Читать книгу Küss mich, bis ich Sterne seh - Sylvia Reim - Страница 9
ОглавлениеKapitel 4
Du solltest heute dringend etwas für deinen Körper tun. Entwickle sportlichen Ehrgeiz! Das Training wird dir heute leicht fallen, und vielleicht lockt dabei ja auch die Liebe!
Leo war eben dabei, den dicken Teppich unter seinem schweren Esstisch aus Apfelbaumholz zu saugen, als es an der Tür läutete.
„Ich klingle seit geschlagenen zehn Minuten“, bemerkte seine Schwester vorwurfsvoll, als er die Eingangstür öffnete. „Wie lange saugst du denn eigentlich? Kein Mensch kann so gründlich sein.“ Sie sah sich um. Jedes Mal, wenn sie in seine Wohnung kam, war sie aufs Neue beeindruckt, welch fantastischen Geschmack er in Sachen Einrichtung hatte. Der Boden war mit dunklen Schieferplatten belegt, auf denen einige cremefarbene Teppiche lagen. Der offene, hohe Raum hatte etwas von einem Loft und Lissa hatte auf der Stelle Lust darauf, sich auf das breite Ledersofa zu werfen und sich eines der weichen, dunkelgrauen Kissen unter den Kopf zu stopfen. Leos Wohnung war kühl, männlich und wohnlich zugleich, eine Mischung, die nicht leicht zu treffen war.
„Wenn ich gewusst hätte, dass Mylady mich besuchen kommt, hätte ich diese unwürdige Hausarbeit natürlich meinem Butler überlassen. Wo steckt dieser James denn schon wieder?“, neckte er Lissa und zog sie an sich. „Schwesterherz, was machst du denn hier?“
Sie drückte ihm einen Kuss auf die Nase und sah dann etwas verlegen zu Boden. „Also, eigentlich wollte ich unser kleines gemeinsames Problem besprechen. Du weißt schon.“
„Du meinst die Senkfüße, die wir von Mama geerbt haben?“
„Ach, was redest du denn da!“ Sie warf ihm eines der dicken Sofakissen an den Kopf. „Du weißt genau, was ich meine!“
„Sollte ich?“ Er wusste es natürlich nur zu genau, schaute Lissa aber gerne dabei zu, wie sie sich innerlich wand wie ein Jogi bei seiner Morgengymnastik und sich nicht traute, auf den Punkt zu kommen.
„Jetzt stell dich nicht dumm, ich rede hier natürlich von Carolina. Ich mache nicht mehr mit!“
„Wobei?“
„Leo! Jetzt hör auf damit! Ich werde Carolina nicht mehr belügen, das wollte ich dir sagen!“ Um den Satz etwas gewichtiger wirken zu lassen, hob sie ihr Kinn ein Stück an und verschränkte die Arme, womit sie den Ernst der Sache zum Ausdruck bringen wollte. Ihre blonden Haare hatte sie mit bunten Spangen so aus dem Gesicht gezogen, dass ihre blauen Augen nun groß hervorstachen; das kleine Muttermal auf ihrer linken Wange schien beinahe zu tänzeln.
„Wer sagt denn etwas von lügen? Kein Mensch verlangt das von dir! Du sollst nur Amor ein bisschen unter seine altersschwachen Arme greifen, damit Carolina auch den Partner findet, der ihr zusteht! Den Besten, nämlich mich!“ Er grinste sein verwegenes Leo-Grinsen.
Lissa verstand mit einem Mal wieder ganz genau, warum all ihre Freundinnen ganz verrückt nach ihm waren. Er hatte sich gemütlich aufs Sofa geschmissen, seine nackten Füße lagen bequem auf dem niedrigen Glastisch und sein dunkles Haar sah verdammt nach „just out of bed“ aus, was selbst ein Starfriseur nach stundenlanger Arbeit nicht besser hinbekommen hätte. Seine so besonderen graugrünen Augen taten ihr übriges. Sie verstand überhaupt nicht, warum Carolina das alles nicht sah. War sie denn blind wie ein Maulwurf in einem finsteren Stollen? Brauchte die Gute tatsächlich eine Sehhilfe? Was sie außerdem ärgerte, war, dass sich Carolina felsenfest einbildete, Leo wäre ein richtiger Arsch, einer, dem nur sein eigener Vorteil wichtig war, was definitiv nicht stimmte. Sie wollte so gerne, dass Carolina ihn richtig kennenlernte. Lissa seufzte. „Was wäre denn dein nächster Plan?“
Überrascht schaute Leo sie an; lange hatte er sie ja nicht bearbeiten müssen. „Ich dachte, ich kann sie vielleicht mit meinen Muckis beeindrucken. Da stehen doch alle Mädels drauf!“ Er deutete auf seinen Oberarm, der nach viel Sport aussah; trainiert, ohne zu aufgeblasen zu wirken.
„Da kennst du Carolina aber schlecht! Die lässt sich von deinem Body sicher nicht beeindrucken!“, sagte sie mit Nachdruck und dachte daran, dass Carolina sich nach einem Mann sehnte, der nicht nur ihr Äußeres sah. Und wenn sie das bei sich schon nicht wollte, dann würde sie das bei anderen doch auch nicht wollen, oder?
