Читать книгу Rückkehr nach Strapen - Stefan Raile - Страница 9
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Оглавление„Du bist so schweigsam“, sagt Mergelt. „Überlegst wohl?“
„Ein bisschen.“
„Ihr Schriftsteller seid verrückte Menschen: Könnt ihr mal kein Blatt bekritzeln, müsst ihr wenigstens meditieren.“
„So schlimm ist‘s nicht“, widerspreche ich. „Aber manchmal findet man wirklich keine Ruhe. Dann kommt einem alles Mögliche in den Sinn. Sogar Geschehnisse, die längst vergessen schienen.“
„Was ist dir denn eingefallen?“
„Der Einsatz an der Brücke. Erinnerst du dich?“
„Natürlich“, entgegnet er. „Sogar sehr gut. Für mich gab es nämlich noch ein Nachspiel. Sawade hat mir gehörig die Leviten gelesen und von einer Bestrafung wohl nur mit Rücksicht auf unsere Leistung beim erfolgreichen Hochwassereinsatz an der Gottleuba Abstand genommen.“
„Er hatte sich schon vor Ort tüchtig erregt“, sage ich. „Warum eigentlich?“
„Bei Alkohol sah er immer rot“, erklärt Mergelt. „Er lebte völlig abstinent und glaubte, dass gleich die Kampfkraft der gesamten Kompanie untergraben würde, wenn mal jemand einen übern Durst trank. Sonst war er ein Vorgesetzter, wie man ihn sich wünscht: klug, konsequent, gerecht. In vielen Bereichen auch tolerant. Bloß bei Alkohol verstand er keinen Spaß. Und gegen Frauen hatte er was. Aber das lag an seiner Vergangenheit, vermute ich. Er hatte zwei Jahre im Maquis gekämpft. Da man ihn zu Hause für tot hielt, heiratete seine Verlobte einen anderen. Er kam wohl nie richtig darüber hinweg und blieb deshalb Junggeselle. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er diesen Status von allen Offizieren verlangt.“
„Ich finde, er war zu rigoros“, erwidere ich. „Allerdings hatte er Erfolg damit. Du bist anders vorgegangen. Doch deine Erfolge waren nicht geringer, eher größer. Nun frage ich mich: Müssen Vorgesetzte unnachgiebig sein oder nicht?“
Mergelt biegt in einen sandigen Weg ab. Links und rechts wachsen Büsche. Sie haben kleine, staubige Blätter. „Es kommt auf die Umstände an“, entgegnet er. „Und auf die Soldaten. Man muss wissen, wieviel man ihnen zumuten darf. Ebenso, was unter bestimmten Umständen gut für sie ist. Selbst dann, wenn einen keine Dienstvorschrift deckt.“
„Also stehst du zu deinem Verhalten an der Brücke?“
„Ja“, bestätigt er. „Ich habe nie zu denen gehört, die alles nach Schema F machen wollen. Es muss eine Spanne für die Individualität bleiben, meine ich. Damals hast auch du es gefordert. Siehst du‘s inzwischen anders?“
„Nein“, antworte ich. „Nur ist es komplizierter, als ich es mir vorgestellt hatte.“
„Bei der Armee ist‘s nie einfach“, sagt er. „Schon deshalb nicht, weil viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Das schafft immer Probleme. Als Offizier ist man dafür verantwortlich, dass sie gelöst werden. Oft ist das recht schwierig. Sicher, man kann Befehle erteilen; doch es müssen die richtigen sein. Deshalb braucht man Übersicht und Erfahrung. Auch Fingerspitzengefühl. Die Situationen sind nie gleich.“
Damals hatte ich es nicht so gesehen. Man urteilt aus dem eigenen Blickwinkel und kann sich schwer in eine fremde Haltung versetzen. Fredi gelang es besser. Das wurde mir bewusst, als wir uns während des Einweisungslehrgangs trafen. Er war mit seiner Verlobten auf der Durchreise. „Ich fasse es kaum“, sagte er am Bahnhof von Wehlen. „Du in Uniform! Als ich deinen ersten Brief aus der Kaserne erhielt, wollte ich es fast nicht glauben.“
„Weshalb nicht?“, fragte ich. „Man empfindet nicht immer genauso, wie es scheint. Manchmal fehlt für einen Entschluss nur der letzte Anstoß. Und den habe ich auf der Landeskrone bekommen.“
Wir stiegen zur Elbe hinab. Die Verlobte ging zwischen uns. An der Uferpromenade setzten wir uns auf eine Bank. Fredi musterte mich. „Erzähle“, bat er. „Wie gefällt‘s dir?“
„Teils, teils.“
„Gibt‘s Ärger?“
„Ein bisschen.“ Ich erwähnte Zwischenfälle mit Doblin und Rudloff.
