Читать книгу Rückkehr nach Strapen - Stefan Raile - Страница 5
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ОглавлениеIch steige langsamer und achte auf die Stufen. Wenig später entdecke ich den geborstenen Steinquader. Die Fuge ist jetzt mit Beton gefüllt.
Hier begann Dagmar zu zählen. Sie sprach die Ziffern halblaut vor sich hin. Die Zehner betonte sie, und bei hundert blieb sie stehen.
„Hundert“, wiederholte sie. „Eigentlich einhundert. Das ist exakter. Jedenfalls habe ich es vor langer Zeit so gelernt.“
„Fühlst dich wohl schon ziemlich alt?“, fragte ich.
„Du siehst ja: hundert Stufen, und die Luft wird knapp.“
„Dir fehlt Training“, meinte ich. „Werktags im Hörsaal, am Wochenende im Auto. Das bekommt niemand auf die Dauer.“
„Weiß ich“, sagte sie. „Doch das Wissen ist eine Seite, sich danach zu richten, die andere. So gerate ich öfter in Konflikte. Früher hatte man es einfacher. Man kannte weder Flugzeug noch Bahn noch Auto. Also mussten die Leute laufen.“
„Nicht alle“, widersprach ich. „Immerhin gab es Pferde und Kutschen. Mancher Blaublütige wusste kaum, wozu er Beine hatte. Und das rächte sich öfter. Da gibt es eine hübsche Episode: Brühl, erzählte neulich unser Leutnant, war unterwegs zur Festung Königstein. Er benutzte eine Equipage und hatte es eilig. Aber die Elbe führte Hochwasser, und die Straße war überflutet. Ihm blieben zwei Möglichkeiten: umkehren oder diesen Aufstieg benutzen. Der Graf entschied sich für Letzteres, weil ihn eine Mätresse erwartete. Zunächst ritt er. Doch der Hang war zu steil, das Gestein zu glatt. Also stiefelte er aufwärts. Schon bald wurde es ihm sauer. Am Abend zuvor hatte er nämlich tüchtig gezecht, und der Alkohol steckte ihm noch in allen Gliedern. Er schnaufte immer heftiger, die Schritte wurden kürzer. Seine Leibwächter mussten ihn stützen. Als sie die Festung erreichten, war er so erschöpft, dass er gleich ins Bett fiel. Die Mätresse erwartete ihn vergebens.“
„Brühl ist kein Maßstab“, sagte Dagmar. „Es gab auch andere.“
„Sicher“, stimmte ich zu. „Nimm Goethe. Noch im hohen Alter bestieg er den Kickelhahn.“
„Oder Kleist“, meinte sie. „Er kam mit Dahlmann durch diese Gegend, als sie von Dresden nach Prag wanderten.“
„Du magst Kleist?“, fragte ich.
„Ja“, bestätigte sie. „Ich hab viel von ihm gelesen.“
„Er war ein Wirrkopf. Alles um ihn erscheint mystisch, finde ich.“
„Ich denke, er war genial.“
„Trotzdem hat er sich nicht durchgesetzt.“
„Die Zeit war schuld“, behauptete sie. „Man hat ihn verkannt.“
„Das ist vielen Schriftstellern so ergangen“, erwiderte ich. „Umso erstaunlicher, dass die meisten trotzdem weitergeschrieben haben.“
„Mit den Motiven ist es eben seltsam“, sagte sie. „Da blickt man schwer dahinter. Auch bei dir habe ich Mühe.“
„Bei mir?“, fragte ich. „Wieso bei mir?“
„Erinnerst du dich an unser Gespräch auf dem Hochsitz? Ich habe es abgebrochen, weil ich es für verfrüht hielt. Man muss sich erst kennenlernen, dachte ich. Dann wird alles von selbst klar. Es war ein Trugschluss. Ich frage mich nach wie vor, warum du Soldat geworden bist. Freiwillig. Weshalb?“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte ich.
