Читать книгу Tiara - Stefanie Worbs - Страница 4
ОглавлениеProlog
Ein atemberaubender Sonnenuntergang, ging es Tia durch den Kopf. Sie saß am Rand einer Klippe im Schneidersitz und ließ die letzten Strahlen der Sonne ihr Gesicht wärmen. Dies war der erste richtige Sommertag gewesen und endlich hatte sich die Stimmung in der Truppe gebessert. Die langen Ritte würden sich bald dem Ende zuneigen und sie freute sich riesig, auf ein richtiges Bett und gutes Essen.
Ihre Kavallerie ritt jetzt schon seit fast drei Wochen und Tia wurde es leid, immer auf den Hintern des Pferdes vor sich zu starren. Nicht, dass ihr nicht auch die Landschaft gefallen hätte. Sie liebte sie! Schließlich war es ihre Heimat. Doch es verdross sie, zu sehen, wie schwer noch immer die Schäden waren, die der letzte Ausbruch des Krieges angerichtet hatte.
Die Dörfer und Städte, durch die ihre Reiterei ritten, waren zumeist gänzlich zerstört worden. Ihre Einwohner lebten auf den Straßen oder in den Ruinen und an eine funktionierende Wirtschaft war nicht mal zu denken.
Es tat Tia in der Seele weh, diesen Menschen nicht helfen zu können. Die Kinder bettelten jedes Mal nach Essen und immer gab sie ihnen, was sie entbehren konnte, selbst wenn es ihr verboten war. Die Reiter hatten strenge Rationen bekommen, doch Tia gab ihre lieber weiter, als das Elend der Kinder mit anzusehen.
Bald kann ich mehr tun, als nur Essen verteilen, dachte sie. Die westliche Kavallerie war auf dem Weg nach Osten ins Hauptlager nach Griza. Dort waren sie noch nie gewesen. Sonst lebten die Reiter in ihrem eigenen Hauptsitz im Westen des Landes Teneth und Tias Heimatstadt Lohven.
Im vergangenen Jahr war diese jedoch im Krieg zerstört worden. Die Ahen, die Feinde, hatten sie dem Erdboden gleichgemacht. Heute gab es nur noch das alte Heerlager und zwei große Gebäude, in denen die Kavalleristen wohnten und trainierten. Der Rest der Stadt war wie ausgestorben. Tia brannte das Herz vor Kummer, wenn sie an die Tage des Angriffs zurückdachte.
Sie hatte alle verloren. Ihr Vater war in der Schlacht um Lohven gefallen. Die Leiche ihres Bruders war nie aufgetaucht und ihre Mutter hatte Tia sterbend in ihrem Elternhaus vorgefunden. Fast keiner der Einwohner und nur einige der Kavallerie, sowie deren Gefolge hatten diese Schlacht überlebt. Tia eingeschlossen.
Dies war nun ihr erstes Jahr in der Einheit. Normalerweise wurden Frauen nicht eingezogen. Doch nach dem so unerwarteten Angriff der Ahen hatte man beschlossen, es ihnen einzuräumen für ihr Land zu kämpfen, wenn sie es wollten. Tia hatte sich sofort gemeldet und ritt seitdem mit 152 anderen in der letzten Reiterei des Westens.
Sie zogen durch ihr Gebiet und bekämpften jeden Feind, den sie erwischten. Gnadenlos und ohne ihnen die Chance, auf Reue zu geben. Dies und der Umstand wirklich einmalige Kämpfer in der Truppe zu haben, machte die Westlichen zu einem gefürchteten Gegner.
Waren sie anfangs noch unerfahren und weniger bis gar nicht im Kampf erprobt, so hatte sich diese Tatsache im letzten Jahr erheblich gewandelt. Tia selbst, hatte sich zu einer der besten Bogenschützinnen der Einheit hochgekämpft und auch im Schwertkampf, machte ihr keiner etwas vor. Außer vielleicht ihre beste Freundin und ebenfalls Kavalleristin Tamara. Anfangs hatten einige der Einheit Tia aufgezogen, doch sie hatten ihr auch schnell den nötigen Respekt gezollt.
