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Kapitel 3

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Es war beinah Mittag. Pierre lag noch immer auf seinem Bett und starrte an die Decke. Vor einer Stunde hatte er gehört, wie Jean nach Hause gekommen war. Es hatte einen kurzen, heftigen Disput mit ihrem Vater gegeben, der durch eine zuschlagende Tür beendet worden war. Sicher war das letzte Wort noch nicht gesprochen, aber Folgen würde es für Jean auch diesmal nicht haben, darüber war sich Pierre im Klaren. Wo er wohl die ganze Nacht gewesen sein mochte? Eigentlich interessierte es ihn nicht, wo und mit wem sich sein Bruder rumtrieb, auch wenn er dessen Freunde nicht leiden konnte.

Ihn beschäftigen jedoch ganz andere Dinge. Er hatte keinen Schlaf gefunden, seit das Julfest zu Ende gegangen war, und dennoch fühlte er sich nicht müde. Viel zu aufgewühlt war sein Herz. Zu bunt waren seine Träume, die seit gestern neue Nahrung gewonnen hatten.

Er war das Wagnis eingegangen, Angelique zu küssen. Richtig zu küssen, mit Leidenschaft und voller Herzblut. Aber viel wichtiger war, sie hatte diesen Kuss erwidert. Ein Seufzer entwich seinen Lippen, während er einen leisen Stich in seiner Brust verspürte. War das Liebe? Auf jeden Fall Verliebtsein. Schon eine ganze Weile.

Angelique hatte ihn immer schon fasziniert, weil sie anders war als die meisten Mädchen. Aber jetzt … Er wäre am liebsten sofort zu ihr geritten, doch er wollte nicht aufdringlich sein. Vermutlich schlief sie ohnehin noch, denn sie war auf dem Rückweg vom Feuer fast schon beim Laufen in seinen Armen eingeschlafen.

Außerdem durfte er ihrem Ruf nicht schaden. Dass sie ihm letzte Nacht gefolgt war, sorgte vermutlich bereits für Gerede. Darum war es besser, sich auf offizielle Treffen zu konzentrieren. Zumindest, bis außer Frage stand, wie ernst es ihnen beiden war. Aber da er bereits plante, um ihre Hand anzuhalten, sollte es zu verschmerzen sein, sich eine Weile zu gedulden und sie nur unter den wachsamen Augen ihrer Eltern zu besuchen.

Hm? Er machte sich doch nichts vor, oder? Ihr Interesse an ihm war echt, nicht bloß ein Auswuchs seines Wunschdenkens. Das hoffte er, war sich mit einem Mal aber gar nicht mehr so sicher. Deutete er ihre Nervosität, das Zittern ihrer Hände und ihr klopfendes Herz womöglich falsch? Wollte sie ihn bloß nicht beleidigen und war deshalb nicht zurückgewichen? Ihre Anschmiegsamkeit auf dem Rückweg konnte auch allein der Erschöpfung geschuldet gewesen sein.

Ein erneutes Poltern ließ ihn zusammenschrecken und riss ihn aus seinen fruchtlosen Überlegungen. Es half nichts, sich verrückt zu machen, er musste es darauf ankommen lassen. Angelique in den nächsten Tagen aufsuchen und schauen, wie sie dann auf ihn reagierte.

Noch einmal erklang das dumpfe Geräusch. Entweder war Jean aus dem Bett gefallen und rappelte sich gerade wieder hoch, oder …

Pierre entschied sich für oder und somit dazu, herauszufinden, was außerhalb seines Zimmers vor sich ging. Als er auf den Flur trat, erkannte er, dass die Geräusche von unten kamen, und ging die Treppe zur Halle hinunter. Dort traf er auf seinen Vater, der gerade seinen wollenen Umhang mit der Brosche befestigte, nach seinem Hut griff und auf die Tür zutrat.

