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Kapitel 3 – Westminster – Freddie

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»Ein vergifteter Amerikaner, der erst seit drei Tagen in London ist und außer Fletcher Markward und seinen Orchesterkollegen niemanden kannte. Dazu drängt die Zeit, weil die Musiker weiterreisen wollen. Und Chief Inspector Woodard hat das ganze heute kurzerhand zu einem Unfall erklärt und den Fall zu den Akten gelegt. Kein Wunder, dass Mister Markward uns engagiert hat. Herrlich!« Lord Philip klatschte in die Hände.

Knifflige Umstände spornten ihren Onkel zu Höchstleistungen an, wusste Freddie. Und die vorliegenden waren exakt nach seinem Geschmack.

»Ein Unfall?«, Crispin schnaubte. »Lächerlich. Wie erklärt er das?«

Die vier Ermittler saßen im Schatten einer ausladenden Scharlacheiche neben dem kleinen See des Saint James Parks. Enten schwammen am Ufer vorbei und auch der ein oder andere Schwan. Auf einer karierten Decke stand eine Obstschale, dazu gab es Biskuits und Sandwiches. Auf den ersten Blick wirkte die Szene eher wie ein entspanntes Picknick als eine berufliche Besprechung. Aber der Tag war herrlich sommerlich, so dass die Gentlemen bereitwillig Freddies Vorschlag gefolgt waren, sich im Park zu treffen, anstatt in den Clubräumen. Wohl hauptsächlich deshalb, weil sie versprochen hatte, für einen gefüllten Picknickkorb zu sorgen.

Doktor Pebsworth, der seine Leibesfülle auf einen bedenklich knarzenden Klappstuhl verteilte, weil er sich nicht wie die anderen auf den Boden setzen wollte, schnaubte laut. »In seinem Bericht steht, dass es keine eindeutigen Anzeichen für Mord gibt. Er behauptet, der Tote wäre rauschgiftabhängig gewesen, hatte zudem Alkohol im Blut und sich wahrscheinlich aus Versehen selbst vergiftet.«

»Wie bitte?«

»Seine zweite Theorie lautet, Mister Belami hätte im Alkoholrausch sein Trompetenöl mit Gift verwechselt und sich möglicherweise auf diese Art – Sie ahnen es – irrtümlich ins Jenseits befördert.«

Betretenes Schweigen war die Folge. Normalerweise gab Woodard keine derartigen Abstrusitäten von sich.

»Der Sachverhalt eines Mordes wäre nicht zweifelsfrei gegeben. Sagt er«, schloss Doktor Pebsworth.

Crispin lachte. Er hatte sich auf der Picknickdecke ausgestreckt, rollte auf die Seite und stützte sich auf einen Ellenbogen. »Das ist absurd und alles an den Haaren herbeigezogen. Der Chief Inspector weiß genauso gut wie wir, dass der Trompeter ermordet wurde. Was ist los mit ihm? Ich finde, er sollte sich aufs Altenteil zurückziehen, wenn er seinen Biss verliert. Hat er keinerlei Ermittlungsantrieb mehr?«

»Ja und nein. Der gute Woodard ist schlichtweg überlastet. Er hat mit einer Einbruchserie zu kämpfen, die gerade aus dem Ruder läuft. Viele wohlhabende Londoner haben sich wegen der Hitze auf ihre Landsitze zurückgezogen und in den letzten Wochen wurden mehrere Stadthäuser ausgeraubt. An sich nichts für Scotland Yard, wenn nicht kürzlich ein überraschend nach London zurückgekehrter Adelssproß die Räuber überrascht hätte und ermordet worden wäre. Das schlägt natürlich Wellen und Woodard soll die Täter schleunigst dingfest machen. Alles andere interessiert ihn nicht. Am wenigsten ein toter Amerikaner. Niemand wird protestieren, wenn er den Fall zu den Akten legt.«

»Und Sie sind so gut informiert, Doktor, weil …?«

» … ich Freunde in gewissen Positionen habe, Miss Westbrook.« Er grinste Freddie an und zog ein Stück Papier aus seiner Tasche, auf dem jemand mit Bleistift eng Zeile um Zeile gekritzelt hatte. »Scotland Yard hat einen neuen Pathologen eingestellt, Doktor Haddock. Dessen Mutter ist meine Cousine dritten Grades und der Junge ein sehr fähiger Arzt, der weiß, was er seiner Familie schuldig ist. Daher war er auch so freundlich, mir gewisse Informationen aus dem Autopsiebericht des Toten zukommen zu lassen.«

Nun setzte sich Crispin vollends auf und Freddie schob die Obstschale beiseite, um näher an Doktor Pebsworth zu rutschen. Er hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Einzig Lord Philip blieb entspannt sitzen, den Rücken an den dicken Eichenstamm gelehnt, und beobachtete seine Kollegen mit wohlwollendem Gesichtsausdruck.

