Читать книгу Das große Buch vom Kleinvieh - Wolf-Dietmar Unterweger - Страница 11

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NUTZUNG DER PRODUKTE

DER STREICHELZOO

Der Streichelzoo ist ein Ort, an dem Tiere gehalten werden, damit Sie von Kindern (seltener von Erwachsenen) durch Anfüttern dazu gebracht werden, sich anfassen zu lassen. Diese wohl etwas zugespitzte Beschreibung zeigt eine Haltungsform, welche sicherlich nur ein eingeschränktes Potential hat. Die Zielgruppe von Streichelzoos ist recht eingeschränkt und die meist überfetteten Tiere erfüllen nicht die Anforderungen einer tiergerechten Haltung und nachhaltigen Nutzung. Streichelzoos bringen zwar die entfremdeten Kinder näher an Tiere, allerdings auf einem fragwürdigen Weg. Wie schafft der didaktische Anspruch, den Spagat von der „lächelnden“ Ziege zur Billigbockwurst auf der Picknickbank neben dem Gehege?

UMWELTBILDUNG UND PÄDAGOGIK

Da das Streicheln von Tieren keiner vollumfänglichen Annäherung mit den Lebewesen und deren Haltungsgründen entspricht, ist die Aufgabe der Vermittlung von Wertschätzung der Kleinviehhaltung sicherlich ein wichtiger Bestandteil der Umweltbildung. Das Verständnis von Nahrungskreisläufen und der Lebensläufe der einzelnen Tiere schafft ein solides Wissen über die Entstehung unserer Nahrung.

Auch hier ist die reine Fokussierung auf die Erzeugung von Nahrung unzureichend. Denn die Vermittlung der Schlachtung schafft immer großen Gesprächsbedarf und es wird oft so enden, dass man selbst zwar nicht schlachten möchte, jedoch fertige Würstchen und Braten sehr gerne isst. Wenn die Umweltbildung eindimensional bleibt und nur dem Zweck folgt, dass aus einem Küken später Frikassee wird, dann ist das sicherlich einer der wichtigsten zentralen Gedanken der Tierhaltung, bildet aber keinesfalls ein stabiles Gerüst der Umweltbildung.


Die Zuneigung für ihre Tiere dürfen junge und alte Menschen gleichermaßen zeigen. Sie zeugt von Empathie und Respekt.

Die Heranführung an Tiere zeigt den Kreislauf des Lebens, aber auch die Einbettung in Systeme: von der Natur, der biologischen Vielfalt, bis hin zum Verantwortungsbewusstsein und zu langfristigen Tier-Mensch-Beziehungen. Durch die gemeinschaftliche Haltung wird auch das Miteinander geregelt, denn ohne strenge Vorschriften und Verlässlichkeit ist das Tierwohl schnell in Gefahr.

Neben dem Erlernen der Tierbiografien ist auch für den Menschen einiges Positives dabei. Aspekte aus der Gesundheitsförderung und tiergestützten Therapie werden ganz schnell unbewusst aufgegriffen. Schon das Beobachten einer Hühnerschar oder das Streicheln von Kaninchen fördert in großem Maße die positiven Wirkungen auf die Menschen. In allen Bereichen nützt das selbstverständliche Vorhandensein von Tieren. Regelhaftigkeiten werden geschult. Respekt für und vor den tierischen Mitbewohnern. Verantwortungsbewusstsein und das Gefühl der Wichtigkeit gehen mit der Tierhaltung einher. Aber selbst die stillen Dinge dürfen nicht vergessen werden. Eine Sitzbank in der Nähe des Geheges oder sogar auf der Weide sorgt für eine große Nähe zu den Tieren. Schafe und Hühner hören sich jedes Gespräch an und auch Schweine kennen kein Verplappern, wenn man ihnen von Sorgen und Freuden des Lebens berichtet.


Die frühkindliche Prägung bleibt lange erhalten. In blauer Latzhose nähert sich einer der Autoren hier erstmals den Hühnern an, während der andere Autor ihn dabei fotografiert.

