Читать книгу Waldlichter - A. V. Frank - Страница 22
Kapitel 8
ОглавлениеNachdem der Fremde verschwunden war, blieben wir noch eine Weile regungslos sitzen, nicht in der Lage, uns zu rühren. Schließlich brachte ich heraus: „Hattet ihr gerade dieselbe Wahnvorstellung wie ich?“
„Ich auf jeden Fall“, ließ sich Lysana vernehmen, die auf ihrem Stuhl zusammengesunken war.
„Ja, ich habe dasselbe gesehen wie ihr, aber ob es sich dabei um eine Illusion handelte? Mich interessiert vor allem, ob wir ihm vertrauen können. Was meint ihr? Können wir?“ Ich war erstaunt, wie normal sich Tran anhörte, schließlich hatten wir gerade eine Begegnung mit einem ‒ tja, einem was eigentlich? ‒ hinter uns.
„Ich vertraue ihm. Ich weiß wirklich nicht wieso, aber ich komme nicht dagegen an, ihm einfach zu glauben. Also haben wir noch zwei Tage, bevor wir die Anweisungen des Rätsels befolgen können. Auch wenn ich nicht weiß, was uns das bringen soll“, erklärte ich. Natürlich war mir klar, dass der Fremde keine Wahnvorstellung gewesen war, aber ich wünschte es mir, denn ich hatte das ungute Gefühl, dass er uns einen Abschied prophezeit hatte.
Leise murmelte auch Ana etwas Zustimmendes, und so war es beschlossen. Wir würden dem Fremden glauben und nicht an Vollmond, wie es eigentlich vorgesehen war, sondern zwei Tage später in den Wald gehen, um dort ein Ritual zu vollziehen, von dem wir nicht wussten, was es bringen sollte.
Da fragte Tran etwas, das meine Befürchtungen zusammenfasste: „Machen wir das Richtige? Und was, wenn nicht? Was bringt uns das überhaupt?“
„Natürlich machen wir das Richtige! Und ich nehme an, dieses Ritual, oder was es ist, wird uns zeigen, wie wir die Toúta finden und retten können.“ Diese überhebliche Antwort kam von Ana und ich wusste noch nicht, ob ich ihr zustimmen konnte. „Na gut. Ich finde, wir sollten unsere Tage bis dahin sinnvoll nutzen. Also gehe ich jetzt in den Pub und genieße das Leben.“ Ana stand auf und rauschte zur Tür hinaus. Jedoch kam sie noch einmal kurz zurück und meinte zu uns: „Ach, übrigens, ich weiß selbst nicht, wie ich den Wolf heute Mittag vertrieben habe.“ Erneut drehte sie sich um und war in der Nacht verschwunden.
„Sie hat dasselbe gesehen wie wir, würde ich sagen“, stellte ich leicht sarkastisch fest und fügte hinzu: „Seltsam, dass ich das sagen muss, aber ich denke, sie hat recht. Also gehe ich auch in den Pub, vielleicht spielen sie dort ja gute Musik.“ Nach diesen Worten trat ich in die Dunkelheit, während ich Trans Blick in meinem Rücken spürte. Es war derart beklemmend im Wohnwagen gewesen, seit dieser Fremde verschwunden war, dass ich sehr erleichtert war, ihm entronnen zu sein. Nun atmete ich tief durch und schlenderte zurück zur Stadt. Vielleicht sollte ich wirklich in den Pub gehen, aber nach dem gestrigen Abend fühlte ich mich dort nicht mehr sonderlich wohl.
Als ich meine Gedanken schweifen ließ, trat etwas in den Vordergrund, das mich den gesamten Tag gedrängt hatte, es zu beachten. Dieser Morgen, an dem Ana so seltsam dagesessen und nach draußen gestarrt hatte, hatte mich an etwas erinnert, aber nun endlich konnte ich jenes Etwas benennen. Ich hatte geträumt, es war zwar derselbe Albtraum wie immer gewesen, aber dieses Mal hatte ich keine Stimme gehört und auch keinen Baum gefunden.