Nach dem Vorfall bei Gudrun verließ ich die Baustelle. Ich wollte mich nicht nur von ihr trennen, sondern auch von dem, was an sie erinnerte. Brich alle Brücken ab, dachte ich. Wennschon, dennschon! Ich kündigte. Mag sein, dass durch die eingetretenen Umstände mein Entschluss nur schneller reifte; über kurz oder lang wäre es wohl ohnehin dazu gekommen. Es gab zu viel Ärger, besonders mit dem ewig nörgelnden Meister, und die meisten Kollegen bedauerten wohl gleichfalls nicht, dass ich ging. Lediglich Herb versuchte, mich zurückzuhalten. „Überleg‘s dir noch mal“, riet er. „Wegen so ‘ner Donja türmt man nicht gleich. Was willst du denn anfangen? Hier hast du dein gutes Geld. Davon lässt sich ordentlich was auf die Kante legen. Nach zwei, drei Jahren sitzt du in einem Chausseeflitzer. Dann kannst du massenhaft Mädchen haben.“ Er sprach aus Erfahrung. Seit er geschieden war, lebte er auf Baustellen. Er besaß einen F9, an dem er oft nach Feierabend bastelte und putzte. Wenn er dann am Sonntag in den Wagen stieg, fand sich immer eine, die sich neben ihm in die Polster schmiegte, obwohl Herb mit seinem dünnen blonden Haar, dem hohlwangigen Gesicht und der runden Nickelbrille nicht gerade wie ein Adonis aussah. „Überleg‘s dir noch mal“, wiederholte er und blickte mich eindringlich aus seinen durch die starken Gläser vergrößerten Augen an. „Mehr als hier verdienst du nirgends!“
Sicher hat er Recht, dachte ich. Trotzdem bleibt‘s dabei. „Es ist nicht wegen Gudrun allein“, sagte ich. „Auch der Meister hat Anteil. Der Mann geht mir auf den Hauptnerv mit seiner Meckerei.“
„Das wäre wohl das Wenigste“, meinte Herb. „Lass ihn nörgeln. Mich fuchst es ebenfalls manchmal, doch ich stecke ein Loch zurück. Der Mann hat‘s nicht leicht. Er ist krank, Asthma. Schlimmer aber ist das mit seiner Frau. Bei ihr hakt‘s ab und zu aus, seit sie in Dresden während eines Bombenangriffs ver¬schüttet wurde. Wenn‘s losgeht mit ihr, wird er besonders unleidlich. Ein bisschen muss man‘s ihm nachsehen, finde ich.“
„Mag sein“, gab ich zu. „Dennoch brauche ich Tapetenwechsel: andre Menschen, neue Eindrücke. Das Übrige wird sich finden. Kannst du das nicht verstehen?“
„Doch“, erwiderte Herb. „Es ist nur schade.“
Viele dachten anders. Ihnen missfiel, dass ich nicht so lebte wie sie. Ein Montagearbeiter müsse dann und wann die Gurgel spülen, behaupteten sie. Das sei ungeschriebenes Gesetz. Mich störte, dass sie es von mir forderten. Mich stört immer, wenn man einfach was fordert. Es kam zu Reibereien, wieder und wieder. Dabei wurden Tom und Andy öfter unsachlich.
Eines Abends, als sie angetrunken in die Unterkunft kamen – ich saß noch am Tisch und las -, trat Tom mit unsicheren Schritten neben mich. „So schlägst du also die Zeit tot“, sagte er lallend. „Was hast du eigentlich davon?“
Und Andy fügte hinzu: „Leben musst du, Mann, leben! Die guten Jahre sind schnell vorbei.“
Sie verstanden mich nicht, hatten keinen Sinn für meine Neigung, die sich besonders seit dem Jahr an der Oberschule herausgebildet hatte, wo Pecina Deutschunterricht erteilte. Er war ein Lehrer, wie er im Buche steht. Einer, der mit Leib und Seele bei der Sache ist, den Schwierigkeiten nicht schrecken.
In der Grundschule hatte man uns das Fach ziemlich verleidet: Schauspieltexte mit verteilten Rollen sprechen. Ellenlange Gedichte bimsen. Prosatexte lesen und nacherzählen.
Pecina verlangte Bereitschaft. „Wenn ihr nicht genug Lust mitbringt“, sagte er, „bleibt‘s langweilig, selbst wenn ich mich plage wie weiland Sisyphus. Nur wenn ihr bereit seid mitzuwirken, wird es sich lohnen. Damit meine ich nicht irgendwelche Noten, sondern Gewichtigeres: Jedes gute Buch ist wie ein Stück Land, das man entdeckt. Der aufgeschlossene Leser wird zum Kolumbus, im besseren Sinne sogar; denn er braucht keine fremden Völker zu erobern, um sich zu bereichern.“
Einige grinsten ungläubig, andre spöttisch. Pecina störte sich nicht daran. Er vertraute seinen Einfällen, gründete eine Laienspielgruppe. Zwei Mädchen, ein Junge und ich traten ihr sofort bei. Bald kamen mehr, weil sich herumsprach, dass es Spaß machte. Pecina wählte interessante Texte aus, bewies bei den Proben Fingerspitzengefühl, fand für jeden den richtigen Ton, wurde nie müde, mit uns über alles Mögliche zu diskutieren.
