Читать книгу Gott und Gender. Metaphysik von Sex und Tod / Бог и Пол. Метафизика секса и смерти - Яков Шмидт - Страница 5
II
ОглавлениеIn der Poesie fallen das Sein und das Bewusstsein zusammen. Was nicht mit dem Bild übereinstimmt, ist hässlich. Aber es ist nicht jedem gegeben, gleichermaßen eine Übereinstimmung zu empfinden.
– Warum dreht sich Wind in einer Schlucht,
Er hebt das Blatt und trägt den Staub,
Wenn das Schiff bewegungslos in Feuchtigkeit
Auf sein Atem eifrig wartet?
Warum in Bergen und vorbei an Türmen
fliegt der Adler, schwer und furchtbar,
Auf schwarzen Stumpf? frage ihn.
Warum liebt die junge Desdemona ihren Mohr,
wie der Monat die Dunkelheit der Nacht mag?
Weil der Wind und der Adler
und das Herz der Jungfrau ohne Gesetz sind.
In diesem Abschnitt illustriert A.S. Puschkin den Faktor der Spontaneität nicht einfach mit Beispielen aus der Meteorologie, Zoologie und Psychologie: er sieht in dieser unvorhersehbaren Urgewalt Größe. Und worin es kein Gesetz gibt, gibt es ein höheres Gesetz.
In einem anderen Werk findet derselbe Autor die Größe in der strengen Ordnung, die in direktem Gegensatz zur unvorhersehbaren Urgewalt steht:
Ich liebe Dich,
du Peters Schöpfung,
Und Deine Strenge, Harmonie,
Der Newa herrische Flussströme,
Und Uferkleidung aus Granit…
Es gibt eine tiefere metaphysische Bedeutung in Musik und Poesie. Unabhängig davon, was der Autor an Schönheit und Größe findet, behauptet er, dass es sie gibt. Er behauptet: es gibt Schönheit und Größe als eine Offenbarung der außerweltlichen Welt in der Welt des Greifbaren. Wahre Kunst – so Wjatscheslaw Iwanow – ist immer Theodizee.
Objektive Realität ist subjektiv. Sie enthält das Bild und den Entwurf des Schöpfers. Und deshalb ist sein arglistiges Gegenteil möglich, das prinzipiell sekundär ist: man kann nur das erniedrigen, was hoch erhoben ist. Nachdem Puschkin von einer flüchtigen Vision sprach, konnte ein Satiriker anderthalb Jahrhunderte später über eine flüchtige Einführung witzeln. So wie Puschkin selbst fast zwei Jahrtausende nach der Niederschrift des Evangeliums die „Gavriliade“ schreiben konnte. Talent ist immer von Gott und vom Teufel.
Aber es gibt Hoffnung, im Menschen das Ebenbild des Bildes durch sein arglistiges Gegenteil zu sehen. Den Schöpfer im Geschöpf zu erkennen.
Die Arglist beruht auf dem Gegensatz zwischen dem Göttlichen und dem Sexuellen.
Gott und Gender bilden eine Polarität, die in der tiefsten Grundlage des Seins liegt. Philosophie ist es mehr gewohnt, über Bewusstsein und Materie zu sprechen. Aber die aktivste Erscheinungsform des Bewusstseins ist das Wort, und die aktivste Erscheinung der lebendigen Materie ist Gender.
Es ist näher an der Religion, an einer biblischen Hauptlegende..
Immanuel Kant sagte, wenn man Philosophie als Magd der Theologie anerkennt, bleibt die Frage offen, ob sie als Magd zu betrachten, die die Fackel vorne oder den Schweif hinter ihrer Herrin trägt.
Sören Kierkegaard äußerte die kühne Idee, dass Geist und Gender im Menschen nur gleichzeitig und in gegenseitiger Abhängigkeit existieren können. Dies ist bemerkenswert, bei aller Unschärfe und Verwirrung seiner Definitionen von Geistlichem und Sündigem:
«Adam und Eva sind lediglich eine numerische Wiederholung. Wenn es in diesem Sinne tausend Adams gäbe, würde das nicht mehr bedeuten, als dass es nur einen… gäbe…
Der Mythos lässt einfach zu, dass sich das Innere im Äußeren offenbart.
…nehmen wir an, dass der Sexualunterschied vor dem Sündenfall existierte, aber in Wirklichkeit existierte er nicht, weil es ihn im Zustand der Unwissenheit nicht gibt… Auch in dieser Hinsicht ist die Heilige Schrift auf unserer Seite.
…Bei Tieren kann der Geschlechtsunterschied instinktiv entwickelt sein, aber bei dem Menschen kommt das nicht in der gleichen Weise vor…
…der äußerste Punkt des Sinnlichen ist eben das Sexuelle. Der Mensch kann diesen extremen Punkt nur in dem Augenblick erreichen, in dem der Geist wirklich wird. Bis zu diesem Zeitpunkt ist er kein Tier, aber er ist auch kein Mensch; erst in dem Moment, in dem er ein Mensch wird, wird er einer, weil er gleichzeitig ein Tier wird.
Es wird deutlich, dass Sündhaftigkeit keinesfalls Sinnlichkeit ist, aber ohne Sünde gibt es keine Sexualität, und ohne Sexualität gibt es keine Geschichte. Der vollkommene Geist hat Weder das eine noch das andere, weshalb z. B. die sexuelle Unterscheidung mit der Auferstehung von den Toten aufgehoben wird und weshalb der Engel keine Geschichte hat. Selbst wenn der Erzengel Michael all die Werke aufschreiben würde, zu denen er gesandt wurde und die er vollbracht hat, würde das noch nicht seine Geschichte ausmachen».
Heute würde er sagen: Der psychologische Pfeil der Zeit hat sich verändert – so wie es keine Zeit vor dem Urknall gab, so gab es auch keine Geschichte vor dem Sündenfall.
Es gibt Grund zu der Annahme, dass die Phylogenese, das Werden der Art, so war, wie Kierkegaard es in seiner Phantasie beschrieb. Es gibt eine Entsprechung in der Ontogenese dafür: im Leben eines Kindes werden Bewusstsein, Scham und Sex gleichzeitig und in gegenseitiger Abhängigkeit geweckt.
Rippe
Warum musste Eva
Diese verbotene Frucht zu abpflücken
Sie begreift es noch nicht.
Aber die Sünde ist geschehen, und Gott ist zornig.
Der Satan ist in die Schlange gefahren
Und redete der Frau ein,
Dass sie Gott gleich sein muss,
Die Freundin des sanftmütigen Adam.
Und dann… Gott! Schimpf und Schande…
Er wagt nicht, seine Sünde zu bereuen,
Adam macht Eva für seine Sünde verantwortlich,
und sie niederlegt es auf die Schlange.
Ich will nicht wissen, was die Güte
und die Böse, das die Ursache allen Übels ist.
Gib mir meine Rippe zurück, Gott.
Wir werden ohne Freundin auskommen.
Alexander Mezhirov.
Das menschliche Skelett ist durch das Vorhandensein von 12 Rippenpaaren gekennzeichnet (der Embryo hat 13)… M.F. Nesturсh «Der Ursprung des Menschen».