Stattdessen stand ich auf einmal an einer Klippe und dort, die Haare vom Wind verweht, saß meine Schwester, die auf die See hinausstarrte. Plötzlich schien sie eine Stimme zu hören und stand auf. Sie trug ein bodenlanges Leinenkleid, das im Mondschein dunkel wirkte, doch ich wusste, dass es sonnenblumengelb war. Das war immer ihre Lieblingsfarbe gewesen. Aus dem Wald, der hinter mir begann, trat eine männliche Gestalt und die beiden sprachen in einer mir unverständlichen Sprache miteinander. Obwohl ich sie nicht verstand, erschloss sich mir der Sinn der Worte. Er habe nach ihr gerufen, sie gesucht, woraufhin sie erklärte, sie habe nachdenken müssen und wäre deshalb hergekommen. Er forderte sie auf, die richtige Entscheidung zu treffen, es klang hart. Ich beobachtete, wie sie erst nach unten schaute und dann direkt in seine Augen. Sie meinte, sie habe die richtige Entscheidung getroffen, auch wenn es ihren Tod bedeutete. Ich sah, wie er auf sie zutrat und sie in seine Arme schloss.
Sie lehnte sich an ihn und flüsterte auf Englisch: „Ich weiß, du wirst für sie da sein, sollte sie jemals kommen. Hilf ihr, rette sie, aber erzähle ihr nichts von mir.“
Er antwortete ebenfalls auf Englisch und seine Stimme war verzerrt von Trauer: „Das war nicht die richtige Entscheidung, die ich meinte. Du wirfst dein Leben hin für einen Frieden, der nicht halten wird. Und du lässt mich allein, kurz nachdem ich dich endlich gefunden habe. Aber du weißt, dass ich dir den Gefallen tun werde, ich würde alles für dich tun. Immer.“
Dann küssten sie sich, nur ganz flüchtig, aber in meinem Hals bildete sich ein Kloß, weil die beiden so traurig wirkten. Und ich sah am Waldrand eine weitere Frau sitzen, auf deren Wangen Tränen schimmerten und die leise den Mond anheulte. Sie stieß ein Wolfsgeheul aus, das sehr authentisch wirkte.
An jene Frau, die so unglücklich über das Leid der Liebenden ‒ meine Schwester und ein geheimnisvoller Fremder ‒ zu sein schien, hatte mich Ana erinnert. Doch obwohl der Traum nicht in meinem Bewusstsein präsent gewesen war, wie hatte ich Ana damit in Verbindung bringen können? Sie hatte genauso traurig aus dem Fenster geschaut und leise geheult ...
Ich schüttelte den Kopf und bemerkte benommen, dass ich auf dem Boden kniete. Schnell richtete ich mich auf und klopfte mir die kleinen Steinchen von der Hose. Zum Glück war ich noch weit genug von der Stadt entfernt, damit mich keiner bemerkte. Ich rollte mit den Augen, schob die Überlegungen sowie den Traum selbst ganz weit von mir und beeilte mich, in den Pub zu kommen.
Der nächste Tag verging wie im Flug. Wirklich bewusst nahm ich nichts davon wahr, die Stunden erschienen mir verloren und verschwendet, da ich wusste, dass Dringenderes auf uns wartete, aber wieder einmal vermochte ich jenes nicht recht zu definieren.
Das Einzige, was mir im Gedächtnis blieb, war, dass Caro morgens wütend ihren Spiegel zerschlug und ich einen Splitter davon einsteckte. Wieso sie ausgerastet war, wusste ich nicht, sie wollte keine Antwort darauf geben, sondern fluchte einfach nur weiterhin.
Ich sah Tran mit Eric reden, sie schienen sich zu versöhnen und mir fiel ein, dass ich sie noch nicht nach ihm gefragt hatte. Außerdem bemerkte ich, dass Kath Lysana den ganzen Tag auf den Fersen blieb, doch ich hatte keine Gelegenheit, Ana allein zu erwischen und danach zu fragen. Dies waren die einzigen Ereignisse, die mir von unserem letzten Tag in Grettersane noch in Erinnerung geblieben waren.