Als Erstes spielten wir das Stück „Die junge Garde“. Pecina hatte Teile des Romans von Alexander Fadejew dramatisiert. Das Verhalten der Helden beeindruckte uns, und wir lasen auch das Buch. So strahlte die Zirkelarbeit auf den Deutschunterricht aus, nach und nach fanden alle eine bessere Einstellung dazu. Trotzdem war es für Pecina nicht leicht, er musste auf manchen unerwarteten Zwischenfall reagieren. Einmal fiel Heino Gruneck ein Westschmöker aus der Tasche, als er seine Federmappe hervorzog. Zwar bückte er sich sofort danach, aber Pecina stand schon neben ihm und fragte: „Darf ich mal sehen?“
Heino hob bloß die Schultern, Pecina nahm ihm die zerfledderte Schwarte aus der Hand und betrachtete sie. Jetzt bricht ein Donnerwetter los, dachten wir. Doch Pecina wurde nicht laut. Seine Augen blickten eher erstaunt als böse, während er sagte: „Das liest du also.“ Er drehte das Heft in den Händen, besah es noch immer nachdenklich, als hoffte er, etwas Besonderes daran zu entdecken, und fragte schließlich: „Leihst du‘s mir mal?“
Heino, der Drogistensohn, kriegte den Mund nicht auf. Erst in der Pause fand er die Sprache wieder. „Gerade mich musste es erwischen! Sie sind mir ohnehin nicht grün, weil mein Alter kein Prolet ist. So was bedeutet doch Wasser auf ihre Mühlen. Seht, Jugendfreunde, werden sie sagen, der Bourgeois verseucht euer Klassengefühl. Weg mit ihm!“
Am nächsten Tag langte Pecina das Heft mit spitzen Fingern aus seiner Tasche. „Eine Stunde will ich dafür opfern“, sagte er, „in der Annahme, dass keine zweite notwendig wird.“ Er setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln. „Um es vorwegzunehmen: So schlimm hätte ich es mir nicht vorgestellt. Nicht mal halb so schlimm.“ Seine Analyse war gründlich. Was er behauptete, konnte er auch belegen. Er deckte inhaltliche Schwächen auf, verdeutlichte die anspruchslose Form, las zwei Dutzend Stilblüten vor und verwies auf die beabsichtigte Wirkung.
Dann schritt er durch den Gang zwischen den Tischreihen und blieb neben Gruneck stehen. „Nimm es wieder mit“, sagte er. „Es soll, wie man hört, ein begehrtes Hökerobjekt sein.“
Heino schluckte und starrte betreten vor sich hin. Seine Hände lagen reglos auf der Tischplatte, aber mit einem Mal bewegten sie sich, griffen nach dem Heft und zerrissen es. Ob er aufhörte, Schwarten zu lesen, ist ungewiss. Zumindest brachte er keine mehr mit. Der Vorfall blieb ohne Nachspiel. Pecina behielt ihn für sich. Heino schummelte sich über die Schuljahre und bestand mit Ach und Krach das Abitur. Da war ich schon nicht mehr dort. Vielleicht hast du zu schnell gepasst, dachte ich später manchmal. Doch wer erträgt schon, wenn wieder und wieder Dankbarkeit gefordert wird? „Du weißt, Ronny“, sagte Mutter oft, „uns fällt‘s schwerer als anderen. Wir haben‘s nicht so üppig wie Drogist Gruneck, und dein bisschen Stipendium passt in einen Fingerhut. Denk nicht, dass ich klagen möchte. Wir schränken uns gern ein. Schließich sollst du‘s weiterbringen als unsereins. Darum merk dir: Was du im Kopf hast, kann dir niemand wegnehmen. Pauke, soviel du kannst, Junge. Das Übrige braucht dich nicht zu kümmern. Wir stehen‘s schon durch. Nur eins verlangen wir: Bereite uns keine Schande!“
Sollst du das vier Jahre schlucken?, dachte ich. Andre könnten es vielleicht. Du nicht. Lieber gehst du arbeiten und verdienst Geld.