Ihr Vater hatte seine Tochter früh in den Schwertkampf eingeführt, während Tias Bruder sie das Bogenschießen gelehrt hatte. Es war untypisch für Mädchen, so etwas zu können. Doch Tia hatte sich nie entmutigen lassen. Selbst ihre Mutter hatte sie immer unterstützt.
Sie wäre gern noch früher in die Kavallerie eingetreten, doch damals war es Mädchen nicht erlaubt gewesen zu kämpfen. So hatte sie als Page bei Tann, dem damaligen Offizier der Kavallerie, begonnen und war das erste und einzige Mädchen gewesen, damals. Heute gab es wesentlich mehr. Nach drei Jahren dann, war sie zur Schildknappin ausgebildet worden und hatte sich dazu um die Pferde ihres Herren gekümmert. Auch die Erinnerungen an ihn schmerzten Tia.
Der Mann war ebenfalls in der Schlacht um Lohven gefallen und sie betrauerte seinen Verlust, wie den eines Familienmitgliedes. Er hatte sie ausgebildet, obwohl er von vielen dafür nicht nur belächelt, sondern insgeheim sogar verspottet worden war. Mädchen hatten nichts mit dem Heer zu schaffen. Sie gehörten in die Küchen der Häuser, um ihren Männern eine ordentliche Mahlzeit zu bereiten, wenn diese von ihrer Arbeit heimkamen. Auch das würde Tia gut beherrschen. Denn neben all dem Jungenkram, den sie als Kind schon getan hatte, hatte ihre Mutter stets darauf geachtet, auch eine ordentliche Hausfrau aus ihr zu machen.
Nachdem Tod ihrer Familie und ihres Herren, war Tia zunächst planlos und verzweifelt gewesen. Doch nicht für lange. Der Krieg hatte so viele Opfer gefordert und die Truppen ihres Landes so stark dezimiert, dass schon ein paar Tage nach dem Fall Lohvens ein Aufruf gestartet worden war. Mädchen und Frauen ab 16 Jahren durften von da an offiziell in das Heer eintreten.
Tia hatte sich die Tränen von den Wangen gewischt, war ohne zurückzuschauen aus den Ruinen ihres Elternhauses getreten und zur ehemaligen Burg gelaufen. Sie hatte nicht wahrgenommen, wie leer ihre Stadt gewesen war. Sie selbst war vor dem Angriff mit anderen Knappen zusammen im Außenlager der Kavallerie gewesen und hatte die Gangpferde beaufsichtigt, als der Angriff die Stadt überrascht hatte. So hatte Tia den Fall Lohvens nur von der Ferne mit angesehen.
Als es ruhig geworden war, war sie in die Stadt gerannt und hatte ihre Mutter gefunden. Timar, ein Unteroffizier, der überlebt hatte, hatte sie schließlich entdeckt. Doch es war ihm nicht gelungen, Tia von ihrer toten Mutter wegzubekommen. Erst spät am Abend kam er wieder und berichtete auch vom Tod ihres Vaters. Tia war fest davon überzeugt, ihr Bruder wäre noch am Leben, denn niemand hatte seinen toten Körper gefunden. Allerdings hatte ihn bis heute auch niemand lebend gesehen.
Sie hatte mit einem Schlag niemanden mehr gehabt. Nicht mal Tamara war zu finden gewesen und Tia hatte auch sie schon tot geglaubt. Verzweiflung war in diesen Stunden alles gewesen, was sie verspürt hatte. Dann war der Aufruf gekommen und sie hatte eine Chance erkannt.
Ihr derzeitiger Offizier war ein Ekel ohne Gleichen, doch er war mehr als fähig, die Reiterei zu leiten. Seine Anweisungen waren stets präzise und seine Pläne und Taktiken fehlerfrei. Ihm waren viele clevere Siege der Einheit zu verdanken.
