Читать книгу Die Plastikflasche - Valérie Guillaume - Страница 3
Wie die Reise begann
ОглавлениеIch erblickte das Licht der Welt in einer Fabrik. Wie Millionen anderer Plastikflaschen wurde ich dort erst mit Mineralwasser gefüllt und dann mit einem schönen Etikett geschmückt. Anschließend steckte man mich mit fünf anderen Flaschen, die mir bis ins letzte Detail glichen, zusammen in eine Folie aus durchsichtigem Plastik. Wir kamen in eine Lagerhalle und eines Tages fanden wir uns im Regal eines Supermarktes wieder. Wie lange wir dort gestanden haben, erinnere ich nicht mehr. Die Zeit in dem Regal dehnte sich in die Ewigkeit bis irgendwann eine Frau die Verpackung, die uns umschlossen hielt, öffnete und mich herausnahm. Vorsichtig wurde ich in ihren Einkaufswagen gelegt, den sie zur Kasse schob, wo sie ihre Einkäufe bezahlte. Als sie nach Hause kam, fand ich zunächst in einem dunklen Schrank Platz, aus dem sie mich einige Tage später herausholte. Sie stellte mich auf einen Tisch, um den sich mehrere Menschen versammelt hatten – anscheinend gehörten sie alle zusammen. An diesem Tisch saßen Jugendliche und Erwachsene, unter ihnen die Dame, die mich gekauft hatte. Ich wurde herumgereicht und währenddessen unterhielten sie sich alle lebhaft miteinander. Sie gossen das Getränk aus mir heraus, um ihre Gläser zu füllen. Am Ende war noch etwas davon in mir übriggeblieben. Ich spürte eine gewisse Erleichterung darüber, denn meine Nachbarin - die andere Flasche, die keinen Tropfen mehr in sich hatte, wurde vom Tisch genommen und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich hatte erwartet, in den dunklen Schrank zurückgestellt zu werden, aber stattdessen stellte mich die Frau neben ihre Spüle. Dort war es deutlich spannender als in dem dunklen Schrank. Konnte ich doch alles beobachten, was in der Küche geschah. Die Jugendlichen, die ich am Tisch gesehen hatte, gingen hinein, um mit dieser Dame zu sprechen, die sie "Mama" nannten. Sie sprachen aufgeregt mit ihr. Mein Blick fiel auf den Größten von ihnen. Er war ein gutaussehender junger Mann. Er trug eine Jeans und ein grünes T-Shirt. Ich bewunderte seine ausdrucksvollen Augen und seine harmonischen Gesichtszüge. Er sprach höflich mit seiner Mutter und wandte sich dann der Tür zu. Im Vorbeigehen packte er zu und nahm mich mit aus dem Haus. Seine Hand hielt meinen Hals umschlungen. Draußen wirbelte der warme Wind Plastiktüten und sonstigen Dreck in der Luft herum, der sich in den Straßen angesammelt hatte. Überall war Verkehrslärm zu hören. Ein Ohrenbetäubendes Hupkonzert ertönte und die Luft roch fürchterlich nach Abgasen. Der Jugendliche blieb schließlich vollkommen außer Atem vor einem Fluss stehen. Er drückte meine Taille mit der linken Hand zusammen und schraubte die Kappe ab, dann schwang er seinen Kopf nach hinten, setzte mich an seine Lippen und trank den Rest Flüssigkeit aus meinem Inneren aus. Er nahm den Deckel, den er in seiner rechten Hand hielt und schraubte ihn mit Kraft wieder auf meinen Hals. Dann warf er mich in hohem Bogen von sich fort. Ich flog durch die Luft. Entsetzt und verwirrt, wurde mir nun auch noch schwindelig von dem Herumwirbeln. Ein Windstoß trieb mich schließlich in den Fluss.