Fredi hörte aufmerksam zu. „Liegt es nicht auch an dir?", fragte er dann. „Jede Medaille hat zwei Seiten. Du solltest versuchen, die Leute zu begreifen. Glaub nicht, dass sie‘s leicht haben, weil sie befehlen dürfen. Sie müssen hart an sich arbeiten, um auf Dauer zu bestehen.“
Später griff er den Gedanken noch einmal auf. Da war er bereits mit dem Mädchen verheiratet. Sie wohnten in Görlitz einige Straßen von mir entfernt, und Fredi arbeitete als Pionierleiter. Manchmal setzten wir uns auf ein Bier zusammen. „Meine Tätigkeit macht mir Spaß“, sagte er einmal. „Aber sie ist schwierig. Ohne die Zeit an der Grenze könnte ich sie sicher nicht ausüben. Selbst so habe ich Mühe. Man muss Vorgesetzter und will Kamerad sein. Darin liegt eine große Gefahr: Verwischen sich die Übergänge, verliert man seine Autorität.“
Mergelt schaltet in den ersten Gang. „Du wirkst skeptisch“, meint er. „Hast wohl Einwände?“
„Nicht direkt. Ich überlege nur, ob man in allem noch so handeln könnte wie damals. Es waren andere Umstände: Wir haben freiwillig gedient, unsere Kompanie bestand nur aus drei Zügen. Heute gibt‘s die Wehrplicht, die Ausbildung erfolgt in größeren Einheiten. Auch unsere Waffentechnik ist komplizierter geworden. Die angespannte Lage verlangt eine hohe Disziplin und Zuverlässigkeit. Sie verlangt sie bis in den letzten Zug, bis zur letzten Gruppe. Der Gegner zwingt uns dazu. Um ihm überlegen zu sein, dürfen wir uns keine Pannen leisten. Doch Eigenmächtigkeiten können welche auslösen. Das Risiko ist groß.“
„Sicher“, räumt Mergelt ein. „Jede Zeit hat ihre Bedingungen. Wahrscheinlich müsste ich mich umstellen.“
Wir schweigen. Der Weg verbreitert sich, die Büsche weichen Bäumen. Mergelt fährt auf den Parkplatz hinterm „Jagdhaus“. Er lenkt den Skoda in eine der wenigen Parklücken.
„Meinst du, dass wir im Restaurant einen Platz kriegen?“, frage ich.
„Abwarten“, erwidert er.
Das Gasthaus erkenne ich kaum wieder: An der linken Seite befindet sich eine geräumige Terrasse, auf dem Dach schimmern neue Ziegel, alle Wände sind frisch tapeziert und die Fenster modernisiert, lediglich überm Eingang hängt noch das mächtige Hirschgeweih wie ehedem.
Neben der Tür stehen Leute und warten darauf, dass Plätze freiwerden. Mergelt geht vorbei, ich folge ihm. Ein Kellner eilt uns entgegen. Er führt uns zu einem reservierten Tisch. Während wir uns setzen, wedelt er mit seinem Tuch über die weiße Decke. „Was darf‘s sein?“
„Trinkst du ein Bier?“, fragt Mergelt.
„Ja, das kann ich jetzt vertragen.“
„Und was hältst du von Wildschweinbraten?“
„Eine Menge.“
„Ein Pils, eine Cola“, bestellt er, „und zwei ordentliche Stücke vom Borstentier.“
Der Kellner bringt die Getränke rasch. „Zum Wohl.“
Ich trinke. „Schmeckt. Aber das Budvár-Bier war besser.“
Mergelt lächelt. „Dein Gedächtnis ist wirklich erstaunlich. Du denkst doch an den Abend nach eurem ersten Schießen?“
„Genau daran“, bestätige ich.
Beim Appell wurden die Namen der besten Schützen verlesen. Aus unserer Gruppe gehörten neben Dudky, Bahle sowie Kambert auch Sigi und ich dazu. Man fuhr uns zum „Jagdhaus“. Unterwegs prophezeite Jörg: „Das wird ‘ne Schlemmerei, Männer. Und ich will Jesus heißen, wenn der Alte nicht ‘nen Trupp Miezen eingeladen hat.“
Er sollte recht behalten. Wir hängten gerade unsere Schirmmützen an die Garderobe, als draußen ein Bus vorfuhr. Zwei Dutzend Mädchen stiegen aus. Es waren Facharbeiterinnen aus einer nahen Weberei. Sie setzten sich in kleinen Gruppen zwischen uns an die beiden Tafeln.
