Читать книгу Küss mich, bis ich Sterne seh - Sylvia Reim - Страница 8
ОглавлениеKapitel 3
Wenn dich eine gute Freundin oder Kollegin um einen Gefallen bittet, dann gehe unbedingt darauf ein. Es könnte eine freudige Überraschung auf dich warten!
Carolina wollte eben aus der Dusche steigen, als sie die Spinne entdeckte. Zugegebenermaßen war die winzig klein, aber die Größe war ihr von jeher völlig egal gewesen. Spinne war Spinne, und selbst so ein Miniding brachte sie auf der Stelle dazu, gellend zu kreischen, und zwar so laut, dass sie sich beinahe selbst die Ohren zugehalten hätte. Als wäre sie eine Gazelle auf der Flucht, sprang sie mit einem gewaltigen Satz aus der Duschtasse, quer über die Spinne, die es sich auf ihrer Badezimmermatte bequem gemacht hatte. Sie ärgerte sich furchtbar über sich. Wie konnte man nur so blöd sein? Es war nur eine Spinne und kein Panther, der da vor ihr im Badezimmer saß. Doch das war ihr egal. Ihr Körper sandte das Signal „Panik“ aus und sie konnte nur noch hysterisch reagieren. Das Schlimmste dabei war, dass sie damit alle Klischees bestätigte, die man so landläufig über Frauen und Spinnen hatte. Sie hasste sich dafür! Da wollte sie als toughe, erwachsene Frau wahrgenommen werden, die immer Herrin der Lage war, überlegt und bedächtig, und dann kreischte sie bei einer Minispinne auf, als würde ein tödlicher T-Rex vor ihr stehen. Permanent schwebte sie in der Angst, es könnte einmal während einer Sendung eine Spinne von der Decke baumeln und sie würde dann vor Tausenden Menschen live im Fernsehen einen ihrer Schreianfälle bekommen. Ein wahrer Albtraum!
Mit spitzen Fingern griff sie nach der Matte, rollte sie zusammen, lief zur Balkontür, öffnete sie und schoss die Matte samt Bestie in hohem Bogen auf die Terrasse. Dass die gesamte Nachbarschaft sie dabei splitternackt sehen konnte, nur verdeckt durch die klatschnassen Haare, die ihr bis weit über den Rücken am Körper klebten, war ihr aber so was von egal. Hauptsache, das Monster war aus ihrer Wohnung verschwunden. Mit zitternden Fingern schloss sie die Balkontür. Erledigt!
Die Sonne strahlte hell durch den zarten, bodenlangen Vorhang, als sie ihn noch etwas schlotternd vor die Balkontür zog. Zur Belohnung, dass sie diese heldenhafte Tat vollbracht hatte, gönnte sie sich ein paar Oliven, die in einer bunten Porzellanschale auf dem Küchentisch standen. Sie wusste, dass sich ihre Freundinnen an dieser Stelle auf eine Tafel Schokolade gestürzt hätten, doch sie war einfach Teil einer spanischen Familie, und da ging ohne Oliven nun einmal rein gar nichts.
Dank des Adrenalins, das nach der Spinnenattacke durch Carolinas Blut peitschte, war sie in kürzester Zeit angezogen und fertig, um in den Sender zu fahren. Sie schlüpfte schnell in eine ihrer Jeans – da hatte sie einen waschechten Spleen, mindestens zwei Dutzend davon lagen in ihrem Schrank –, dazu zog sie ein enges schwarzes T-Shirt an, das gut zu ihrem olivfarbenen Tein passte; ihr dunkles Haar föhnte sie kopfüber auf höchster Stufe trocken. Schminken brauchte sie sich nicht, das würde Lissa im Sender übernehmen.
Kaum saß Carolina vor dem Spiegel in der Maske, stürmte Lissa auch schon herein und klatschte die Zeitung mit einem lauten Knall vor ihr auf das breite Schminkbord, das beladen war mit Paletten voll buntem Lidschatten, Cremedöschen aller Größen und einer ganzen Batterie von Make-up-Fläschchen.
„Jetzt hab ich echt ein Problem“, jammerte Lissa los, während sie damit begann, Carolinas Haar zu frisieren und professionell auf Wickler zu drehen, damit sie in rund einer Stunde zu Sendungsbeginn – an den Spitzen in schönen großen Locken – über ihren Rücken fallen würden.
„Was ist los?“, fragte Carolina und reichte ihr einen Lockenwickler.
„Ich weiß nicht, ob ich dir erzählt hab … Ich steh da doch auf so einen Typen, der ein großer Fußballfan ist.“
„Nicht, dass ich wüsste.“
„Na, ist ja auch egal. Jedenfalls wollte ich ihn überraschen und habe Karten für das heutige Match besorgt, was gar nicht so leicht war, das kannst du mir glauben, und nun kann er heute Abend nicht“, fuhr sie fort und wickelte dabei aus lauter Eifer eine Strähne so fest, dass Carolina vor Schmerz zusammenzuckte. „Entschuldige! Aber ich bin richtig wütend! Was mach ich nun mit der einen Karte? Wenn mir die nur jemand abnehmen würde!“ Sie schielte unauffällig zu Carolina. „Wie wäre es denn mit dir? Möchtest du denn nicht mit mir gehen?“, fragte sie so nebenbei wie möglich.