„Vater? Wo wollt Ihr hin um diese Zeit?“

Richard wandte sich seinem Sohn mit ernster Miene zu, schien mit den Gedanken aber nur halb anwesend. „Christian war vorhin bei mir. Er hat im Wald etwas gefunden, das ich mir anschauen muss.“

Christian Verlain war der Wildhüter und hatte auch die Aufsicht über die Jagd. Ein verschlossener, ernster Mann, der praktisch nur für den Wald und die Tiere lebte und selten die Gesellschaft anderer suchte, weshalb er auch nur wenige Male im Jahr bei den Frenés auftauchte. Mit Julien, dem Holzfäller, unterhielt er eine lockere Freundschaft, da sie gelegentlich gemeinsame Arbeiten zu erledigen hatten, aber ansonsten blieb er, genau wie sein Freund, lieber für sich.

„Ihr seht besorgt aus. Ist etwas passiert?“

Alarmiert folgte Pierre seinem Vater nach draußen, als dieser nicht sofort antwortete. Dort wies Richard den Stallmeister an, seinen Hengst zu satteln.

„Mein Pferd bitte auch“, rief Pierre dem Mann zu. Da er ohnehin keine Ruhe finden konnte, war es vielleicht keine schlechte Idee, seinen Vater zu begleiten. Eine innere Stimme sagte ihm, dass es nicht gut wäre, ihn allein reiten zu lassen. Er wirkte ebenso nachdenklich wie besorgt, und irgendwie hatte Pierre den Eindruck, dass dies nicht allein mit Christian zusammenhing.

Auch auf dem Weg in den Wald wollte sein Vater nicht sagen, worüber Christian so besorgt gewesen war. Er war ungewohnt in sich gekehrt, hatte den Blick starr auf den Weg gerichtet und trieb sein Pferd trotz des harsch gefrorenen Schnees unentwegt zu einem flotten Trab. Pierres Rappe hatte Mühe, Schritt zu halten, da das schwere Warmblut seines Vaters größer war und sich mit viel Raumgriff bewegte.

Zunächst hielten sie sich am Fluss, wodurch sie dem Hof der Reniers immer näher kamen und sich Pierres Pulsschlag beschleunigte. Dann aber wandten sie sich nach rechts direkt dem Wald zu. Sie nahmen den alten Holzrückeweg, der zwar frei, aber rutschig war. Mehrmals glitten die Pferde aus. Der Schnee war hier so hart zu Eis gefroren, dass sie nicht einmal Spuren hinterließen.

Allmählich ahnte Pierre, wohin sein Vater wollte, und wunderte sich umso mehr, weil der Ort, auf den sie zustrebten, eher gemieden wurde. Die alten Höhlen glichen einem Labyrinth, in dem man sich leicht verlaufen konnte. Außerdem hausten dort Fledermäuse und manch anderes Getier, mit dem die Leute es lieber nicht zu tun bekamen, und die tief im Fels gelegenen warmen Quellen verbreiteten an manchen Tagen einen fauligen Geruch, von dem niemand wusste, woher er kam. Einige der alten Leute behaupteten, dass dort unten irgendwo ein Tor in die Hölle sei und man den Atem des Teufels riechen würde. Das war natürlich Unsinn, aber solche Überlieferungen hielten sich hartnäckig.

Christian wartete bereits auf sie, als sie vor dem Eingang zu den Höhlen ankamen. Seine Miene war betrübt und angespannt. Die Szenerie, die sich ihnen bot, besaß eine schockierende Brutalität, die selbst Pierre für einen kurzen Moment glauben ließ, die Alten könnten doch recht haben mit ihrem Teufelsgeschwätz.

Auf den Felsbrocken vor den Höhleneingängen war alles voller Blut. Der Kadaver eines schwarzen Widders lag dort. Das Tier war regelrecht zerrissen worden.

„Oh mein Gott“, entfuhr es Pierre.

Sein Vater und Christian wechselten Blicke, während sie alle abstiegen und näher an den Ort des Geschehens traten.

„Ich habe es durch Zufall heute früh entdeckt. Mein Hund muss den Blutgeruch gewittert haben und war nicht mehr zu halten. Ich bin ihm gefolgt und dann …“ Er deutete mit einer ausholenden Geste auf die Szenerie.

