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Ispahan, die Hölle im Paradies
ОглавлениеJohann Rudolf Stadler hatte im Sommer 1626 Lübeck bei herrlichstem Wetter verlassen. Glatt wie ein Spiegel lag die Ostsee ausgebreitet; ein sanfter Wind trieb das Schiff gemächlich seinem Ziel entgegen.
Eines schönen Morgens fuhr der Segler in die breite Revalsche Bucht hinein. Ein malerischer Anblick bot sich den Blicken der Reisenden. Alte Stadtwälle mit Mauertürmen tauchten auf, dahinter ein Gewirr von spitzen Giebeln. Wie gewaltige Riesen wuchsen aus engen, winkligen Gassen hervor der schon damals fünfhundert Jahre zählende St. Olai-Dom, dessen hundertfünfzig Meter hoher Turm das weithin sichtbare Zeichen Revals bildete, und der prächtige, im gotischen Stil gehaltene Bau der alten Nicolaikirche. Über diesem unteren Stadtteil erhoben sich, auf einer felsigen Anhöhe am Schlossberg gelegen, die altehrwürdige Domkirche, die Burg, das Ritterhaus und die vielen prächtigen Bauten des Adels und einiger reicher Kaufherren.
Aus der Hansastadt Reval war einst ein junger Uhrmacher Tullae in die Fremde gewandert und hatte in Hamburg eine neue Heimat gefunden. Er wurde dort der Begründer eines neuen Geschlechtes dieses Namens. Jedoch vom Vater auf den Sohn vererbte sich die Anhänglichkeit an den Ort ihrer Herkunft; jeder von ihnen war wenigstens einmal im Leben dorthin gefahren. So blieben die Verwandten in Estland und im fernen Deutschland weit über ein Jahrhundert durch freundschaftliche Beziehungen verbunden. Doch jetzt schien die Zeit gekommen, wo der stolze Name dieses alten, berühmten Uhrmachergeschlechtes auch in Reval ausstarb. Der letzte Tullae daselbst war ein hochbetagter Mann, dessen Ehe nur drei Töchter entstammten. Sie waren sämtlich glücklich verheiratet. Seine Schwiegersöhne, der Ratsherr Johann Fonnen, der Ältermann und Kaufherr Heinrich Niehusen und der Gutsbesitzer Johann Müller, zählten zu den angesehensten Leuten des Landes.
Der alte Tullae staunte nicht wenig, als Stadler und Operchi in seine Werkstatt traten und ihm Grüsse aus Hamburg übermittelten. Er hiess beide herzlich willkommen, besonders zu dem jungen Stadler fühlte er sich hingezogen. Er beneidete seinen Vetter, dem es vergönnt war, in seinem künftigen Tochtermann einen so ausserordentlich geschickten Nachfolger seines Gewerbes zu besitzen, wohingegen sein Unternehmen nach seinem Ableben in fremde Hände übergehen würde.
Während der Perser mit dem Kaufherrn Niehusen Handelsverbindungen anknüpfte, lebten die beiden Uhrmacher ausschliesslich ihrer Kunst. Der alte Herr führte seinen Gast zur Petrikirche. Mit dem Glockenschlag zwölf trat aus der Uhr ein kunstvoll geschnitzter Totentanz hervor. Tullae sprach: „Ist es nicht wunderbar zu denken, dass der Hersteller dieses Werkes schon vierhundert Jahre unter der Erde liegt, seine Schöpfung aber weiter lebt und noch Jahrhunderte überdauern wird?“
Ein heisses Sehnen ergriff den Gefragten, auch eine Arbeit zu vollbringen, die seinen Namen unsterblich machte. Dieser Gedanke liess ihn nicht mehr frei. Unvergänglichen Ruhm wollte er erringen. –
Die ganze weitverzweigte Verwandtschaft Tullaes wetteiferte darin, die beiden Fremden bestens aufzunehmen. Im Hause des Ratsherrn Fonnen fanden rauschende Feste statt. Der reiche Niehusen trachtete, es an Pracht und Glanz dem Schwager gleichzutun. Hier, im Kreise der einflussreichsten Handelsherren, fand Operchi die Umwelt, die er suchte. Man lauschte seinen Reiseerlebnissen, tauschte Erfahrungen aus, und manches gefahrvolle Abenteuer kam zur Sprache; denn in jenen unruhigen Zeiten musste der Kaufmann, der es wagte in fremde Länder vorzudringen, nicht nur seinen Vorteil wahrzunehmen wissen, sondern auch ein tapferer, unerschrockener Soldat sein. –
Weit ausserhalb der Stadt, nachdem man an niedrigen Holzbauten kleiner Handwerker und an armseligen Bauernhäusern und vereinzelten Gehöften vorübergekommen war, lag Kunda.
Das geräumige Gutshaus war hart an den Rand des weiten, dunklen Tannenwaldes gebaut. Es machte einen freundlichen, einladenden Eindruck. Der Landsitz lag inmitten eines grossen, gepflegten Gartens, mit bunten Blumenbeeten und Rosensträuchern, mit weiten Wiesenflächen, Baumgängen und Lauben. Und im Halbkreis umgaben das Gut Weiden, auf denen kräftige Pferde und fette Rinder grasten, Kornfelder, die das Auge kaum zu überblicken vermochte, dazu Obst- und Gemüseanlagen.
Kunda galt als der Inbegriff eines mustergültigen Betriebes. Deutsche Tüchtigkeit hatte hier aus einer ehemaligen Wildnis im Laufe von einigen dreissig Jahren ein Kulturwerk geschaffen, wie es vorbildlicher nicht gedacht werden konnte. Doch neben der sachlichen Nüchternheit, die Ackerbau und Viehzucht bedingten, verriet die Anlage des parkartigen Gartens zugleich den Schönheitssinn des Besitzers. Er entstammte einer wohlhabenden pommerschen Bauernfamilie. Sein Vater hatte die Heimat verlassen, da er als zweiter Sohn den Erbhof seiner Sippe nicht übernehmen konnte. Für einen niedrigen Preis erwarb er die weiten Ländereien, die damals als wertloses Brachland betrachtet wurden. Nach seinem Tode dehnte der Sohn, der jetzige Gutsherr, den Besitz weiter aus. Die Arbeitersiedlungen waren zu Dörfern geworden. Auch hier spürte man eine liebende Hand, die sich um das Wohlergehen der Leute bekümmerte und an ihren Alltagssorgen Anteil nahm.
Johannes Müller, der Herr des Ganzen, war mit Tullaes jüngster Tochter verheiratet. Mit ihr kehrte die Freude an Musik, Gesang, Kunst und Wissenschaft auf Kunda ein. Hier, in die ländliche Stille, kamen Gelehrte und Künstler als gern gesehene Gäste. In diesem Kreis fand Stadler Verständnis für sein Schaffen. Hier wurden ihm die Stunden zu unvergesslichen Erlebnissen.
