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7 Das Testament
ОглавлениеIm Maklerbüro Williamsons wurden sie von einem aufgeweckten jungen Mann empfangen.
»Guten Morgen, Major Burnaby.«
»Guten Morgen.«
»Eine furchtbare Geschichte! So etwas hat Exhampton seit Jahren nicht erlebt!«, rief der Mann fast juchzend.
Burnaby zuckte zusammen.
»Das ist Inspector Narracott«, sagte er knapp.
»Ah, sehr gut!«
»Ich brauche bestimmte Informationen, die Sie mir sicherlich geben können«, sagte der Inspector. »Wie ich gehört habe, wurde die Vermietung von Sittaford House durch Sie vermittelt.«
»Die Mietsache Mrs Willett? Ja, das stimmt.«
»Ich wüsste gern im Detail, wie es dazu kam. Hat die Dame persönlich oder brieflich bei Ihnen angefragt?«
»Brieflich. Und zwar«, er zog eine Schublade auf und sah in einer Hängeakte nach, »genau, vom Carlton Hotel in London aus.«
»Hat sie den Namen Sittaford House explizit erwähnt?«
»Nein, hier steht nur, dass sie in den Wintermonaten ein Haus im Dartmoor mieten möchte, das über mindestens acht Schlafzimmer verfügen muss. Die Nähe zu einem Bahnhof beziehungsweise einer Stadt war ihr nicht wichtig.«
»Hatten Sie Sittaford House bereits im Angebot?«
»Nein. Aber es war das einzige Anwesen in der Gegend, das die Bedingungen erfüllte. Da die Dame bis zu zwölf Guineen Miete zu zahlen bereit war, kam mir die Idee, Captain Trevelyan anzuschreiben und zu fragen, ob er eine Vermietung in Betracht ziehen würde. Nachdem er sich einverstanden erklärt hatte, brachten wir die Sache über die Bühne.«
»Ohne dass sich Mrs Willett das Haus angesehen hatte?«
»Ja, sie hat auf eine Besichtigung verzichtet und den Vertrag unterzeichnet. Dann war sie eines Tages da, fuhr von hier nach Sittaford hinauf und traf sich mit Captain Trevelyan. Sie besprachen, wie mit dem Geschirr und der Wäsche verfahren werden sollte, und der Captain zeigte ihr das Haus.«
»Und es gefiel ihr?«
»Sehr gut sogar. Hat sie jedenfalls gesagt, als sie noch einmal hierherkam.«
»Und wie beurteilen Sie persönlich die Sache?« Inspector Narracott musterte den jungen Mann scharf.
Der zuckte mit den Schultern.
»Im Immobiliengeschäft überrascht einen nichts mehr.«
Nach dieser philosophischen Auskunft bedankte sich der Inspector bei dem jungen Mann für die Hilfe und verabschiedete sich. Der Makler brachte die beiden Männer zur Tür.
»Es war mir ein Vergnügen.«
Wie Major Burnaby gesagt hatte, lag die Kanzlei Walters & Kirkwood direkt neben dem Maklerbüro. Bei ihrer Ankunft erfuhren sie, dass Mr Kirkwood soeben eingetroffen sei, und wurden in sein Zimmer geführt.
Mr Kirkwood, ein älterer, gutmütig wirkender Herr, stammte aus Exhampton und führte die Kanzlei in dritter Generation.
Der Anwalt erhob sich, setzte seine Trauermiene auf und reichte dem Major die Hand.
»Guten Morgen, Major Burnaby. Eine zutiefst schockierende Angelegenheit. Wirklich zutiefst schockierend. Der arme Trevelyan.«
Er warf einen fragenden Blick auf Narracott, und Major Burnaby erklärte mit knappen Worten, weshalb der Inspector gekommen war.
»Sie sind für den Fall zuständig, Inspector?«
»Ja. Und im Zuge meiner Ermittlungen möchte ich Sie um einige Auskünfte bitten.«
»Soweit es die Vorschriften erlauben, bin ich dazu gern bereit«, erklärte der Anwalt.