Es fiel ihr ganz und gar nicht leicht, Carolina etwas vorzuspielen; sie hatte null Übung darin. Doch sie hatte es Leo hoch und heilig versprochen, als er angerufen hatte, um ihr seinen Plan zu erzählen. Er hatte kaum begonnen, sie honigsüß zu beknien, sie müsse ihm unbedingt helfen, als sie auch schon ohne lange zu überlegen zugestimmt hatte. Ihr Bruder war einigermaßen baff darüber gewesen, wie blitzschnell sie zugesagt hatte. Doch sie hatte einfach die einzigartige Chance ergriffen, als Amor ihr seine rosaroten Pfeile in die Hand gedrückt hatte. Seit Langem schon suchte sie verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihren Bruder und Carolina zu verkuppeln. Denn wenn sie irgendetwas in ihrem chaotischen Leben mit absoluter Bestimmtheit wusste, dann, dass die beiden zusammengehörten wie Marilyn Monroe und Chanel No 5! Ihr Bruder war ein herzensguter Mensch, wenn er auch seit seinem Unfall nie wieder so richtig die Balance gefunden hatte. Auch deshalb hoffte sie, dass die beiden zusammenfanden: Carolina war bei all ihrem Temperament meist ausgeglichen, sie würde ihm gut tun.
Lissa straffte die Schultern und fuhr fort: „Es wäre doch wirklich schade, die Karte verfallen zu lassen, und so schnell finde ich doch sonst niemanden.“
Carolina schaute Lissa skeptisch an. Wie kam sie nur auf die Idee, sie wolle sich ein Fußballmatch anschauen? Sie hatte ihr doch noch nie davon erzählt, dass bei ihren Eltern zu Hause Fußball als eine Art Religion galt: Ihr Vater war ein geradezu besessener Anhänger des FC Barcelona. Ihre Eltern stammten beide aus Barcelona und auch sie war noch in dieser katalanischen Stadt geboren, bevor ihre Familie ausgewandert war, um das große wirtschaftliche Glück zu finden. Ihre Eltern waren sehr stolz auf das Erreichte – auch wenn sie weit davon entfernt waren, reich zu sein –, vor allem aber natürlich auf sie, auf ihre Tochter, die studiert hatte und beim Fernsehen nun ein Star war. Jedes Mal, wenn sie zu Hause in Spanien bei den Verwandten anriefen – also beinahe täglich –, wurden Carolinas Ruhm und Erfolg stundenlang besprochen. Besonders ihr Vater neigte dabei zu geradezu peinlich übertriebenem Aufschneiden, worüber sie ihm aber nie böse war; er liebte sie einfach, und in seinen Augen war es die absolute Wahrheit, die er über seine Tochter erzählte. „Wann geht es denn los?“, fragte sie.
Lissa jubilierte innerlich. Das ging ja besser, als sie gedacht hatte. „Um 20 Uhr ist Anpfiff.“
„Ach, dann geht es doch nicht. Das ist mir zu knapp nach der Sendung. Da muss ich mich sonst so beeilen, und das ist mir dann zu stressig.“
Lissas Jubel schrumpfte auf die Größe einer Schrumpelrosine. „Aber schau“, sagte sie mit möglichst überzeugt klingender Stimme, während sie zur Zeitung griff, „sogar dein Horoskop meint, du solltest darauf eingehen. Hier lies!“
Carolina nahm ihr die Zeitung aus der Hand und fuhr mit dem Zeigefinger bis zu der Spalte mit dem Horoskop für den Widder:
Wenn dich eine gute Freundin oder Kollegin um einen Gefallen bittet, dann gehe unbedingt darauf ein. Es könnte eine freudige Überraschung auf dich warten.
Carolina wusste, dass ihre Mutter und auch ihre Großmutter auf der Stelle „ja“ sagen würden; sie waren beide felsenfest davon überzeugt, dass die Sterne ihr Leben beeinflussten. Wenn im Horoskop stand Setzen Sie heute keine Fuß vor die Tür, dann blieb man eben daheim, auch wenn draußen die Königin von Spanien höchstpersönlich vorbeiging. Und wenn im Horoskop stand Heute geht die Erde unter, dann kochte man eben noch schnell eine köstliche Paella und wartete auf den großen Knall. Selbstverständlich glaubten Mama und Oma nur einem speziellen Horoskop, nämlich dem einer kleinen katalanischen
Regionalzeitung, die sie sich täglich schicken ließen. Sie bekamen die Zeitung zwar immer erst mit einem Tag Verspätung, aber die Sterne lügen auch einen Tag später nicht. Ging die Welt halt erst mit etwas Verzögerung unter, auch nicht schlecht. Carolina überlegte, wie viel von Mutter und Großmutter in ihr steckte. „Wann fahren wir los?“, fragte sie.
Leo hatte es sich eben in der engen Reporterkabine gemütlich gemacht, als Niklas die Tür öffnete und mit zwei großen Bechern Kaffee beladen hereinkam.
„Sie kommt“, sagte Leo zufrieden und nahm Niklas vorsichtig einen Becher ab. „Lissa hat mich angerufen. Es klappt alles nach Plan!“
Er versuchte gar nicht erst, seine aufsteigende Begeisterung zu verheimlichen. Es passte alles: Das Stadion war bis unters Dach gefüllt, 60.000 Menschen waren da und bildeten eine beeindruckende Kulisse. Da musste man schon ein Übermaß an Mut haben, um sich aufs Spielfeld zu stellen und ein Interview zu führen, das laut im Stadion übertragen wurde. Leo wusste, dass er das konnte. Aus seiner Zeit als aktiver Fußballer kannte er die Atmosphäre nur zu gut. Nichts war schöner für einen Spieler, als aus der Kabine zu kommen und mit lauten Sprechchören empfangen zu werden; der Moment vor dem Spiel war magisch. Voll aufgeladen, wild aufs Match und die Energie der Massen; er hatte es geliebt. Bis zu seinem Unfall, dann war Schluss damit gewesen.