Im Fluge verrannen die Wochen in Reval; endlich aber drängte Operchi zur Abreise; denn ein weiter und gefahrvoller Weg lag vor ihnen, und sie mussten den Süden erreichen, bevor der strenge russische Winter einsetzte. – –
Nach vielen Monaten wurde Irans Grenze überschritten. Der Perser befand sich im Besitz von Schutzbriefen des Zaren und des Schahs; zudem hatte er wohlweislich eine starke Bedeckungsmannschaft angeworben. Doch wichtiger als beides erwiesen sich seine freundschaftlichen Beziehungen zu Kurden, Kosaken und Stämmen verschiedenster Art und Rasse, deren Gebiete sie durchquerten. Seine Bekanntschaft mit ihren Chanen (Fürsten) sicherte der Karawane unbehindertes Reisen. Freilich wurde diese Freundschaft mit reichen Geschenken immer wieder erneuert; aber auch die Fürsten und Stammesführer zeigten sich erkenntlich, indem sie die Gäste freundlich bewirteten und sie mit Lebensmitteln für die Weiterfahrt ausstatteten.
*
An einem Spätsommertag des Jahres 1627 stand Stadler auf einem Felsvorsprung des Berges Jeilak Perjan und schaute hinunter in das Tal. Er glaubte ein Märchenbild zu sehen. Dort lag der Garten des Paradieses! In üppiger Fülle gediehen die erlesensten Früchte, der Wein, dazwischen Kornfelder und Gärten voll wunderbarer Blumen und nie gesehener Bäume. Ein breiter Fluss und zahlreiche Bäche durchzogen die Landschaft. Dort, in der Ferne, dehnte sich ein unübersehbares Häusermeer. Zahllose Paläste und Minaretts ragten daraus hervor; viele Tore von prächtigen Kuppen und Türmen überkrönt, gewährten Einlass. – Ispahan!
*
Nun lagen die Höhenzüge des Elewandgebirges hinter den Reisenden. Die Hochebene senkte sich allmählich, und breite Karawanenstrassen durchschnitten die anmutige Gegend. Stadler fand keine Ruhe mehr. Mitten in der Nacht wurde aufgebrochen. Der Mond schien hell. Sein mattes Licht wirkte seltsam auf des jungen Mannes erregten, schwärmerischen Geist. Er glaubte durch ein Märchenreich zu reiten. Zypressen und Granatbäume umsäumten den Weg. In grossen Parks gelegene Landsitze erschienen ihm in ihrer morgenländischen Bauart wie verwunschene Schlösser.
Eine lange Mauer tauchte auf. Sie umfriedigte einen weiten Platz und war von vielen armselig gekleideten Menschen umlagert.
Operchi las das Erstaunen in Stadlers Blicken: „Ihr möchtet wissen, welche Bewandtnis es mit dieser Stätte hat? Hier wurde unseres grossen Schahs Lieblingssohn, Sefi Myrsa, ermordet.“
„Ermordet?“ – Stadler konnte den Sinn dieser Worte nicht sogleich erfassen. Inmitten dieser Wunderwelt sollte der Mord zu Hause sein?
„Freilich, ein Mann niederer Herkunft, namens Bebutbek, hatte ihn erstochen.“
„Ja, warum denn?“
„Weil der grosse Abbas es befahl.“
„Sein eigener Vater?“
„Jawohl, sein eigener Vater. Mächtige Chane, mit denen der Prinz in Feindschaft geraten war, verleumdeten ihn. Sie behaupteten, er strebe nach der Krone. Im Jähzorn erteilte der Schah den Befehl.“
„Ohne den Sohn anzuhören?“
„Abbas fürchtete um sein Leben. Er witterte überall verborgene Feinde, da er selbst durch Brudermord auf den Thron gelangt war.“
„Durch Brudermord?“
„Nun ja. Er liess Ismael dem Dritten von seinem Barbier beim Rasieren die Kehle durchschneiden, aber dieser hatte kaum ein besseres Schicksal verdient; denn acht Monate zuvor säbelten auf seine Veranlassung als Frauen verkleidete Chane den ältesten Bruder, Emir Hemse, im Harem nieder.“
„Und was geschah mit Bebutbek?“
„Er wurde zur Belohnung für seine Tat zum Statthalter von Caswin und Kesker befördert. Allzulange sollte er sich dieser Gnade allerdings nicht erfreuen; denn wenige Jahre später zwang Abbas ihn, seinem eigenen Sohn den Kopf abzuschlagen, damit er spüre, was es heisst, auf solche Weise sein Kind zu verlieren. Bald darauf wurde er selbst umgebracht, nachdem schon zuvor alle Verleumder bei einer Festtafel zu Caswin vergiftet worden waren.“
Stadler fand lange keine Antwort. Mit Entsetzen erkannte er, wie nahe in diesem Lande Paradies und Hölle nebeneinander wohnten. Endlich fragte er: „Und was treiben diese Bettler?“
„Sie finden hier eine Freistätte, wo ihnen Speise und Trank verabreicht wird. Abbas hat nämlich die im blinden Zorn begangene Tat bald bitter bereut. Er trauert heute noch um Sefi, den er liebte wie keines seiner Kinder. Er sucht auf diese Weise sein Gewissen zu beruhigen.“
Stadlers leicht empfängliches Gemüt ward aufs tiefste erschüttert. Hatte er vorher das helle Leuchten des Mondes wie zauberhaften Silberschein empfunden, so dünkte es ihn jetzt wie ein gespenstischer Schleier. In den dunklen Schatten der Häuser und Bäume glaubte er dämonische Wesen zu erblicken. –
Inmitten eines grossen Gartens, der an Schönheit alle bisher geschauten übertraf, stand ein wundervoller Palast. Stadler wollte die trübe Stimmung verscheuchen; er sagte: „Glücklich müssen die Menschen sein, die hier wohnen dürfen.“
Operchi antwortete: „Ich möchte nicht mit ihnen tauschen. Dort lebt die Witwe des ermordeten Myrsa Sefi mit ihren beiden Söhnen. Auf Schritt und Tritt sind sie von Spähern umgeben; alle Tore werden mit Wachen besetzt, keinen Schritt dürfen sie ausserhalb der Umzäunung des Parkes tun.“
Den Uhrmacher fröstelte.
In der Ferne tauchten schlanke Türme und wuchtige Kuppeln, prächtige Bauten und Mauern auf. Dort lag das Ziel, nach dem er sich solange heiss gesehnt hatte, das er gestern noch für eine Märchenwelt hielt. Heute sah er die Dinge mit anderen Augen an. Eine bange Ahnung beschlich ihn. Wie sollte er mit seinem schlichten, geraden Sinn sich in dieser Umwelt zurechtfinden?
Er war froh, als der Morgen nahte, die Sonne ihre goldenen Strahlen zur Erde sandte und aller Spuk der Nacht entschwand.