»Es geht um das Testament des verstorbenen Captain Trevelyan, das sich hier in Ihrer Kanzlei befinden soll.«
»Das ist korrekt.«
»Wann wurde es verfasst?«
»Das ist jetzt fünf oder sechs Jahre her. An das genaue Datum erinnere ich mich nicht.«
»Ich möchte das Testament so bald wie möglich einsehen, Mr Kirkwood. Es könnte von großer Bedeutung für den Fall sein.«
»Tatsächlich? Kann ich mir zwar nicht recht vorstellen, aber Sie wissen in Ihrem Metier besser Bescheid als ich, Inspector.« Er warf Burnaby einen Blick zu. »Der Major und ich wurden gemeinsam zu Testamentsvollstreckern bestimmt. Wenn er keine Einwände hat …«
»Habe ich nicht.«
»Dann spricht nichts dagegen, Ihrem Wunsch nachzukommen, Inspector.«
Er hob den Hörer seines Telefons ab und sprach kurz hinein. Gleich darauf erschien ein Angestellter und legte einen versiegelten Umschlag auf den Schreibtisch. Nachdem der Mann das Zimmer verlassen hatte, ergriff Mr Kirkwood das Kuvert, öffnete es mit einem Papiermesser, entnahm ihm ein großformatiges, sehr bedeutsam aussehendes Dokument, räusperte sich und begann vorzulesen.
»Ich, Joseph Arthur Trevelyan, wohnhaft in Sittaford House, Sittaford, County of Devon, erkläre dieses Schreiben zu meinem Testament und Letzten Willen, verfasst am 13. August 1926.
(1) Ich ernenne John Edward Burnaby, Bungalow Nr. 1, Sittaford, sowie Frederick Kirkwood in Exhampton zu den Vollstreckern und Treuhändern meines Testaments.
(2) Robert Henry Evans, der mir lang und treu gedient hat, hinterlasse ich die Summe von £ 100 (einhundert Pfund) exklusive Erbschaftssteuer zur persönlichen Verwendung, jedoch unter der Voraussetzung, dass er zum Zeitpunkt meines Todes noch in meinen Diensten steht und weder selbst gekündigt hat noch ihm von mir gekündigt wurde.
(3) Oben genanntem John Edward Burnaby vermache ich als Zeichen unserer Freundschaft und als Ausdruck meiner Zuneigung und Wertschätzung meine sämtlichen Jagdtrophäen inklusive der Großwildköpfe und -felle sowie alle von mir in Sportwettbewerben gewonnenen Pokale und sonstigen Preise und darüber hinaus die gesamte in meinem Besitz befindliche Jagdbeute.
(4) Mein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen soll, sofern in diesem Testament oder einem Nachtrag dazu nichts anderes verfügt ist, den beiden Treuhändern mit der Auflage übertragen werden, es zu veräußern beziehungsweise zurückzufordern und zu Geld zu machen.
(5) Mit diesem durch Verkauf, Rückforderung und Realisierung gewonnenen Geld sollen meine Treuhänder meine Bestattung, die Kosten der Erbschaftsverwaltung, etwaige Schulden, die in diesem Testament und allen seinen Nachträgen festgesetzten Vermächtnisse, die gesamten Erbschaftssteuern und andere Unkosten begleichen.
(6) Den Rest dieses Geldes beziehungsweise der Kapitalanlagen sollen meine Treuhänder zurückbehalten und in vier gleich große Teile teilen.
(7) Einer von besagten Teilen soll meiner Schwester Jennifer Gardner für ihre persönliche Verwendung und zur freien Verfügung ausgezahlt werden.
Jeweils einen der drei verbleibenden gleich großen Teile sollen meine Treuhänder den drei Kindern meiner verstorbenen Schwester Mary Pearson jeweils zur freien Verwendung auszahlen.
Zu Urkund dessen habe ich, Joseph Arthur Trevelyan, an oben genanntem Tag und Jahr meine eigenhändige Unterschrift unter dieses Testament gesetzt.