Um vorlesen zu können, brauchte der Doktor seinen Kneifer, dann strich er den Zettel glatt.

»Carl Belami wurde mit Arsen vergiftet, wie ich es vermutet hatte. Was Woodards Theorie von Abhängigkeit und Unfall eventuell den Rücken stärkt.«

»Ich habe noch nie gehört, dass jemand arsensüchtig ist«, sagte Freddie. Soviel sie wusste, war Arsenik Jahrhunderte lang das Mittel der Wahl für Giftmorde gewesen, weil es nicht nachweisbar war. Erst vor etwa sechzig Jahren hatte ein Chemiker, dessen Namen sie sich nicht gemerkt hatte, eine Nachweisreaktion entwickelt. Weshalb sollte jemand freiwillig das Gift zu sich nehmen?

Doktor Pebsworths Wangen röteten sich. Er war in seinem Element. »Ein wenig bekannter Umstand, aber das gibt es. Vor Jahren hat mir ein Kollege von Arsen­essern in abgelegenen Berggebieten des Österreichischen Kaiserreiches berichtet. Dort nehmen die Leute kleine Dosen des Gifts als Aufputsch- und Allheilmittel. Natürlich hat das langfristig verheerende Folgen, aber es gibt nichts, was sich der Mensch nicht zuführt, wenn es einen Rauscheffekt hat.«

»Faszinierend«, bemerkte Crispin.

»Nicht wahr? Aber zurück zu unserem Toten. Dass er vor dem Konzert getrunken hat, ist korrekt, Brandy, um genau zu sein. Aber meiner Meinung nach erfolgte die Vergiftung nicht plötzlich, was einen Unfall ausschließt, sondern über einen längeren Zeitraum, denn in seinem Magen fand der Pathologe Schleimhautdefekte, die Woodard als beginnende Magengeschwüre interpretiert – entgegen Doktor Haddocks Empfehlung. Ich glaube, dass sie auf die Arsenvergiftung zurückzuführen sind. Und bevor Sie fragen – Carl Belami war sicherlich kein Arsen­esser, das wäre abstrus. Wenn er sich berauschen oder anregen wollte, hätte er bequem Zugang zu weniger schädlichen Substanzen. Immerhin lebte er in den Vereinigten Staaten und nicht in einem Bergdorf fernab jeglicher Zivilisation.« Er gestikulierte angeregt. »Vermutlich wurden Carl Belami mehrere Dosen des Gifts verabreicht. Relativ hohe, er hatte sicher Beschwerden. Bis hin zur letzten, tödlichen, am Abend des Konzerts, die sich hätte gut in einem Glas Brandy verstecken lassen.«

Freddie griff nach einer Weintraube. »Was wissen wir sonst noch?«

»In Mister Belamis Trompetenkoffer wurde ein Flachmann mit Brandy gefunden. Der war giftfrei.«

»Das will nichts heißen. Im Tumult nach seinem Zusammenbruch hätte vermutlich jeder der anderen Musiker die Flasche austauschen können. Zumal die Koffer der Instrumente alle hinter der Bühne aufbewahrt wurden.«

Pebsworth nickte zustimmend, bevor er weitersprach. »Der Tote war bei seinen Kollegen nicht beliebt. Das schließt der Chief Inspector aus den bisherigen Vernehmungen. Lediglich mit einem Posaunisten namens Jonah Hillwood schien er befreundet gewesen zu sein. Und dann ist da noch etwas.« Der Doktor faltete den Zettel ordentlich und steckte ihn wieder weg, nahm den Zwicker von der Nase und sah in die Runde. »Es ist lediglich eine Vermutung, nicht mehr als eine Ahnung, der ich aber unbedingt nachgehen muss. Dafür ist es wieder einmal notwendig, den Leichnam zu untersuchen. Was dieses Mal nicht sehr schwierig werden dürfte und ausnahmsweise bei Tageslicht stattfinden kann, denn Scotland Yard hat ihn freigegeben. Er liegt mittlerweile beim Bestatter und wartet darauf, dass jemand die Überführung zurück in die Vereinigten Staaten bezahlt.«

Freddie, die sich gerade eine weitere Traube nehmen wollte, hielt inne. »Darf ich mitkommen, Doktor Pebsworth? Sicherlich wird man uns einen Blick auf den Toten nicht verwehren, wenn wir zum Beispiel behaupten, für seine Überführung aufzukommen.«

»Normalerweise begleite ich den Doktor bei derartigen Leichen-Vorhaben«, protestierte Crispin. Aber Freddie ließ sich nicht beirren. Dieses Mal war sie dran.