Als Pecina von meinem Entschluss erfuhr, nahm er mich beiseite. „Mach keinen Quatsch!“, beschwor er mich. „Deine Mutter meint es bestimmt nicht so. Und wenn schon! Kannst es ihr ja später auf Heller und Pfennig zurückzahlen!“
Er redete lange mit mir; doch es gelang ihm nicht, mich umzustimmen.
An dem Tag, da ich den Betrieb verließ, schickte ich meine Sachen im Koffer nach Hause. Auf die Begleitkarte schrieb ich „bahnlagernd“. Dann ging ich zu einer Ausfallstraße und lehnte mich an einen Baum. Sobald ein Auto in der Kurve auftauchte, trat ich zwei, drei Schritte vor, hob die rechte Hand und ließ sie pendeln. Erst der fünfte oder sechste Wagen hielt. Der Fahrer, ein schlanker Mann mittleren Alters, öffnete die Tür einen Spalt und fragte: „Wohin?“
„Egal“, sagte ich.
Er kniff die Lider zusammen und musterte mich. Dann stieß er die Tür weiter auf. „Steig ein!“
Zunächst schwiegen wir. Manchmal blickte er zu mir. Ich bemerkte es, starrte aber weiter durch die Frontscheibe.
„Siehst miesepetrig aus“, stellte er schließlich fest. „Hast wohl den Kanal voll?“
„Gestrichen voll!“, bestätigte ich.
„Und nun willst du was Verrücktes anstellen?“
„Vielleicht.“
„Aha“, sagte er, „nur vielleicht. Demnach gehörst du zu den unentschlossenen Typen. Möglicherweise fehlt noch ein bisschen Alkohol.“
„Ich trinke nicht“, erwiderte ich, „nicht bei so was.“
„Nein?“, wunderte er sich. „Dann bist du ‘ne Ausnahme. Die meisten begehen ihre Verrücktheiten, wenn sie zu viel Promille im Blut haben. In Saßnitz hab ich mal erlebt, wie einige Seeleute ihre Heuer in Scherben ummünzten. Offensichtlich kriegten sie ihr Geld durch die Sauferei nicht klein, deshalb knallten sie ihre leeren Sektgläser an die Wand. Total übergeschnappt, die Kerle. Dabei waren sie noch harmlos. Niemand erlitt Schaden, bloß die Geldbeutel bekamen die Schrumpfsucht. Wenn ich da an das denke, was sich in südlichen Gefilden abspielt … In Sao Paulo, heißt es, werden zu Silvester immer etliche ermurkst. Schrecklich, solche Exzesse! Hätte ich was zu sagen, ich würde die Prohibition verhängen!“
„Sie sind ja ein ganz Radikaler. Meinen Sie, das wäre eine Lösung?“
„Gewiss“, behauptete er. „Hunde die beißen, kriegen einen Maulkorb umgehängt.“
Der Vergleich hinkte, Versuche in etlichen Ländern belegten es. In Finnland, Norwegen und in den USA hatte es nach dem Ersten Weltkrieg ein Alkoholverbot gegeben. Getrunken wurde dennoch.
Verbote helfen nicht immer. Ich wusste es aus Erfahrung, und auch meine Mutter musste es mit der Zeit einsehen.
„Der Junge ist kein Umgang für dich“, bestimmte sie an dem Tag, als ich Fredi für eine Stunde in unsre Wohnung mitgenommen hatte, um mit ihm Mathematik zu üben. Er trug eine schäbige Jacke mit viel zu kurzen Ärmeln, eine mehrfach geflickte Hose aus Planenstoff und derbe graue Wollsocken, die größtenteils in plumpen Holzpantinen verschwanden.
In diesem Aufzug hatte ich ihn eine Woche vorher kennengelernt. Menzel, unser Klassenlehrer, brachte ihn morgens mit. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und stellte ihn vor: „Das ist Manfred Veyrich. Er ist Umsiedler und stammt aus Schlesien. Durch den Krieg hat er viel Unterricht versäumt. Er wird es schwer haben, deshalb möchte ich, dass ihr ihm helft.“ Sein Blick fiel auf den freien Platz neben mir. „Setz dich zu Ronald“, ordnete er an, „dort bist du gut aufgehoben.“
Fredi stakste durch den schmalen Gang zwischen Wand und Bankreihe, hängte seinen Ranzen an den Haken und zwängte sich auf den unbequemen Sitz.