Unterzeichnet von oben genanntem Erblasser in Anwesenheit zweier Zeugen, die ihren Namen ebenfalls in Anwesenheit des Erblassers und auf seine Bitte hin unter diese Urkunde gesetzt haben.«
Mr Kirkwood reichte dem Inspector das Dokument.
»Zwei meiner Angestellten haben sich damals als Zeugen zur Verfügung gestellt.«
Nachdenklich überflog der Inspector den Text.
»›Meiner verstorbenen Schwester Mary Pearson‹«, murmelte er. »Wissen Sie Näheres über Mrs Pearson, Mr Kirkwood?«
»Nicht allzu viel. Wenn ich mich recht erinnere, ist sie vor zehn Jahren gestorben. Da war ihr Gatte, ein Börsenmakler, schon tot. Soweit ich weiß, hat sie ihren Bruder hier nie besucht.«
»Pearson«, wiederholte der Inspector und sagte nach einer kurzen Pause:
»Die Höhe von Captain Trevelyans Vermögen wird nirgends erwähnt. Wie groß schätzen Sie die Summe insgesamt?«
Die Gelegenheit, eine einfache Frage in alter Anwaltsmanier umständlich zu beantworten, ließ sich Mr Kirkwood nicht entgehen.
»Das ist schwerlich exakt zu beziffern. Hängt davon ab, ob Sie das unbewegliche oder das bewegliche Vermögen betrachten. Abgesehen von Sittaford House verfügte Captain Trevelyan über Grundbesitz in der Nähe von Plymouth, und der Wert der diversen Geldanlagen, die er von Zeit zu Zeit getätigt hat, wird gewissen Schwankungen unterworfen gewesen sein.«
»Nennen Sie mir einen ungefähren Wert.«
»Da möchte ich mich wirklich nicht festlegen.«
»Einen Schätzwert, nur zur Orientierung. Wären zwanzigtausend Pfund zu hoch gegriffen?«
»Zwanzigtausend Pfund? Lieber Inspector! Das Vermögen von Captain Trevelyan ist mindestens viermal so groß. Achtzig- oder sogar neunzigtausend Pfund dürften der Sache wesentlich näherkommen.«
»Ich habe Ihnen ja gesagt, dass Trevelyan reich war«, warf Burnaby ein.
Inspector Narracott erhob sich.
»Danke vielmals für die Auskünfte, Mr Kirkwood.«
»Und? Helfen sie Ihnen weiter?«
Der Anwalt konnte seine Neugier nicht zurückhalten, doch dem Inspector war nicht danach, sie zu befriedigen.
»In einem Fall wie diesem muss jede Information berücksichtigt werden«, erwiderte er ausweichend. »Haben Sie zufällig die Adressen von Jennifer Gardner und den Pearsons?«
»Von den Pearsons nicht, aber Mrs Gardners Adresse lautet The Laurels, Waldon Road, Exeter.«
Der Inspector schrieb die Angaben in ein Notizbuch.
»Damit lässt sich etwas anfangen. Wissen Sie, wie viele Kinder die verstorbene Mrs Pearson hinterlassen hat?«
»Drei, glaube ich. Zwei Mädchen und einen Jungen – oder zwei Jungs und ein Mädchen, das weiß ich nicht mehr genau.«
Der Inspector nickte, steckte sein Notizbuch ein, dankte dem Anwalt noch einmal und ging.
Auf der Straße drehte er sich abrupt zu seinem Begleiter um.
»So, und jetzt raus mit der Sprache, Major. Was hat es mit dieser Fünf-vor-halb-sechs-Sache auf sich?«
Burnaby stieg die Zornesröte ins Gesicht.
»Das habe ich Ihnen doch bereits gesagt …«
»Diese Geschichte nehme ich Ihnen nicht ab. Sie verschweigen mir etwas! Sie hatten einen Grund, Dr Warren genau diese Uhrzeit und keine andere zu nennen, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Grund kenne.«
»Warum fragen Sie mich dann?«, fauchte Burnaby.