Statt sich in einem Nacht-und-Nebel-Einsatz heimlich Zutritt zu verschaffen, betraten sie also am späten Nachmittag die Whitlock and Dods Funeral Company, wo sie von Sherman Dods höchstpersönlich begrüßt wurden. Freddie hatte mit einem vertrockneten älteren Herrn gerechnet und war überrascht, dass es sich bei Mister Dods um einen äußerst attraktiven Mittdreißiger handelte, groß, dunkelhaarig und mit pietätvoll gesenkter Stimme.

»Wenn Sie mir bitte nach hinten folgen wollen.« Er wies auf den Durchgang, der zu einem fensterlosen Raum führte, in dem der Tote aufgebahrt im offenen Sarg lag. Zwei hohe Messingleuchter mit brennenden Kerzen standen rechts und links daneben. An der Decke hing ein schwarzer Baldachin mit goldener Einfassung und Troddeln an den Ecken. Und einer Räucherschale entströmte das Aroma von Salbei, Rosmarin und Lavendel, was für eine stickige Atmosphäre im viel zu warmen Zimmer sorgte. Das sicherlich gut gemeinte Raumparfüm vermochte den eigenartigen Geruch nicht vollständig zu übertünchen, der bei Freddie Übelkeit aufkommen ließ. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Mischung aus verschiedenen Einbalsamierungschemikalien, aber sie redete sich ein, es wäre der Geruch des Todes. In sich horchend meinte sie gar, süßliche Verwesung auf der Zunge zu schmecken. Rasch presste sie ein Taschentuch vor Mund und Nase.

»Trauern Sie nur. Es ist ganz normal, am Sarg von Gefühlen übermannt zu werden. Standen Sie einander sehr nah? Ich dachte, Mister Belami wäre nur auf Durchreise in London gewesen? Übrigens sehr lobenswert von Ihnen, den Verblichenen in seine Heimat zu überführen.« Der Bestatter wiegte auf den Hacken vor und zurück.

Doktor Pebsworth warf Freddie einen alarmierten Seitenblick zu. Sicher stellte sich Crispin nie derart an. Tapfer trat sie näher an den Sarg und steckte das Taschentuch wieder weg.

»Miss Wesbrook ist ein sehr gütiger Mensch«, erklärte der Doktor salbungsvoll. »Und mit großem Mitgefühl gesegnet.« Nach einem Blick auf den Toten bemerkte er: »Schön haben sie Mister Belami vorbereitet. Ich habe nur noch einen letzten Wunsch. Seien Sie bitte so freundlich und nehmen Sie seinen Bart ab.«

»Wie bitte?« Mister Dods blinzelte.

»Ich hätte gern, dass sein Gesicht glattrasiert ist.«

»Äh. In Ordnung. Ich werde es vor der Überführung erledigen.«

»Machen Sie es sofort, bitte.« Pebsworth zückte eine Banknote und drückte sie dem Bestatter in die Hand. Dem war die Situation sichtlich unangenehm, aber er ging ohne ein Wort hinaus und kam kurz darauf mit Rasiermesser und Seife zurück.

»Wollen Sie zusehen?«

Sicher wäre es ihm lieber, sie würden hinausgehen und ihn seine Arbeit erledigen lassen, aber der Doktor bestand darauf, anwesend zu bleiben.

Achselzuckend breitete Mister Dods ein Tuch über den Anzug des Toten und seifte dessen Gesicht ein. Wenn er verwundert war, gab er sich Mühe, es zu überspielen. Allerdings hatte er in seinem Geschäftsfeld sicherlich schon Abstruseres erlebt als den Wunsch nach einer Leichenrasur.

Freddie stand mit weit aufgerissenen Augen dabei und sah zu, wie Sherman Dods fachmännisch und ohne mit der Rasierseife zu kleckern, den Vollbart entfernte. Die Haut darunter leuchtete gräulich blass.

Mit einem »Sieh an, sieh an!«, verschränkte der Doktor die Arme vor der Brust und studierte das Gesicht der Leiche eingehend. »Dachte ich’s mir doch«, murmelte er vor sich hin und wandte sich dann erneut an den Bestatter.