„Besonders hast du dich aber nicht in Schale geworfen“, unterbrach Niklas seine Gedanken. Er musterte seinen Freund, der tief auf der Hüfte sitzende Jeans trug, dazu ein enges hellgraues Shirt und schwarze Sportschuhe. Andererseits konnte Leo tragen, was er wollte, er hatte immer diese natürliche Lässigkeit, die ihn wirken ließ, als wäre es ihm total egal, was er an hatte. Was nicht stimmte, er wusste genau, was ihm passte. Allerdings musste es praktisch sein, er wollte nicht viel Zeit dafür aufwenden.
Leo grinste ihn an. „Hätte ich im Frack kommen sollen? Nein, es passt schon so. Ich will sie ja mit meinem unglaublichen Witz und meinem verdammt großen Wissen beeindrucken!“, fügte er selbstironisch hinzu und ließ dabei sein viertes Stück Zucker unauffällig in seinen Kaffee fallen.
Auch wenn Leo das verdammt große Wissen in einem spöttischen Ton angesprochen hatte, so wusste Niklas doch, dass er damit durchaus recht hatte. Leo kannte sich in der Fußballwelt tatsächlich richtig gut aus, da konnten ihm nicht viele das Wasser reichen. Daten, Zahlen, Fakten wusste er aus dem Stegreif, dazu kamen ein feines Gespür für die richtigen Fragen und die Liebe zum Spiel, die ihn als Reporter beinahe unschlagbar machten. Der Anpfiff riss ihn aus seinen Gedanken.
Leo beobachtete das Spiel genau und dabei fetzte er mit dem Bleistift über sein Notizbuch und notierte einzelne Stichwörter. Er benötigte einiges an Material, denn er musste nicht nur das Interview führen, sondern danach auch einen Bericht für den morgigen Sportteil in der Zeitung abliefern. Er schrieb so hastig, dass er im Eifer des Gefechts den Block verschob, dabei seinen Kaffeebecher umstieß und sich die braune Brühe blitzartig über den Tisch und seine sämtlichen Notizen ergoss.
„Scheiße!“, schrie er auf und schob eilig seine wichtigen Unterlagen zur Seite.
Schneller, als er schauen konnte, hatte Niklas eine Zeitung genommen und über den See, der sich gebildet hatte, geworfen. „Schreib du weiter, ich beseitige das Chaos hier!“, rief er und tunkte dabei bereits wie ein Wilder mit zerknüllten Papierstücken den Kaffee auf, der bereits über die Tischkante lief.
Mit lautem Quietschen rutschte Leo schnell ein Stück mit dem Sessel zurück, doch es war zu spät: Die Flüssigkeit tropfte auf seine Hose und hinterließ einen mächtigen braunen Fleck. Na, super! Er würde vor Tausenden Menschen mit einem Kaffeefleck auf der Hose stehen! Wunderbar, wer konnte sich etwas Schöneres wünschen! Ärgerlich wischte er mit einem Zipfel seines Shirts über die Stelle, was dazu führte, dass dieses nun auch einen braunen Fleck hatte. Es wurde ja immer besser! Aber vielleicht würde es auch keinem wirklich auffallen.
„Wow, was hast du denn da für Flecken?“, sagte Niklas in diesem Moment, was Leos Hoffnung auf der Stelle zunichte machte.
Was konnte er tun? Leo überlegte kurz, ob er auf einen Sprung nach Hause fahren sollte, doch dafür reichte die Zeit nicht. Vielleicht konnte er sich das Shirt von Niklas leihen? Ein rascher Blick auf dessen Aufschrift „Arsch für alles“ ließ diesen Plan in Nullkommanichts in sich zusammenfallen. Über seinen modischen Geschmack musste er mit seinem Freund einmal ernsthaft diskutieren. Vielleicht lag es ja daran, dass er sich so schwer tat, eine Freundin zu finden. Wer wollte schon einen Mann mit solchen Sprüchen am Shirt? Selbst Superman himself wäre damit in argen Argumentationsnotstand geraten. Niklas war ein hübscher Kerl, mit seinen dunkelblonden Haaren, die ihm immer irgendwie über die Augen hingen, und an seiner sportlichen Figur war nichts auszusetzen. Doch die Damenwelt nahm auch das Styling wahr, so viel stand in Leos Augen fest.
„Du könntest dir das Shirt verkehrt herum anziehen“, sagte Niklas und sah ihn dabei grübelnd an.
Leo stellte sich vor, wie es wäre, vor laufenden Fernsehkameras zu stehen und das Etikettenschild seines Shirts würde dabei vor seinem Hals lustig im Wind flattern. Auch kein wahrhaft schönes Bild. „Ach, ist doch egal! Ich bin kein Model, sondern Sportreporter, und es geht um das Spiel und nicht darum, wie sauber meine Kleidung ist!“, sagte er mürrisch und versuchte dabei möglichst überzeugend zu klingen, auch wenn er sich dabei ganz und gar nicht sicher war.