In der Pause rief mich Menzel nach vorn. „Wir haben für Manfred kein Mathematikbuch“, sagte er. „Ihr wohnt doch nicht weit voneinander. Würdest du ihm deins für die Hausaufgaben leihen?“
„Mach ich.“
In der Hofpause wich Fredi nicht von meiner Seite. Während ich eine Schnitte verzehrte, schritt er neben mir her, seine Hände tief in die Hosentaschen geschoben.
„Hast du kein Frühstück mit?“, fragte ich.
„Nein.“
„Aber hungrig bist du?“
Er druckste eine Weile, gestand schließlich: „Bisschen.“
Da reichte ich ihm mein letztes Brot. „Nimm nur“, drängte ich ihn. „Ich bin schon satt.“
Er zögerte, ehe er zulangte und hastig zu essen begann. So erlebte ich ihn noch oft, er war immer hungrig, und das wunderte mich nicht; denn er hatte acht Geschwister.
Seit dem Verbot meiner Mutter brachte ich ihn nicht mehr mit nach Hause, aber ich ging regelmäßig zu ihm, und manchmal war ich auch dort, wenn Abendbrot gegessen wurde. Die Familie saß dann um einen großen Tisch, auf dem ein riesiger Topf stand. Daraus schöpfte die Mutter für jeden in den Teller, meist Kartoffelsuppe. Die verhärmte Frau teilte gerecht, und alle begannen gleichzeitig zu löffeln, schnell und trotzdem irgendwie andächtig, vielleicht deshalb, weil niemand sprach, und zuletzt kam für jeweils ein Kind der Höhepunkt: Da durfte nach strenger Folge der Topf ausgekratzt werden, was unter den Blicken der Übrigen mit beträchtlicher Hingabe geschah.
Später, als ich bei der Familie schon heimisch war, wurde ich öfter zum Mitessen aufgefordert. „Wo elf satt werden“, sagte Fredis Mutter, „werden ‘s auch zwölf.“
Im Sommer gingen die Geschwister Ähren lesen und im Herbst Kartoffeln stoppeln. Ich begleitete sie häufig, obgleich meine Mutter dagegen war. „Ronny“, sagte sie, „hast du‘s nötig, dir den Rucksack auf ‘n Buckel zu hängen und wie ein Habenichts durch die Gegend zu streunen?“
Meist schwieg mein Vater, wenn sie so mit mir redete. Aber diesmal wurde es ihm zu viel. „Lass ihn“, verlangte er. „Der Junge nimmt keinen Schaden dabei.“
Wir standen mit Hunderten am Feldrand und warteten, bis die Bauern ihre Äcker verließen. Dann buddelten wir wegen ein paar Kartoffeln bis zur Dämmerung in der Erde.
Eines Nachmittags entdeckten wir in Waldnähe eine frisch aufgebrochene, erst grob abgelesene Fläche. Weit und breit war niemand zu sehen.
„Los“, sagte Fredi, „die Gelegenheit ist günstig.“
Wir rannten aufs Feld, öffneten unsre Rucksäcke und stopften Kartoffeln hinein. Den Hufschlag bemerkten wir zu spät. Hinter uns zügelte ein Bauer sein Pferd. Das Tier tänzelte und blähte die Nüstern. Neben ihm lauerte ein Schäferhund, der vom raschen Lauf hechelte. „Aufhören!“, befahl der Reiter. „Alles sofort wieder ausschütten!“
Zwei oder drei gehorchten. Fredi und ich zögerten.
„Wird‘s bald, ihr Strolche?“, schrie der Bauer. „Oder soll ich erst den Hund loslassen?“
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er seine Schenkel gegen den Pferdeleib presste. Das Tier setzte sich in Bewegung. Mit ihm näherte sich auch der Rüde. Er zerrte an der Leine und bleckte die Zähne. Da leerten wir die Rucksäcke. Dem Reiter ging es zu langsam, er rief: „Fass, Hasso, fass!“
Der Hund bellte und sprang auf uns zu. Wir rannten davon, stolperten über aufgeworfene Erde und Steinbrocken, zwängten uns ins Unterholz. Auf einer Lichtung verschnauften wir. Hinter uns blieb es ruhig.