Ich konnte es mir nicht erklären, aber das Gefühl des Abschieds wurde ich einfach nicht los. Ich war wieder einmal als Erste wach und packte ein paar Sachen in meinen Rucksack. Ein kleines Notizbuch, das ich von Vetana hatte und immer mit mir nahm, etwas Kleidung, eine Bürste und den Kulturbeutel. Meine Notfallkontaktlinsen. Mehr nicht. Ich hoffte immer noch, dass diese Vorsichtsmaßnahme unbegründet und es zudem nicht nötig war, Proviant einzustecken. Nachdem ich allerdings die anderen zum Frühstück geweckt hatte, gab ich dem Drang nach und steckte etwas Brot und ein paar Konserven in den Rucksack.
Die anderen waren inzwischen ausgeflogen und ich stand allein in unserem Apartment. Sie waren mir alle irgendwie ans Herz gewachsen, selbst in dieser kurzen Zeit, und ich konnte mir nicht vorstellen, sie zu verlassen. Doch vielleicht musste ich das gar nicht. Vielleicht irrte ich mich total und heute Nacht würde ich hierher zurückkehren. Doch wahrscheinlich war es wohl nicht. Und einen Moment lang überkam mich ein Anflug von Trotz. Ich war hier in Irland, um nach meiner Schwester zu suchen und um Spaß zu haben. Warum sollte ich mit einer Provinzmaus und einer Großstadttussi den Rat eines geheimnisvollen Fremden und die Weisungen von genauso geheimnisvollen Briefen befolgen? Wieso nur ließ ich mich auf diesen Wahnsinn ein?
Da erinnerte ich mich an etwas: In der vierten Klasse hatte auf einmal ein Brief auf meiner Schulbank gelegen und ich hatte ihn vorsichtig geöffnet. Darin war ein Liebesbrief mit der Bitte um ein Treffen gewesen. Voller Zuversicht war ich zum Treffpunkt gekommen und hatte gewartet ... bis ich die Menschenmasse bemerkt hatte, die mich lachend aus einem Fenster beobachtet hatte. Anschließend war ich tief gekränkt zu Vetana gelaufen und hatte mich ihr anvertraut. Und sie hatte mir geraten, mir nichts anmerken zu lassen, einfach über dieser Sache zu stehen und so weiterzumachen wie bisher. Sie meinte damals, dass sie persönlich selbst beim hundertsten Brief noch nachgeben würde, denn man wüsste ja nie, ob nicht doch der heimliche Schwarm oder ein echter Liebhaber wartete.
So fühlte ich mich. Als hätte ich einen Liebesbrief bekommen und müsste nun überlegen, ob ich zu dem Treffpunkt gehen sollte oder nicht. Nur dass dies hier eine Nummer größer war. Der Verdacht in mir, dass Tran und ihre Freundin Kath uns einen perfiden Streich spielten, erhärtete sich immer mehr. Bestimmt war auch Ana eingeweiht, dieses blonde, arrogante Flittchen! Inzwischen war ich mir sicher, dass es sich nur um einen Streich handeln konnte, und stürmte zur Tür. Auch wenn Vetana mir gesagt hatte, ich solle mich immer wieder darauf einlassen. Man konnte ja sehen, was sie davon gehabt hatte ... Nun war sie vermutlich tot und irgendwo verscharrt, wahrscheinlich in demselben Wald, in den diese Provinzratten mich nun locken wollten. Vielleicht wollten sie mich auf die gleiche Weise verschwinden lassen wie meine Schwester!
Ich öffnete die Tür nicht, sondern lehnte mich schwer dagegen. „Was mach ich nur, was mach ich nur?“, fragte ich mich immer wieder und musterte die Maserung des Holzes vor mir. Das beinahe schwarze Astloch erinnerte mich verschwommen an einen Traum ... einen Raben ... „Das ist nur passiert, weil du dich auf Vorurteile verlassen hast“, hallte es in meinem Kopf wider.