*
Unweit von Ispahan sahen die Reisenden einige Reiter auf sich zukommen. Es waren ein Freund Operchis, ein reicher persischer Kaufherr, und einige seiner Diener. Die Begrüssung geschah mit dem ganzen Gefühlsüberschwang der Orientalen. Immer neue Reitergruppen sprengten heran, darunter Armenier und, was Stadler besonders in Erstaunen setzte, auch einige Holländer, Engländer und Franzosen. Alle wetteiferten, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen. Dicht vor den Toren gesellte sich ein besonders prunkvoll gekleideter Trupp zu ihnen. Es war der Poslanik Alexei Sawinowitz, der Gesandte des Zaren, mit seiner Begleitung. Zwischen ihm und Operchi schien ein besonders herzliches Freundschaftsverhältnis zu bestehen. Am höchsten stieg aber Stadlers Verwunderung, als auch ein Mönch den Kaufmann bewillkommnete. Der Pater war ein rüstiger Mann von einigen dreissig Jahren. Er wandte sich an den Schweizer und sprach: „Ich heisse Joseph à Rosario. Die Güte des grossen Abbas hat es uns Augustinern gestattet, in den Mauern seiner Stadt unser Kloster zu errichten. Ich versuche mich seines hohen Schutzes dankbar zu erweisen, indem ich ihm als Übersetzer diene. Solltet Ihr in irgendeiner Lage einmal des Rates oder Beistandes bedürfen, so erinnert Euch meiner.“
„Ehrwürdiger Pater, gern werde ich von Eurem hochherzigen Angebot Gebrauch machen, falls es die Umstände erfordern sollten.“ Dankbar drückte Stadler die Hand des portugiesischen Mönches. Seine Worte taten ihm wohl. Sie waren aus hilfsbereitem Herzen gesprochen. –
Fürsten gleich zogen Operchi und Stadler in Ispahan ein. In den Strassen drängten sich zahllose Schaulustige. Der Uhrmacher erkannte mit Staunen, welches Ansehen sein Freund genoss.
Durch breite Alleen führte der Weg; zu beiden Seiten standen palastähnliche Bauten inmitten grosser Gärten. Behäbige Herren, mit langen, wohlgepflegten Bärten, gingen vorüber. Auf dem Kopf trugen sie den Mendil: grosse, dicke, von Seide oder Kattun hergestellte Binden, die übereinandergewunden ihr Haupt bedeckten. Andere wieder hatten rauhe Mützen aufgesetzt, innen und aussen mit krausen bucharischen Schaffellen überzogen. Alle waren in lange, bis auf die Waden reichende Röcke gehüllt, die, meistens mit farbenfreudigen Blumen bedruckt, aus bunter Seide oder Kattun bestanden. Wohlhabende Leute liessen ihre Kleidung von Künstlern bemalen. Fast alle trugen grüne Strümpfe. – Frauen und Mädchen sah er vorüberschreiten, mit langen, vom Kopf bis zu den Füssen herunterhängenden weissen Tüchern bedeckt, die nur zwei Augenschlitze offenliessen.
Endlich ward Operchis Faktorei erreicht. Der Schweizer bewunderte die ausgedehnten Lagerplätze, Schuppen und Häuser, die dazugehörigen zahlreichen Bedienten und die vielen Lasttiere: Kamele, Dromedare, Pferde, Esel und Maulesel.
Etwas abseits stand inmitten eines ausgedehnten, sorgfältig betreuten Gartens ein grosses, vornehmes Gebäude. Hier wohnte der Handelsherr. An reichgedeckter Tafel wurde gespeist. Schöne Sklavinnen, in leichte Gewänder gehüllt, bedienten. – –
Wie betörende Träume verrannen Tage und Nächte. Rausch, Pracht, Wohlgerüche und all der ungekannte Zauber des Morgenlandes hielten Stadlers Sinne umfangen.
Überall wurde er mit überschwenglicher Liebenswürdigkeit aufgenommen. Sowohl die Perser als auch die in Ispahan ansässigen Armenier wetteiferten, ihm zu Ehren Feste zu veranstalten. Doch wie so anders verliefen diese Abende als jene in Reval! Hier fanden Kunst und Wissenschaft keine Stätte; herrliche Speisen und schwere Weine bildeten den Auftakt; Sklavinnen, oft im kindlichen Alter, füllten mit sinnberückenden Tänzen die Nächte.
Die ortsansässigen Europäer hatten Stadler anfangs mit Misstrauen betrachtet; als sie aber feststellten, er wolle nur seinem Handwerk nachgehen und kümmere sich nicht um kaufmännische Dinge, fand er auch dort überall offene Häuser.
Wochen vergingen. Nervenaufreizende Nächte, verträumte Tage. Junge Sklavinnen, stets ein verheissungsvolles Lächeln im Gesicht, waren seine Dienerinnen. Alle Genüsse dieser zauberhaften Umwelt kostete er aus. Sie lähmten seine Willenskraft und Schaffensfreude.
Noch immer weilte Stadler als Gast in Operchis Haus. Freundschaft verband die beiden Männer.
An einem herrlichen Herbstnachmittag raffte sich der Schweizer auf, um einen Rundgang durch Ispahan zu machen. Von den breiten Alleen bog er ab in ein Gewirr schmaler Gassen und enger Strassen, die von einer bunten Volksmenge belebt waren. Durch dieses Menschengewühl kam ihm plötzlich eine aus zwanzig hochbeladenen Kamelen und wohl ebensovielen Mauleseln bestehende Karawane entgegen. Die Tiere trotteten im langen Zug gemächlich eines hinter dem anderen. Die Treiber schrieen, die Menge wich scheltend zur Seite; es entstand ein fürchterliches Gedränge und ein ohrenbetäubender Lärm. Der junge Uhrmacher stand diesem unerwarteten Ereignis ratlos gegenüber, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er unter die Hufe eines Dromedares geraten. Im letzten Augenblick fühlte er sich zurückgerissen. Der Mönch stand neben ihm.
Stadler sagte lächelnd: „Ehrwürdiger Pater, Euch hat mir der Himmel gesandt!“
Dieser entgegnete mit einer seltsamen Betonung: „Ich glaube auch, mein Freund, und hoffe, dass Ihr den Wink Gottes richtig verstehen werdet.“
Er geleitete ihn nach den Bazaren hinüber, die ein ganzes Stadtviertel ausfüllten. Hier herrschte eine wohltuende Kühle; denn die Strassen waren zum Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen überdacht. Alle Herrlichkeiten des Morgenlandes fand man hier aufgestapelt. Ein Gewirr fremder Sprachen schlug an das Ohr der beiden Männer. Neben Persern hatten Armenier, Georgier, Türken, Tataren, Juden, Afghanen und Abendländer die Erzeugnisse ihrer Heimat ausgestellt. Besonders stark waren die Inder vertreten, von denen derzeit mehr als zwölftausend in Ispahan lebten.