Es war ein sehr schnelles, hartes Spiel. Durch die Diskussionen rund um seinen Kaffeeunfall hatte er zwar ein paar Minuten versäumt, es hatte sich aber nichts Entscheidendes ereignet und er versuchte sich nun wieder ganz auf das Match zu konzentrieren. Gleich in der ersten Halbzeit gab es zwei gelbe Karten nach heftigen Fouls und ein Spieler musste nach einem derben Schlag auf die Wade ausgewechselt werden. Mit der Trage brachte man ihn aus dem Stadion. Wie immer bei solchen Situationen, zog sich Leos Magen schmerzhaft zusammen.
Das Spiel endete nach einer Nachspielzeit von drei Minuten mit einem 2:2 unentschieden, was für Leo durchaus in Ordnung ging. Er sammelte seine Unterlagen zusammen. Es waren ihm jede Menge bissige Kommentare und Fragen eingefallen und er hatte keine Sorge, dass das Interview gut laufen würde. Die nassen Stellen auf seiner Hose klebten unangenehm auf seiner Haut, als er nach seinem Bleistift fischte. Auch egal! Ob er nasse oder trockene Flecken auf seiner Jeans hatte, spielte doch tatsächlich keine Rolle mehr.
Im Eiltempo hastete er in Richtung Spielfeldrand, wo bereits ein Pult und zwei Kameras aufgebaut waren. Er fühlte sich wie ein Gladiator beim Einzug in die Arena; allerdings hatte er statt einer Lanze einen abgenagten Bleistift in der Hand, was den Auftritt doch ein klein wenig schmälerte. Beinahe hatte er den Rasen erreicht, und er wollte eben dem Kameramann zurufen, dass sie gleich loslegen könnten, als sich seine Schuhspitze in einem Kabel verfing und er nur mit viel akrobatischem Können einen Sturz verhinderte. Seine Unterlagen ließ er dabei allerdings los und die flatterten nun fröhlich im Wind davon, um wahrscheinlich Menschen auf der anderen Seite der Erde davon zu berichten, wie das heutige Spiel so abgelaufen war. Was war denn nur heute mit ihm los? Zuerst der Kaffeebecher und nun das Kabel!. Er war normalerweise nicht der Typ, der stolpernd durchs Leben ging und rund um sich Chaos verursachte. Jetzt reiß dich zusammen, so nervös kann dich das kleine Nugathäschen doch nicht machen! Mit einer Spur Wut über seine eigene Ungeschicktheit stieg er sorgsam über das Kabel und begrüßte den Kameramann. „Wir können loslegen“, sagte er. „Wer ist mein erster Gesprächspartner?“ Den starren Blick des Kameramanns auf sein mit einem mächtigen Kaffeefleck verziertes Shirt versuchte er geflissentlich zu übersehen.
Der erste Spieler, den er interviewte, war ein junger Bursche, der kaum Medienerfahrung hatte, was man ihm auch anmerkte. Seine Mundwinkel zuckten und seine Antworten bestanden nur aus abgehackten Wörtern, die klangen, als wären sie eine Art Geheimsprache unter Marsianern. Die Scheinwerfer, die ihn anschienen, brachten ihn völlig aus dem
Konzept. Als Leo ihn gnädig aus dem Interview entließ, ohne ihn völlig fertiggemacht zu haben, sah man ihm an, dass er ihm aus Dankbarkeit darüber am liebsten um den Hals gefallen wäre. Es machte Leo einfach keinen Spaß, jemanden anzugehen, wenn der sich überhaupt nicht wehren konnte.
Nach zwei weiteren mehr oder weniger wortgewandten Spielern kam endlich der Kapitän vor sein Mikro. Leo kannte ihn und wusste, dass er harte Fragen vertrug und auch Paroli bieten konnte.
„Zufrieden kannst du mit dem Unentschieden ja wohl nicht sein“, begann er das Gespräch und unterband damit gleich einmal jedes Gerede über ein Unentschieden, mit dem man ja wohl zufrieden sein könne. Leo merkte, wie sein Gegenüber kurz aus dem Konzept kam, da er offenbar genau das hatte sagen wollen, doch er fing sich schnell und antwortete, dass es nicht immer ein Sieg sein könnte, auch wenn sich die Mannschaft voll eingesetzt hätte und er überhaupt sehr stolz auf sein Team wäre, bla bla.
Leo fiel im ins Wort. „Ihr steuert heuer also nicht den Meistertitel an, sondern maximal Platz fünf, denn mehr wird mit dieser Leistung nicht drin sein?“
Man sah deutlich, wie der Kapitän schluckte. „Nun ja, eigentlich wollten wir unseren Titel verteidigen, aber du hast recht, wir werden da wohl noch etwas nachlegen müssen.“
Leo bohrte noch etwas nach, fragte nach geplanten Zukäufen für die Mannschaft und etwaige Abgänge. „Und noch eine letzte Frage“, sagte er, als ihm der Regisseur ein Zeichen gab, dass die Interviewzeit gleich vorüber wäre. „Solltet ihr doch die Meisterschaft gewinnen, gönnst du dir dann deinen dritten Lotus?“
Der Kapitän sah ihn zunächst erstaunt an, lachte dann aber laut auf. „Warum nicht?“, sagte er und schlug Leo zum Abschluss die Hand auf die Schulter.
Leo wusste von der Autoleidenschaft des Kapitäns und sah nicht ein, warum er nicht sagen durfte, dass es nicht nur um die Liebe zum Spiel ging, sondern einige damit auch richtig Kohle scheffelten. Die Zuschauer im Stadion lachten und Leo merkte sofort, dass seine Interviews gut angekommen waren. Zufrieden mit sich selbst legte er das Mikro auf das Pult.