Und ich verstand endlich den Rat meiner Schwester. „Lass dich darauf ein, denn das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass du selbst zu Schaden kommst. Doch das ist nicht so wichtig. Wenn du allerdings fernbleibst, um dich selbst zu schonen, weißt du nicht, wer sonst darunter leiden könnte.“
Seufzend setzte ich mich aufs Bett. Vetana hatte auf ebendiese Weise gelebt. Sämtlichen Schmerz in sich hineingesogen, um als Puffer zu dienen. Doch an ihr selbst war nie etwas hängen geblieben, es hatte ihr überhaupt nichts ausgemacht, weil sie wusste, dass sie anderen damit half.
„Aber ich kann das nicht!“, klagte ich im Stillen, obwohl ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Wenn ich mich nicht sofort ablenkte, würde ich in Tränen ausbrechen, also dachte ich über Musik nach, darüber, was ich über Mendelssohn-Bartholdy gelesen hatte. Ich fragte mich, warum er so besonders war, dass er in einem Ritual von ... irgendetwas eine solche Rolle spielte. Sein Leben war nicht sonderlich aufregend gewesen. Er war an mehreren Schlaganfällen gestorben. Wirklich nichts Besonderes. Aber wieso war er dann so wichtig?
Ich hatte auch in den Sommernachtstraum reingehört und es hatte mir ziemlich gut gefallen. Was Musik betraf, so war ich multifunktional, wenn man das so sagen konnte. Ich mochte eigentlich alles, konnte sowohl Rap als auch Klassik hören. Aber diese Melodie machte auf mich ebenfalls keinen besonderen Eindruck. Wieso war sie es?
Ich wusste keine Antwort darauf, verstand immer noch nicht wirklich, was das Ganze sollte. Was wäre, wenn diese Toúta eine menschenfressende Bakteriensorte war? Oder Rieseninsekten?
Ein Schauer kroch über meinen Rücken. Wenn ich etwas hasste, dann waren es Insekten. Wie sie herumkrabbelten mit ihren gruseligen Körpern, die so künstlich und leblos aussahen. Ich fing unwillkürlich an zu zappeln, als wollte ich etwas vertreiben.
Schnell wandte ich meine Gedanken einem anderen Thema zu. Hutmoden. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich jetzt darauf kam, aber ich überlegte, dass es so viele Hüte gab und doch nie einer wirklich adäquat zu sein schien, entweder war er gerade unbeliebt, man hatte ihn nicht in der richtigen Farbe oder er passte nicht zum Outfit. Etwas war immer falsch. In welchem Bereich des Lebens war das überhaupt anders? Frustriert schüttelte ich den Kopf. Meine Fragen und Gedanken drehten sich im Kreis, ohne einen Sinn zu ergeben.
Ich wurde erlöst, als die Tür aufsprang und eine schnaufende Ana hereinkam. „Da bist du ja! Tran macht sich total Sorgen und schickt mich durch das ganze verdammte Kaff, um dich zu suchen. Dabei sitzt du hier und machst ... ja, was? Wieso kommst du nicht raus? Ist irgendwas?“ Sie setzte sich neben mich, warf einen Blick in den Rucksack und sah mich anschließend prüfend an. „Es ist wegen heute Abend, oder? Wir kommen auf jeden Fall wieder! Und wenn wir nicht zurückkommen, dann wird es aufgrund einer freien Entscheidung sein. Mach dir keine Sorgen.“
Erstaunt sah ich sie an. Seit wann war sie so einfühlsam? Seit wann verstand sie mich und war nett zu mir?
