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2.2.2.3 Soziale Phobie

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Johanna, 17 Jahre, ist seit der Kindergartenzeit zurückhaltend, schüchtern und introvertiert. Die Probleme nahmen mit den Jahren zu. In der Grundschule und später in der Hauptschule hat Johanna sich immer mehr verschlossen. Sie geht nicht auf Menschen zu und knüpft keine Kontakte, vermeidet jegliche Konfliktsituation und traut sich kaum, eine eigene Meinung zu äußern. Die Jugendliche hat in allen Lebensbereichen Angst davor, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, sich peinlich zu verhalten. Johanna schämt sich, in der Öffentlichkeit zu essen oder mit jemandem zu reden und zeigt inzwischen generell Angst, sich außerhalb des häuslichen Rahmens aufzuhalten. Die Patientin hat das Gefühl, dass alle sie bewerten und denken, wie dick, hässlich und dumm sie sei. Johanna mochte nie ihren adipösen Körper, aber jetzt sagt sie, sie hasse ihn. In sozialen Situationen zeigt sie physiologische Symptome wie Zittern, Schwitzen und Erröten; seit Kurzem verstummt sie in angstbesetzten Situationen völlig. Im Übrigen klagt Johanna über eine gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit und übermäßige Müdigkeit.

Mit der zunehmenden Fähigkeit, Situationen aus der Perspektive eines anderen zu betrachten und zu beurteilen, treten bei Kindern, die auf die Pubertät zugehen, Ängste vor sozialer Beurteilung als Teil der normalen Entwicklung auf. Sie stellen sich zunehmend die Fragen »Wer bin ich?« und »Wie sehen mich die anderen?«. Es tauchen dann auch Selbstzweifel auf und Sorgen darüber, wie sie nach außen wirken und was andere über sie denken könnten. Derartige Episoden sozialer Angst sind Teil der normalen Entwicklung. Die Kinder und Jugendlichen entwickeln in diesen Auseinandersetzungen das Erleben einer eigenen Identität und eine wachsende Unabhängigkeit von ihren Eltern.

Von einer sozialen Phobie kann erst gesprochen werden, wenn Kinder oder Jugendliche eine dauerhafte, unangemessene Furcht vor sozialen Situationen oder Leistungssituationen zeigen. In diesen Situationen oder bei ihrer gedanklichen Vorwegnahme treten physiologische Reaktionen auf in Form von Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, Erröten, Kälteschauern, Schwächegefühl, Übelkeit und einer veränderten Atmung. Die Kinder und Jugendlichen entwickeln als kognitive Reaktionen eine Flut negativer Gedanken über eigene Unzulänglichkeiten und die daraus folgende Unfähigkeit, mit der jeweiligen sozialen Situation umzugehen. Die sozialen Ängste drücken sich beispielsweise aus in Stottern, geringem Augenkontakt und Nägelkauen. Viele Jugendliche glauben, dass die anderen an ihren körperlichen Reaktionen ihre verborgenen Gefühle ablesen können, wodurch sie noch ängstlicher werden und in einen Teufelskreis zunehmender Angst geraten.

Die häufigste Angst von Kindern und Jugendlichen mit sozialer Phobie besteht darin, vor anderen Menschen etwas falsch zu machen: Sie fürchten, dass etwas Peinliches geschieht und dass sie für dumm oder schwach gehalten werden. Sie haben Angst, sich in der Schule zu melden, weil sie fürchten, eine falsche Antwort zu geben und ausgelacht zu werden. Sie fürchten Prüfungen in der Schule, das Reden vor einer Gruppe, oft mit der Folge sinkender Schulleistungen aufgrund mangelnder mündlicher Beteiligung und aufgrund von Prüfungsängsten. Die Unterhaltung mit Gleichaltrigen wird vermieden aus Angst, nicht mitreden zu können oder verlacht zu werden. In Reaktion darauf werden die Interessen der Gleichaltrigen häufig als »unreif« und »oberflächlich« bewertet, womit die Vermeidung solcher Kontakte gerechtfertigt wird. Ebenfalls wird vermieden, an einer Veranstaltung teilzunehmen oder zu einer Party zu gehen. Mitunter kann auch die Befürchtung auftreten, in einer bestimmten Situation, beispielsweise beim Einkaufen oder in der Schule, einzunässen oder sogar einzukoten. In den meisten Fällen erkennen die Kinder oder Jugendlichen, dass ihre Angst übertrieben oder unbegründet ist.

Anders als Erwachsene sind Kinder zuweilen nicht in der Lage, den Grund ihrer Ängste zu benennen. Als Anzeichen einer sozialen Phobie im Kindesalter gelten folgende Verhaltensweisen: Abfall in den Schulleistungen, Schulverweigerung, Vermeidung von altersgemäßen sozialen Aktivitäten, Trotzreaktionen und Wutanfälle, Klagen über Kopf- und Bauchschmerzen, das Vermeiden sozialer Kontakte.

Im Alter von acht bis zwölf Jahren treten sozialphobische Verhaltensweisen am häufigsten in der Schule auf. Sie betreffen vor allem die dort stattfindenden alltäglichen Bewertungssituationen durch Gleichaltrige und Lehrer (Prüfungssituationen). Sozial ängstliche Kinder sind in der Regel wenig aggressiv, wenig impulsiv und zeigen wenig dissoziale Verhaltensweisen. Sie sind in ihrem Verhalten relativ angepasst und regelorientiert und bringen Erwachsene nicht unter unmittelbaren Handlungsdruck. Manche Kinder und Jugendliche entwickeln »einsame Hobbys«, etwa das Programmieren von Computern und das Spielen an Computern.

Die aktuelle Studienlage spricht für einen Einfluss innerfamiliärer Lernerfahrungen auf die Entwicklung sozialphobischen Verhaltens. Familiäre Regeln zum Umgang mit sozialen Situationen, eine hohe innerfamiliäre Kohärenz und das Vermeiden sozialer Kontakte oder aber die Überbewertung sozialer Normen scheinen die Entwicklung sozialer Ängste zu begünstigen.

Das Konzept der sozialen Angst ähnelt dem der Schüchternheit. Schüchterne Kinder haben ein ausgeprägtes Interesse am Kontakt zu anderen, weisen aber gleichzeitig eine starke Vermeidungstendenz in sozialen Situationen auf. Schüchternheit als ein Gehemmtsein gegenüber Fremden wird als ein relativ stabiles, bereits ab dem zweiten Lebensjahr erkennbares Merkmal angesehen und scheint weitgehend unabhängig von der jeweiligen Lernerfahrung, damit auch von dem Erziehungsstil der Eltern oder vom Ausmaß des Kontaktes zu anderen Menschen zu sein. Im Fall von Schüchternheit aus Angst vor Ablehnung bilden Kinder zumeist aufgrund schlechter Erfahrungen die Erwartung aus, dass andere Kinder sie auch in Zukunft ablehnen werden. Diese Schüchternheit beruht also auf Lernerfahrungen und ist weniger stabil, stellt aber einen Risikofaktor für ein negatives soziales Selbstwertgefühl dar. Der Unterschied zwischen sozialer Phobie und Schüchternheit scheint darin zu bestehen, dass Schüchterne in sozialen Situationen zwar mit ähnlichen Gefühlen reagieren, dann aber überprüfen, was tatsächlich passiert und ob die anderen ihnen nicht doch freundlich gesinnt begegnen.

Ängste von Kindern und Jugendlichen

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