Anfangs hatte er sich gegen die Frauen in der Kavallerie gestellt. Er hatte sie zwar aufgenommen, aber nicht wirklich eingebunden. Tamara hatte seine Einstellung geändert. Sie und Tia hatten darüber gestritten, wie unsinnige es sei, so gute Schwertkämpferinnen in den hinteren Reihen kämpfen zu lassen. Schlussendlich hatte Tamara Tia bei der Hand genommen und war zu Heras’ Zelt gegangen. Obwohl der Offizier es nicht gut geheißen hatte, wie Tamara ihn zurechtgewiesen hatte, hatte er zugestimmt, die Frauen beim nächsten Angriff vorn mitreiten zu lassen. Es hatte sich ausgezahlt, denn seitdem war die Truppe bei Angriffen gemischter und wesentlich besser aufgestellt.
Tias Mundwinkel hoben sich. Vom belächelten Pagenmädchen, zur besten Bogenschützin, der angesehensten Kavallerie des Landes. Sie hatte das alles allein geschafft und war stolz auf sich. Nur eines fehlte ihr.
Sie war 17 und damit im besten Alter zu heiraten. Dies allerdings, würde ein unerfüllter Traum bleiben. Denn mit Eintritt in die Kavallerie hatte sie der Liebe entsagen müssen. Es wäre nicht gut gegangen, hätte sie sich verliebt. Es war auch nicht gut gegangen, denn sie hatte es tatsächlich einmal getan. Diese Liebe hatte tödlich geendet. Kain hatte ihr das Leben gerettet und seines dabei verloren. Sechs Monate war das jetzt her. Es war keine Liebe auf den ersten Blick gewesen. Vielmehr eine Freundschaft, die sich entwickelt hatte. Doch Tias Herz hatte seit seinem Verlust ein weiteres Loch.
Sie hatte sich am Tag seiner Beerdigung geschworen, keinen Mann mehr in ihr Herz zu lassen. Nicht weil dieser es verletzen könnte, sondern weil der Krieg es tun würde. Solange er immer wieder aufflammte und nicht alle Feinde besiegt waren, würde sie ihr Herz für die Liebe verschließen. Zumindest für diese Art der Liebe.
Ihre andere gehörte der Kavallerie. Ihrer Einheit, ihren Mitkämpfern, ihren beiden Pferden. Sie steckte all ihr Herzblut in diese Aufgabe, denn es gab ihrem Leben einen Sinn. Was sonst hätte sie tun sollen? In der Ruine ihres Elternhauses hocken und weinen?
Das war nie Tias Art gewesen. Sie wollte ihr Land wieder in Frieden sehen und würde dafür sorgen, dass es geschah. Vor ihrem inneren Auge erschienen die Gesichter ihrer Eltern und das ihres Bruders. Sie würde die Feinde bezahlen lassen für diesen Verlust.
Ein Schatten legte sich über ihr Gesicht und sie öffnete die Augen. Der Horizont färbte sich dunkel und Wolken schoben sich vor die Sonne. Tia, strich ihre langen dunklen Haare hinter die Ohren, wischte sich die Träne von der Wange, die sich still und leise dorthin gestohlen hatte und erhob sich. Hinter ihr scharrte Dohan im Gras und warf den Kopf herum. Er war ihr Zelter, ihr Gangpferd. Sie ritt zur Zeit nur ihn, weil ihr Streitross Armar geschont werden musste. Dohans Zügel baumelten frei und Tia ergriff sie. Mit einem Satz saß sie auf und lenkte ihn zurück zum Zwischenlager.
Die Zelte und Kochfeuer kamen in Sicht, sie lächelte. In den letzten Tagen hatte sich eine gedrückte Stimmung aufgebaut. Die Reiter waren es nicht gewohnt tagelang im Sattel zu sitzen und nichts zu tun zu haben. Doch jetzt wo Griza nicht mehr weit war und die Tage endlich warm wurden, hob sich die Stimmung aber langsam wieder.
Dohan trabte wie von allein zu dem improvisierten Gatter, in dem die Pferde standen. Dort saß Tia ab und übergab seine Zügel an Hahna. Ihre kleine Knappin mit den langen sandblonden Haaren, lächelte breit und führte ihn davon. Es dauerte nicht lange und Armar kam herangetrottet.