Niklas kam auf ihn zu. „Gut gemacht! Da wirst du wohl ein dickes Lob von unserem Alten bekommen!“
„Das Lob ist mir egal, ich hoffe nur, ich werde damit meine Wette gewinnen.“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass Carolina nicht beeindruckt davon wäre, wie er vor all den Menschen so souverän ein Interview geführt hatte. Er selbst hielt nichts von all dem Stargerede, aber sie war ja immerhin eine TV-Tante, die sicher auf so etwas stand. Das hatte er ihr gleich angesehen – sie war schon wie Fräulein Superwichtig bei der Party erschienen, als Letzte, damit sie auch wirklich jeder sah. Das hatte er schon gern!
Carolina gönnte sich eben ein paar vor Fett nur so triefende Pommes frites, dazu reichlich Ketchup und Mayonnaise, als sie sein Gesicht auf der überdimensionalen Videowand sah. Der Schreck fuhr ihr dermaßen in die Knochen, dass sie sich auf der Stelle verschluckte, und hätte ihr Lissa nicht helfend auf den Rücken geschlagen, wäre sie wahrscheinlich den unwürdigen Tod des Erstickens an einem Pommes-frites-Bröckchen gestorben. Und das seinetwegen! Leos Gesicht grinste ihr in der Größe eines mittelgroßen Planeten entgegen.
„Da, schau!“, kreischte sie laut auf und vergaß dabei ihr jahrelanges Stimmtraining. Hätte ihr Sprechtrainer sie dabei gehört, hätte er ihr auf der Stelle wegen völliger Erfolglosigkeit seiner Trainingsmethode das Geld zurückgegeben.
Lissa tat überrascht. „Ach, schau her, Leo! Damit hab ich ja überhaupt nicht gerechnet!“ Sie hoffte, dass sie den passenden Gesichtsausdruck für völlige Überraschung getroffen hatte.
„Diese Überraschung hätte mir gerne gestohlen bleiben können!“ Carolina versuchte erst gar nicht, ihr Missfallen über dieses unerwartete Erlebnis zu verbergen. Der konnte ihr doch echt gestohlen bleiben. Missmutig stopfte sie sich ihre restlichen Pommes frites in den Mund. Es war ihr in diesem Moment total egal, dass das wahrscheinlich nicht unbedingt sehr damenhaft aussah. Und was hatte der überhaupt für Flecken auf seiner Hose und seinem Shirt? Hatte dem keiner gesagt, dass man sich für einen Auftritt vor Publikum einigermaßen gepflegt anzuziehen hatte? Das lernte man in der allerersten Stunde für Präsentationstechnik! Carolina schnaubte durch die Nase. Daran merkte man wieder, dass er keinerlei Respekt hatte, nicht vor seinem Publikum, für das er sich nicht einmal etwas Sauberes angezogen hatte, und nicht für die Spieler. „Was stellt denn der für ätzende Fragen?“, raunte sie Lissa zu, als Leo eben den jüngsten Fußballer der Mannschaft vor dem Mikro hatte. „Der kann sich doch überhaupt nicht wehren, das sieht doch jeder. Ich fasse es nicht! Es ist ihm einfach scheißegal, wie es seinem Gegenüber geht!“ Sie hatte sich so in Rage geredet, dass sie die leere Pommestüte wütend in den Abfalleimer neben ihr schoss. Auch das restliche Interview war ihrer Meinung nach um kein Haar besser, überheblich und respektlos ging er mit den Spielern um; sie hatte ihn also völlig richtig eingeschätzt. „Komm, gehen wir“, sagte sie zu Lissa, nahm ihren schwarzen Shopper und stand auf. „Ich habe überhaupt keine Lust mehr, mir diese Folter weiter anzuhören!“
Lissa brach der Schweiß aus sämtlichen Poren. Leo hatte ihr extra eingebläut, sie dürfe erst nach dem Interview in Richtung der Reporterkabinen gehen, wo sie dann wie zufällig zusammenstoßen würden. Der ganze schöne Plan würde kippen, solange Leo noch unten auf dem Rasen stand. Sie musste sich irgendetwas einfallen lassen, um Zeit zu gewinnen. „Aua!“, stöhnte sie plötzlich laut auf.
„Was ist?“, fragte Carolina und sah ihre Kollegin besorgt an. „Geht es dir nicht gut?“
„Ich glaub, ich hab … mir eben den Knöchel verstaucht!“, hauchte Lissa und tat dabei so, als würde sie sich den Fuß massieren.
„Wie kann denn das passieren? Du bist doch noch gar nicht aufgestanden.“ Carolina schaute skeptisch.
„Das ist … ein Gendefekt! Den hab ich geerbt.“ Lissa hätte sich in diesem Augenblick ohrfeigen mögen. Eine blödere Erklärung gab es ja wohl kaum.
„Man kann einen verstauchten Knöchel erben?“
„Ja, das hat nur einer von 20 Millionen Menschen. Mich hat es leider erwischt.“ Sie kringelte sich innerlich.
„Davon hab ich ja noch nie gehört.“ Carolina schüttelte ungläubig den Kopf. „Kannst du wenigstens auftreten?“
Lissa sah aufs Spielfeld, Leo war weg. Bestens! „Ja, ich glaube, es war doch falscher Alarm“, sagte sie, hüpfte auf und zog Carolina mit sich. Jetzt galt es keine Zeit mehr zu verlieren, sie mussten Leo genau im richtigen Moment treffen.
„Das nenn ich Wunderheilung“, murmelte Carolina und ließ sich durch die Massen mitziehen.