„Das ist bestialisch. Wer tut so etwas und aus welchem Grund?“

Der Wildhüter zuckte die Schultern. „Das kann ich Euch auch nicht sagen. Ich habe so was noch nie erlebt“, gestand er. „Aber ich dachte, Ihr solltet es mit eigenen Augen sehen.“

„Waren das Wölfe?“ Pierre glaubte selbst nicht recht daran, doch welche andere Erklärung sollte es dafür geben? Schließlich mehrten sich die Berichte darüber, dass das hiesige Rudel Hirsche riss und auch schon die ersten Schafe angefallen hatte.

„Ich weiß es nicht. Es gibt keine Spuren im Schnee. Unten auf dem Weg habe ich Hufabdrücke gefunden, doch das verwundert kaum, schließlich sind hier tagtäglich viele Leute unterwegs. Der Weg hier hinauf ist vereist, wie Ihr gesehen habt. Da gibt es keine Spuren. Und Blut ist dort auch keines.“

„Sollte nicht auch hier auf dem Felsen Schnee liegen?“, fragte Pierre.

Christian schüttelte den Kopf. „Die unterirdischen Quellen wärmen das Gestein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Schnee hier schmilzt. Ebenso mag das mit ein Grund dafür sein, dass das Rudel sich häufig hier aufhält. Doch ich habe Wölfe noch nie mit so viel Wut ein Tier zerreißen sehen. Ich will sie nicht in Schutz nehmen und halte sie durchaus für gefährlich, doch das hier … Das Blut ist bis zu einer Höhe von zwei Metern gespritzt. Wie sollte ein Wolf so was machen?“

„Hast du eine andere Erklärung?“, wollte Richard wissen.

Sein Wildhüter schüttelte den Kopf. „Ich kenne kein Tier, das so vorgehen würde. Jedenfalls keines, das hier lebt. Aber welcher Mensch würde einen Widder auf solche Weise abschlachten? Fast wie eine Hinrichtung. Wozu sollte das gut sein?“

Selbst Pierre konnte die unterschwellige Furcht in Christians Stimme hören. Es brauchte nicht viel, um sich zusammenzureimen, was dem Mann durch den Kopf ging und was er nicht auszusprechen wagte. Eine schwarze Messe! Hier auf ihrem Land. An Jul. Ihm kam ein Gedanke, doch er sprach ihn nicht aus. Es gab Dinge, über die man besser schwieg, wollte man sie nicht heraufbeschwören.

Pierre wusste, dass sein Vater nichts von diesem Hexenwahn hielt, der seit Jahren um sich griff, und auch er hielt die Verfolgungen und Verbrennungen der Frauen für reine Grausamkeit aus meist niederen Beweggründen. Aber das hier war nicht von der Hand zu weisen. Und dass es ausgerechnet hier stattgefunden hatte. An dem Ort, von dem die Älteren sagten, es sei ein Ort des Teufels, ließ einen schalen Beigeschmack zurück. Außerdem war es vielleicht nicht das erste Mal.

„Halte Ausschau, ob es weitere Funde dieser Art gibt, und melde sie mir“, entschied Pierres Vater schließlich. „Und sorg dafür, dass es sich nicht herumspricht. Vor allem sollte Julien nichts davon mitbekommen. Der erscheint mir in letzter Zeit ohnehin recht merkwürdig.“

Christian nickte, äußerte sich aber nicht.

Erst auf dem Heimweg wagte Pierre zu fragen, ob sein Vater womöglich den Holzfäller in Verdacht hatte.