Das mächtige schwarze Streitross, hatte einst ihrem Vater gehört. Er hatte dessen Ausbildung fast abgeschlossen, als der Angriff auf Lohven stattgefunden hatte. Tia hatte Armar in den Stallungen gesehen und natürlich wurde ihr der Anspruch zugestanden. Außerdem hätte ihn sowieso niemand anderes reiten können. Er war störrisch und neigte dazu um sich zu treten, wenn ihm jemand zu nahekam. Nur Tia und seltsamerweise auch Hahna konnte sich ihm immer gefahrlos nähern. Was ebenfalls ein Grund war, warum sie das Mädchen als Knappin gewählt hatte. Dies und ihre Fähigkeiten mit dem Bogen, hatten Tia beeindruckt.
Armar senkte nun den Kopf, damit sie ihm seine abendlichen Streicheleinheiten geben konnte.
„Reitest du morgen mit mir?“, fragte jemand hinter ihr.
Tia erkannte Fin und wandte sich ihm zu. „Klar. Warum trägst du deine Rüstung?“, wollte sie wissen und musterte ihren Freund argwöhnisch.
„Ich bin dran“, sagte er etwas niedergeschlagen und meinte damit den nächtlichen Wachdienst. Die Wachen mussten immer voll gerüstet sein. Nur die Späher durften, angesichts ihres unauffälligen Auftrages, ohne Rüstung reiten. Alle Mitglieder der Kavallerie hatten stets in wenigen Minuten kampfbereit zu sein. Wobei die Wache die Front bildete.
Tia nickte. „Du hast getauscht.“
„Nicht freiwillig“, murrte Fin.
Sie lachte. „Hast du wieder eine Wette verloren?“
„Und wenn?“
„Du solltest damit aufhören. Du hast einfach kein Glück dabei.“
„Pech im Spiel, Glück in der Liebe“, sagte er und grinste.
Sie drehte sich wieder zu Armar. „Fin, lass das endlich.“
Sie wusste, dass er sie mochte und sie wusste, dass er mehr wollte, als nur ihre Freundschaft. Doch er wusste ebenso, dass sie nicht bereit dafür war. Fin war der freundlichste und liebste Mann, den Tia kannte und durchaus attraktiv. Er überragte sie um gut anderthalb Köpfe und war dank täglichen Trainings, auch mehr als nur ansehnlich gebaut. Seine himmelblauen Augen strahlten immer, wenn er sie ansah und sein Lächeln konnte Eisberge schmelzen lassen. Trotzdem war es einfach nicht der richtige Zeitpunkt und er wusste es. Sie hatte es ihm offen gesagt und er akzeptierte es. Auch wenn sie es nicht wollte, Fin wartete dennoch auf sie. Wartete auf die richtige Zeit und den richtigen Ort.
Sie spürte seinen Blick im Rücken, doch er sagte nichts weiter.
„Fin komm schon, es wird Zeit!“, brüllte Quin über das Feld. Tia lauschte Fins Atemzügen. Er wollte noch etwas sagen, verkniff es sich aber. Sie warf einen Blick über die Schulter, er hatte sich gerade abgewandt und lief nun davon. Tia holte tief Luft, hielt sie kurz an und stieß sie dann wieder aus.
Auf der einen Seite hatte sie Fin furchtbar gern. Er war ihr bester Freund und darüber hinaus, ihre rechte Hand im Kampf. Auf ihn war einfach immer Verlass. Sie hatte Angst, ihn irgendwann mit ihrer Zurückweisung davonzujagen. Denn auf der anderen Seite empfand sie es als anstrengend, ihn immer wieder daran erinnern zu müssen, dass sie keine Beziehung wollte.
Fin war schon vor Kain, an ihrer beider Seite geritten. Er war sogar Kains engster Freund gewesen. Doch erst ein paar Wochen nach dessen Tod hatte er angefangen, Tia näherzukommen. Sie hatten vorher schon miteinander gesprochen, aber richtig eng war es erst geworden, als beide gemeinsam trauerten.