Carolina hatte keine Ahnung, wo sie hin mussten, und ließ sich von Lissa einfach leiten. Das Gedränge und Geschubse war beinahe unerträglich, sodass sie sich fest an ihre Freundin anklammerte, um sie nur nicht zu verlieren. Alleine wäre sie völlig aufgeschmissen gewesen; dass es so etwas wie einen Orientierungssinn gab, wusste sie nur aus Erzählungen. Selbst drei Straßen von ihrer Wohnung entfernt würde sie sich verlaufen, wenn man sie bei Nacht und Nebel aussetzte. Sie konnte von Glück sagen, wenn sie sich in ihrer Wohnung nicht verlief!
„Na, wen trifft man denn da?“, sagte da plötzlich jemand dicht neben ihr.
Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre es Carolina nicht gelungen zu verhindern, dass ihre Gesichtszüge ihr völlig entglitten. Ihre Kinnlade klappte nach unten und ihre Augen hatten den Ausdruck eines auf das Äußerste überraschten Kaninchens. Das konnte es doch nicht geben: Tausende Menschen waren in diesem Stadion und wem lief sie über den Weg? Diesem Schnösel von Lissas Party! Warum in aller Welt? Warum lief sie zur Abwechslung nicht einmal dem Richtigen über den Weg?
„Hallo, Carolina“, sagte Leo und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie musste sich mächtig beherrschen, um seine Hand nicht einfach nur wegzuschlagen, so als ob er eine ekelige, ansteckende Krankheit hätte. Doch auf der Stelle meldete sich der Bereich in ihrem Hirn, der für gute Erziehung zuständig war; warnend hob er den moralischen Zeigefinger. Auch wenn sie es noch so sehr reizte – die gute Erziehung ihrer Eltern verbot ihr das. Ihre Großmutter würde sie dafür mit einem ihrer berüchtigten Blicke strafen, die einem dermaßen durch Mark und Bein gingen, dass man drei Tage danach noch ein fürchterlich schlechtes Gewissen hatte und man am liebsten auf Knien nach Lourdes robben würde, um dort um Vergebung zu bitten; ihre Großmutter Pilar konnte das tatsächlich. Warum hatte sie das eigentlich nicht geerbt, wenn man angeblich schon verstauchte Knöchel erben konnte? Widerwillig nahm sie die Hand.
„Hallo“, knurrte sie. „Na, hast du deine tägliche Ration Wie quäle ich am besten meine Mitmenschen? hinter dich gebracht?“ Carolina war entsetzt darüber, wie schnell er sie allein schon durch seine Anwesenheit auf die Palme brachte. Das war normalerweise überhaupt nicht ihre Art, sie hatte ihn bisher doch nur einmal gesehen! Allerdings hatte es dieses eine Mal ihrer Meinung nach ganz schön in sich gehabt, er musste irgendeinen hypersensiblen Nerv in ihr zum Schwingen gebracht haben, anders konnte sie sich ihr Verhalten nicht erklären. Sie musste dringend an ihrer kühlen Zurückhaltung arbeiten. Konzentriert atmete sie langsam aus. Sie deutete auf den Kaffeefleck auf seinem Shirt. „Wusste gar nicht, dass der Mistkübel-Look in Mode ist“, sagte sie und versuchte dabei kühlen Sarkasmus an den Tag zu legen. Ihr Blick glitt weiter zum braunen Fleck auf seiner Jeans. „Sich für sein Publikum sauber anzuziehen, ist aber auch wirklich eine unglaubliche Zumutung. Du hast völlig recht damit, diesem verstaubten Verhaltenskodex abzuschwören!“ Carolina war begeistert über ihren Ton, genau so wollte sie ihn. Kühl, distanziert, gespickt mit einem Hauch Ironie.
Deutlich konnte sie sehen, dass Leo überrascht war. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass auch sie zu Sarkasmus und Ironie fähig war. Carolina war sehr zufrieden mit sich. Selbstsicher warf sie ihre langen Haare in den Nacken und sah ihn dabei herausfordernd an. Sie war bereit für die nächste Runde!
„Ketchup-Flecken gehören meiner bescheidenen Meinung nach aber auch nicht unbedingt zur Etikettenregel Nummer eins!“, sagte Leo mit hochgezogener Augenbraue und deutete dabei auf ihr Shirt.
Wovon sprach er da bitte? Carolina schaute an sich herab und konnte nicht glauben, was sie da sah: Offenbar hatte sich ein dick in Ketchup getunktes Pommes-Stäbchen selbstständig gemacht und war auf ihr weißes T-Shirt gerutscht, was einen sehr hübschen megaroten Fleck mitten auf ihrer linken Brustspitze hinterlassen hatte. Es sah aus, als wäre sie angeschossen worden. Wie peinlich! Sie fuhr ihn wegen seiner schmutzigen Kleidung an und lief selbst herum wie ein Kindergartenkind, das noch nicht alleine essen konnte. Hastig wischte sie mit einem Taschentuch über den roten Fleck, was dazu führte, dass der rund zwei Zentimeter große kreisrunde Fleck zu einem rund zehn Zentimeter großen kreisrunden Fleck wurde. Je mehr sie rieb, umso größer wurde der Fleck, bis beinahe die komplette linke Seite ihres Shirts mit Ketchup verschmiert war.
Als sie ihren Kopf hob, sah sie direkt in Leos grinsendes Gesicht. „Ich würde ja gerne helfen, wenn ich nicht wüsste, dass dieses Angebot falsch verstanden werden könnte“, sagte er, und sie sah ihm an, wie sehr er die Situation genoss.