Zum Abendbrot wurden Platten gereicht, und es gab Flaschenbier aus Ceské Budejovice.
In einer Ecke entdeckte ich drei Musiker. Sie rückten ihre Instrumente bereit. Die hätte man sich sparen können. Dachte ich. Immer dieser Ringelpietz!
Dudky, der links von mir saß, war anderer Ansicht. „Hoffentlich greifen die Jungs bald in die Saiten“, meinte er. „Mir zucken schon die Beine.“
Sobald nach dem Essen die ersten Musiktöne im Raum schwangen, sprang er auf und holte eine Schwarzhaarige.
Bei der nächsten Tour füllte sich die Tanzfläche. Das Trio spielte einen Tango, über uns erloschen die Lichter, ein paar rötliche Lichter glommen noch an den Seitenwänden und verbreiteten schummrigen Schein. Dudky ging auf Tuchfühlung, die Brünette schmiegte sich an ihn. Bahle hingegen hielt Abstand, er hielt sich so unnatürlich gerade, dass es aussah, als stützte ein Brett seine Wirbelsäule. Doch nicht nur dadurch stach er von den Übrigen ab. Er trug auch das blankste Koppel, seine Haare glänzten, dass man sich beinah darin spiegeln konnte, und ein intensiver Duft nach Pomade sowie Eau de Cologne umgab ihn. Unterwegs hatte Dudky gesagt: „Du riechst wie ein halbes Freudenhaus!“
Nach einiger Zeit wurde Sigi unruhig, er rangelte auf seinem Stuhl.
Ich fragte: „Möchtest wohl auch schwofen?“
„Nicht unbedingt“, erwiderte er. „Mir gefällt nur nicht, dass einige Mädchen rumsitzen. Sie müssen uns doch für totale Nieten halten.“
„Dann schmeiß dich mal ran“, riet ich. „Oder hindert dich was? Deine Regina sieht es doch nicht. Außerdem kann ein Tänzchen in Ehren dir niemand verwehren.“
„Hast recht“, stimmte er zu. „Warum soll ich Trübsal blasen?“
Er tanzte sicher. Bestimmt war er in einer Tanzschule, dachte ich. Auch ich hatte eine besucht, erinnerte mich aber ungern daran. Es lag an Lieselotte. Sie war sehr hübsch, und es schmeichelte mir, dass ich ihr ebenfalls gefiel. Als sie mich fragte, ob ich mit ihr zum Abschlussball gehen möchte, sagte ich sofort zu. Auf dem Heimweg nach der gelungenen Festveranstaltung lud sie mich fürs folgende Wochenende zu sich ein. Der Kaffee war gut, auch der von ihrer Mutter gebackene Kuchen. Weniger schmeckte mir, dass sie sich gleich mit mir verloben wollte. Ich ließ mich nicht wieder bei ihr sehen.
Sigi tanzte vorbei und lächelte mir aufmunternd zu. – Gib dir keine Mühe, Kumpel, bei mir ist‘s sinnlos.
Ich trank etliche Schlucke. Während ich das Glas absetzte, bemerkte ich, dass ein blondes Mädchen von der anderen Tafel herüberschaute. Gaff ruhig, dachte ich. Damit lockst du mich nicht. Keine schafft das.
Werner Kambert rutschte auf den Platz neben mir. „Das Bier ist große Klasse“, sagte er. „Die Tschechen verstehen sich aufs Brauen. Man müsste einige Pullen schnappen und sich in eine Ecke zurückziehen. Was hältst du davon?“
„Nichts“, erwiderte ich, obwohl ich seinen Vorschlag keineswegs übel fand. Mich störte nur, dass er von ihm kam; denn ich hatte den Streich im Bahnhofsrestaurant und das Vorkommnis auf dem Taktikgelände nicht vergessen.
„Was wäre dabei?“, fragte er.
„Wir sind gewissermaßen dienstlich hier und haben Gäste“, sagte ich. „Das erfordert Rücksichtnahme.“
„Ausgerechnet du musst so reden“, spottete er. „Bist du nicht oft genug aus der Reihe getanzt?“
„Eben deswegen“, konterte ich. „Einmal muss Schluss sein!“
„Ach“, staunte er, „und da fängst du hier an, wo du dich zum Gähnen langweilst?“
„Mir macht das Zuschauen Spaß“, behauptete ich.