„Ich weiß einfach nicht, ob wir das Richtige machen. Wieso wir hier weggehen. Ich versuche mich die ganze Zeit davon abzuhalten, mich in meinem Bett zu verkriechen und nie wieder herauszukommen. Ich wollte doch einfach nur Urlaub machen!“ Ich schüttelte den Kopf, verdrängte den Gedanken an Pan und wurde dennoch allmählich richtig wütend. So ganz war ich immer noch nicht davon überzeugt, dass dies kein Scherz war. Eigentlich rechnete ich felsenfest damit, aber ich sollte mir wohl lieber nichts anmerken lassen. Dann richtete ich meinen wahrscheinlich vor Wut glühenden Blick auf Ana und sagte mit bemüht freundlicher Stimme: „Danke, dass du dir die Mühe gemacht hast. Das Abwarten überfordert mich einfach. Komm, wir gehen ein bisschen raus, ich brauch etwas, an dem ich meine Wut ablassen kann.“
Sie nickte, musste offensichtlich ein Grinsen unterdrücken und begleitete mich nach draußen.
Als der Abend kam, war ich genauso ausgeglichen wie sonst auch. Wir hatten zuerst einen kleinen Wettkampf veranstaltet, zunächst nur die Clique, doch bald hatten sich andere angeschlossen und schlussendlich machte jeder mit. Es wurden Zweierteams aufgestellt ‒ gar keine leichte Aufgabe ‒, die dann um die Wette rannten. Dabei konnte ich meine überschüssige Energie endlich verbrauchen und mich so richtig auspowern, auch wenn ich nicht gewann. Sonderlich schnell war ich schließlich noch nie gewesen, dafür aber einigermaßen stark. Wir beendeten den Wettkampf, als die Sonne hinter dem Wald versank. Ich machte mit Tran und Ana einen Treffpunkt aus, von dem wir in einer halben Stunde aufbrechen wollten.
Zuvor kaufte ich in einem Geschäft – einem von dreien ‒ noch zwei Taschenlampen für alle Fälle, eine davon gab ich Ana, die andere packte ich in meinen Rucksack. Dann ging ich sehr lange und ausgiebig duschen und gönnte auch Ana diese Wonne, als es bereits Zeit war loszugehen. Das allerdings gestaltete sich schwierig, denn die anderen wollten unbedingt wissen, wo wir hingingen. Ana antwortete in ihrer hochnäsigsten Art, die ihr niemand mehr so wirklich abnahm, dass sie noch etwas mit Transca zu erledigen hätten. Daraufhin wollte Caro mitkommen. Ich erklärte, es würde nicht lange dauern und wir wären sicherlich bald wieder da.
Ana fügte noch an: „Und selbst wenn wir nicht so bald wiederkommen, macht euch nicht verrückt, dann pennen wir wahrscheinlich bei Tran oder so.“ Leider weckte das erst recht die Neugierde der anderen.
„Was müsst ihr denn so Wichtiges mit ihr besprechen, dass ihr mitten in der Nacht abhaut, ohne dass euch jemand sieht?“ Das kam von der scharfsinnigen Lisa, die sich uns tatsächlich in den Weg stellte. Zu meinem Leidwesen bemerkte ich viel zu spät, wie stur die junge Frau und wie uneins Ana und ich uns waren. Während Lisa uns also musterte und auf eine Erklärung wartete, wurde ich wütend und funkelte zurück.
„Seit wann müssen wir euch Rechenschaft über unsere Aktivitäten ablegen? Geh uns aus dem Weg, wir haben es eilig!“ Ich spürte, wie Ana mir auf den Fuß trat. Ich verstand die Warnung, wollte aber ihr „Sei lieb!“ nicht beachten. Ich hatte einfach keine Lust mehr, länger die liebe, nette und arme Victoria sein. Ich wollte ernst genommen werden. Doch Lisa kam meiner Aufforderung noch immer nicht nach. Sie sah mich nur weiterhin abwartend an.