„Ich weiß es nicht, mein Sohn. Und es ist mir zuwider, Menschen zu verdächtigen, solange ich keine handfesten Hinweise habe. Aber Julien ist seltsam geworden, seit sein Sohn und seine Frau zu Tode gekommen sind. Er kommt nicht mehr zur Messe, bleibt der Dorfgemeinschaft fern, und manchmal trinkt er über den Durst. Wenn er zu viel redet, mehren sich schnell die Gerüchte, und die sind der Beginn von Misstrauen. Daraus erwachsen Anschuldigungen und Ängste. Wohin so etwas führt, sieht man in ganz Europa. Ich dulde nicht, dass dieser Wahn auch hier auf meinem Land um sich greift. Darum ist es besser, zu schweigen, bis wir Näheres wissen. Vielleicht ist es nur ein Dummejungenstreich. Doch wenn mehr dahintersteckt, wird das nicht der letzte Fund gewesen sein, den Christian macht.“

Pierre nickte bedrückt. „Aber an die Theorie mit den Wölfen glaubt Ihr nicht, oder?“

Richard atmete tief durch. „Wie Christian schon sagte, ein solches Blutbad ist höchst ungewöhnlich. Aber wer mag schon zu sagen, wie sich ein Raubtier verhält, wenn es womöglich krank ist? Wir sollten nichts außer Acht lassen.“

***

Obwohl sie erst am frühen Morgen zurück nach Hause gekommen waren, trieb es Angelique bereits wenige Stunden, nachdem sie ins Bett gegangen war, wieder hinaus. Statt müde zu sein, fühlte sie sich voller Energie. Während ihre Eltern, Margarete und Babette noch schliefen, schürte sie bereits das Feuer, setzte Wasser für Tee auf, holte Eier aus dem Hühnerstall und buk kleine Hefeküchlein, deren Teig Margarete am Vortag bereits angesetzt hatte. Dabei summte sie unentwegt ein altes französisches Chanson.

„Na so was, du bist schon wach? Und so gut gelaunt?“

Angelique wirbelte ob der Stimme ihrer Mutter überrascht herum. Monique lehnte lächelnd im Türrahmen der Küche und musste sie wohl schon eine Weile beobachtet haben.

Als sie das Lächeln schüchtern erwiderte, kam ihre Mutter näher, umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen und küsste ihre Stirn. „Ich kann dich gut verstehen, mein Kleines. Und ich wünsche dir von Herzen, dass es jemand anderem heute Morgen ähnlich geht.“

Wie leicht sie offenbar doch zu durchschauen war. Angelique versuchte erst gar nicht, es zu leugnen. Doch als Sorge in die Augen ihrer Mutter trat, zog sich kurz ihr Herz zusammen.

„Du wirst nicht leichtsinnig werden, nicht wahr?“

Sie brauchte einen Moment, bis sie verstand, was ihre Mutter meinte. Langsam schüttelte Angelique den Kopf. „Mach dir keine Sorgen, Maman. Ich werde nichts übereilen. Und Pierre sicher auch nicht.“

Einen Augenblick blieb noch die Unsicherheit in Moniques Augen, doch dann nickte sie und tätschelte Angelique die Wange.

Gemeinsam deckten sie den Tisch, und als Jacques und Margarete dazukamen, saßen sie alle beisammen und aßen eine leichte Mahlzeit, ehe jeder seinem Tagewerk nachgehen würde.

„Ich muss nachher noch ins Lager und treffe mich dort mit Antoine“, erklärte ihr Vater. „Der Krieg wirkt sich allmählich leider auf unser Geschäft aus. Verbindungen brechen weg. Die Menschen sind auf der Hut, mit wem sie noch Handel treiben können, ohne dass man ihnen vorwirft, mit dem Feind zu sympathisieren. Es wird nötig sein, dass wir einige unserer Handelskontakte aufsuchen, um das Vertrauen zu festigen. Und wir sollten neue Partnerschaften im Ausland knüpfen, vielleicht sogar in Übersee.“

Mit dieser Eröffnung löste er allgemeines Staunen aus. „Heißt das, du wirst wieder häufiger für mehrere Wochen fort sein?“ Man hörte es Monique nicht an, falls sie diese Vorstellung besorgte, allerdings hielt sich auch ihre Begeisterung in Grenzen.