„So ein elender Geizhals“, schimpfte Fredi. „Tut so, als käme er wegen der paar Kartoffeln an den Bettelstab. So sind fast alle, meint Vater. Sie leben wie die Maden im Speck, während wir darben. Wie Stülpner müsste man handeln, um ‘s zu ändern. Warum machen wir‘s eigentlich nicht?“
Fortan waren die Bauern für uns die Pfeffersäcke, denen wir nur das nahmen, was sie unserer Meinung nach ohnehin zu viel hatten. Wir stoppelten keine Kartoffeln mehr, sondern ernteten sie an geeigneten Stellen einfach vom Feld. Auf gleiche Weise gelangten wir auch zu Zuckerrüben, aus denen Fredis Mutter mit viel Mühe und Geduld dickflüssigen Sirup kochte.
Unsre Streifzüge erforderten geschicktes Vorgehen. Bald waren wir so gewieft, dass uns nie jemand auf frischer Tat ertappte. Später, als es mit den Lebensmitteln besser wurde, und wir nicht mehr zu stehlen brauchten, kamen uns die angeeigneten Fertigkeiten bei etwas anderem zugute: Wir spielten im nahen Loenschen Park Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer.
Meine Mutter begriff, dass sie den Umgang mit Fredi und seinen Geschwistern nicht verhindern konnte. Dennoch bemühte sie sich mit großer Hartnäckigkeit, mich zu beeinflussen. „Ronny, die passen nicht zu dir“, behauptete sie. „Die sind wie Zigeuner.“
Bei Viola, einem schwarzhaarigen, gertenschlanken und dunkeläugigen Mädchen, traf ihre Ansicht zu, wenngleich nicht in der Art, wie sie es meinte, sondern wegen der außergewöhnlichen Schönheit und dem glutvollen Blick, den ich bei allen Zigeunermädchen vermutete. Der Blick war daran schuld, dass ich für Fredis zwei Jahre ältere Schwester zu schwärmen begann und ihretwegen meine ersten erotischen Träume erlebte. Doch sie bemerkte wahrscheinlich gar nicht, dass ich sie mochte, da sie von vielen verehrt wurde und ihre Freunde oft wechselte, weil wohl keiner ihren Vorstellungen entsprach. Nur von einem kam sie später nicht los, und das war ein Hallodri, der sie, kaum achtzehnjährig, über Westberlin nach Bayern lotste. Davon erfuhr ich zufällig; denn zu Fredi riss nach der achten Klasse die Verbindung ab, als ich die Görlitzer Oberschule besuchte, und er in Bautzen eine Lehre begann.
Der Fahrer bremste. „Du warst ganz entrückt“, sagte er. „Ich muss hier abbiegen, und du willst deinen Trip sicher fortsetzen. Also dann weiterhin Massel! Es hält nämlich nicht jedes Auto!“
Seine Prognose bestätigte sich. Manchmal musste ich sehr lange warten, bis mich jemand mitnahm. Auf diese Weise war ich etliche Tage unterwegs. Genächtigt wurde, wie es sich ergab: in Scheunen, Strohfeimen, Jugendherbergen und zwei-, dreimal in Pensionen oder preiswerten Hotels. Ich sah mir fremde Städte an, überquerte Plätze, auf denen emsig Tauben trippelten, lief durch mittelalterliche Gassen, bestieg Türme. Nirgends hielt es mich lange. Manchmal glaubte ich, Gudrun bereits vergessen zu haben, andermal drängte sie sich heftig in meine Überlegungen. Vielleicht wäre alles wieder in Ordnung gekommen, redete ich mir dann ein. Vielleicht. Gleich darauf wehrte ich mich dagegen. Wer einmal ausbricht, dachte ich, macht‘s auch öfter. Aber ich hätte deswegen nicht gleich zu kündigen brauchen. Herb hatte Recht. Weglaufen war keine Lösung. Und nun schon das dritte Mal. Vorher von der Oberschule und nach der Lehre. Hielt ich denn nirgends durch? Ewig konnte man doch nicht von vorn beginnen. Jeder Anfang kostete doppelt Kraft. Wer oft wechselte, verplemperte sich.