„Das sagst du, weil du meine Schwester bist. Alle werden sie schwach.“ Leo wusste das nur zu gut. Kurz dachte er an sein unerfreuliches Anti-Sex-Gespräch mit Niklas und versuchte hastig, es aus seinen Gedanken zu streichen. Er setzte sich auf und griff nach einem Apfel, der in einer großen Schale aus geflochtenem Draht vor ihm stand. „Sag, weißt du, wo sie ins Fitnessstudio geht? Ich könnte dann dort zufällig zum Schnuppertraining auftauchen!“ Er biss ein großes Stück aus dem Apfel. „Du musst mir nur sagen, wann sie dort ist.“
Lissa war unsicher. Sie hielt nichts von dem Plan, so oberflächlich war Carolina nicht. Andererseits hatte Leo wahrscheinlich nicht so viele Möglichkeiten, sie auf sich aufmerksam zu machen. Und vom neutralen Standpunkt der Schwester aus musste sie zugeben, dass Leo trainiert war wie in seinen besten Zeiten als Profi-Fußballer. Also vielleicht klappte es ja doch. „Mach ich, aber nur ungern“, knurrte sie. „Du weißt, ich mag sie!“
„Ich mag sie auch!“, nuschelte Leo mit dem Mund voll Apfelstücken.
„Was du nicht sagst! Ich habe die Befürchtung, du magst eher das Spiel!“
„Das natürlich auch!“ Leo grinste. „Außerdem werden wir die ganze Aktion natürlich mit einem Horoskop unterstützen, das ihr gar keine andere Wahl lässt, als mich dort zu treffen. Also, was könnte ich schreiben? Wie wäre es mit: Du solltest heute dringend etwas für deinen Körper tun. Entwickle sportlichen Ehrgeiz! Das Training wird dir heute leicht fallen und vielleicht lockt dabei ja auch die Liebe? Klingt doch gut, oder?“
Lissa verdrehte die Augen. „Poet bist du keiner, so viel steht fest.“
„Muss ich auch nicht sein. Ich hab andere Qualitäten!“, sagte Leo feixend und warf den Apfelbutzen mit einem gezielten Wurf in hohem Bogen in den Biomüll.
In der Senderkantine gab es Curryhuhn mit Basmatireis; im ganzen Speisesaal roch es wie auf einem Gewürzmarkt in Mumbai und Carolina fragte sich, wo denn die Herren mit ihren Turbanen blieben. Der lang gezogene Raum hatte mit seinen orangenen Plastikstühlen und dem grauen Boden aus Stein das unpersönliche Flair eines Bahnhofs; er war gesteckt voll, alle Tische waren besetzt und man hörte das laute Geklapper von Messern und Gabeln, untermalt von Dutzenden Stimmen, die sich mehr oder weniger laut unterhielten.
„Ah, du hast dir auch das Curryhuhn genommen! Ist es gut?“, sagte Lissa, als sie sich zu Carolina an den Tisch setzte.
„Keine Ahnung! Es ist so irrsinnig scharf, dass ich gar nichts schmecke!“, keuchte Carolina und fächelte sich verzweifelt Luft zu. „Ich glaube, von meiner Zunge steigen schon kleine Rauchwölkchen auf! Schau mal!“ Sie streckte Lissa die Zunge entgegen. „Ich brauch jedenfalls eine kleine Pause, damit sich mein armer verbrannter Mund erholen kann.“ Sie schob ihren Teller zur Seite und griff nach der Zeitung, die am Ende des Tisches auf einem Tablett mit schmutzigem Geschirr lag. „Mal schauen, was sich denn so tut.“ Zügig blätterte sie die Zeitung durch, um zu kontrollieren, ob ihnen kein wichtiges Thema durch die Lappen gegangen war. Ihr tägliches Vorabendmagazin musste topaktuell sein, und wenn es Thema des Tages war, dass die Gurken in Zukunft wieder krumm sein durften, dann hatten sie darauf zu reagieren. Zum Beispiel mit einem Beitrag darüber, dass diese Gurken zwar nicht in den Supermärkten verkauft wurden, weil der Konsument sie nicht mehr haben wollte – da sehnte man sich nach langen, kerzengeraden Gurken –, dafür aber die Gastronomie um so lieber zugriff: Denen war die Form egal, die Gurken wurden so und so weiterverarbeitet.
„Hast du dein Horoskop schon gelesen?“, unterbrach Lissa ihre Gedanken.
Wie konnte man sich so lange mit dem Thema Gurken beschäftigen? Ihrem Leben fehlte es momentan offenbar tatsächlich an Tiefgründigem, anders war das nicht zu erklären. „Nein, noch nicht“, sagte Carolina und führte versuchsweise eine Gabel beladen mit Höllencurry zum Mund. „Warte, ich schau gleich nach!“ Sie blättere einige Seiten um, bevor sie auf die Horoskope stieß.
„Was steht denn bei dir?“, frage Lissa und hoffte, dass Carolina nicht sah, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Diese Intrigenspiele waren definitiv nichts für sie, zur Not musste der heiße Currydampf als Ausrede für die roten Bäckchen herhalten.