Jacques druckste ein wenig herum. „Es kann schon sein, dass dies eine Weile nötig ist. Vorrangig soll aber Antoine diese Aufgabe übernehmen. Er hat in Paris bewiesen, dass er sehr gut allein Verhandlungen führen kann. Wenn es uns gelingt, unsere langjährigen Kunden wieder an uns zu binden und gleichzeitig zu expandieren, könnte er womöglich sogar mein Teilhaber werden und ich mich auf lange Sicht ein wenig mehr zurücknehmen. Mehr Zeit für euch haben.“

In Angeliques Ohren klang das nach einer guten Idee, aber sie spürte auch, dass es nicht so leicht sein würde, wie es sich im ersten Moment anhörte.

„Und wie lange denkst du, wird es dauern, bis du Antoine allein reisen lässt?“, fragte Monique. „Ich meine, es wäre schön, dich öfter zu Hause zu haben, aber das wird nicht von heute auf morgen geschehen. Und Europa ist nicht Paris. Du wirst viel länger fort sein als bisher. Noch dazu ist es derzeit nicht ohne Risiko.“

Angeliques Vater atmete tief durch. „Ich weiß“, sagte er leise. „Aber es ist eine Chance. Flandern, Lothringen, aber auch Böhmen und das Kaiserreich Österreich waren immer vielversprechende Märkte, ebenso wie Holland. Gerade für exklusive Waren, wie wir sie liefern können. Das dürfen wir nicht verlieren. Wir müssen an die Zukunft denken.“

Monique wurde blass. „Du willst bis nach Holland? Ausgerechnet jetzt? Denkst du nicht, dass es derzeit zu gefährlich ist? Und Lothringen? Wir hören ständig von Unruhen dort. Von Truppenbewegungen. Was, wenn dir etwas zustößt oder man dir mit Feindseligkeit begegnet?“

Geräuschvoll ließ Jacques sein Besteck auf den Teller fallen. „Nichts im Leben ist ohne Risiko, Monique. Das weißt du ebenso gut wie ich. Wir Kaufleute halten zusammen und überlassen das Kriegspielen den Generälen und Soldaten. Aber bitte, wenn du dagegen bist, sag es offen.“

„Es würde dich nicht abhalten. Doch ich hoffe, du verstehst meine Sorge.“

„Natürlich verstehe ich die“, brauste Angeliques Vater auf.

Erschrocken sah Angelique zwischen ihren Eltern hin und her. Dass Margarete stumm den Blick gesenkt hielt, unterstrich nur die Spannung, die plötzlich in der Küche herrschte. An den Krieg hatte Angelique gar nicht gedacht. Er schien so weit weg. Aber in Wahrheit war er näher, als ihnen lieb sein konnte, und sie verstand, warum ihr Vater sein Geschäft gerade jetzt ausweiten wollte. Er hatte Sorge, dass bestehende Verbindungen brachen, wenn sich die Konflikte ausweiteten, und wollte Alternativen haben.

Mit erzwungener Ruhe erhob er sich von seinem Stuhl, griff wortlos seinen Umhang und seinen Hut und verschwand nach draußen. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen. Nur für den Moment war dieser Disput beendet.

Es herrschte eine Weile Schweigen am Tisch, und die Frauen setzten ihre Mahlzeit angespannt fort. Erst als Margarete anfing, abzuräumen, ergriff Monique wieder das Wort. „Magst du mit mir zu den Quellen gehen, Angelique? Das Schwefelwasser geht zur Neige, und ich würde es gerne auffüllen.“

Angelique nickte eifrig. Sie liebte die Quellen, auch wenn sie sich allein nicht mehr dorthin traute. Die Stelle, wo sie entsprangen, war einmal ihr geheimer Rückzugsort gewesen, zu dem sie oft geschlichen war. Nicht selten nach Einbruch der Dunkelheit, vor allem aber immer dann, wenn sie Kummer hatte oder für sich sein wollte. Bis zu jener unheilvollen Nacht vor gut einem Jahr, in der sie dort unfreiwillig Zeuge von etwas Grauenhaftem geworden war. Bis heute wusste sie nicht, was geschehen war und welches Wesen dort oben sein Leben hatte lassen müssen, aber die Sinneseindrücke und das, was ihr Verstand damals daraus gemacht hatte, verfolgten sie manchmal heute noch.