Der Portugiese geleitete seinen Freund aus dem bunten Treiben heraus zum Maidan; das war ein von einer Doppelreihe prächtiger Bogenhallen im Halbkreis umgebener Platz, wie Stadler ihn in einer solchen Ausdehnung nie zuvor gesehen hatte. Die Gewölbe dienten den verschiedensten Handwerkern – jede Zunft streng von der anderen getrennt – als Werkstätten und Verkaufsräume. Juweliere und Goldschmiede verrichteten dort ihre kunstvollen Arbeiten und boten ihre Kostbarkeiten feil. Seiden- und Baumwollzeuge wurden gewebt, Teppiche geknüpft, Waffen aus Eisen, Stahl und Bronze geschmiedet; Schneider, Schuhmacher und Sattler gingen ihrem Gewerbe nach; Holzschnitzer, darunter Künstler in der Herstellung wundervoller Pfeifenköpfe, Lackmaler, Glasbläser übten ihre Tätigkeit vor aller Augen aus. Dann folgten die Tzerra, die Wunden heilten, chirurgische Eingriffe und vor allem die Beschneidung vornahmen. In ihrer Nähe weilten die Dellaks, die den Männern den Kopf kahl schoren und den Bart pflegten. Aus Furcht vor Ansteckung brachte jeder Kunde sein eigenes Messer mit. Besondere Stände hatten auch die Schriftkundigen und die Wahrsager. Endlich befanden sich da noch Händler mit Lebensmitteln, Früchten, Gemüsen, sowie Fleischer und Bäcker.
Stadler verwirrten all die neuen Eindrücke, und die lebhafte Art, wie der Handel vor sich ging. Rosario bemerkte es und führte ihn zum Südteil des Maidans, wo der Riesenbau der Mestrid Mehedi Schebesemân Moschee im Rohbau vollendet stand, Irans grösstes und schönstes Gotteshaus. Seit Jahrzehnten wurde schon daran gebaut. Noch immer sah man zahlreiche Handwerker beschäftigt; denn nun begann die Arbeit der Bildhauer, und auch im Innern der Kirche gab es vollauf zu tun.
Auf einer hinter Buschwerk und Bäumen versteckten Bank liessen sich die beiden Männer nieder. Der Pater sprach: „Wohin Ihr kamt, habt Ihr fleissige, regsame Menschen gesehen, vom Künstler bis zum armseligen Treiber. Und was tut Ihr, der Ihr zu Grossem auserlesen seid!“ Die Augen des Mönches richteten sich auf Stadler und schienen bis in seine tiefste Seele zu dringen. „Haltlos lasst Ihr Euch treiben, Ihr versinkt in Sünde und in eine Eurer unwürdige Lebensweise. Rafft Euch auf! Vergesst nicht, weswegen Ihr hergekommen seid! Operchi nannte Euch einen unübertrefflichen Meister Eures Gewerbes; nun wohl, so liefert den Beweis Eures Könnens! Schafft Werke, die Euren Namen unvergänglich machen!“
Der Uhrmacher gedachte der Stunde, als er in Reval den Totentanz der Petrikirche bewunderte und so hohe Pläne fasste. Wie war es nur möglich gewesen, dass er im Sinnesrausch alles vergessen konnte – – selbst Barbara!?
Rosario fuhr im Sprechen fort: „Haltet Euren Lebenswandel makellos, so wird auch Eure Kunst sich rein und edel gestalten. Schafft nicht um des Geldes oder um des Ruhmes willen, sondern lasst es eine Schöpfung werden, die aus dem tiefsten Drang Eures Herzens heraus entsteht, die Ihr Eurem Gott in Dankbarkeit und Ehrfurcht widmet.“
Stadler erhob sich. In seinen Augen brannte das Feuer edler Begeisterung. Er antwortete: „Ehrwürdiger Pater, es soll sein, wie Ihr sagtet. Auch ich will der Menschheit die Vergänglichkeit alles Tun und Treibens auf Erden in meinem Werke zeigen, will ihr Gewissen wachrütteln, wie Ihr meines erweckt habt. Ich werde die Menschen daran erinnern, dass sie sterblich sind, ob König oder Bettler; dass in jener Welt nicht Amt noch Würden zählen, sondern nur unsere guten Taten!“
Ein Händedruck besiegelte das Gelöbnis.
In diesem Augenblick ertönte eine wilde Musik von Heerpauken, Schalmeien und Kerenei-Trompeten. Die Menschenmenge räumte fluchtartig den weiten Platz und staute sich in den Bogengängen.
An der Nordseite des Maidans befand sich der Palast des Schahs, inmitten ausgedehnter Gärten, umgeben von einer hohen Mauer.
Die breiten Torflügel wurden aufgerissen und heraus sprengte Abbas, der Grosse geheissen, auf schneeweissem Zelter. Ihm zur Seite ritt sein Schwager und Vertrauter, Isachan, der General der Bogenschützen. Ein glänzendes Gefolge begleitete den Herrscher.
Stadler erblickte zum erstenmal den Schah. Er war eine achtunggebietende Erscheinung. Stolz und aufrecht sass er im Sattel, trotz seiner sechzig Jahre. Der Schweizer konnte dem Mönch seine Bewunderung nicht verhehlen.
Der Portugiese entgegnete: „Abbas ist ein Mann von eiserner Willenskraft. Was glaubt Ihr, welch übermenschliche Anstrengung es ihn kostet, der Menge und seinen Würdenträgern vorzutäuschen, er befinde sich noch im Vollbesitz seiner Kraft? Er ist in Wahrheit siech und verfallen; die Tage seines Erdenwallens sind gezählt.“
Ungläubig schaute der Uhrmacher seinen Begleiter an: „Der Schah sollte ein todkranker Mann sein?“
„Sprecht leise, mein Lieber, und was ich Euch heute sage, bleibe ein Geheimnis zwischen uns. Vielleicht ist es Euch bekannt, dass wir Mönche Kenntnisse in der Heilkunde besitzen. Ich habe darin einen gewissen Ruf erlangt und bin nicht nur als Dolmetscher im königlichen Schloss tätig, sondern auch Abbas’ Leibarzt. Sind wir allein, so lässt er die Maske fallen.“
„Um was für eine Krankheit handelt es sich?“
„Es ist eine Krankheit der Seele, schlimmer als alle körperlichen Gebrechen. Ihn quält sein Gewissen! Blutschuld auf Blutschuld hat er auf sich geladen. All seine ehrgeizigen Pläne sind nun erfüllt: das verfallene Perserreich erlangte die alte Grösse zurück. Alle Feinde und ihre Sippen liess er ausrotten, aber eine furchtbare Angst, selbst durch Mörderhand zu sterben, lässt ihn überall Gegner erblicken, die ihm nach dem Leben trachten. Diese entsetzliche Furcht ist es, die ihn zu immer neuen Schreckenstaten treibt. – Nacht um Nacht wechselt er die Schlafstätte; nur die erprobtesten seiner Würdenträger werden als Wächter gewählt, und nie darf das Licht verlöschen. Er glaubt im Dunkeln Gespenster zu sehen. Oft geht er bis zum Morgen ruhelos auf und ab; dann wieder schreit er plötzlich wie ein todwundes Tier, zieht sein Schwert und kämpft mit unsichtbaren Dämonen. Er findet keine Ruhe; Alpdrücken und schauerliche Träume suchen ihn heim. Kein Schlafmittel will helfen.“
„Also ist er wahnsinnig?“
„Vielleicht! – Was wissen wir, ob diese Schreckensbilder nur Auswüchse seiner Einbildungskraft sind, oder ob es nicht doch Wesen gibt, die der Himmel oder die Hölle als Rächer zur Erde niedergesandt hat, und die wir, da unser Gewissen rein ist, mit unseren Sinnen nicht wahrzunehmen vermögen?“
Die Wege der beiden trennten sich.