Konzentriert las Carolina den Text: „Du solltest heute dringend etwas für deinen Körper tun. Entwickle sportlichen Ehrgeiz! Das Training wird dir heute leicht fallen, und vielleicht lockt dabei ja auch die Liebe.“
Eigentlich hatte sie vorgehabt, heute Abend den Fernseher heiß laufen zu lassen und ihre Lieblingsserie auf Dauerrotation zu schauen, außerdem gehörte dringend eine Ladung Schmutzwäsche in die Maschine; allerdings wäre Bewegung sicher nicht das schlechteste Mittel, um sie von den Grübeleien abzuhalten, die sie in letzter Zeit überfielen. Mit Schaudern dachte sie an den vorletzten Abend und ihre wirren Gedanken zum Thema Männer. Das musste sie heute nicht unbedingt noch mal haben. Außerdem war da jetzt ihr Horoskop, das mehr als eindeutig darauf hinwies, dass sie ruhig wieder einmal etwas trainieren könnte; sie würde ihre Sportschuhe erst vom Staub befreien müssen, so lange war das letzte Training her. Sie wandte sich an Lissa. „Ich glaube, ich sollte heute Abend tatsächlich wieder einmal in meinem Fitnessklub vorbeischauen. Die kennen mich schon bald nicht mehr und ich stecke sicher schon bei den Karteileichen!“ Ein Schwall an schlechtem Gewissen breitete sich in ihr aus.
Lissa war begeistert, dass ihre kleine Manipulation geglückt war. „Oh, fein! Wenn es dir recht ist, geh ich mit!“
„Wohin gehst du mit?“ Britta war an ihrem Tisch stehen geblieben, in der Hand hielt sie ein beladenes Tablett. In einem todschicken Kostüm aus dunkelroter Seide stand sie vor ihnen. Ihren hellblonden Pagenkopf hatte sie akkurat nach innen geföhnt, kein einiges Haar tanzte aus der Reihe. „Darf ich mich zu euch setzen?“
„Aber gerne!“, sagte Carolina sofort und rutschte auf den nächsten Sessel, um ihrer Kollegin Platz zu machen. Dabei fing sie aus den Augenwinkeln Lissas skeptischen Blick ein. Sie wusste, dass Lissa und Britta nicht unbedingt die dicksten Freundinnen waren, verstand aber überhaupt nicht, warum. Britta hatte zwar eine etwas direkte Art und Carolina hatte sich schon das eine oder andere Mal über sie geärgert, aber sie meinte es mit ihrer Kritik schließlich nur gut.
„Also, wohin wollt ihr gehen?“, wiederholte Britta ihre vorherige Frage und trank ein paar Schlucke von ihrem stillen Mineralwasser.
Lissa warf Carolina einen warnenden Blick zu. Sie wollte um Gottes Willen Britta nicht mit dabei haben, wenn Leo heute Abend im Fitnessklub seine Verführungskünste ausspielen würde.
Aber Carolina sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an, bevor sie antwortete. „Wir wollten heute zum Sport, wir sind in dem Fitnessklub gleich drei Gassen weiter, vielleicht kennst du den ja, „Urban Sports“ heißt er. Außerdem sagt auch mein Widder-Horoskop, dass heute Bewegung angesagt ist“, fügte Carolina halbernst hinzu und deutete auf die Zeitung.
„Ach, du bist auch Widder?“, rief Britta überrascht aus.
Lissa fragte sich in diesem Moment, ob sie nur noch von Widdern umgeben war. Das wurde ja immer schlimmer! Leo wollte nur einen Widder mit seinen Horoskopen anlocken, und der hieß Carolina; Britta hatte dabei absolut nichts verloren, Widder hin oder her. Innerlich stöhnte sie auf; sie hatte gewusst, warum diese Kuppelspiele nichts für sie waren, es war einfach zu verwirrend.
„Natürlich kenne ich den Fitnessklub“, fuhr Britta fort, „da war ich auch schon einige Male. Außerdem, ich wollte es dir so ja nicht sagen, aber jetzt, wo du es ansprichst: Das dunkelblaue Kleid, das du bei der gestrigen Sendung anhattest, hat deine Hüften doch ein klein wenig breit wirken lassen. Dieses Kleid solltest du dir von unserer Stylistin nicht mehr aufschwatzen lassen. Etwas Bewegung tut dir sicher gut!“ Sie stach in ihren gemischten Salat und spießte ein Tomatenstück auf.
Carolina ließ die Gabel, die sie bereits zum Mund führen wollte, wieder zurück auf den Teller sinken. Plötzlich hatte sie keine Lust mehr, das restliche Curryhuhn aufzuessen.
Britta knabberte weiter an ihrem Salat. „Ich komme mit! Natürlich nur, wenn ihr nichts dagegen habt“, fügte sie hinzu und sah Carolina dabei so offen und freundlich an, dass die nur noch nicken konnte. „Abgemacht. Ich würde sagen, wir treffen uns gleich dort, nach deiner Sendung!“ Sie stand auf, winkte zum Abschied und klapperte davon.