Angelique hatte niemandem davon erzählt, allein schon weil sie dann hätte zugeben müssen, dass sie sich heimlich allein in der Nacht davonschlich. Sie hatte sich oft gefragt, ob es besser gewesen wäre, ihren Eltern von ihren Beobachtungen zu erzählen. Wenn sie am nächsten Tag gemeinsam dorthin gegangen wären, hätten sie dann Spuren gefunden? Antworten? Hinweise auf den oder die Täter?

Müßig, darüber nachzudenken, es war lange vorüber. Die Magie des Ortes war für sie noch immer etwas Besonderes, und sie war daher froh über jedes Mal, wenn sie mit ihrer Mutter dorthin gehen konnte.

Während sich Margarete um den Haushalt kümmerte, brachen Angelique und Monique auf. Der Fußmarsch dauerte von ihrem Hof aus nur gut eine halbe Stunde, doch er führte durch den Wald und einen steilen Pfad hinauf, auf dem Julien häufig Baumstämme mit seinen Pferden herunterbrachte.

Der Tag war sonnig und freundlich, die Wintersonne strahlte von einem blauen Himmel. Man hätte denken können, das Julfeuer habe seinen Zauber bereits getan.

Sie sprachen beide nicht über die geschäftlichen Pläne, ob bewusst oder weil sie es instinktiv verdrängten. Stattdessen erklärte Angeliques Mutter noch einmal, wofür man das Schwefelwasser einsetzen konnte und wann man es auf keinen Fall anwenden durfte. „Für offene Wunden ist es nichts. Damit schaffst du mehr Schaden als Nutzen.“

„Ich weiß, besser sind Umschläge mit Arnica oder Beinwell.“

„Ganz genau. Und vergiss nicht die Silberdistel, wenn es gilt, die Verletzung zunächst zu reinigen. Auch eine Salbe aus Ringelblumen wirkt dort wahre Wunder.“

So sprachen sie eine Weile, Monique fragte ab, was Angelique bereits gelernt hatte, und korrigierte oder ergänzte, wo ihr Wissen noch Lücken aufwies.

Auf dem letzten, anstrengenden Stück schwiegen sie beide, doch als sie kurz vor dem Eingang zu den Höhlen waren, stockten sie. Der Wildhüter der Frenés stand auf der kleinen Lichtung davor und sprach mit einem Mann, der ihnen unbekannt war und der eine große Waffe geschultert hatte.

„Christian?“ Verwundert hielt ihre Mutter inne, als sie den Rand der Lichtung erreichten.

Die beiden Männer wandten sich ihnen zu. Der Fremde zeigte keine Regung, während sich auf Christians Gesicht Überraschung widerspiegelte.

„Madame Renier? Angelique? Was tut ihr hier?“

Statt zu antworten ließen sie beide zunächst ihre Blicke schweifen und waren entsetzt über das, was sie sahen. Der Wildhüter nutzte den Moment, um seinen Begleiter zu verabschieden. Was war hier nur geschehen, fragte sich Angelique. Unangenehm stieg die Erinnerung in ihr empor und raubte ihr den Atem. Sie merkte, wie ihr übel wurde – weniger vom Anblick des Blutes, als vielmehr bei der Vorstellung davon, dass sich hier womöglich wiederholt hatte, was schon einmal geschehen war. Und daraus ergab sich die Frage, wie oft dies wohl bereits der Fall gewesen war. Aber hätte man dann nicht etwas darüber gehört? Im Augenblick sah es so aus, als sei Christian ebenso bestürzt und überrascht von dem, was hier geschehen sein mochte, wie sie selbst.

„Wir wollten zu den Quellen“, beantwortete Monique schließlich seine Frage.

