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Ich bleibe stehen und schaue zurück. Weit unten schimmert die Elbe zwischen schmalen Uferwiesen. Teilweise verdecken Pappeln die Sicht. Sie haben kräftige Stämme und dichte Kronen. Sechzehn Jahre sind eine kleine Ewigkeit. Da verändert sich viel. Ob sich nachvollziehen lässt, was seinerzeit geschah?, frage ich mich erneut. Wichtiges hat sich mit Belanglosem vermischt. Man muss auswählen, das Bedeutsame herausfiltern. Und wenn es misslingt?

„Schreib über damals“, hatte Sigi nach der Lesung aus meinem Debüt-Roman „Semester für Jürgen“ in seinem Grenzkommando unweit von Görlitz gesagt. Wir saßen bei ihm. Seine Frau Marianne hatte sich schon zum Schlafen zurückgezogen. Es war weit nach Mitternacht. „Schreib drüber“, wiederholte er. „Zeig, wie wichtig es für uns war: eine Etappe, ohne die wir nicht geworden wären, was wir heute sind. Du nicht, ich nicht, keiner von uns.“

„Ich hab‘s bereits versucht“, entgegnete ich. „Über hundert Seiten sind mit Notizen gefüllt. Aber der Stoff widersetzt sich. Ich spüre, dass etwas fehlt: eine zentrale Idee, in der alles zusammenfließt.“

„Diesmal schaffst du‘s“, meinte Sigi. „Du musst es schaffen!“

Immer noch blicke ich ins Tal. Ein Elbdampfer nähert sich. Er wühlt das Wasser auf. Die Gischt leuchtet wie Schnee. Kurze Zeit dümpelt das Schiff, dann legt es an. Passagiere steigen aus, gehen über den Landesteg und betreten das Bahnhofsrestaurant.

Wir waren im ersten Gruppenausgang dort. Doblin, unser Unteroffizier, führte uns hin. Eine Kapelle spielte laut und fast ohne Pausen. Die anderen tanzten. Nur Sigi und ich blieben am Tisch.

„Warum tanzt du nicht?“, fragte ich.

„Wegen Regina“, erwiderte er.

„Deine Freundin?“

„Ja.“

„Und sie hält es genauso?“

„Ich hoffe es.“

„Na denn“, sagte ich und hob mein Bierglas. „Selig, wer glaubt.“

Er trank ebenfalls. „Und du?“, forschte er. „Was ist‘s bei dir?“

„Auch ein Mädchen“, erklärte ich. „Aber die Gründe liegen anders.“

Ich meinte Gudrun. Am vierten oder fünften Tag, den ich auf der Baustelle arbeitete, war ich ihr in der Kantine begegnet. Sie stand ein Stück vor mir in der Reihe. Ihr flachsblondes, sehr kurzes Haar fiel mir auf. Ich beobachtete, wohin sie sich setzte. Neben ihr war noch ein Platz frei. Sie stocherte im Essen. Die Kartoffeln rührte sie kaum an, vom Quark kostete sie ein bisschen, dann schob sie den Teller weg.

„Schmeckt‘s nicht?“, fragte ich.

„Nein“, erwiderte sie. „Dir etwa?“

„Der Hunger treibt‘s rein.“

„Dann bist du nichts Gutes gewöhnt.“

„Hast du was Besseres?“

„Das nicht“, sagte sie. „Aber ich weiß ‘ne prima Küche.“

„Wo?“

„In der ‚Taverne‘.“

Es handelte sich um ein verräuchertes Lokal im nächsten Dorf. Das Essen war vorzüglich. Ebenso das Bier. Und noch mehr der Wein. Wir blieben bis zuletzt. An der Haltestelle warteten wir lange, doch es kam kein Bus.

„Pech“, sagte Gudrun. „Müssen wir eben tippeln. Oder willst du ‘ne Taxe?“

„Lieber laufen.“

Es waren fast sechs Kilometer. Gudrun hakte sich bei mir ein. Die Wege lagen dunkel, der Himmel blieb sternlos. Um abzukürzen, gingen wir durch ein Wäldchen. Auf einmal ließ sie mich los und lehnte sich an einen Baum.

„Müde?“, fragte ich.

„Nein“, entgegnete sie. „Aber ich find‘s schön hier. Du nicht?“

„Doch“, bestätigte ich, trat neben sie und stützte meine rechte Hand an dem Stamm. Dabei berührte ich ihren Hals. Sie zuckte leicht zusammen und sah zu mir hoch. „Küss mich!“, verlangte sie.

Ich umarmte sie. Ihre Brüste waren fest. Sie reckte sich auf Zehenspitzen und presste ihren Schoß an mich.

Am Morgen ging mir die Arbeit nur langsam von der Hand.

„Du pennst ja fast noch“, stichelte mein Kollege Tom. Und Andy fügte hinzu: „Das haben wir gern: flottmachen und nichts vertragen!“

Während des Frühstücks nahm mich Herb beiseite. „Lass sie sausen“, riet er mir. „Sie ist ein Flittchen. Für so eine bist du zu zahm. Die schröpft dich bloß.“

„Ich pass schon auf.“

„Wie du meinst. Ich hab dich jedenfalls gewarnt.“

Vielleicht wäre Gudruns Anziehungskraft geringer gewesen, wenn ich nicht vorher zwei Mädchen gekannt hätte, die anders waren: Heidi fürchtete, dass sie ungewollt schwanger würde, und Lieselotte wollte gleich geheiratet werden.