Von hinten warf Melissa ein: „Es geht uns etwas an, wenn diese Aktivitäten geheim sind und bei Nacht stattfinden. Also?“
Da fuhr auch Ana aus der Haut ‒ endlich ‒ und sagte angriffslustig: „Was denkt ihr euch eigentlich? Glaubt ihr, wir gehen rüber zu den Jungs, machen uns mit ihnen einen Spaß und ihr bekommt den Ärger? Meint ihr, wir überfallen gleich eine Bank oder stellen eine Bombe scharf? Das tun wir nicht! Wir wollen uns nur mit Tran unterhalten, ohne dass ihr um uns herumsteht wie Schafe um einen Schäfer. Und jetzt lasst uns endlich raus, ihr seid ätzend!“
Plötzlich belustigt dachte ich, dass Ana mit ihrer Bombe gar nicht so unrecht hatte und dass sie sicherlich einen Rhetorikkurs in der Schule besucht hatte. Aber als Lisa endlich zur Seite trat, war ich in Gedanken schon wieder bei dem Ritual, das uns erwartete. „Nur ein Scherz, nur ein Scherz ...“
Wir hetzten durch das verlassene Grettersane hinein in den Wald und stießen beinahe mit Transca zusammen, die hinter einem Baum hervortrat. „Ihr trampelt wie eine Horde Wildschweine“, war ihre Begrüßung, dann wandte sie sich wortlos um, schaltete ihre Taschenlampe ein und ging voran.
Die Bäume schienen sich im Dunkeln zu uns herunterzubeugen, näher zu rücken und uns komplett von der Außenwelt abzuschirmen. Die zuckenden Lichter unserer Taschenlampen warfen unheimliche Schatten an die Stämme, es wirkte, als ob sich dort überall seltsam verzerrte Kreaturen befanden, die sich an die Äste klammerten und auf uns herabstarrten. Ich bekam unwillkürlich eine Gänsehaut, als ich daran dachte, wie schutzlos wir waren, also verdrängte ich die Gedanken daran. Ana flüsterte: „Wie weit ist es noch, Tran? Wenn das so weitergeht, werde ich noch stolpern und mich dreckig machen. Wo steht denn diese blöde Blutbuche?“
Tran raunte ihr zu: „Das dauert noch etwas, wir müssen erst den Fluss überqueren und uns nördlich halten. Danach müssen wir den Weg verlassen und noch eine Weile nach Westen gehen, bis wir bei der Lichtung ankommen, auf der die Buche steht.“
Verwundert schaute ich zu Boden und bemerkte erstaunt, dass wir tatsächlich auf einem festgetretenen Weg voranmarschierten. Das war mir bisher überhaupt nicht aufgefallen.
„Wohin führt der Weg?“, fragte ich, um mich von den Schatten über meinem Kopf abzulenken.
„Er macht hinter der Brücke eine scharfe Kurve nach Norden und hinter dem Gebirge führt er wieder nach Westen. Es ist so etwas wie ein Rundweg, wird aber nur selten genutzt. An vielen Stellen ist er inzwischen sogar zugewuchert.“
Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Wovon denn zugewuchert? Hier gibt es doch kaum Gestrüpp.“
„Das mag zwar für diesen Teil des Waldes stimmen, aber je weiter wir nach Südwesten vordringen, desto mehr Dickicht und Feuchtigkeit gibt es. Am südlichen Ende des Hains gibt es sogar ein Moor. Deswegen ist die Buche auch etwas Besonderes, denn normalerweise wächst diese Baumart nur an besser bewässerten Stellen. Doch unsere Blutbuche steht zwischen Birken, Eichen und Linden. Das ist eine ungewöhnliche Zusammensetzung. Aber in diesem Wald ist vieles seltsam.“
„Aber wieso ist der Wald nicht gut bewässert? Wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe, fließt hier doch ein Bach. Müsste er den Boden nicht feuchter machen?“, wandte Ana ein.
„Normalerweise schon, aber er tränkt den Boden nur in einem Umkreis von etwa fünf Metern ab dem Ufer. Dort stehen Trauerweiden und Eschen, die es ansonsten nur im Süden gibt.“
So unterhielten wir uns über den ungewöhnlichen Baumbestand und achteten nicht weiter auf die uns umgebenden Schatten. Bald darauf kamen wir an den Fluss, hörten sein leises Murmeln. Auf der Brücke blieben wir einen Moment stehen und lehnten uns vorsichtig an das Geländer. Es sah zwar nicht so aus, war aber erstaunlich stabil. Der Bach unter uns erfüllte mich irgendwie mit einem komischen Gefühl, das ich nicht genau benennen konnte. Freude, Stolz, Ruhe, Vertrauen, all das stürmte auf mich ein und ich wollte diesen Ort nie wieder verlassen.
