jedoch war irgendwie alles anders. Lorena wunderte sich sehr darüber. Schön, wenn Jacky achtzehn wurde, dann konnte sie ja eine gigantische Party schmeißen, aber warum für den siebzehnten Geburtstag? Darauf bestanden hatte sie. Und ihre Mutter wie immer vor vollendete Tatsachen gestellt, indem sie die Einladungen am Computer erstellt, ausgedruckt und per Post verschickt hatte. Und Lorena hatte die ganze Arbeit.

Jetzt stopfte sie die guten Tischtücher in die Waschmaschine, fügte noch so ein Oxyzeug aus der Werbung hinzu, und stellte die Maschine an. Davor stand noch ein Korb mit Jackys Schmutzwäsche und Lorena presste wütend die Lippen zusammen. Das Gör war alt genug, aber dieser Korb stand schon seit über einer Woche hier und staubte langsam ein. Warum wusch Jacqueline ihre Klamotten nicht selbst?

Es machte Lorena zudem unruhig, dass ihre Tochter inzwischen Strings trug, Spitzenunterwäsche und dergleichen. Gut, mit siebzehn taten die heutzutage schon all das, was die Erwachsenen machten, aber es bereitete Lorena trotzdem Kopfschmerzen. Jeden Tag kontrollierte sie Jackys Packung mit den Antibabypillen und lief hysterisch hinter ihrem Kind her, wenn es wieder einmal eine Einnahme verschwitzt hatte. So auch heute.

„Jacky“, hatte sie geknurrt, „diese Pillen sind niedrig dosiert, und man soll sie unbedingt immer zur gleichen Tageszeit einnehmen! Du nimmst deine, wann es dir passt, so geht das nicht!“

Wie immer hatte Jacqueline nur mit den Achseln gezuckt. Sie war Lorena ferner denn je. Die befürchtete, doch bald Großmutter zu werden, denn selbst die Erinnerungen an ihre Schwangerschaft und die geplante Reise nach Holland und all den erlittenen Schrecken schienen Jacqueline kein Jota an Verantwortungsgefühl vermittelt zu haben.

Jetzt drehte sie sich zu ihrer vor Wut schäumenden Mutter um und sagte etwas, das Lorenas Mark zu Eis erstarren ließ:

„Das ist so was von scheißegal, Mama. Wenn ich schwanger werde, kriege ich `ne eigene Wohnung und lebe von Hartz-Vier, ist doch egal! Eine Lehrstelle kriege ich sowieso nie.“

„Sag mal… du… du spinnst wohl!“ Lorena wich einen Schritt zurück und trat auf eine von Jacquelines CDs, die natürlich genauso wie die schmutzige Wäsche auf dem Boden liegen musste und unter ihrem hohen Absatz knirschend zerbrach.

„Mama! Ey! Oh nein! Meine Bushido CD! Scheiße!“ Was Lorena so noch nie geschafft hatte, tat der Verlust einer CD: Jacqueline sprang aus ihrem Bürostuhl und fiel auf die Knie, wo sie das geschundene Plastik an ihren Busen drückte.

„Was lässt du die auch auf dem Boden liegen? Dein Zimmer ist ein Schweinestall! Und du willst hier Geburtstag feiern! Meinst du, Omi und Opa gucken hier nicht rein? Räum gefälligst auf und sauge mal Staub! Bevor die Kakerlaken noch eine Mietminderung verlangen!“

Lorena machte auf dem Hacken kehrt und schlug die Tür hinter sich zu, bevor Jacqueline zu einer ihrer unlogischen aber hoch emotionalen Schimpftiraden ansetzen konnte, und floh in ihr makellos aufgeräumtes Wohnzimmer. Heiter blinkte die Glaskugel mit der Elfe darauf im Sonnenlicht.

Angst schnürte ihr mit einem Mal die Kehle zu. Jacqueline, das kleine, niedliche Kind, wurde bald siebzehn. Und ein Jahr später achtzehn. Es dauerte nicht mehr lange, und Lorena war ganz allein. Denn dass es Jacky noch lange hier hielt, war äußerst unwahrscheinlich.

Christoph hieß ihr neuer Freund, wieder so ein Typ in viel zu großen Klamotten, mit miesen Manieren und sehr mangelhafter Bildung. Er schien sogar stolz darauf zu sein, auf einer Landkarte nicht einmal die Hauptstadt finden zu können. Lorena fragte sich, ob er denn wohl wenigstens Deutschland auf einer Europakarte fände, wollte die Antwort aber im Grunde lieber nicht wissen.

Bei ihm war Jacqueline so ganz anders. Ihn himmelte sie an, zickte nie herum und tat, was er sagte. Leider trug sie auch die Kleidung, die er an ihr sehen wollte. Es trieb Lorena schier zur Verzweiflung, und manchmal wünschte sie sich eine Zeitmaschine, mit deren Hilfe sie in die Achtziger zurückreisen und ihrer Mutter, die sich damals über ihren „Amadeus-Fummel“ aufgeregt hatte, die Mode im Jahr 2008 zeigen zu können.

„Das ist deine Enkelin, und so wird sie mal herumlaufen.“ Ja, das war eine schöne Vorstellung. Und sie, Lorena, hatte nur ein einziges Mal den Vorstellungen ihrer Eltern nicht entsprochen. Nachdem Falco „Rock me, Amadeus“ gesungen und der Film „Amadeus“ in den Kinos gelaufen war, hatte sie Spitzenhandschuhe und dergleichen getragen, die Haare toupiert und sich dem Trend angepasst. Wie harmlos das alles doch gewesen war. Doch Herr Draschoff hatte seine Tochter schon mit einem Irokesenschnitt und einer Sicherheitsnadel in der Wange durch die Gegend laufen sehen und sie zusammengestaucht, dass Lorena noch heute die Ohren klingelten.

Und jetzt, dachte sie amüsiert und betroffen zugleich, kann man von Glück reden, wenn sie sich nicht das ganze Gesicht piercen lassen.

Jacqueline war ihre Zukunft total egal. „No Future“ hatte damals die Parole der Punker gelautet, die Lorenas Eltern ebenfalls in Angst und Schrecken versetzte. Jacqueline schien diesen Satz nun zu leben. Ihre Noten waren grauenhaft schlecht, einen Ausbildungsplatz bekam sie einfach nicht, obwohl Lorena die Bewerbungen inzwischen selbst tippte, da sie Jackys Rechtschreibung nicht traute. Weiter zur Schule gehen wollte sie auch nicht, und Lorena fragte sich bänglich, ob Jacqueline nicht tatsächlich diesen wahnsinnigen Plan verfolgte: Babys kriegen und Hartz-Vier kassieren. Wie ihre Kinder dann aufwachsen sollten, schien ihr egal zu sein.

Wie bekomme ich nur Vernunft in dieses Kind?, fragte sie sich in den vielen schlaflosen Nächten. Und dann keimte in ihr die Überzeugung, dass ihre Eltern doch recht hatten und Jacqueline nur deswegen so oberflächlich und verantwortungslos war, weil sie ohne Vater aufwachsen musste.

Natürlich war das Unsinn. Es gab in Jacquelines Klasse noch andere Kinder, die von den Müttern aufgezogen wurden und den Vater nur entfernt oder gar nicht kannten. Trotzdem machte Lorena sich schreckliche Vorwürfe.

Gespräche brachten natürlich auch nichts. Jacqueline blockte alles ab.

„Was tun, sprach Zeus“, murmelte Lorena nun traurig und stellte das Bügelbrett bereit, um die Tischtücher nachher zur Perfektion zu plätten.

Hungerkur und Gänseblümchen

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