Mit Gudrun war alles einfach. Wir gingen tanzen, ins Kino, auf Sportplätze. Manchmal auch in Museen. Oder alte Kirchen. Die mochte sie wegen der Malereien. Sonst trafen wir uns bei ihr. Sie hatte ein Zimmer am Stadtrand. Es war klein, aber gemütlich im Vergleich zu den Unterkünften im Wohnlager. Wenn ich neben ihr auf dem Kanapee saß, fühlte ich mich total geborgen.

Es blieb schön zwischen uns, bis ich merkte, wie sie mit diesem oder jenem tändelte. Es wurmte mich, ich ließ mir aber nichts anmerken. Sie will sich eben bestätigt sehen, redete ich mir ein. Was ist schon dabei?

Dann folgte das Gespräch mit Tom.

„Du gehst noch mit ihr?“, erkundigte er sich.

„Hast du was dagegen?“

„Nein. Ich wundere mich nur, dass du nichts merkst.“

„Was?“, fragte ich. „Was soll ich merken?“

„Dass du nicht der Einzige bist.“

„Du lügst!“

„Wenn du denkst …“

Ich packte ihn am Revers seiner Jacke. „Was weißt du?“

Er streifte meine Fäuste ab. „Besuch sie mal, wenn wir Nachtschicht haben“, sagte er.

Ich ging zu ihr, schloss mit dem Schlüssel, den sie mir bereitwillig gegeben hatte, leise die Tür auf und tastete mich den Flur entlang. Ein Sakko hing an der Garderobe. Aus dem Zimmer tönte gedämpfte Musik. Ich riss die Tür auf. Die Wandlampe brannte. Sie verbreitete diffuses Licht. Gudrun lag mit einem Mann auf dem Kanapee. Ich kannte ihn nicht. Das Radio stand auf dem Teppich. Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf schoss.

„Du miese Nutte!“, sagte ich verächtlich.

Sie raffte die Bettdecke vor ihre nackte Brust. Der Kerl schnappte seine Sachen und drückte sich an mir vorbei.

Ich war wie gelähmt. Nur meine Fingernägel spürte ich. Sie gruben sich in die Handteller.

Gudrun kam langsam näher. Dicht vor mir blieb sie stehen. „Ronny“, sagte sie, „Ronny …“

Ich rührte mich nicht. Sie schmiegte ihr Gesicht an mich. Ich spürte Nässe darauf. Das ist nicht echt, dachte ich. Sie kann immer heulen, wenn sie will.

„Lass los!“, fuhr ich sie an.

Sie gehorchte nicht. Da stieß ich sie weg. Das Radio fiel um. Eine Weile schnarrte es bloß. Dann spielte es wieder, nur leiser als vorher. Gudrun kauerte auf dem Kanapee. Ihr Rücken zuckte. Den Kopf presste sie zwischen die Hände. Plötzlich richtete sie sich auf.

„Hau ab!“, verlangte sie.

Ich zögerte.

„Hau schon ab! Was willst du denn noch?“

Da ging ich und warf die Tür hinter mir zu.

„Vergiss sie“, sagte Sigi. „Du findest ‘ne andre.“

„Will ich gar nicht“, erwiderte ich. „Mir reicht‘s.“

„Abwarten“, meinte er und hob sein Glas.

Wir tranken viel, zwischendurch auch aus einem Stiefel, der am Tisch herumgereicht wurde. Schon zur Pause fühlte ich leichte Benommenheit. Und als Zindel wenig später sagte, dass bloß noch zwanzig Minuten bis zum Zapfenstreich fehlten, trotteten wir treuherzig los.

Bis zur Steigung ging es leidlich. So lange blieben auch die anderen in unserer Nähe. Dort stürmten sie voran und waren im Nu verschwunden. Sigi und ich vermochten nicht zu folgen. Wir hielten uns am Handlauf fest und kraxelten die ausgetretenen Steinstufen empor. Unter einer Laterne verschnauften wir kurz. Ich sah alles verschwommen. Die Lampe schaukelte dreifach über mir. Ich spürte Schwindel und klammerte mich am Mast fest, bis ich wie von weither Sigis Stimme vernahm: „Reiß dich los, Kumpel. Wir müssen weiter!“ Er fasste nach meiner Hand und zerrte mich vorwärts. Ich tappte hinter ihm her. Meine Beine bewegten sich wie von allein.

Als die Kirchturmuhr zu schlagen begann, hatten wir die Kaserne erreicht.

Wir eilten ins Wachzimmer. Leutnant Mergelt war OvD. Er musterte uns, ohne unsere Trunkenheit, die er natürlich bemerkte, zu monieren, und fragte nur mit einem versteckten Lächeln: „Hat es Ihnen nicht gefallen?“

„Wieso?“, wollte Sigi wissen.

„Zapfenstreich ist erst in einer Stunde.“

„Sie scherzen“, entgegnete Sigi, und ich fügte hinzu: „Das ist unmöglich, Genosse Leutnant.“

„Doch“, beharrte er. „Sie brauchen nur auf die Uhr zu sehen.“

„Die andern sind wohl noch nicht hier?“, erkundigte sich Sigi.

„Nein“, erwiderte Mergelt. „Sie sind die Ersten.“

Da begriffen wir: Sie hatten sich an der Steigung seitlich in die Büsche geschlagen und wieder ins Restaurant begeben.

Wir gingen in unser Zimmer. „Das tränken wir ihnen ein!“, versprach ich.

„Wozu?“, meinte Sigi. „Man merkt, dass du nie in einem Heim warst. So was gehört dort dazu.“

Morgens belauerte ich alle. Am auffälligsten grinste Kambert. Ich dachte: Sicher hat er‘s angezettelt. „Den knöpfe ich mir vor“, sagte ich zu Sigi.

Er hielt mich zurück. „Das macht bloß böses Blut“, warnte er. „Wir müssen aber miteinander auskommen.“

Rückkehr nach Strapen

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