TIERGESTÜTZTE THERAPIE

Viel zu selten werden die heimischen Nutztiere, und vor allem das Kleinvieh, in der tiergestützten Therapie eingesetzt. Während Delfine und Pferde die Vorstellung dieser Therapieform prägen, scheinen die kleineren Nutztiere nicht beachtet zu werden. Dabei sind die Vorteile kleiner Nutztiere ganz erheblich. Auf einem Biolandbauernhof, auf welchem Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten, spielen Lamas eine ganz besondere Rolle. Diese Tiere haben ihren Kopf auf Augenhöhe der Menschen und schauen nicht wie die Pferde neutral und scheinbar abwesend zur Seite, sondern sind im Leben mancher Menschen die ersten Bezugspersonen, die den direkten Augenkontakt suchen und ihn auch ertragen. Es ist für diese Menschen Gold wert, dass die Lamas nicht die gleichen Unterscheidungen machen wie wir Menschen. Es ist ihnen schlicht egal, ob der Pfleger sabbert oder ein wenig schief schaut. Was den Besuchern und Fremden entweder die Scheu ins Gesicht treibt oder zu einem unverminderten Abwenden führt, kompensieren die Lamas damit, dass sie einfach auch hin und wieder sabbern. Augenhöhe und standhafter Blickkontakt zeichnen Lamas aus. Eine wunderbare Eigenschaft für Therapietiere.

Schafe, Ziegen, Schweine, aber auch Hühner und Gänse haben jeweils hervorragende Eigenschaften, um in der tiergestützten Therapie genutzt zu werden. Die tiergestützte Therapie ist ein vielfältiges Feld. Die Ziele sind so unterschiedlich, wie das Angebot und die Nachfrage. Von der reinen Aktivität mit Tieren bis hin zu einem zielorientierten Ansatz ist alles möglich. Es kommt auf die Qualifikation des Anbieters und die Bedürfnisse des Patienten an.


Hahn und Lämmchen auf dem Strohbett. Ein vorzüglich eingestreuter Platz. Für das Wohl der Tiere ist gesorgt.

Schweine lassen sich durch ihr großes Bedürfnis am „Suchen“ und „Wühlen“ gut begleiten und letztendlich gezielt motivieren – was den Klienten ebenfalls motiviert. Schafe sind passiv und nicht fordernd und bieten so Wärme und haptische Erlebnisse. Hühner sind neugierig und lassen sich gut anfüttern, wobei das Aufschlagen der Flügel und der Fluchtreflex große Ruhe und Beharrlichkeit bei den Patienten fordern. Der Schnabel schult Vorsicht und Mut und die Zerbrechlichkeit eines Kükens die Zärtlichkeit. Esel erfordern Aufmerksamkeit und Respekt und sind zugleich starke Partner. Neben den einzelnen Tierarten spielen auch die generellen Erfahrungen im Hofumfeld eine große Rolle: Vom Füttern über das Misten bis hin zum Einrichten eines neuen Freigeheges mit gemeinsamem Umzug der Tiere.

Patentrezepte zur Nutzung von Kleinvieh in der Therapie gibt es nicht. Eine menschennahe Aufzucht ist nötig, da die Tiere sonst scheu sind. Tiere sind keine Menschen und verhalten sich anders, das heißt, eine Vermenschlichung kann zu Unfällen führen und setzt geschultes Personal voraus. Beachtet man alle möglichen Aspekte einer Tier-Mensch-Therapiebeziehung so können sehr wertvolle Erfahrungen und Bindungen entstehen.

DER HERD IST DAS ZIEL: MILCH, FLEISCH, EIER

Zierpflanzen und Nutzpflanzen sind die groben Unterscheidungsmerkmale im Gartenbau. Bei Tieren ist das recht ähnlich. Dennoch gibt es von den wenigsten Arten reine „Zierrassen“. Zierrassen sind Tierrassen, die vor allem auf optische Merkmale gezüchtet wurden. Der weit größere Teil und eben auch die Zierrassen enden irgendwann auf dem Teller. So ist jedenfalls der ursprüngliche Ansatz.

Durch das Halten von Tieren wird die „ökologische Nische“ oder das Nahrungsspektrum des Menschen erweitert. Nahrungsressourcen werden durch die Tiere für den Menschen zugänglich, die ihm sonst verschlossen bleiben. So wandelt ein Karpfen algiges und nährstoffreiches Wasser in Speisefisch um. Ein Pferd, eine Ziege, ein Schaf verwandeln Gras in Kraft, Fleisch, Pelz, Leder und Milch. Schweine und Hühner veredeln Speisereste, ungenießbare Knollen und kleine Samen in Fleisch und Eier.