»Vielen Dank, Mister Dods, Sie haben mir sehr weitergeholfen. Allerdings, fürchte ich, müssen wir auf eine Überführung verzichten. Dafür werden Sie bestimmt eine opulente Beisetzung ausrichten dürfen, wenn wir der Familie dieses bedauernswerten Herrn mitteilen, dass der verlorene Sohn zurückgekehrt ist. Also seien Sie bitte so gut und legen Sie ihn auf Eis, bis weitere Anweisungen folgen, damit die Hitze ihm nicht zusetzt und er fortdauernd ansehnlich bleibt.« Mit einem Schulterklopfen und einer zweiten finanziellen Zuwendung ließ er den verdutzten Dods stehen.

Draußen dirigierte er Freddie über die Straße, direkt in ein Kaffeehaus und an den nächsten freien Tisch.

»Blimey, das muss ich erst einmal sacken lassen«, stieß er hervor.

»Möchten Sie mit mir darüber sprechen?« Freddie brannte darauf zu erfahren, was es mit Doktor Pebsworths sonderbarem Verhalten auf sich hatte.

Der schaute nach links und rechts, als müsse er sich versichern, dass sie nicht belauscht wurden. Dann beugte er sich zu Freddie und flüsterte: »Diese dominante Nase von Carl Belami kam mir bekannt vor. Ich wusste auf den ersten Blick, dass ich den Mann schon mal gesehen habe. Wie Sie wissen, habe ich ein gutes Gedächtnis, was Menschen betrifft. Aber so viel ich auch gegrübelt habe, es wollte mir partout nicht einfallen. Erst als er glattrasiert vor mir lag, ist mir klar geworden, wer Carl Belami in Wirklichkeit ist.«

Freddie faltete die Hände im Schoß. Nach außen hin gab sie sich Mühe, gelassen zu tun, innerlich war sie zum Bersten gespannt.

»Sein Name ist Charles Bosworth und er war keineswegs Amerikaner, sondern ebenso british wie Sie und ich. Er kam aus gutem Hause. Seinem Vater, Charles Bosworth senior, gehörten die Bosworth Werke. Der Junior war ein schwarzes Schaf, wie es im Buche steht. Keinerlei Interesse für das Unternehmen, stattdessen trank und spielte er und stellte jedem Rock nach. Sein Lotterleben fand vor etwa fünfundzwanzig Jahren ein jähes Ende, als sich ein junges Mädchen seinetwegen das Leben nahm.« Er senkte die Stimme noch ein wenig weiter. »Angeblich hat er ihr die Ehe versprochen, das verliebte Ding schamlos entehrt und dann sitzen lassen.«

Die Getränke wurden gebracht, Tee für Freddie und ein Kaffee mit Likör für den Doktor.

»Meiner Meinung nach ist ein Selbstmord aus Herzensgründen eine dumme Überreaktion, weil Gefühle ebenso rasch erkalten können, wie sie entflammen«, erklärte er. »Aber das Feuer der Jugend lodert bisweilen unkontrollierbar.« Er räusperte, um die Servierkraft erneut auf sie aufmerksam zu machen und bestellte auch noch Kuchen für sie beide. Freddie würde vor Aufregung keinen Bissen hinunterbekommen. Sie brannte darauf, dass er fortfuhr.

»Bosworth senior befürchtete einen geschäftsschädigenden Skandal. Sein Unternehmen bedeutete ihm alles, deswegen schaffte er seinen Sohn außer Landes. Es wurde gemunkelt, er hätte ihn mit einem Bündel Geld auf einen Überseedampfer gesetzt und wollte nichts mehr von ihm wissen. Er konnte ihm nie verzeihen, dass er den Ruf der Familie auf Spiel gesetzt hatte. Jedenfalls hat man seither nie wieder etwas von Charles Bosworth junior gehört.«

»Bis das Boston Orchestra im Hause Markward auftauchte«, murmelte Freddie. »Denken Sie, die Familie steckt hinter dem Mord?«

»Auf keinen Fall. Charles’ Vater ist seit Jahren tot, die Mutter bettlägerig. Geschwister gibt es keine und die Firma ist verkauft. In diese Richtung müssen wir sicher nicht ermitteln. Ich denke, wir können uns auf seine Kollegen konzentrieren.«

»Ob die wussten, wer Carl Belami in Wirklichkeit war?«

Genüsslich schob der Doktor ein Stück Kuchen auf seine Gabel. »Das, meine liebe Miss Westbrook, ist die Preisfrage.«

»Dann sollten wir uns an die Arbeit machen und den Herren ein paar Fragen stellen.«

»Das sollten wir unbedingt.«

Die letzte Sinfonie

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