„Danke für das Angebot“, fauchte sie ihn an, „aber bevor ich mir von dir helfen lasse, laufe ich lieber herum, als hätte mich ein Zombie angeknabbert!“ Sprach’s, drehte sich um, bedeutete Lissa mitzukommen und ging in großen, ausladenden Schritten davon, so schnell sie ihre Füße mit Schuhgröße 36 trugen. Und das war im Anbetracht der Wut, die in ihr brodelte, ganz schön schnell.
Lissa konnte kaum mit ihr Schritt halten. „Kannst du mir verraten, warum du dich auf der Stelle in eine Xanthippe verwandelst, sobald du Leo siehst? Um Gottes willen, was hat er dir denn getan?“
„Er nimmt mich nicht ernst und hält mich für ein dummes Gör, das nur durch ihr niedliches Äußeres beim Fernsehen gelandet ist. Und das lasse ich mir nicht gefallen!“, brach es aus Carolina heraus. Sie war selbst davon überrascht, wie sehr sie dieser Mann herausforderte. Sie hatte sehr wohl erkannt, wie begeistert die Menschen im Stadion von seinem Interview waren, wie laut aufgelacht wurde, aber für sie kam immer nur rüber, dass er ein überaus zynischer Mensch war, der seinen Frust an seinem Gegenüber ausließ, und das brachte sie zur Weißglut, so sehr sie sich auch wünschte, zurückgelehnt und reserviert zu bleiben und so zu tun, als würde sie ihre Gefühle immer unter Kontrolle haben.
Auf dem Heimweg sprachen sie nur noch belanglose Sachen: ob es denn in den nächsten Tagen so tropisch heiß bleiben würde, ob „Caramel-Pistazie“ das beste Eis der Saison wäre. Das Thema Leo vermieden sie geflissentlich.
Lissa hatte keine Lust, darüber zu reden, weil Leos Plan, Carolina zu beeindrucken, absolut schiefgegangen war. Wie es schien, konnte sie den Traum – ihren Bruder mit der besten Frau, die sie sich für ihn vorstellen konnte, zusammenzubringen – endgültig aufgeben. Mit hängenden Schultern trottete sie neben Carolina her, bis sie sich verabschiedeten. „Wir sehen uns morgen im Sender“, sagte Lissa und drückte Carolina zwei Küsschen auf die Wange.
Kaum war Carolina zu Hause, füllte sie eine kleine handbemalte Keramikschale mit dunkelgrünen Oliven und warf sich aufs Sofa. Lustlos knabberte sie an den grünen Beeren. Sie war eigentlich normalerweise schlagartig guter Laune, sobald sie die Tür hinter sich schloss und sie in ihrem eigenen Reich war, in ihrer Wohnung, die sie so gestaltet hatte, wie sie es sich immer gewünscht hatte: hell, freundlich und offen. Sie hatte sich für eine Altbauwohnung entschieden, weil die Räume so herrlich hoch und luftig waren und sie einfach das Flair, das diese alten Mauern ausstrahlten, liebte. Sie hatte beinahe das Gefühl, als erzählten sie von den Menschen, die vor ihr in diesen Räumen gelebt hatten. Eingerichtet hatte sie die Räume mit einer bunten Mischung aus modernen, neuen Möbelstücken und alten, gebrauchten Teilen vom Flohmarkt, die sie liebevoll restauriert hatte; oder zumindest hatte sie es so gut es ging versucht. Dazu hatte sie einzelne stylishe Dekostücke arrangiert, wobei es ihr wichtig war, die Wohnung eher klar und schlicht zu halten; den mit gehäkelten Deckchen und Porzellanfiguren völlig überladenen Stil ihrer Familie hatte sie jedenfalls bewusst vermieden. Doch heute wollte sich dieses Wohlgefühl partout nicht einstellen. Eigentlich hatte sie ihrer Mama versprochen, am Abend kurz anzurufen, doch sie hatte absolut keine Lust darauf. Das Gespräch würde doch nur wieder damit enden, dass ihre Mutter ihr mit gewissem Nachdruck vorschlug, doch einen spanischen Mann zu heiraten, der würde sie besser verstehen. Sie wollte aber keinen Spanier! Ihre spanische Familie war ihr schon laut und melodramatisch genug, da brauchte sie nicht auch noch so einen Mann! Für das stoische Ertragen unnachahmlicher Dramen bei diversen Familienfesten gebührte ihr so und so ein Orden, ein goldener noch dazu! Wer konnte schon von sich behaupten, eine Tante zu haben, die zu sämtlichen Feiern Plastikschalen in diversen Größen mitbrachte, um sie dann – zum Mitnehmen nach Hause – mit Tapas bis zum Rand zu füllen. Wohlgemerkt bevor das Fest begann! Oder Onkel Pablo, der jedes Mal so ausgiebig dem Rioja zusprach, dass er noch bei Tisch mit offenem Mund einschlief – was kein erbaulicher Anblick war, vor allem, weil seine Zähne nach einer gründlichen Sanierung verlangten. Sie stopfte sich eine weitere Olive in den Mund. Was sie aber echt ärgerte, war, dass doch tatsächlich alle glaubten, sie mit ihrem Aussehen könnte doch alle haben. Was für ein ausgemachter Blödsinn! Die, die sie wollten, waren allesamt aufgeblasene Idioten, die mit ihrer Schönheit angeben wollten. Und war es nicht das, dann gaben sie damit an, dass sie beim Fernsehen arbeitete. Wie sie es auch