Am achten oder neunten Nachmittag begann es heftig zu regnen. Der Asphalt wurde dunkel, Nässe glänzte auf Blättern und Gras. Ich ging mit gesenktem Kopf und schreckte auf, als Bremsen quietschten. Dicht neben mir hielt ein Auto. Hinterm Lenkrad saß eine Frau. Sie kurbelte die Seitenscheibe einen Spalt herunter und fragte: „Möchten Sie mitfahren?“
Ich sah, dass sie sehr rote Lippen hatte, das brünette Haar trug sie halblang, sie mochte Mitte Zwanzig sein. Ich stieg ein und setzte mich neben sie. Sofort gab sie Gas und ließ langsam die Kupplung los. „Wohin wollen Sie denn?“, erkundigte sie sich.
„Kommt darauf an“, erwiderte ich zögernd. „Ich suche eine Bleibe für die Nacht.“
„Das dürfte schwierig werden“, meinte sie. „Aber ich könnte Ihnen helfen. Unsre Wohnung ist geräumig, und eine Couch für Gäste haben wir auch.“
„Sie sind sehr freundlich“, entgegnete ich. „Doch was würde Ihr Mann dazu sagen?“
„Nichts“, behauptete sie. „Wir machen uns keine Vorschriften. Außerdem ist er auf Dienstreise und kehrt erst in zwei Tagen zurück.“
Was es alles gibt, dachte ich.
„Wie ist‘s?“, fragte sie. „Kommen Sie mit?“
Es regnete unvermindert. Die Wischer surrten und rieben die Nässe von der Scheibe. Wer weiß, ob du woanders was findest, dachte ich. Greif also zu.
„Ja“, sagte ich, „aber nur, wenn‘s Ihnen keine Umstände bereitet.“
Die Frau wohnte im Stadtzentrum von Kamenz. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe. Dabei sah ich im Spiegel mein bärtiges Gesicht. Ich strich über die harten dunklen Stoppeln.
„Möchten Sie sich rasieren?“, fragte sie.
„Ich habe nichts dabei“, sagte ich.
„Dabei kann ich aushelfen.“ Sie ging ins Bad, öffnete den Kosmetikschrank und reichte mir einen Trockenrasierer.
Später setzte ich mich ins Wohnzimmer.
Die Frau bereitete in der Küche etwas zu essen, ich hörte, wie Geschirr klapperte. Einmal kam sie an die Tür und fragte: „Möchten Sie fernsehen?“
„Gern.“
Sie schaltete das Gerät ein und ging wieder hinaus. Es wurden Schlager gesendet. Bärbel Wachholz sang: „Damals war alles so schön.“
Gudrun, dachte ich, mag dieses Lied. Vielleicht sitzt sie im Klub und hört es auch. Dann wird sie sich an mich erinnern. An alles wird sie sich erinnern.
Die Frau brachte das Essen: Rührei mit Schinken und Toastbrot. Für mich stellte sie Bier bereit, sie trank Tomatensaft. Beim Abräumen sagte sie: „Von der Kocherei ist mir warm geworden. Ich dusche mal rasch.“
Ich hörte, wie Wasser im Bad plätscherte. Auf dem Bildschirm trällerte eine Nachwuchsinterpretin von einem Seemann, der fortfuhr, und seinem Mädchen, das auf ihn wartete. Mumpitz, dachte ich, ist doch alles Mumpitz.
Als die Frau zurückkehrte, duftete sie nach Parfüm und Seife. Ihr Bademantel war nicht zugeknöpft, sie hielt ihn mit der Hand zusammen. Als sie sich in den Sessel setzte, rutschten die Revers auseinander. „Komm her. Komm schon!“, drängte sie und streckte die Arme aus.
Ich machte zögernd einen Schritt auf sie zu. Doch dann drehte ich mich um und stürmte hinaus. Während ich meine Jacke von der Garderobe zerrte, sah ich die Frau an der Tür. „Was hast du?“, fragte sie.
Ich ließ sie stehen und hastete die Treppen hinab. Draußen nieselte es nur noch. Mit hochgestelltem Kragen irrte ich durch Straßen und Gassen, kam an Restaurants vorbei, Kinos, einem Klub, und dann stand ich plötzlich vorm Bahnhof, wo sich Reisende durch die Pendeltür drängten. Fahr nach Hause, dachte ich, dort pennst du dich erst mal aus, und danach suchst du dir eine neue Stelle. Irgendwas wird sich finden.