Читать книгу Es ist nie zu spät... - Thomas Herholz - Страница 5
3. Prolog
ОглавлениеAus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir.
HERR höre auf meine Stimme…
So du willst, HERR, Sünden zurechnen,
HERR, wer wird bestehen?
Denn bei dir ist die Vergebung,
daß man dich fürchte.
Ich harre des HERRN,
meine Seele harret,
und ich hoffe auf sein Wort…
(aus Psalm 130, de Profundis)
Als Herbert nach unruhiger Nacht mit dickem Kopf und schweren Gliedern erwachte, fiel es ihm wieder ein: Er war jetzt 35 Jahre alt und wollte wieder Ordnung in sein Leben bringen. Er schob die dicke Gardine ein Stück weit zur Seite und ließ einen Strahl Sonne herein, der seinen guten Vorsatz zu unterstützen schien…
Im Bad wusch er sich nachlässig und putzte ausgiebig seine Zähne: Das war ihm immer das Wichtigste gewesen.
Er bereitete den altertümlichen Mokka-Kocher vor, setzte sich ins unaufgeräumte Wohnzimmer und schaltete den neuen PC seiner Eltern ein: mit Pentium Prozessor und Windows 95, der neueste Stand der Technik. Nach nur drei Minuten war er hochgefahren und lief zuverlässig, nicht wie sein alter 3-86er Kasten, der ständig abgestürzt war.
Ein Gutes hatte es also schon mal, dass er wieder bei Mutter und Vater in Burgwedel untergeschlupft war. Er holte sich einen dampfenden Espresso und schob das USB-Ende des Verbindungskabels zur Digitalkamera in den Computer. Digicams waren gerade der letzte Schrei, und als immer schon Technikbegeisterter hatte er sich schnell entschieden und die 1200,- D-Mark dafür zusammengekratzt.
Ein paar Mouse-clicks und auf der vollen Fläche des großen Röhrenmonitors erschien ein Bild, das ihn wieder aufwühlte: der große Strudel im Saltstraumen!
Er hatte mindestens 20 Fotos davon gemacht, die zwar nur einen milden Abklatsch des Erlebten vermittelten, doch als er die Augen schloss, fühlte er sich gleich wieder mitten drin im unwirklichen Geschehen: Er hatte Maria bei der Hand gefasst und blickte von der Plattform des kleinen Leuchtturms aus ungläubig ins Getöse. Ein großer, blasser Vollmond hing tief über dem Wasser. Es war Ende Mai 1995 und Mitternacht, aber hier, über dem Polarkreis, wurde es jetzt nicht mehr dunkel, obwohl die Sonne vor einer halben Stunde sich kurz verabschiedet hatte.
Ein grollendes Rauschen war zu hören, und man konnte geradewegs in die tosenden Strudel schauen, die den Blick unweigerlich in die Tiefe zogen, die der gewaltige Malstrom aufgerissen hatte. Ihm war aber so gewesen als würde er aus der Tiefe emporgehoben und aus einem Höllenschlund nach oben katapultiert, und eine Melodie aus einem uralten Gesangbuch fiel ihm wieder ein, die er seit Kindertagen nicht mehr gehört hatte: „Denn aus dem Wasser und dem Geist wurden wir neu geboren“.
Schon zum zweiten Mal hatten sie jetzt das Schauspiel gesehen, und die 6 Stunden zwischen den Höhepunkten waren ihnen wie im Fluge vergangen.
Schon der alte Gruselpoet Edgar Allan Poe hatte den unheimlichen Strudeln im frühen 19. Jahrhundert in seiner Novelle „Hinab in den Maelström“ ein unvergleichliches Denkmal gesetzt.
Maria hatte hier ihre Kindheit verbracht und sie kannte nicht nur die berühmte Stelle unter der mächtigen Salt-straumen-bru, wo immer einige Angler und Touristen standen. Hier wogten 400 Millionen Kubikmeter Gezeitenwasser durch einen nur 150 Meter breiten Sund vom atlantik-nahen Saltfjord in den inneren Skjerstadfjord und zurück und bewirkten den stärksten Malstrom der Erde. Sie kannte auch die geheimen Angelplätze, wo die Einheimischen seit Jahrhunderten die hier überreich einschwimmenden Seelachse, Köhler und Steinbeißer herauszogen, die verschwiegenen kleinen Buchten, an denen man lagern und dank des Golfstroms im Sommer baden konnte und die grün bewachsenen höheren Plateaus, von wo aus man weit über die Fjorde und bis nach Bodø am Nordmeer die Blicke schweifen ließ.
In Bodø lebte Marias schräger Vater und ihre gemeinsame Reise würde hier enden. Am übernächsten Tag schon hatte Herbert seinen Flug mit Norvegian Airshuttle, der Regionallinie der Braathens-Fluggesellschaft, gebucht, der ihn über Oslo nach Hannover bringen würde.
Ole freute sich über ihr Kommen, zumindest über Marias Kommen, obwohl ihr Verhältnis nicht immer unbelastet gewesen war. Er war vor 32 Jahren, also 1963 in den Norden gekommen, nachdem seine kleine Flensburger Malerfirma in Konkurs geraten war.
Hier oben waren fleißige deutsche Handwerker gesucht gewesen, und er hatte gutes Geld verdient und eine blonde norwegische Frau gefunden: Siv war aber vor fünf Jahren an Krebs gestorben, und mit Ole war es bergab gegangen.
Er hatte die Sprache nie richtig gelernt; auf dem Bau reichten Gesten und ein paar kurze Sätze auf Englisch. Zuhause gab es nur Fernsehen, Bier und Schnaps. Mit 60 war er aus der Firma geflogen und hatte erstmal auch keine Lust mehr auf Angeln gehabt, dem einzigen Hobby, das ihm früher Spaß gemacht hatte. Bier, Wodka und Akvavit bestimmten jetzt sein Leben. Maria hatte sich vorgenommen, das zu ändern.
Das kleine Haus am Fjord hatte Ole längst verkauft und gegen eine noch kleinere Wohnung eingetauscht. Immerhin konnte er damit die Schulden bezahlen, die durch Sivs Krankheit und seine Trinkerei aufgelaufen waren.
Am letzten Abend hatte Herbert immer wieder nicht „nein“ sagen können und einen Schnaps nach dem anderen mit Ole geleert, als sich Maria schon längst schlafen gelegt hatte. Morgens um 6 war er dann zum nahegelegenen Airport gewankt und bekam so eben noch den 8 Uhr-Flieger nach Hause, wo er nur noch schlafen wollte.