Dieser Schritt der Veredelung von für den Menschen Unnutzbarem ist die einzigartige Chance der Tierhaltung. Es ist zugleich auch das stärkste Argument gegen die Veganisierung der Ernährung, die industriell und künstlich ist. Die klimagerechte Bewirtschaftung des Grünlands (Weiden und Wiesen) und der Wälder, die Aufwertung von Ungenießbarem und die Nutzung nachhaltiger Kreisläufe sind unverzichtbare Bestandteile einer klimaschützenden und biodiversitätsfördernden Ernährung. Somit ist der Herd ein nachhaltiges Ziel der Kleinviehhaltung.


Zwei Blickwinkel prägen unsere Beziehung zum Kleinvieh. Optisch bereichert es jeden Blick aufs Land. Auch ein kulinarischer Blick lohnt sich: Ein duftender Gänsebraten, frischer Schafskäse und ein feines Schnitzel erfreuen Leib und Seele.


Die Isolationswirkung von Wolle zeigt der Schnee, der auf dem lebenden Schaf liegen bleibt.

TIERISCHE „NONFOOD“-PRODUKTE

Tierische Nonfood-Produkte können unterschiedlich und regional sehr vielfältig sein. Die Federn des Geflügels und die Knochen der Tiere sind sicherlich Bestandteile einer vollumfänglichen Nutzung, werden aber nicht regelmäßig und wenn, dann regional sehr unterschiedlich genutzt.

Die Wolle und das Fell bilden volumenmäßig sicherlich die Hauptmenge der zyklisch anfallenden und zu verwertenden Produkte. Vom Kaschmirpullover bis zum Wolldünger – die Wertschätzung für diese natürliche Hightechfaser variiert global sehr stark.

Auch Felle und Leder können die Vielfalt der Nutzungstypen noch bereichern. Leider haben es Naturfasern und Felle in letzter Zeit schwer. Dabei sollte gerade das Problem der zunehmenden Vermüllung der Meere, Böden und des Wassers mit Mikroplastik ein dringendes Umdenken herbeiführen. Ein Wollpullover und ein Tierfell werden zu wertvollem Humus. Die sich beim Waschen ablösenden Fasern verunreinigen das Wasser nicht langfristig. Eine neue Wertschätzung von tierischen Fasern und Häuten ist ein wichtiger Beitrag zum Schutz unserer Umwelt.

Mist ist als entstehende Biomasse auch ein Faktor, den man nicht außer Acht lassen sollte. Ohne eigenen Acker oder großen Garten muss man sich auch hier um den regelmäßigen Absatz kümmern.

Der Mist von Geflügel ist reich an Stickstoff, Phosphorsäure, Kalk, Kali und Magnesium und ähnelt dem importierten Guano stark. So lohnt es sich, allen Ausscheidungen des Geflügels große Aufmerksamkeit zu zollen und diese Produkte im Gemüseanbau, bei der Zierpflanzenzucht oder im nachbarschaftlichen Tauschhandel einzusetzen. Der Mist ist neben den Eiern und dem Fleisch das beste Produkt des Hühnerhalters. Eine begehrte Geheimwaffe, bei der sogar Hühnerskeptiker schwach werden und plötzlich mit einem Eimerchen klingeln. Aus Hühnermist entsteht hervorragender, nahezu samenfreier Humus, der verdünnt als Anzuchterde verwendet werden kann. Auch der direkte Einsatz von Hühnermist ist möglich, da er gebundene Nährstoffe beinhaltet, die durch die Bewässerung oder den Regen in den Boden übergehen. Dennoch ist Hühnermist recht scharf und für manche Kulturen nur bedingt zu empfehlen. Aus diesem Grund empfiehlt sich die Herstellung von Flüssigdünger aus Hühnermist. Diese Brühe macht jedem industriell hergestellten Flüssigdünger Konkurrenz und übertrumpft ihn in Sachen Nachhaltigkeit, Ökologie und in der Energiebilanz.


Die Produktion von Mist und das Durcharbeiten von Flächen sind Dienstleistungen, die uns die Tiere erbringen.