Kaum war sie außer Sichtweite, legte Lissa schon los. „Die hat sie doch nicht alle! Lass dir bloß nicht einreden, du hättest zu viel Speck an den Hüften! Du bist zart wie eine Elfe!“
„Vielleicht war das Kleid ja wirklich etwas ungünstig“, versuchte Carolina Britta zu verteidigen. „Ich bin ihr jedenfalls dankbar dafür, dass sie es mir gesagt hat.“
Lissa schnaufte durch die Nase. „Die will dich nur runtermachen, glaub mir“, murmelte sie, war sich aber nicht sicher, ob Carolina sie im allgemeinen Kantinenlärm überhaupt hörte.
Die Sendung war tadellos gelaufen, die Beiträge waren spannend und kreativ gewesen, und gleich nach dem Ende waren zahlreiche Anrufe dazu im Hörerservice eingegangen, was immer ein Zeichen dafür war, dass die Themen gut gewählt gewesen waren. Carolina war zufrieden. Gut gelaunt fuhr sie nach Hause, packte schnell ihre Sportsachen – wobei sie ihre Sportschuhe peinlicherweise tatsächlich erst suchen und vom Staub befreien musste – und düste dann weiter in den Fitnessklub. Sie war froh darüber, dass sie sich von Lissa davon hatte überzeugen lassen, wieder einmal etwas Sport zu machen. Wenn sie allerdings ganz ehrlich war, hatte ihr Horoskop den letzten Ausschlag gegeben. Sie kicherte in sich hinein; sie war tatsächlich schon wie ihre Mutter und Großmutter! Wenn sie nicht aufpasste, dekorierte sie demnächst noch ihre ganze Wohnung mit gehäkelten Deckchen und stellte kleine goldene Engelchen aus Porzellan auf.
Sofort als sie das „Urban Sports“ betrat schlug ihr eine Wolke aus Orangenduft entgegen; mit Raumdüften versuchte man verzweifelt den allgegenwärtigen Schweißgeruch zu verdrängen, was nicht so recht gelang. Carolina ging in die Garderobe und zog sich um: Sie schlüpfte in eng anliegende schwarze Sporthosen und ein Shirt in einem kräftigen Royalblau. Auf ihrer Brust prangte der Aufdruck einer Marke, die für Kraft und Energie stand, was Carolina dringend brauchen konnte. Unauffällig versuchte sie im großen Spiegel, der in Ecke stand, ihr Hinterteil zu begutachten. Hatte Britta tatsächlich recht gehabt? Waren da nicht kleine Fettpölsterchen zu sehen? Verzweifelt drehte sie sich hin und her, um dem verräterischen Speck auf die Schliche zu kommen. Um sich ganz genau von hinten zu sehen, verbog sie sich dermaßen, bis sie aussah wie eine Barbie, deren Ober- und Unterteil man falsch zusammengesteckt hatte. Sie wollte gerade ihre Frontseite einer genaueren Inspektion unterziehen, als Lissa in die Garderobe kam. Sie war bereits umgezogen und bester Laune.
„Los geht’s, lass uns schwitzen, wie noch nie jemand zuvor geschwitzt hat!“, rief sie voll Elan und zog Carolina mit sich. Sie hatte eben mit Leo telefoniert und wusste, dass er in der Herrengarderobe auf seinen großen Einsatz wartete; es galt also, keine Zeit mehr zu verlieren, damit der Arme nicht noch länger in der muffigen Kabine sitzen musste, wo sich einem binnen Sekunden die Nasenhaare einrollten. „Ich würde sagen, wir laufen zum Aufwärmen eine Runde – dass man auf einem Laufband nicht wirklich Runden laufen kann, ignorieren wir mal!“, kicherte sie und zog Caroline weiter in Richtung der Laufbänder. „Da, an der Fensterreihe sind noch alle frei“, rief Lissa enthusiastisch, stürmte hin und stellte sich auf ein Band. „Jetzt komm schon, legen wir los!“
Skeptisch schaute Carolina auf die Passanten, die massenweise vor den Fenstern des „Urban Sports“ vorbeischlenderten und nun ungehindert Zeugen ihrer peinlichen Fitnessversuche werden konnten. Es hatte ihr gerade noch gefehlt, dass jemand sie mit hochrotem Kopf filmen und das Machwerk dann zur allgemeinen Erheiterung auf YouTube hochladen würde. Schnaubend stellte sie sich auf das Laufband neben ihrer Freundin, wählte die richtige Geschwindigkeit auf den zahlreichen Knöpfchen und begann langsam loszulaufen.
Zu ihrem Leidwesen bemerkte Carolina nach nur wenigen Minuten, dass ihr langsam die Puste ausging. Hatte sie das blöde Ding vielleicht doch zu schnell eingestellt? Hektisch drückte sie den Knopf, der die Geschwindigkeit noch weiter verringerte – sie hatte nun das Tempo eines Regenwurms im Rückwärtsgang –, als sich neben ihr jemand auf ein Laufband stellte.
„So ein Zufall!“, sagte derjenige.