Tief in Gedanken versunken schritt Stadler über den Maidan. Mit heimlichem Grauen blickte er zum Schloss hinüber. Er musste daran denken, dass dieser Herrscher, der aus einer zerstörten, verfallenen Trümmerstätte in wenigen Jahren das Ispahan hervorzauberte, dessen Ruf die Welt erfüllte, mit dessen Schönheit sich keine Stadt des Abendlandes messen konnte, geschweige denn mit der weit über eine halbe Million betragenden Bevölkerungszahl – der so gewaltige Taten für sein Reich leistete, der eine Welt von Feinden zu Boden warf, mit seinem eigenen Gewissen nicht fertig zu werden vermochte!
Eine an sich unwesentliche Sache riss ihn aus seinem Sinnen heraus. Er gewahrte am Palasteingang eine grosse Uhr, aber sie war ohne Leben, verwahrlost und verlottert. Lange betrachtete er sie. Ehrgeizige Gedanken stiegen in ihm hoch. Er glaubte den Schlüssel zu schnellem Aufstieg gefunden zu haben.
Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. Hinter ihm stand Alexei Sawinowitz. Er fragte lächelnd: „Nun, habt Ihr etwas entdeckt, was Euch als Meister Eures Faches ein Greuel ist?“
Stadler erwiderte: „Ist es des grossen Abbas würdig, einen Gegenstand von so auserlesener Güte zu besitzen, der wertlos wurde, weil keine kundige Hand sich seiner annahm?“
„Und Ihr glaubt diesem Kunstwerk Leben einhauchen zu können?“
„Ich verbürge mich dafür.“
„Dann soll Euch dazu Gelegenheit geboten werden, wenn Ihr Euch meiner Empfehlung anvertrauen wollt und ein wenig Geduld habt.“ Mit diesen Worten drückte der Abgesandte dem Schweizer die Hand und schritt durchs Tor, das ihm ehrerbietig geöffnet wurde.
*
Am Abend erzählte Stadler Operchi von seiner Begegnung mit Sawinowitz. Der Kaufherr sah eine Weile sinnend zu Boden, dann sagte er: „Auch ich kann Euch bei Abbas einführen, aber ich rate Euch nicht dazu.“
„Und warum nicht?“
Statt einer Antwort fragte der Perser: „Kennt Ihr die Geschichte dieser Uhr?“
„Nein.“
„Gut, so hört. – Schah Abbas herrscht nun seit dreiundvierzig Jahren. Kurz nach seiner Thronbesteigung kam ein Engländer namens Feffi nach Ispahan. Er ist, wie Ihr, ein Meister seiner Kunst gewesen. Um des Fürsten Zuneigung zu gewinnen, schenkte er ihm jene Uhr. Er erreichte auch, was er wollte; aber nur wenige Jahre sollte er sich seines Glückes erfreuen. Eines Nachts geriet er auf dem Heimweg mit einem Perser in Streit und tötete ihn. Sein Leben war nach unseren Gesetzen verwirkt. So mächtig auch Abbas sein mochte, gegen das Urteil der Geistlichkeit vermochte er mit Gewalt nichts auszurichten. Die einzige Rettung, die es für Feffi gab, war, den Christenglauben abzulegen und sich beschneiden zu lassen. Zweimal wurde er bereits zum Maidan geschleppt; jedesmal traf in letzter Minute ein Bote des Schahs ein, ihm nochmals Bedenkzeit zu gewähren. Als er zum drittenmal die Vorschläge ablehnte, musste er nach dem Gesetz den Angehörigen des Getöteten ausgeliefert werden, die ihn unter dem Beifall der Menge mit ihren Säbeln buchstäblich in Stücke schlugen.“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Wir besitzen hierzulande unsere eigenen Anschauungen und Erfahrungen; niemand fand sich, das Erbe des Gerichteten anzutreten, denn jeder fürchtete, es könnte auch ihm eines Tages ebenso ergehen.“
„Das ist ein alberner Kinderglauben. Ich werde Euch beweisen, wie töricht es ist, sich durch solche Hirngespinste beeinflussen zu lassen. Oder ist Abbas den Fremden nicht wohlgesinnt?“
„Im Gegenteil, er ist ihnen mehr gewogen, als es manchem Einheimischen ratsam erscheint.“
„Nun also!“
„Aber Ihr kennt seinen Charakter nicht. Er ist launisch, und wer heute noch sein Vertrauen besitzt, kann morgen schon ein verlorener Mann sein.
*
Zu dieser Stunde spielte sich im königlichen Palast eine furchtbare Familientragödie ab.
Abbas hatte ein Leben hinter sich, das nicht nur mit Kämpfen und Erregungen aller Art, sondern auch mit wilden Ausschweifungen ausgefüllt war. Noch jetzt hielt er sich ausser seinen drei Frauen einige hundert Kebsweiber. Er wusste selbst nur zu gut, wie es mit seiner Gesundheit bestellt war, und er fürchtete nichts so sehr, als durch Krankheit zur Hilflosigkeit verdammt zu werden. Sein Misstrauen wuchs geradezu ins Uferlose. Er glaubte, an dem Tag, wo er wehrlos auf seinem Lager läge, würden die verborgenen Feinde hervortreten und mit Dolch, Schwert oder Gift über ihn herfallen.
Dem Schah gegenüber sass Isachan. Er war wegen Tapferkeit und Treue auf den hohen Posten gestellt und als Zeichen höchster Anerkennung mit der Schwester des Herrschers vermählt.
Isachan hing seinen Gedanken nach. Er wusste, dass mit dem Tod seines Beschützers auch sein Leben verloren sei. Längst schon hatten ihm Abbas’ Söhne zu verstehen gegeben, dass sie ihn seiner niedrigen Herkunft wegen nicht für würdig hielten, ein Mitglied der kaiserlichen Familie zu sein; sie demütigten ihn, soviel und sooft sie es nur vermochten. Es gab für ihn bloss eine Rettung – ihr Verderben!
„Woran denkst du?“ fragte plötzlich der Schah.