drehte und wendete: Keiner liebte sie für das, was sie war und wie sie war. Abgesehen natürlich von ihren Eltern und ihrer Oma; aber das war ihr in diesem Moment auch kein rechter Trost. Die hätten sie auch geliebt, wenn sie tatsächlich hässlich wie ein Grottenolm und dumm wie ein Teebeutel wäre; das zählte also ganz und gar nicht. Wenn sie ihr Liebesleben in wenigen Worten zusammenfassen musste, dann blieb nicht viel übrig: Carolina Maria Martinez Herrera, 27 Jahre, unglücklicher Single. Bisher eine lange Beziehung über zwei Jahre, die deshalb zu Ende ging, weil er schließlich doch bemerkte, dass er eher auf langbeinige Blondinen als auf kleine Spanierinnen stand. Und schließlich noch drei kurze Beziehungen: die letzte vor fünf Monaten. Dauer: acht Wochen, so lange, bis sie mitbekam, dass er sie nur als hübsches Schmuckstück an seiner Seite wollte. Sie wollte aber kein Edelsteinchen an einer Kette sein, auch wenn es eine goldene Kette war, die er ihr geboten hatte. Daraufhin war Schluss gewesen! Aber was wäre, wenn er recht gehabt hatte und sie tatsächlich nicht mehr zu bieten hatte als ihr hübsches Gesicht, wenn sie tatsächlich langweilig und uninteressant war? Vielleicht war es einfach nur eine kindische, naive Vorstellung zu glauben, es gebe den Einen für sie, den, der alles überstrahlte, der sie erkannte, wie sie war. Für sie stand langsam fest: Sie würde alleine bleiben und selbst ein ganzes Fass Oliven würde sie über diesen Frust nicht hinwegbringen.
Leo und Niklas leisteten sich für die Heimfahrt ein Taxi. Erst als sie bereits im Auto saßen, erkannten sie, dass sie nicht das neueste Modell erwischt hatten, sondern eines, das verdammt nach Baujahr 1972 aussah, als das Wort Klimaanlage noch ein absolutes Fremdwort war. Wie auf Kommando kurbelten sie die Fenster herunter, um nicht auf der Stelle den plötzlichen Hitzetod zu sterben. Das Auto war der reinste Backofen! Obwohl es bereits knapp vor Mitternacht war, hatte es immer noch um die 30 Grad.
Leos Shirt klebte unangenehm an seinem Körper, als er noch schnell ein paar letzte Sätze in den Laptop auf seinem Schoß hämmerte, bevor er seinen Artikel über das Spiel an den Chefredakteur abschickte. Den Großteil hatte er bereits nach dem Match in der Reporterkabine getippt, er brauchte nur noch ein paar Korrekturen anzubringen. Zufrieden klappte er den Laptop zu und steckte den Kopf aus dem Fenster, um sich den Fahrtwind ins Gesicht blasen zu lassen; anders war die Fahrt nicht zu überstehen. Er konnte sich nun gut vorstellen, wie man sich in der Wüste Gobi fühlen musste.
„Ist wohl nicht so gut gelaufen“, hörte er plötzlich Niklas rufen. Auch er hielt sein Gesicht aus dem Fenster und musste ziemlich laut gegen den Fahrtwind anschreien, damit Leo ihn hörte.
„Was meinst du?“, rief Leo zurück.
„Na, dein Plan, Carolina mit deinem Interview im Stadion zu beeindrucken. Sie hat nicht sehr beeindruckt ausgesehen, als sie mit wehenden Haaren davongestapft ist. Ich habe euch aus der Reporterkabine gesehen. Warum war sie eigentlich so wild?“
„Was?“, schrie Leo. Er hatte kein Wort verstanden, der Fahrtwind rauschte laut in seinen Ohren.
„Warum sie so wild war, wollte ich wissen“, schrie Niklas.
In diesem Moment drehte der Fahrer das Radio lauter, brüllend laute Country-Musik von den Dixie Chicks schallte durch den Wagen. Im Rückspiegel sah Leo den grimmigen Blick des Fahrers, der sich offenbar beim Genuss seiner Lieblingsmusik nicht durch ihre Schreierei stören lassen wollte.
„Ich weiß nicht genau“, rief Leo zurück. Er musste nun nicht nur gegen den Fahrtwind, sondern auch gegen fidele Country-Klänge anschreien, was das Reden mit Niklas nicht einfacher machte. „Sie hatte sich einen großen Ketchup-Fleck auf ihr weißes Shirt gemacht, und wahrscheinlich war das für Señorita Supereitel ein guter Grund, um sauer zu sein.“ Genau konnte er es sich auch nicht erklären. Klar war ihm nur, dass sein Plan, sie im Stadion zu beeindrucken, überraschenderweise fehlgeschlagen war.
„Gibst du jetzt auf? Ist dir die Aufgabe zu viel? Vielleicht kannst du ja doch nicht alle haben? Carolina scheint bis jetzt, um es vorsichtig auszudrücken, nicht sehr interessiert zu sein.“ Niklas brüllte so laut, dass ein zufällig am Straßenrand stehender Passant erschrocken einen Sprung zur Seite machte.
Leo zog sein Gesicht aus dem Fahrtwind und sah Niklas an. „Glaubst du tatsächlich, dass ich in den ersten Spielminuten aufgebe, nur weil ich ein Tor bekommen habe? Kennst du mich so schlecht?“
Niklas lachte. Er kannte Leo gut genug, um zu wissen, dass sich das zuckersüße Fräulein Carolina ab nun so richtig in Acht nehmen sollte.