Die Stimme kam ihr seltsam vertraut vor, und ohne zunächst genau orten zu können, wer dahinter steckte, signalisierte ihr Körper sofort ein unangenehmes Gefühl. Als sie neben sich sah, wusste sie wieso. Was machte der denn bitte hier?
„Damit hab ich ja gar nicht gerechnet, dich hier zu treffen“, sagte Leo freundlich und begann dabei dermaßen schnell zu laufen, als ob eine Meute Bluthunde hinter ihm her wäre.
Angeber, dachte Carolina. „Ja, so ein Glück, nicht wahr?“ Sie versuchte es mit Ironie und hoffte, damit ihr Pensum an Gesprächen mit diesem Leo hinter sich gebracht zu haben. Warum musste er sich auch ausgerechnet neben sie stellen und noch dazu exakt in dem Moment, in dem sie zu keuchen begann wie ihre 80-jährige Oma Pilar?
„Hallo Leo“, murmelte Lissa, die sich wunderte, wie ehrlich Leo bei seinen Lügen klang. Eine Gabe, die sie ganz und gar nicht besaß. Sie fühlte sich beim Schwindeln immer wie Pinocchio und hatte panische Angst, dass sie eines Tages mit einer lange Nase aufwachen würde. Vorsichtig tastete sie nach ihrer Nase; nach der Lügerei der letzten Tage hätte es sie nicht gewundert, ein mächtig langes Riechorgan vorzufinden.
Einige Minuten vergingen, in denen sie wortlos liefen und nur ihr Schnaufen zu hören war.
Plötzlich sagte Leo: „Ganz schön heiß hier. Ich habe wohl ein zu dickes Shirt erwischt!“
Noch bevor Carolina einen Pieps von sich geben konnte, hatte Leo schon sein Leibchen über den Kopf gezogen und stand nun oben ohne vor ihr. Kein schlechter Anblick, wie sie neidlos zugeben musste, da hatte sie schon weitaus Schlechteres gesehen. Was auch wieder untertrieben war: Sie hatte in Wahrheit selten Besseres gesehen. Aber das war egal: Er war, wer er war, und selbst wenn er ausgesehen hätte wie Michelangelos David wäre ihr das egal gewesen. Schlechter Charakter stach schönen Körper, so viel stand für sie fest. Dennoch blieben ihre Augen wie angeklebt an seinem Oberkörper hängen, was sie ganz schön ärgerte. Warum war der nicht hässlich wie ein Loch im Zahn? Das hätte zumindest zu seinem Charakter gepasst.
Sie richtete ihren Blick nach vorne und tat so, als ob sie höchst konzentriert auf ihre Atmung achtete, was tatsächlich keine schlechte Idee war, denn der halb nackte Mann neben ihr hatte ihre regelmäßige Atmung doch einigermaßen durcheinander gebracht. Wie einfach gestrickt war sie denn eigentlich? Da jammerte sie, dass alle Männer nur ihr Äußeres sahen, und dann brachte sie ein einzelner nackter Oberkörper dazu, beinahe zu hecheln. Sie musste dringend an ihren Werten arbeiten. Starr richtete sie ihren Blick geradeaus. Dieses Training hatte sie sich anders vorgestellt, irgendwie entspannter; dieser Typ neben ihr machte sie ganz schön unrund. Sie schaltete das Laufband aus, wischte mit ihrem weichen Frottierhandtuch über ihre verschwitzte Stirn und überlegte, was sie nun machen konnte.
„Wie wäre es mit dem Rad?“, fragte sie Lissa und deutete auf die Gruppe mit Standrädern, die am Ende des Saales standen. Sie wollte möglichst viel Abstand zwischen sich und Leo bringen.
Carolina ließ sich von einem Trainer kurz erklären, wie man das Rad einstellte – peinlicherweise war sie so lange nicht da gewesen, dass sie das total vergessen hatte –, schwang sich in den Sattel, den sie wegen ihrer Minigröße erst etwas tiefer stellen musste, und radelte los. Sie wollte ihr Hirn frei machen wie ein Mönch nach einer Woche absoluter Askese. Heftig trat sie in die Pedale, was in weniger als einer Millisekunde höllisches Brennen in ihren Oberschenkeln verursachte. Sie bemerkte, wie sich binnen kürzester Zeit ein schmaler Schweißfilm zwischen ihren Brüsten ausbreitete. Ihr war heiß und die Beine taten ihr weh, sie schnaufte und keuchte.
„Nach dem Laufen ist Radfahren das Beste!“, sagte jemand neben ihr.
Warum wunderte sie sich eigentlich nicht, dass dieser Jemand Leo war? Was war nur los mit dem?
Plötzlich kam ihr ein schrecklicher Gedanke: Er war ein Stalker! Er verfolgte sie und hatte irgendwelche eigenartigen Sachen mit ihr vor!
Panisch sah sie ihn an. Eigentlich sah er nicht wirklich aus wie so ein Verrückter, aber sah man das den Menschen immer an? Nein! Eben. Er konnte verrückt sein. Misstrauisch beäugte sie ihn aus den Augenwinkeln. Selbst wenn er verrückt war, sah er dabei verdammt gut aus. Er trat hart in die Pedale, an seinen Oberschenkeln arbeiteten die Muskeln, und seine Haut war mit einem dünnen Schweißfilm überzogen, was gar nicht ekelig, sondern sehr männlich aussah.