„Ich vermute, wenn die Hyänen glauben, der Löwe habe die Zähne verloren, so beginnen sie ihn zu umschleichen und warten darauf, ihn im Schlaf zu zerreissen.“
Abbas zuckte zusammen. Ein unheimliches Feuer brannte aus seinen Augen: „Das gleiche dachte ich. Wer sind diese Hyänen? Sprich!“
„Ich könnte mich täuschen, auch möchte ich nicht Misstrauen säen zwischen dich und die, die deinem Herzen am nächsten stehen.“
„Meinem Herzen am nächsten stehen? – Es war ausser dir nur einer, und er fiel, ein Opfer hämischer Verleumdung.“
„Du tatest, was in deinen Kräften stand, seinen Tod zu rächen, und es liegt in deiner Macht, dereinst an Sefis Sohn die Schuld abzutragen, die pflichtvergessene Chane auf dein Haupt geladen haben.“
„Isachan, du sprichst aus, was ich seit langem erwäge.“
In diesem Augenblick wurde hastig die Tür aufgerissen, und herein traten zwei prunkvoll gekleidete Männer von etwa vierzig Jahren. Sie verneigten sich tief und blieben, wie abwartend, an der Tür stehen. Weder der Schah noch sein Vertrauter taten, als ob sie die Eintretenden bemerkt hätten. Zornesröte färbte die Wangen der Wartenden. Kurze Zeit noch verharrten sie in der demütigen Stellung; dann wechselten sie einen Blick des Einverständnisses und traten auf Abbas zu. Dieser schnellte vom Sitz empor. Ihm schwollen die Adern auf der Stirn, und blitzschnell riss er sein Schwert aus der Scheide. Auch Isachan hatte ein gleiches getan.
Der ältere der beiden Eindringlinge sprach: „Wozu das, Vater, sind wir deine Söhne oder deine Feinde?“
Der Gefragte entgegnete finster: „Das eine weiss ich, das andere weiss ich nicht, Chodabende!“
„Du würdest es wissen, wenn du uns, deinen Kindern, das Vertrauen schenktest, das du an jenen dort verschwendest!“ Ein hasserfüllter Blick traf Isachan.
Der Schah hatte sich gefasst. Er antwortete mit ruhiger Stimme: „Vertrauen will erworben sein, nicht ererbt!“
Da trat sein jüngster Sohn, Imanculi, an ihn heran und erwiderte: „So gib uns Gelegenheit, es zu erringen; wir warten seit langem darauf!“
„Es ist ausserordentlich gefährlich, einen Teil der Macht aus den Händen zu geben. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass dann in mehr als einem Fall das eigene Fleisch sich gegen seinen Erzeuger empörte.“
„So leihe künftig deinem Ohr wenigstens unseren Rat! Dreiundvierzig Jahre hast du nun allein geherrscht, wir beide sind heute keine Kinder mehr, und es würde deinem Lande nicht zum Schaden gereichen, wenn sich zu der Weisheit des Alters die Kraft der Jugend gesellte!“ rief Chodabende unbedacht.
Sein Vater betrachtete ihn eine Weile schweigend, warf ihm einen vielsagenden Blick zu: „Bist auch du dieser Ansicht?“
„Ich bin der Meinung, dass uns die Vorsehung in einem königlichen Bett zur Welt kommen liess, damit wir als Prinzen geachtet werden und eine unserer Abkunft würdige Betätigung erhalten.“
Langsam erhob sich der Abbas: „Ich verstehe euch besser, als ihr denkt! Ihr könnt euer ungebärdiges Blut nicht mehr zügeln. Erzwingen und ertrotzen wollt ihr euch Rechte, die zu erteilen nur von meinem Willen abhängt. Ihr glaubt, der Baum sei morsch geworden; ihr versucht, die Axt daran zu legen und hofft, ihn mit einem Streich zu Fall zu bringen. Längst schon habe ich eure dunklen Gedanken durchschaut! Nehmt euch in Acht!“
Chodabende bebte vor Erregung. Er rief: „Soweit also konnte es kommen, dass unser guter Wille als Verrat gedeutet wird! Ich sehe wohl, wem wir diese Behandlung zu verdanken haben. Vater, hüte du dich, den Einflüsterungen eines Mannes niederer Herkunft mehr Glauben zu schenken als deinem eigenen Fleisch und Blut!“
Imanculi bekräftigte: „Mein Bruder hat recht gesehen und richtig gesprochen! Denke daran, wie du schon einmal heimtückischen Chanen dein Ohr geliehen hast, wie dein Sohn Sefi auf ungerechtfertigten Verdacht hin nach deinem Befehl ermordet wurde!“
Die Hand Abbas hatte eine Glocke ergriffen. Schrill, wie ein wütender Aufschrei, klang ihr Schall durch den Raum.
Die Tür wurde aufgerissen. Darugo Chosrow und die Leibwache standen mit gezückten Schwertern im Rahmen.
„Ergreift sie!“ rief der Schah.
„Im nächsten Augenblick waren die Brüder entwaffnet und gefesselt.
Der Herrscher sprach, und kalter Hohn klang aus seinen Worten: „Ihr beide erzähltet mir von dem, was ihr zu sehen vermeintet. Es ist nicht gut, die Dinge im falschen Licht zu schauen. Da eure Augen Unheil anrichten könnten, so ist es besser, ich befreie euch von ihnen.“ – –
Am anderen Morgen wurden die Brüder von rohen Kriegsknechten vorwärtsgestossen. Sie, die gestern noch glaubten, die Vorstufe zum Thron des mächtigen Perserreiches betreten zu haben, sanken heute in tiefstes menschliches Elend. Ketten klirrten an ihren Händen und Füssen. Endlos schien den Geblendeten die Wanderung, da sie nicht wussten, ob es Tag oder Nacht sei. Endlich, nach zehn Tagen, erreichte der traurige Zug die Bergfeste Alamuth, drei Tagereisen hinter Caswin, wo beide in ein tiefes Kerkerverliess geworfen wurden.
*
Wenige Tage nach diesen Ereignissen ging der Schah, als einfacher Mann aus dem Volke verkleidet, über den Maidan. Da hörte er, wie ein armer Tagelöhner zu einem anderen sprach: „Wohin sind die Zeiten, als unser grosser Abbas noch ein Herz für die Unterdrückten besass, und er selbst nach dem Rechten sah? Damals wagte kein Bäcker sich zu weigern, Brot zu den festgesetzten Marktpreisen abzugeben; kein Fleischer hätte sich unterstanden, falsche Gewichte zu führen.“
Der Verkleidete fragte: „Kommt so etwas vor?“ Da lachten die beiden und riefen: „Bruder, woher stammst du eigentlich, dass du nicht weisst, was jedem Kind in Ispahan bekannt ist!“
„Steht es so schlimm hierzulande mit der Gerechtigkeit? – Könntet ihr mir wohl den Stand solcher Männer zeigen, damit ich mich hüte, von ihnen übervorteilt zu werden?“
Sie gingen zu den Gewölben, wo die Bäcker ihre Waren feilboten. Ein wohlgenährter Meister erregte die Aufmerksamkeit des Schahs. Er ging mit unterwürfiger Miene an den Stand und bat bescheiden, ihm ein Brot zu verkaufen.