„Mir nicht.“
„Dann tanz doch“, riet ich. „In der Bahnhofsgaststätte hast du auch kaum eine Tour ausgelassen.“
„Da war mir danach“, sagte er.
„Jetzt nicht?“
„Nein. Jetzt ist mir nach Trinken.“
Der Tanz endete, Sigi kam zurück. „Ihr seid vielleicht Helden“, monierte er. „Sitzt da wie Miesepeter und starrt Löcher in die Luft!“
„Hast du was dagegen?“, fragte Kambert.
„Es macht nicht gerade den besten Eindruck.“
„Wenn es so ist, räume ich das Feld. Ich muss sowieso mal raus.“ Er leerte sein Glas und stakste davon.
„Was hat er denn?“, forschte Sigi.
Ich hob die Schultern. „Keine Ahnung. Als Beichtvater würde er mich zuletzt auswählen. Aber was Ernstes wird‘s wohl kaum sein. Vielleicht hat seine Puppe einen andern.“
„Das wäre schlimm genug. Ich werde mit ihm reden.“
„Übertreib‘s nicht“, mahnte ich.
Sigi goss sich ein, trank ein paar Schlucke, behielt das Glas in der Hand und betrachtete die Blume. „Vielleicht hast du erneut Recht“, sagte er. „Warten wir erst mal ab.“ Er schüttelte das Bier, es schwappte über den Schaum und löste sich langsam auf. Augenblicke beobachtete er, wie die letzten Flocken zerfielen, dann blickte er mich an, während er fragte: „Und bei dir ist‘s immer noch die alte Geschichte?“
„Ja, immer noch.“
„Ich will mich nicht einmischen“, sagte er, „aber ich finde dein Verhalten unnormal. Wenn dich eine enttäuscht hat, musst du nicht alle verachten.“
„Tue ich‘s denn?“
„Es sieht so aus. Und es fällt auf die gesamte Truppe zurück. Die Menschen neigen zum Verallgemeinern. Für sie sind nicht die Soldaten Bylak und Kambert schnöselig, für sie ist es die halbe Ausbildungskompanie.“
„Hör auf! Bei mir brauchst du nicht den Natschalnik herauszukehren. Auf dem Ohr bin ich nämlich taub.“ Seit er FDJ-Sekretär war, kümmerte er sich um alles und fühlte sich für jeden verantwortlich. Dabei schoss er mitunter übers Ziel hinaus.
Sigi biss sich auf die Lippe. „War nicht so gemeint“, lenkte er ein. „Komm, trinken wir was.“
„Darf ich mich anschließen?“, fragte Mergelt, der plötzlich hinter uns stand.
„Natürlich, Genosse Leutnant“, sagte Sigi.
Mergelt folgte uns zur Theke. „Wie wär‘s mit Wodka? Seit der Gefangenschaft trinke ich ihn am liebsten.“
Wenige Monate vor Kriegsende hatte man ihn noch eingezogen. Er war gerade siebzehn. Zuerst schoss er wie die anderen, schoss, weil man ihm beigebracht hatte zu gehorchen. Doch bald begriff er, dass sie ihr Leben sinnlos einsetzten, die Niederlage der Wehrmacht unvermeidlich war. Er sprach mit zwei Kameraden, von denen er glaubte, dass sie dächten wie er. Tage später liefen sie an der Oder über.
Mergelt lehnte sich an die Theke und blickte uns, da keiner geantwortet hatte, fragend an.
„Nichts dagegen“, stimmte ich zu. „Wodka ist immer gut.“
„Dann nehmen wir einen Doppelten“, entschied er. „Vielleicht ermutigt er Sie zum Tanzen. Oder können Sie nicht?“
„Doch.“
„Also keine Lust?“
„So ist es, Genosse Leutnant.“
Der Wirt stellte die Gläser vor uns hin. Wir tranken aus.
„Schade“, bedauerte Mergelt. „Ein Soldat, der hier nicht tanzt, hat nur das halbe Vergnügen. Aber möglicherweise ändert es sich. Der Abend ist ja noch lang.“
„Ich glaube nicht.“
„Da bleibt er eisern, Genosse Leutnant“, meinte Sigi.
„Das bezweifle ich“, sagte Mergelt. „Eine Stelle, wo sich einhaken lässt, gibt‘s bei jedem. Man muss sie nur finden.“
Er entdeckte sie. Als ich wieder am Tisch saß, wurde eine Damenwahl ausgerufen. Ich wusste sofort, dass der Leutnant dahintersteckte. Die Blonde von der anderen Tafel kam, ich zögerte, aber nur einen Moment, dann folgte ich ihr zur Tanzfläche.