„Er ist ein Stalker!“, wisperte sie in Lissas Richtung.
„Was?“ Sie hatte kein Wort gehört.
„Ein Stalker ist er!“ Sie deutete mit spitzen Fingern auf Leo, verlor dabei allerdings die Balance und musste kämpfen, um nicht vom Rad zu plumpsen.
„Wie kommst du denn auf die Idee?“ Lissa starrte sie verständnislos an. „Ich kann dir garantieren, dass das nicht stimmt!“
Wahrscheinlich hatte er sie auch schon eingewickelt. Sie beschloss, ihn genau im Auge zu behalten. Carolina Maria Martinez Herrera war nicht so leicht hinters Licht zu führen!
Da ihre Oberschenkel mittlerweile brannten, als hätte sie eben das Basislager des Himalaja erklommen, wechselte sie das Gerät und ging zu den Steppern. Zu spät fiel ihr ein, dass damit der Schmerz in ihren diabolisch brennenden Oberschenkeln nicht unbedingt besser werden würde. Warum hatte sie sich nichts gesucht, wo sie ihre Armmuskeln, oder zumindest die schlaffen Reste davon, einsetzen konnte? Sie wollte sich gerade gottergeben auf den Stepper schwingen, als sie von hinten eine helle Stimme hörte.
„Tut mir leid, dass ich zu spät bin!“, rief Britta energisch. Sie stand sehr aufrecht da mit ihren hautengen mauvefarbenen Shorts und dem knappen Shirt in zartlila, der den Blick auf einen Busen mit Körbchengröße D freigab; einen unglaublich straffen Busen, wie Carolina neidlos zugeben musste. Ihre Oberschenkel waren superglatt und auch ihre Oberarme wirkten, als würde sie täglich ein paar Tonnen Stahl von A nach B transportieren. Sie sah einfach sensationell aus.
„Hallo Britta! Kein Problem, wir sind dir nur in Sachen Schweißproduktion weit voraus!“, sagte Carolina lächelnd und deutet dabei auf ihr verschwitztes Leibchen.
Britta rümpfte leicht angewidert die Nase, bevor sie fortfuhr: „Ich hatte noch ein Meeting! Eigenartig, dass du nicht auch eingeladen warst; es ging um wichtige zukünftige Programmreformen. Na ja, wahrscheinlich hat man dich einfach vergessen, mach dir keine Sorgen!“
Welche Sorgen? Carolina wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, sich Sorgen zu machen, bevor Britta es erwähnt hatte. Hatte sie Grund, sich über ihre berufliche Zukunft Sorgen zu machen? Eigentlich hatte sie gedacht, sie säße fest im Sattel, ihre Quoten waren tadellos und der Programmdirektor mochte sie. Aber vielleicht war sie nur zu naiv und durchschaute nicht, was da im Hintergrund lief. Grübelnd marschierte sie auf ihrem Stepper weiter.
Sie hatte kaum ein paar Schritte getan, als sie auch schon einen Schatten neben sich wahrnahm. Sie wagte einen kurzen Blick zur Seite und tatsächlich stand neben ihr der halb nackte Mann. Der unglaublich gut aussehende halb nackte Mann, korrigierte sie sich selbst. Wieso ließ dieser Irre sie nicht in Ruhe?
„Dich hab ich hier aber noch nie gesehen! Bist du neu hier?“, zwitscherte Britta plötzlich los. Sie fand offenbar auch gefallen an Leos Muskeln.
„Hallo“, sagte er und murmelte noch irgendetwas Unverständliches von wegen Schnuppertraining, was aber keiner so richtig verstand. Nur kurz riskierte er einen schnellen Seitenblick zu Britta, bevor er Carolina anlächelte. „Du legst aber ein ganz schönes Tempo vor“, sagte er in völliger Verdrehung des tatsächlichen Sachverhalts.
Sie war langsam wie eine Schnecke am Ende ihrer Tage und es tat ihr bereits alles so weh, als hätte sie die Eiger Nordwand gleich dreimal hintereinander bestiegen. Warum schmeichelte der sich eigentlich bei ihr so ein? Was wollte er? Vielleicht hatte sie ja recht und er war tatsächlich ein Stalker. Sie würde jedenfalls in Zukunft aufpassen, wenn sie abends den Sender verließ.
Nach einigen Minuten mühsamen Strampelns auf dem Stepper zog sie weiter zum nächsten Gerät. Und als hätte sie es nicht gewusst, folgte Leo ihr auf dem Fuß. Allerdings war er nicht alleine, sondern Lissa und Britta kamen mit ihm, was irgendwie komisch aussah: Wo auch immer Carolina hinging, die Karawane der Verschwitzten folgte ihr. Sie schüttelte den Kopf. Was wollten die denn alle? Konnte sie nicht einmal in Ruhe allein trainieren, mussten tatsächlich alle ihre Schmach miterleben, dass sie mittlerweile einen so knallroten Kopf hatte, dass der Trainer mit besorgtem Blick auf den Defibrillator in der Ecke schaute? Nach einer Stunde Martyrium beendete sie das Training.