Sie ließ die Hände sinken und stützte sich kurz an einem der Holzpfosten ab, die den Strick hielten, welcher wiederum die Weide abgrenzte. Dann schüttelte sie den Kopf und machte sich auf den Weg zu ihrem Zelt.
Tamara hockte davor und kochte Wasser in einem kleinen Kessel über dem Feuer. Fünf Zelte waren im Kreis darum aufgebaut. Eines davon gehörte den beiden Mädchen.
„Setz dich, das Wasser ist gleich heiß. Ich habe frische Kräuter gefunden“, ließ ihre Kameradin sie wissen.
„Danke.“ Tia ließ sich neben ihr ins Gras fallen und schaute gedankenverloren im Lager herum.
„War Fin bei dir?“, wollte Tamara nun wissen.
„Ja gerade eben.“
„Er war echt frustriert, oder?“, merkte Tamara an.
„Ein bisschen vielleicht. Aber er ist auch selber schuld. Er und seine Wetten.“
„So sind Männer nun mal. Allerdings glaube ich, war er eher genervt, weil er nicht hier sein kann.“
„Wache schieben und hier sein geht nun mal nicht.“
„Tia.“ Tamara verdrehte die Augen.
„Was denn?“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Natürlich wusste Tia es. Am nächsten Tag war ihr 18. Geburtstag und Fin wollte mit den beiden Mädchen reinfeiern. Daraus wurde nun nichts.
Sie sah ihre Freundin an. „Tja, wie gesagt, er ist selber schuld.“
„Du bist echt stur, weißt du das? Fin ist so ein netter Kerl und du weist ihn ständig ab.“
„Und du weißt so gut wie er, warum.“
„Willst du ewig allein bleiben?“
„Habe ich das je behauptet?“
Tamara sah sie scharf an. „Nein. Aber du gibst dir auch nicht gerade Mühe.“
„Tam! Hör auf. Du weißt, dass ich das nicht noch mal durchmachen will. Ich habe genug Menschen in diesem Krieg verloren. Wenn er vorbei ist, dann ...“
„Wenn er vorbei ist. Was wenn er nie vorbei ist? Oder nicht in deinem Leben? Was wenn du fällst?“
„Dann ist das so. Wenn ich falle, muss mich wenigstens keiner betrauern. Ich wünsche das niemandem.“ Ein Kloß setzte sich in Tias Kehle fest und Tamara sagte nichts mehr. „Ich gehe schlafen.“ Sie erhob sich, ohne ihren Tee angerührt zu haben, und ging ins Zelt. In voller Montur ließ sich auf ihr Lager sinken. Die Geräusche der anderen draußen beruhigten Tias aufgewühlten Gedanken. Trotzdem fand sie erst spät in der Nacht in den Schlaf.
Irgendwann war auch Tamara ins Zelt gekommen. Tia wusste, dass sie noch bei Imar gewesen war. Die beiden waren das absolute Traumpärchen und er war der Grund, warum Tamara ihr unbedingt eine Beziehung aufschwatzen wollte. Sie war glücklich und wollte, dass ihre beste Freundin es auch war. Selbst wenn die es nicht wollte.
Der laute Weckruf des Hornbläsers schallte durchs Lager. Tia hatte kaum geschlafen, war aber trotzdem sofort wach. Ihr fehlte die Auslastung der Kämpfe. Sie hatte zu viel Energie, die sie nicht abbauen konnte. Ein paar mehr Übungseinheiten würden ihr guttun, doch für den Moment würden diese warten müssen. Zwei Tage hatten sie pausiert, um die Pferde ausruhen zu lassen und ihre Vorräte aufzustocken. Heute würde die Reise weitergehen.
Tia stand auf und trat aus dem Zelt. Viele Reiter waren schon dabei ihre Sachen zu packen. Die Feuerstelle glühte noch etwas, also nahm Tia zwei Becher, füllte sie mit Wasser und Kräutern und stellte sie in die Glut, dann ging sie zurück ins Zelt. Tamara hatte das Horn gewollt überhört und sich in ihren Decken vergraben. Tia rüttelte sie sanft und lächelte, als ihre Freundin murrte.