„Kannst du haben, aber nicht zu den Preisen, die der Unverstand festgesetzt hat; denn ich verspüre nicht die geringste Lust, einst so heruntergekommen umherzulaufen, wie ihr drei Taugenichtse.“
„Der grosse Abbas hat doch befohlen, dass Ihr für diese Münze den Laib abgeben sollt.“
„Der grosse Abbas ist kein Bäcker und versteht nichts von unserem Gewerbe; zudem muss ich mit meinen Getreidevorräten sparen, damit ich seinen Soldaten den Hals füllen kann, wenn es ihn wieder einmal gelüstet, Krieg zu führen.“
„Ihr weigert Euch also, nach seinem Befehl zu handeln?“
„Schert Euch zum Teufel, elendes Bettelgesindel!“
Nichts verriet, was in des Herrschers Seele vor sich ging. Wie ein geschlagener Hund schlich er von dannen.
„Da hörst du es selbst, wie sie die Vorschriften des gerechten Abbas missachten, der ein Freund des kleinen Mannes ist!“
Bei den Verkaufsständen der Metzger blieben die drei stehen.
Der Schah verlangte Rinderfleisch und fragte, ob Preis und Gewicht der Marktordnung entsprächen. Der Schlachter blickte ihn boshaft an und sagte höhnisch: „Bist du vielleicht selbst der grosse Abbas, dass du den Mut hast, solche Frage an mich zu richten?“
„Ich will mein gutes Recht!“ war die Antwort.
„Wir von der Fleischerinnung müssen wissen, welchen Nutzen wir benötigen. Wer nicht bei uns kaufen will, mag sich trollen.“
„Ist das Euer letztes Wort?“
„Hier hast du mein letztes Wort, alter Bettelsack!“ Wütend erhob der Grobian die Hand zum Schlag; da richtete sich der vermeintliche Arme plötzlich aus seiner demütigen Haltung empor. Er riss den falschen Bart herunter, schlug den Mantel zurück und mit Entsetzen gewahrte der Betrüger, wem er gegenüberstand. Wie aus dem Boden gewachsen, tauchten handfeste Schergen auf.
Zornbebend rief der beleidigte Herrscher: „Ich will dir Achtung vor den Gesetzen beibringen; du sollst anderen Wucherern ein abschreckendes Beispiel sein!“
Der Sünder wurde an einem eisernen Schlachterhaken aufgehängt.
„Drei Tage und drei Nächte soll er zur Schau gestellt bleiben! Wer ihm Nahrung oder Trinken reicht, ist des Todes!“
Schmähungen, Drohungen und Spottrufe wurden aus der Menge gegen den Metzger laut. Das arme, hintergangene Volk pries den Gerechtigkeitssinn seines Landesherrn. Dieser wandte sich indessen dem Bäcker zu. Er richtete einige Worte an die Schergen, worauf der Brotwucherer ergriffen und bei lebendigem Leibe in seinen eigenen Backofen gesteckt wurde.
Ein lähmender Schrecken hatte die Händler gepackt. Auf lange Zeit hinaus würde es niemand wagen, sich gegen die Gesetze aufzulehnen. Alle Marktaufseher wurden ihres Postens enthoben und neue Beamte, mit strengen Vorschriften ausgestattet, zwecks Ausübung einer scharfen Kontrolle eingesetzt.
Es war die letzte, weithin sichtbare Willensäusserung Abbas’, die im Volke den Glauben an seine Kraft neu erweckte; niemand ahnte, dass es das letzte Aufflackern eines starken Geistes bedeuten sollte.
*
Eine grosse Veränderung konnte man in Stadlers Wesen feststellen. Er hatte bisher Operchis Gastfreundschaft in Anspruch genommen; nun mietete er ein abseits gelegenes Gartenhäuschen und widmete sich lediglich seinem Beruf. – Er beherrschte, wie so viele Bergbewohner seiner Heimat, die Kunst des Figurenschnitzens. Hierin zeigte er eine gewisse Fertigkeit. Bei einem persischen Holzbildschnitzer suchte er sich nun weiter zu vervollkommnen, um es möglichst zur Meisterschaft zu bringen und den hier herrschenden Geschmack kennenzulernen.
Monate verstrichen, da erhielt der Uhrmacher die Aufforderung, an einem bestimmten Tag im Schloss zu erscheinen. Es lagen noch Wochen dazwischen; bei der Fülle der erbetenen Empfänge mussten sie auf weite Sicht festgelegt werden.
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Stadler schritt über den Maidan. Er vermochte kaum seine Erregung zu meistern. Ihm schien die Stunde gekommen, in der seine kühnsten Träume in Erfüllung gingen. Er zeigte der Torwache seine Einladung und wurde in den Vorgarten eingelassen. Ein Palastdiener eilte herbei. Seltsamerweise führte er ihn nicht in den Empfangssaal, sondern durchschritt mit ihm eine Reihe parkähnlicher Anlagen. Sie gelangten schliesslich zu einem kleineren, entzückend hinter Bäumen und Buschwerk versteckten Lusthäuschen. Durch mehrere kostbar eingerichtete Räume, deren Fenster verhangen waren, gingen beide. Der Begleiter flüsterte Stadler zu, der Schah habe ein schweres Augenleiden und müsse sich daher gegen grelles Licht schützen. In einem kleinen Gemach hiess man den Schweizer Platz nehmen. Der Diener entfernte sich.
Ein ihm unerklärliches, unheimliches Gefühl beschlich den Wartenden. Eine innere Stimme sagte ihm, dass hier irgend etwas nicht in Ordnung sei.
Er wusste nicht, wie lange er in dem Raum verweilte; ihn dünkte die Zeit eine Ewigkeit. Ein anderer Beamter erschien, führte ihn durch zwei weitere Zimmer; dann schlug er plötzlich einen Vorhang zurück, und der Uhrmacher befand sich bewaffneten Palastdienern gegenüber. Sie geleiteten ihn zu einem niederen Sitz. Er vermochte in dem fast finsteren Gemach anfangs nichts zu erkennen; erst allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel. Da bemerkte er den kostbar gekleideten Herrscher in einiger Entfernung vor sich auf dem Thron sitzen. Mit seltsam starren Blicken sah er unverwandt zu ihm nieder. Die Luft schien trotz aller Wohlgerüche schwer und stickig. Eine Weile herrschte tiefe Stille. Grauen packte den Wartenden.
Zwischen Abbas und ihm sass, dem Herkommen gemäss, der Temirbek, dessen Aufgabe es war, die Sachen der Parteien vorzubringen. Dieser fragte: „Wer seid Ihr?“
„Ich heisse Johann Rudolf Stadler, bin aus dem Lande, das die Schweiz heisst, und habe die Uhrmacherkunst erlernt.“
„Was ist Euer Begehr?“
„Meine Wissenschaft in den Dienst des erhabenen Schahs zu stellen. Ich bitte um die Gunst, die grosse Uhr am Palasteingang wieder in Gang setzen zu dürfen, damit sie künftig aufs neue Zeit und Stunde anzeige.“
Der Temirbek wiederholte das Gesagte.