„Mit dem stimmt was nicht!“, sagte sie zu Lissa, die gleich neben ihr in der Dusche stand. Carolina genoss das kühle Wasser und den Geruch nach Limette, den ihr Duschgel verströmte. Ausgiebig spülte sie sich den Schweiß vom Körper.
„Du redest dir da was ein!“, entgegnete Lissa, die kaum zu verstehen war, da sie sich eben die Haare wusch und ihr jede Menge Shampoo über das Gesicht lief. Sie hielt dabei den Mund beinahe verschlossen und brachte nur ein unverständliches Nuscheln zustande.
„Na, dann erklär du mir doch, warum er in letzter Zeit dauernd da auftaucht, wo ich auch bin. Das ist der klassische Fall von Stalking!“ Wie oft hatte sie darüber berichtet, da konnte ihr keiner etwas vormachen.
Lissa überlegte. Die Sache mit dem Stalking gefiel ihr ganz und gar nicht; sie wollte keinesfalls, dass ihr Bruder in diesen Ruf geriet. Andererseits, was sollte sie sagen?
„Hast du daran gedacht, dass er vielleicht auf dich steht und er deshalb deine Nähe sucht?“ Jetzt war es raus. Lissa sah keinen Grund, warum sie Carolina da nicht einen Tipp geben sollte, um diesem verfahrenen Karren ein bisschen weiterzuhelfen. Wenn sie da nicht etwas nachhalf, würden die beiden Dickschädel nie zusammenkommen, und das wäre ewig schade, das wusste sie aus dem tiefsten Herzen ihrer Kupplerseele.
Carolina blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen, was gar nicht gut war, denn sie bekam eine volle Ladung Seifenschaum auf die Zunge, und auch wenn das Gel herrlich nach Limette duftete – es schmeckte leider ganz und gar nicht so, und sie fing auf der Stelle an, die ekelig seifige Masse wieder auszuspucken. „Wie kommst du denn auf die Wahnsinnsidee?“, war das Erste, was sie nach ihrer Mundspülung hervorbrachte.
„Nenn es weibliche Intuition. Männer gebärden sich doch oft eigenartig, wenn sie einem zeigen wollen, wie sehr sie einen mögen. Die führen sich dann auf wie die Pfauen, nur damit auch wirklich jeder ihr buntes, schönes Rad sieht!“ Lissa hoffte, sie hatte Carolina damit eine Fährte gelegt; mehr konnte sie nun auch nicht tun. Wenn die beiden zu blöd dafür waren, war das immerhin nicht ihre Schuld.
Hätte es einen Arzt für weibliche Intuition gegeben, hätte Carolina ihre Freundin auf der Stelle dorthin geschickt und sämtliche überteuerten Arztrechnungen übernommen. Die hatte ja überhaupt kein Gefühl dafür und lag kilometerweit daneben! Dass sich Männer wie die Pfauen gebärdeten, um auf sich aufmerksam zu machen, war klar, aber Leo war kein Pfau, er war ein ausgewachsenes Lama: Er bespuckte alles, was ihm zu nahe kam. Arme Lissa – kein Wunder, dass sie immer noch alleine war. Sie wollte ein bisschen Mitleid mit ihrer armen Kollegin entwickeln, als ihr gerade noch rechtzeitig einfiel, dass ja auch sie noch alleine war. Offenbar war es auch mit ihrem weiblichen Spürsinn nicht weit her und sie sollte sich am besten gleich gemeinsam mit Lissa einen Termin bei Dr. Intuition geben lassen.
Sie trocknete sich ab, föhnte kurz ihr Haar und band es zu einem Pferdeschwanz, der ihr beinahe bis zur Taille reichte.
„Ich beneide dich um deine Haare“, seufzte Lissa, als sie sich den Föhn von Carolina borgte. „Sie sind so dicht und die Farbe ist so schön, beinahe bitterschokobraun, und an den Spitzen sieht es aus, als hättest du sie in Caramel getaucht.“ Bewundernd starrte sie auf die Mähne ihrer Kollegin, während sie ihren störrischen blonden Haaren verzweifelt mit der Rundbürste einen Drall nach außen zu geben versuchte, was ein schier aussichtsloses Unterfangen war. Schließlich gab sie es auf; mit einem gezielten Wurf schoss sie die Rundbürste in ihre Tasche. „Ich muss noch kurz auf die Toilette! Geh du ruhig schon vor!“, sagte sie zu Carolina, während sie ihre Beine verknotete und so andeutete, dass sie aber schon wirklich ausgesprochen dringend musste. Sie war begeistert von ihrer Idee mit der Toilette, denn sie hatte mit Leo vereinbart, dass Carolina alleine aus der Garderobe kommen sollte, damit er mit ihr so ganz zufällig ins Gespräch kommen konnte. Man hatte schließlich gemeinsam trainiert, da gab es schon einiges zu besprechen: Wie war der Puls gewesen, wie hatte man sich gefühlt, würde man sich zu Hause gleich zum Sterben niederlegen? – All diese Dinge eben.