Ana neben mir murmelte leise: „Wie das Wasser so leise dahinströmt und auf seiner langen Reise so viele Geschichten und Eindrücke sammelt, da möchte ich mich am liebsten mit ihm forttreiben lassen und nie wieder zurückkommen.“
Ich hörte, wie Tran leise brummte, es sollte wohl ein Geräusch der Zustimmung sein, und sah sie an. Sie starrte hinauf in die Sterne oder vielleicht betrachtete sie auch die Blätter der Bäume, die sich im sanften Wind wiegten.
Ich stieß einen Seufzer aus und sagte: „Wir haben noch zehn Minuten, bis wir anfangen müssen. Kommt, wir gehen weiter.“
Tran führte uns von dem Weg fort in den Wald und man konnte tatsächlich erkennen, wo sich die Fünf-Meter-Ufergrenze befand, denn die Erscheinung des Waldes änderte sich sofort. Zuvor hatte es dichtes Gestrüpp gegeben und wir hatten uns unter den vielen Weidenzweigen hindurchducken müssen, wollten wir nicht von ihnen getroffen werden. Aber jetzt standen wir vor einem Waldgebiet, in dem es kaum Unterholz gab und hohe weiße Stämme das Erscheinungsbild beherrschten.
„Kommt, es ist nicht mehr weit. Außerdem müssen wir uns beeilen, sonst kommen wir zu spät“, rief uns Tran zu, die schon vorausgegangen war.
Ich lief ihr hinterher, zögerte aber nach ein paar Schritten, denn Ana hatte sich nicht gerührt. Sie sah über ihre Schulter zum Fluss hin und ich meinte, einen sehnsüchtigen Blick auf ihrem Gesicht bemerkt zu haben. Dann wandte sie sich jedoch mit einem Ruck zu uns um und folgte uns. Auch ich lief nun weiter. Allmählich verflüchtigte sich mein Verdacht, einem Scherz aufgesessen zu sein.
Als wir schließlich auf einer Lichtung herauskamen, alle etwas außer Atem vom Rennen, hielten Ana und ich erstaunt die Luft an. Wir standen vor einer riesigen Buche mit weit ausladenden Ästen und einem solch majestätischen Aussehen, dass man vor Erstaunen innehalten musste. Ich hatte mich noch nicht wieder gefasst, als Tran schon anfing, den Boden nach einem frisch abgefallenen Blatt abzusuchen.
Ana gesellte sich zu ihr, als sie jedoch merkte, dass ich nicht mithalf, sagte sie: „Hilfst du uns oder starrst du den Baum noch länger an? Uns bleibt keine Zeit zum Bestaunen!“ Sie drehte sich wieder um und suchte weiter.
Ich riss mich mit Mühe von dem Baum los und begann ebenfalls, den Boden mit meinen Blicken abzutasten. Wir gingen wieder und wieder um den Baum herum, doch nirgends war ein Blatt zu finden.
Wir standen im Kreis und beratschlagten, was wir jetzt tun konnten, als Ana auf einmal einen überraschten Ton ausstieß. „Seht, da!“
Sie zeigte nach oben, wir folgten ihrem Blick und beobachteten, wie langsam ein Blatt herabgesegelt kam und genau in unserer Mitte landete. Verwundert starrten wir es an, dann hob ich es auf und legte es auf die Wurzel, die wir zuvor ausgesucht hatten. Sie stand ziemlich weit aus dem Boden hervor und hatte nach oben hin eine abgeflachte Stelle. Das Blatt war sogar gebogen, sodass es eine perfekte Schale bildete. Ich holte mein Handy heraus und der Sommernachtstraum erschallte. Ein Windstoß ließ die Blätter rascheln und Ana musste unser Blatt festhalten, sonst wäre es weggeflogen.