„Das kommt davon, wenn du nachts nicht schläfst“, grinste Tia und machte sich daran, ihre Sachen zu packen.
„Dafür habe ich wesentlich mehr Spaß als du“, gab ihr Tamara zurück und stand nun ebenfalls auf. „Alles Gute zum Geburtstag, übrigens“, grinste sie verschlafen und rieb sich die Augen.
„Danke“, lächelte Tia zurück, während sie ihre Habseligkeiten einsammelte. Sie nannte nicht viel ihr Eigen. Ein kleines Bündel mit Sachen und ein winziger Lederbeutel mit persönlichen Dingen. Darunter die Halskette ihrer Mutter und ein Ring ihres Vaters. Sie trug beides nicht, sie behielt sie nur gut verwahrt bei sich. Gerade hatte sie ihr Schlaflager zusammengerollt, als es am Zeltpfosten klopfte.
„Ja?“, rief sie fragend nach draußen.
„Wir kommen wegen eurer Sachen“, schallte eine tiefe Männerstimme herein.
„Wir sind gleich fertig“, antwortete Tia und warf Tamara einen nun mach schon - Blick zu. Diese verdrehte die Augen und beeilte sich nun etwas mehr, ihre Sachen zu packen. Tia schnappte sich ihr Bündel und ging wieder hinaus. Draußen standen Henn und Woran mit zwei Packpferden. Woran nahm ihr das Bündel ab und machte sich daran, es einem der Pferde auf den Rücken zu schnallen.
„Tamara hat wieder verschlafen, was?“, fragte Henn derweil und grinste breit.
„Du kennst sie doch“, grinste Tia zurück und bückte sich, um den Tee aus der Glut zu holen. Sie reichte Tamara einen Becher, als diese endlich aus dem Zelt trat. Henn nahm auch ihr die Sachen ab und band sie an das zweite Pferd, während Woran bereits begann, sich am Zelt zu schaffen zu machen.
Eine richtige Rangfolge, bis auf Heras und seine zwei Unteroffiziere, gab es zwar in der Kavallerie nicht, doch wer zuletzt kam, musste helfen, das Lager auf- und abzubauen. Henn und Woran waren zwei der letzten zehn gewesen. Sie hatten sich in Jolan der Reiterei angeschlossen und Tia mochte beide gern.
Überhaupt war es in der Einheit sehr harmonisch, was nicht zuletzt auf die Mischung zurückzuführen war. Tia hatte schon ganz andere Situationen erlebt. Damals, als sie noch Knappin in Lohven gewesen war, war es an der Tagesordnung gewesen, dass die Männer untereinander Machtspielchen gespielt hatten. Sicher, es gab auch heute noch kleinere Scharmützel. Doch alles in allem waren sie eine eingeschworene Truppe, die sich zwar mal kabbelte, aber in der sich jeder auf jeden verlassen konnte.
Meine Familie, dachte Tia und beobachtete dabei lächelnd, wie Henn und Woran sich mit den Zeltstangen duellierten.
„Beeilt euch!“, befahl eine harte Stimme hinter Tia. Sie straffte sich, wandte sich um und grüßte Heras nickend. Er erwiderte den Gruß steif, warf noch einen tadelnden Blick zu den beiden jungen Männern und ritt dann weiter. Killian folgte ihm.
Der zweite Unteroffizier wurde langsamer, als er an Tia vorbeikam. „Geh lieber und kümmer dich um Armar. Er ist heute nicht gut drauf.“
Tia nickte und Killian ritt weiter. Sie schüttete den Rest ihres Tees in die Glut und verabschiedete sich mit einem Winken von den beiden betreten dreinschauenden Jungs und Tamara. Armar stand unweit von Hahna, die Dohan bereits an den Zügeln hielt. Die Knappin sah mürrisch aus. Heute hatte sie offensichtlich kein gutes Händchen für das Streitross.