„Lass dir Zeit“, sagte Carolina, „ich warte in der Zwischenzeit bei der Saftbar auf dich!“ So lange würde es ja wohl nicht dauern.
Sie überlegte gerade, ob sie sich einen von diesen köstlichen frischgepressten Säften gönnen sollte, vielleicht Apfel-Mango oder Cranberry-Erdbeer, als Leo auf sie zukam: frisch geduscht, mit sauberem Leibchen und noch halbnassen Haaren, denen man ansah, dass sie nur kurz mit dem Handtuch gerubbelt worden waren.
„Ich mag diese Säfte!“, sagte er, während er konzentriert die Tafel mit den diversen Sorten las.
„Tatsächlich!“, erwiderte Carolina mit spitzem Unterton. Wen interessierte das denn bitte?
Er tat so, als hätte er ihren ablehnenden Ton nicht bemerkt. „Du hast so ausgesehen, als würdest du dir auch etwas bestellen wollen! Darf ich dich einladen?“
„Ich habe überhaupt keinen Durst“, log Carolina. Ihre Zunge klebte pelzig am Gaumen und sie sehnte sich verzweifelt nach ein paar Tropfen Flüssigkeit. Aber manchmal mussten die körperlichen Bedürfnisse einfach hintan gestellt werden, auch wenn man dabei kurzfristig dehydrierte und anschließend für lebensrettende Sofortmaßnahmen ins Krankenhaus gefahren werden musste.
„Nach so einem heftigen Training, wie du es eben abgeliefert hast, sollte man aber etwas trinken! Na komm schon, lass dich einladen!“, sagte Leo lächelnd und Carolina stellte plötzlich mit Entsetzen fest, dass er ein ganz entzückendes Lächeln hatte, etwas schief und unglaublich natürlich und anziehend.
Das wollte sie auf keinen Fall! Sie ließ sich doch wohl nicht von einem Lächeln einwickeln, so nett es auch anzusehen war. Außerdem steckte dahinter garantiert nichts Gutes, Mister Oberzyniker hatte im Hintergrund sicher sein Haifischlachen versteckt. Sie wollte ihm gerade ein „Wenn ich sage, ich habe keinen Durst, dann habe ich keinen Durst! Ich bin eine Frau, die meint, was sie sagt. Schreib dir das hinter die Ohren!“ entgegen schleudern – was zwar in diesem Fall eine absolute Lüge gewesen wäre, aber sie musste auf ihr cooles Image achten und deshalb blieb ihr quasi keine andere Wahl –, als Britta neben ihr auftauchte. Haare akkurat geföhnt, Körper duftend, Kleidung top modern, Selbstbewusstsein enorm. „Aber ich nehme gerne einen Saft, wenn es recht ist!“, sagte sie mit ihrer rauchigen Stimme und setzte sich auf den Barhocker neben Leo, und zwar so geschickt, dass ihre beeindruckend langen Beine noch beeindruckender aussahen, als sie so und so schon waren.
Leos Körperhaltung änderte sich beinahe unmerklich, er lehnte sich ein Stück zurück und seine Mundwinkel verzogen sich etwas nach unten.
Ha, da war es, das Haifischlächeln! Carolina hatte es gewusst, auch wenn es nicht ihr galt. Sie schlug sich innerlich auf die Schulter für ihre überragende Menschenkenntnis. Da konnte ihr doch tatsächlich keiner etwas vormachen.
„Aber gerne doch“, murmelte Leo. „Was hättest du denn gerne?“
Carolina war froh darüber, dass dieser lästige Typ von ihr abließ. Außerdem brauchte sie tatsächlich dringend etwas zu trinken. Sie überlegte gerade, ob sie auf die Toilette gehen sollte, um ihren Mund unter die Wasserleitung zu halten, als Lissa auf sie zukam.
Lissa stellte mit einem Blick fest, dass das Bild, das sich da vor ihr zeigte, nicht so war, wie sie es sich vorgestellt hatte. Britta saß neben Leo und trank etwas, das eine abartige grünbraune Farbe hatte, und Carolina stand im absoluten Sicherheitsabstand daneben, so als ob sie fürchtete, er könnte sie mit seinen Tentakeln doch noch erwischen. Wozu war sie eigentlich so lange auf der Toilette geblieben und hatte vor lauter Langeweile gezählt, wie viel Blatt auf einer Rolle Klopapier waren, wenn es dann doch absolut sinnlos war? Was war nur mit ihrem Bruder los? Normalerweise brauchte er keine zehn Minuten, um Mädels in seinen Bann zu ziehen, aber bei Carolina versagte er auf der ganzen Linie und wie es aussah, war auch der heutige Versuch aber so was von fehlgeschlagen. Sie hatte ihm doch gleich gesagt, dass Carolina nicht mit Muckis zu beeindrucken war, aber er wollte ja nicht auf seine kleine Schwester hören. Bitte, das hatte er nun davon, ein Versagen auf der ganzen Linie! Wegen dieser Schnapsidee ihres Bruders würde sie morgen den Wahnsinnsmuskelkater haben, für absolut nichts und wieder nichts.