Tran drängte: „Gleich ist es Mitternacht, beeilt euch!“
Ich nahm die Scherbe aus dem Seitenfach meines Rucksacks, als mir etwas einfiel: „Das Wasser! Wir haben kein Meerwasser. Was machen wir jetzt?“ Ana sah mich schockiert an, auch sie hatte es komplett vergessen.
Da lachte Transca kurz auf und zog eine kleine Flasche aus ihrer Tasche. „Ich war gestern noch am Meer und habe mich darum gekümmert. Schön, dass ihr jetzt wieder dran gedacht habt.“ Sie grinste und nickte in Richtung meiner Hand, die sich um die Scherbe geschlossen hatte. Ich öffnete sie und bemerkte, dass ich mich bereits geschnitten hatte. Schnell ließ ich ein paar Tropfen Blut in das Blatt fallen, während ich die Scherbe an Ana weitergab.
„Ich hoffe doch, ihr habt kein Aids“, sagte sie, stach sich jedoch gleichzeitig, ohne zu zögern, in den Finger, reichte die Scherbe weiter und ließ ebenfalls Blut in das Blatt tröpfeln. „Ist das ekelhaft“, maulte sie und steckte sich den verletzten Finger in den Mund.
Während Tran zögernd ihr Blut dazugab, öffnete ich die Flasche mit dem Wasser, hielt aber noch mal kurz inne. „Wie viel soll ich hineinkippen?“
Ana nahm mir wortlos das Gefäß aus der Hand und tropfte vorsichtig Wasser auf unser Blut. In dem Moment erreichte die Musik ihren Höhepunkt und wieder traf uns unvorbereitet ein heftiger Windstoß. Diesmal waren wir aber zu langsam, das Blatt hob ab, tanzte in der Luft, doch die Flüssigkeit schwappte nicht heraus. Die natürliche Schale wirbelte über der gesamten Lichtung herum, schien im Takt von Mendelssohns Klängen dahinzuschweben. Plötzlich flaute der Wind ab und das Blatt verlor an Höhe. Es war inzwischen an der gegenüberliegenden Seite der Lichtung angekommen, als es sich drehte und den Boden mit unserem von Meerwasser durchsetzten Blut tränkte. In dem Moment schien die Erde zu erbeben, wir stolperten, hielten uns aneinander fest. Mir war, als ob sich ein Schleier vor meinen Augen hob, und ich sah auf einmal mehr als nur den nächtlichen Wald. Dort befand sich ein Pfad, vorher verborgen vom spärlichen Unterholz, und an den Bäumen hingen kleine Laternen, sie waren geformt wie Blätter und ein diffuses Licht schimmerte aus ihnen hervor.
Verwirrt sah ich die anderen an, als ich erkannte, dass die Buche in insgesamt sieben Farben erstrahlte, zu schwach und unauffällig, als dass man es sofort wahrnahm, aber mir war sofort das violette Glühen des oberen Stammabschnitts ins Auge gefallen. Auch die anderen beiden starrten wortlos auf die Szenerie. Tran tat das eher verwundert als erschrocken, musterte zuerst den Baum, dann den neu entstandenen Weg, wohingegen Anas Blick immerzu von einem Wunder zum anderen sprang, was ziemlich lächerlich aussah. Ich verkniff mir ein Lachen und staunte lieber noch selbst etwas.
Schließlich hatten wir uns wieder einigermaßen beruhigt und gingen vorsichtig auf den Weg zu. Nichts passierte.
Instinktiv hielt ich die anderen noch einmal zurück. „Euch ist klar, dass wir jetzt eine komplett andere Welt betreten werden?“
Ana nickte nur, konnte ihre Augen nicht von den Lampen wenden.
Tran jedoch runzelte die Stirn und sagte: „Bist du dir sicher, dass es eine neue Welt ist? Woher willst du wissen, dass es nicht nur ein besonderer Teil unseres eigenen Universums ist?“ Ohne ein weiteres Wort trat sie unter die Lampen.