„Die Quellen?“ Argwöhnisch betrachtete er sie beide. Angelique fühlte, wie ihr ein weiterer kalter Schauder über den Rücken lief. Da war etwas in seinen Augen, das sie alarmierte. Sie wusste, was viele sich über die Höhlen erzählten, darum traf man auch nur selten jemanden an, wenn man hierherkam, und unbestreitbar gaben die Spuren, die sich vor ihnen ausbreiteten, derlei Gerüchten neue Nahrung. Aber die Art, wie der Wildhüter sie und ihre Mutter musterte, erweckte den Eindruck, dass er nun ein völlig anderes Bild von ihnen hatte. Eines, das ihm nicht gefiel und Misstrauen weckte, als ob sie etwas damit zu tun hatten.

Falls Monique mit einem ähnlich unguten Gefühl kämpfte, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie blieb nach außen hin entspannt und gab bereitwillig weitere Auskunft.

„Ich möchte meine Vorräte auffüllen. Das Wasser in einer der Höhlen dort unten besitzt heilsame Kräfte. Es lindert Schmerzen in den Knochen und wirkt besänftigend auf juckende oder brennende Haut. Allerdings muss man natürlich gut achtgeben, die richtige Quelle zu finden, denn einige andere machen krank.“

„Ihr wisst erstaunlich viel über die Wasser in diesen Höhlen“, gab Christian gepresst zurück. Die Miene des Wildhüters wurde noch verschlossener.

Angeliques Mutter schenkte ihm dennoch ein besänftigendes Lächeln und ließ das Thema lieber auf sich beruhen. Stattdessen deutete sie auf das Blut an den Wänden. „Wisst Ihr, was hier geschehen ist? Das sieht schlimm aus.“

„Wölfe!“, antwortete er knapp.

Ihre Mutter nickte verstehend, obwohl ihr sicher ebenso klar war wie Angelique, dass das hier nicht von Wölfen rührte. Gerade als Angelique energisch darauf hinweisen wollte, fasste Monique sie am Arm und zog sie ein Stück in Richtung des Höhleneingangs. „Der Winter ist kalt und hart. Da sind sie wild, weil der Hunger sie treibt.“

„Wir kümmern uns darum. Aber es ist besser, Ihr sagt zu niemandem ein Wort. Wir wollen keine Unruhe schüren, sondern erledigen das lieber in aller Stille.“

Angelique zuckte zusammen und blickte automatisch in die Richtung, in die der Fremde verschwunden war. Sollte das etwa heißen, man wollte Jagd auf die Wölfe machen und sie erschießen? Das war nicht gerecht, sie hatten hiermit sicher nichts zu tun.

Als ahnte ihre Mutter, dass sie diesen Einwand erheben wollte, legte sie ihr eine Hand auf den Arm.

„Es ist beruhigend zu wissen, dass Richard sich um die Sicherheit seiner Leute sorgt. Habt Ihr in den Höhlen nachgesehen, ob sich dort etwas verbirgt? Ich meine, haltet Ihr es für sicher, wenn wir jetzt dort hinuntergehen? Oder würdet Ihr uns raten, es besser bleiben zu lassen?“

Jetzt riss Christian die Augen auf, als hätte Monique ihn praktisch aufgefordert, sich selbst ins Fegefeuer zu werfen. „Keinen Fuß setz ich da hinein“, knurrte er. „Aber wenn Ihr Euch dort auskennt, lasst Euch nicht aufhalten. Offenbar wisst Ihr ja bestens Bescheid über alles, was in diesen Höhlen ist.“ Den letzten Satz unterstrich er mit einem süßlich-aufgesetzten Grinsen, ehe er sie grußlos stehen ließ.

Monique blickte ihm mit undeutbarer Miene nach. „Komm, Angelique. Lass uns schnell hineingehen und die Krüge füllen. Ich denke, es ist besser, wenn wir uns nicht länger als nötig hier aufhalten. Oder überhaupt im Wald. Solange dieser Fremde hier herumstreift.“

Purpurnacht

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