»Sie wussten, dass sich eine bestimmte Person etwa um diese Zeit mit dem Captain traf, richtig?«
Major Burnaby sah ihn verblüfft an.
»Davon kann keine Rede sein.«
»Vorsicht, Major! Was ist mit Mr James Pearson?«
»James Pearson? Wer soll das sein? Einer der beiden Neffen von Trevelyan?«
»Ja, das nehme ich an. Hatte er einen Neffen, der James hieß?«
»Keine Ahnung. Ich wusste, dass seine Schwester Kinder hatte, aber wie die heißen …«
»Besagter James hat gestern im Three Crowns übernachtet, und Sie haben ihn dort bestimmt wiedererkannt.«
»Gar niemanden habe ich wiedererkannt«, knurrte der Major. »Wie auch! Ich habe Trevelyans Neffen und Nichten nie im Leben gesehen.«
»Aber Sie wussten, dass der Captain gestern Nachmittag den Besuch eines Neffen erwartet hat.«
»Das wusste ich nicht!«, brüllte der Major.
Mehrere Leute auf der Straße drehten sich nach ihm um.
»Das ist die Wahrheit, verdammt noch mal! Ich wusste nichts von einem Treffen. Ich wusste nicht mal, ob der Neffe in London oder in Timbuktu lebt!«
Inspector Narracott staunte. Die Vehemenz, mit der Burnaby alles abstritt, verlieh seinen Beteuerungen eine gewisse Glaubwürdigkeit.
»Warum dann die Uhrzeit fünf vor halb sechs?«
»Also gut … Ist wahrscheinlich besser, ich sage es Ihnen«, erklärte der Major verlegen. »Auch wenn es idiotisch war, reiner Mumpitz. Einen solchen Unsinn glaubt kein vernünftiger Mensch!«
Während dem Major das Thema zunehmend peinlich wurde, machte sich in der Miene des Inspectors wachsende Verwunderung breit.
»Sie wissen schon, Inspector – diese Spielchen, bei denen man den Damen zuliebe mitmacht. Aber geglaubt habe ich den Blödsinn nie!«
»Welchen Blödsinn?«
»Tischrücken.«
»Tischrücken?«
Narracott hatte mit allem Möglichen gerechnet, nur nicht damit. Stockend und pausenlos beteuernd, dass er den Quatsch nicht glaube, berichtete der Major von den Ereignissen des zurückliegenden Nachmittags und der für ihn bestimmten Botschaft.
»Soll das heißen, dass der Tisch den Namen Trevelyan buchstabiert und allen mitgeteilt hat, der Captain sei tot – ermordet?«
Major Burnaby wischte sich über die Stirn.
»Genau so war es. Ich habe, wie gesagt, nicht eine Sekunde lang gedacht, da wäre irgendetwas dran«, antwortete der Major zerknirscht. »Aber es war Freitag, und ich wollte mich vergewissern und nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«
Der Inspector stellte sich vor, wie mühsam die Bewältigung der sechs Meilen bei hohem Schnee und mit der Aussicht auf weiteres Gestöber gewesen sein musste, und kam zu dem Schluss, dass die Geisterbotschaft den Major allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz offenbar tief beeindruckt hatte. Narracott dachte darüber nach. Eine merkwürdige Geschichte – äußerst merkwürdig und letzten Endes unerklärlich. Vielleicht war an diesen Geisterdingen doch etwas dran. Jedenfalls handelte es sich um den ersten glaubwürdig bezeugten Fall, der ihm jemals untergekommen war.
Doch so sonderbar sich die Geschichte auch anhören mochte, hatte sie seiner Überzeugung nach für den Fall selbst keinerlei praktische Bedeutung, außer dass sie das Verhalten des Majors erklärte. Als Inspector musste er sich mit der physischen Welt auseinandersetzen, nicht mit der spirituellen.
Seine Aufgabe war es, den Mörder zu finden – ganz ohne Unterstützung aus dem Jenseits.