Schafdung hat den höchsten Stickstoffgehalt und eignet sich daher bestens für die Düngung von Gemüsegärten und Feldern.

Auch der Mist von Ziegen ist sehr wertvoll für die Düngung. Sowohl für Schafe als auch für Ziegen benötigt man etwa 1 m2 Dungstätte/Misthaufen pro Tier, welcher schattig gelegen sein sollte, um eine zu rasche Kompostierung zu verhindern.

Schweinemist bereichert die Felder, auf denen sie wühlen. Durch die Bodenbearbeitung wird er gleich in den Untergrund eingearbeitet. Alles Fressbare wird vom Schwein genutzt – das Nichtfressbare zur Verrottung tief eingewühlt. Schweine suchen somit den Mist der anderen Tiere nach Fressbarem durch und arbeiten ihn in den Untergrund ein.

Der Mist aller Nutztiere des Kleinviehhofs eignet sich zur Düngung. Je nach Zweck wird dieser unverdünnt angewendet, zur Jauche angesetzt, verdünnt oder kompostiert ausgebracht.

TIERISCHE DIENSTLEISTUNGEN

Tiere sind Bausteine einer belebten Welt. Alle diese Bausteine sind demnach nötig, damit das System funktioniert. Um die Wirkung der Pflanzen und Tiere zu benennen und gegebenenfalls zu monetarisieren, wurde das Konzept der „Ökosystemdienstleistungen“ oder der „Ökosystemingenieure“ entwickelt. So lassen sich verschiedene Leistungen, die die Natur allein durch ihre Anwesenheit vollbringt, besser erklären und wertschätzen. Kleinvieh trägt auch entschieden zu diesen Dienstleistungen bei, denn unterschiedliche Arbeiten werden von den Tieren durchgeführt, ohne dass es einen zusätzlichen Aufwand benötigt.



Oft ergibt sich der Nutzen für die Kultur- und Naturlandschaft erst, wenn wir das Gesehene mit dem Wissen unserer Zeit verknüpfen und sich die Tiefe derartiger Anblicke vor uns auftut.

Schweine und Hühner: Bearbeiten den Boden und begrenzen das Überhandnehmen von Insekten und Wurzelbeikräutern.

Gänse, Enten: Revitalisieren Gewässer, vertilgen Schnecken und dezimieren das Überwuchern von Vegetation.

Schafe, Ziegen, Esel: Sorgen dafür, dass Grünland artenreich bleibt, indem sie die Vegetation kürzen und auch die Verbuschung verhindern. Durch die Hufe wird der Boden vitalisiert und nicht verdichtet

Alle zusammen: Sorgen mit ihrem Dung für die Belebung des Bodens und tragen so zur Humusbildung und Bodenfruchtbarkeit bei.

ZUG- UND TRAGTIER

Esel, Ziegen und Lamas/Alpakas lassen sich hervorragend als Zug- und Tragtiere nutzen. Entweder tragen sie die Lasten auf dem Rücken oder ziehen kleine Wägen. Natürlich erreichen diese Tiere niemals die Leistungsfähigkeit einer Kuh, eines Ochsen oder gar eines Pferdes, dennoch ist der Transport kleiner Mengen Heu oder Grünfutter mit einem Eselgespann oder Ziegenkarren durchaus möglich. Auch als Gepäckträger eignen sich Esel, Lamas und Alpakas hervorragend. Dennoch ist die Last, die man den Tieren zumuten sollte, begrenzt. Das Tierwohl und die Schonung der Tiere empfehlen eine maximale Zuladung auf ¼ des Körpergewichts und eine Zuglast eines kugelgelagerten Wagens von maximal dem doppelten Tiergewicht.


Treibstoffgewinnung. Ein essbarer Traktor. Hier wird ein Esel als Zugtier mit seinem Treibstoff beladen. Die zwei Männer sind unabhängig von Rohstofflieferungen. Der Esel ernährt sich am Straßenrand, fährt den Treibstoff vom Feld emissionsneutral ein, stößt keine Gifte aus, reproduziert sich selbst und kann sogar gegessen werden. Von welchem Traktor kann man das behaupten?


Die Vielfalt einer Blumenwiese – Futter für die Tiere.

Das große Buch vom Kleinvieh

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