Eine Weile herrschte Schweigen. Immer noch hielt Abbas seine Augen starr auf den Besucher gerichtet. Endlich antwortete er, und seine Stimme klang wie aus weiter Ferne kommend: „Ich danke Euch. Man sagte mir, Ihr wäret ein Künstler Eures Faches, wie es keinen zweiten auf Erden gibt. Gern nehme ich Euer Anerbieten an. Ihr möget morgen zeigen, was Ihr könnt. Gelingt es Euch, die Uhr wieder zu neuem Leben zu erwecken, so haltet Euch meines besonderen Wohlwollens versichert.“
Der Arm des Fürsten machte eine kurze, seltsam starre Bewegung; dann fiel der Körper in seine vorherige Unbeweglichkeit zurück.
Stadler atmete auf, als sich die Pforte des Palastes hinter ihm schloss und er wieder von Leben und Lärmen umgeben war. Wie ein Spuk deuchte ihm das Erlebnis; immer noch glaubte er zwei starre Augen auf sich gerichtet zu sehen. – –
Kaum war der Türvorhang hinter ihm zurückgeschlagen, als sich eine Geheimpforte öffnete, aus der Isachan eintrat. Ihm folgten vier Männer, die einen Sarg trugen. Er fragte: „War das der letzte Empfang?“
Der Temirbek antwortete: „Ja, der letzte.“
„Allah sei Dank! Doch auch Euch danke ich, Temirbek und Jusuf Aga, die Ihr dem Staate so treue Dienste geleistet habt. Es ist die höchste Zeit, diese Komödie, die zu spielen uns die Sicherheit des Reiches zwang, zu beenden. Volle vierzig Tage hat nun des grossen Abbas’ Leichnam Sitzungen abhalten müssen. Es dürfte ein Fall der Weltgeschichte sein, wie er nie zuvor geschehen ist. Ihr habt Eure Rollen vorzüglich gespielt. Inzwischen sind nun die Grenzen gesichert. Die Usbeken und Kilianer mögen versuchen, in unser Land einzufallen, wie sie es geschworen haben, sobald der Schah die Augen schliessen würde. Wir werden die Räuberhorden schon mit blutigen Köpfen heimschicken. – Soeben sind reitende Boten eingetroffen, die melden, dass Seinelchan und Darugo Chosrow sich mit Prinz Sam Myrsa auf dem Wege befinden. Morgen werden sie bestimmt eintreffen, und dann erst wird Abbas des Grossen Ableben der Welt bekanntgegeben.“
Hinter dem Thronsitz befand sich ein Vorhang, der auf schwarzem Feld reich mit Goldstickereien geschmückt war. Dort hatte der zuverlässige und geschickte Diener Jusuf Aga gesessen und anstelle des toten Herrschers gesprochen. Durch einen Schlitz im Stoff bewegte er den Arm des Schahs, um Leben vorzutäuschen. Er trug lange schwarze Samthandschuhe übergestülpt.
Jusuf Aga trat aus seinem Versteck hervor. Er und der Temirbek unterstützten die vier Palastdiener, die Leiche des Verstorbenen in den kostbaren Sarg zu betten. In vollem Staatsschmuck ward er in seine letzte Ruhestätte gelegt.
Isachan schaute dem Toten lange ins Antlitz. Ihm war er Freund gewesen bis zu seiner letzten Stunde. Ihm hatte er alles zu verdanken: Ehre, Glanz und Reichtum.
*
Wenige Tage zuvor spielte sich vor den Toren Ispahans ein aufregendes Ereignis ab: der Turmwächter des königlichen Lustschlosses, in dem Sefi Myrsas Witwe wohnte, sah eines Abends zwei reichgekleidete Würdenträger, die von einer grossen Anzahl berittener Soldaten begleitet wurden, den Weg zum Palast einschlagen. Er eilte zu seiner Herrin und meldete, was er beobachtet hatte. Die willensstarke Frau liess sofort alle Eingänge schliessen und hiess den Wächter, seinen Posten wieder einzunehmen und ihr durch Diener Mitteilung zu machen, was weiter geschehe.
Die Nachrichten lauteten wenig ermutigend. Der Garten wurde ringsum von Berittenen umstellt; nirgends blieb ein Ausweg zur Flucht. Es währte auch nicht lange, so nahten die beiden Führer und pochten ans Tor.
„Wer seid ihr und was wünscht ihr?“ fragte die Witwe.
„Wir sind Seinelchen und Darugo Chosrow, die Abgesandten aus Ispahan. Wir begehren Einlass, denn wir haben Euch eine wichtige Botschaft zu bringen, die keinen Aufschub duldet.“
„So nennt euren Auftrag.“
„Schah Abbas der Grosse ist tot. Es war sein Wille, dass Euer Sohn Sam Myrsa Irans Thron besteige!“
„Ihr lügt! Es ist eine neue teufliche List des Blutgierigen. Ihm genügt es nicht, mir den Gatten getötet zu haben; er streckt seine Hände auch nach dem Letzten aus, das mir auf Erden geblieben ist, nach meinen Kindern!“
Vergeblich beteuerten die Würdenträger, die Wahrheit zu sprechen; das Vertrauen der schwergeprüften Frau war durch jene frühere grausame Tat für alle Zeiten erschüttert.
Drei volle Tage harrten sie vergebens, eingelassen zu werden; drei Nächte hindurch loderten in den weiten Parkanlagen die Fackeln. Es war ein unheimliches, gespenstisches Bild. Am Morgen des vierten Tages waren die Begleiter nicht mehr zu zähmen; zudem duldete der Auftrag keinen längeren Aufschub. Zum letztenmal bat man um Einlass, und als er wiederum verweigert wurde, erbrachen die Soldaten gewaltsam das Tor.
Die Witwe stand inmitten des Raumes und hielt ihren Arm schützend um den kaum den Kinderjahren entwachsenen Sohn. Sie rief den Eindringlingen zu: „Der Weg zu Sam Myrsa führt nur über meine Leiche!“ Und zu dem vor Angst zitternden Jüngling gewandt: „Dann gehe auch du durch deiner Mörder Hände zu deinem Vater. Gott möge die Tat rächen!“
Seinelchen und Darugo Chosrow aber fielen auf die Knie, küssten Sams Füsse und sprachen: „Sei uns gegrüsst, der du von dieser Stunde an der Schah bist über die Lande der aufgehenden Sonne. Wir erflehen des himmlischen Vaters Segen auf dein Haupt. Mögest du lange und glücklich herrschen!“
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Mit grossem Gepränge zog der junge Schah in Persiens Hauptstadt ein. –
Am anderen Morgen verliessen durch drei verschiedene Tore drei kostbare Särge Ispahan, jeder begleitet von einem grossen Trauergefolge. –
In Ardebil, Meschid und Babylon wurde gleichzeitig der tote Fürst mit allem Pomp der damaligen Zeit begraben – niemand sollte wissen, wo Abbas Leichnam in Wahrheit ruhte.