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6 Im Three Crowns

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Vor seinem Besuch bei Major Burnaby hatte das Schick sal dem Inspector ein ausführliches Gespräch mit Mrs Belling, der Besitzerin des Gasthofs Three Crowns, zugedacht, einer korpulenten, leicht in Aufregung zu versetzenden Frau von solcher Redseligkeit, dass Narracott nichts übrig blieb, als ihr geduldig zuzuhören, bis der Wortschwall verebben würde.

»So eine Nacht hat hier noch keiner erlebt«, lautete das Resümee ihrer langen Tirade. »Wer hätte ahnen können, dass dem guten armen Captain so etwas zustößt! Diese unseligen Landstreicher – ich kann sie nicht ausstehen. Und ich habe es schon immer gesagt, von Anfang an – die murksen jeden ab. Und der Captain hat nicht mal einen Hund zu seinem Schutz gehabt. Hunde können sie nämlich nicht leiden, die Landstreicher. Aber weiß man, was um einen rum passiert, und wenn’s nur einen Katzensprung entfernt ist? Weiß man’s? – Ja, Mr Narracott«, fuhr sie fort und beantwortete damit endlich die zu Beginn gestellte Frage, »der Major frühstückt gerade. Er sitzt im Gastraum. Eine schreckliche Nacht hat er hinter sich, so ohne Schlafanzug und gar nichts, und ich als Witwe habe ihm nichts leihen können. Es macht ihm nichts aus, hat er gesagt, aber er war ja auch sehr aufgewühlt und durcheinander, weil man seinen besten Freund ermordet hat. Feine Herren, alle beide, obwohl der Captain für seinen Geiz bekannt war. Da sage ich mir ständig, dass es gefährlich ist oben in Sittaford, in dieser einsamen Gegend, und wo wird der Captain erschlagen? Hier in Exhampton! Immer kommt es anders, als man denkt, stimmt’s, Mr Narracott?«

Der Inspector pflichtete ihr sofort bei. Dann fragte er:

»Hatten Sie gestern Übernachtungsgäste von auswärts, Mrs Belling?«

»Lassen Sie mich nachdenken. Also, Mr Moresby und Mr Jones waren da – Geschäftsleute, alle beide – und dann noch ein junger Mann aus London. Sonst niemand. Wie auch, um diese Jahreszeit. Im Winter ist hier nicht viel los. Ach nein, mit dem letzten Zug ist dann noch ein anderer junger Mann gekommen – ein neugieriges Bürschchen, sage ich Ihnen. Er schläft noch.«

»Mit dem letzten Zug? Der ist gegen zehn in Exhampton. Um den Gast müssen wir uns keine Gedanken machen. Aber was ist mit dem anderen, dem aus London? Kannten sie ihn?«

»Den habe ich noch nie gesehen gehabt. Der war kein Geschäftsmann, der war was Besseres. Mir fällt gerade sein Name nicht ein, aber den finden Sie im Fremdenbuch. Heute Morgen ist er in den Frühzug nach Exeter gestiegen, zehn nach sechs. Ziemlich seltsam. Ich wüsste gern, was der hier gemacht hat.«

»Hat er nicht gesagt, warum er hier war?«

»Mit keinem Wort.«

»Ist er überhaupt ausgegangen?«

»Um die Mittagszeit ist er angekommen, gegen halb fünf ist er weggegangen, und so um zwanzig nach sechs war er wieder da.«

»Wohin ist er gegangen?«

»Wie soll ich das wissen? Vielleicht hat er nur einen Spaziergang gemacht. Na ja, das war zwar, bevor es wieder geschneit hat, aber zum Spazierengehen war das Wetter gestern trotzdem nicht.«

»Um halb fünf hat er den Gasthof verlassen und war um etwa zwanzig nach sechs wieder da«, murmelte der Inspector versonnen. »Das ist merkwürdig. Hat er zufällig Captain Trevelyan erwähnt?«

Mrs Belling schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, er hat gar niemand erwähnt und ist die ganze Zeit für sich geblieben. Hübsches Bürschchen, aber nervös, muss ich sagen.«

Der Inspector nickte und ging zur Theke hinüber, um das Fremdenbuch einzusehen.

»James Pearson, London«, las er laut. »Tja, das sagt nicht viel. Wir werden Erkundigungen über ihn einziehen müssen.«

Dann machte er sich auf die Suche nach Major Burnaby.

Der Major saß allein im Gastraum, trank einen ziemlich dürftig aussehenden Kaffee und hatte die Times vor sich ausgebreitet.

»Major Burnaby?«

»Der bin ich.«

»Und ich bin Inspector Narracott aus Exeter.«

»Guten Morgen, Inspector. Kommen Sie voran?«

»Ja, ich denke, das kann ich ohne Übertreibung sagen.«

»Gut zu hören«, erwiderte der Major trocken, ohne seine Skepsis zu verbergen.

»Ich habe noch ein oder zwei Fragen, die Sie mir sicherlich beantworten können«, sagte der Inspector.

»Ich werde mein Möglichstes tun.«

»Hatte Captain Trevelyan Ihres Wissens irgendwelche Feinde?«

»Keinen einzigen«, antwortete Burnaby mit großer Entschiedenheit.

»Dieser Evans – halten Sie den für vertrauenswürdig?«

»Im Prinzip ja. Trevelyan hat ihm jedenfalls vertraut.«

»Gab es keinen Streit wegen seiner Heirat?«

»Nein. Trevelyan war zwar verärgert, weil dadurch alte Gewohnheiten durcheinandergerieten – Sie wissen ja, wie eingefleischte Junggesellen sind –, aber Streit gab es nicht.«

»Apropos Junggesellen – dazu hätte ich auch eine Frage. Captain Trevelyan war ledig. Wissen Sie, ob er ein Testament gemacht hat? Beziehungsweise – wissen Sie, wer sein Anwesen erbt, falls es kein Testament gibt?«

»Er hat ein Testament gemacht«, antwortete Burnaby wie aus der Pistole geschossen.

»Aha. Woher wissen Sie das?«

»Er hat mich zum Vollstrecker ernannt. Das hat er mir gesagt.«

»Wissen Sie, wem er sein Geld vermacht hat?«

»Nein, weiß ich nicht.«

»Er soll sehr wohlhabend gewesen sein.«

»Trevelyan war reich«, erwiderte Burnaby. »Sehr viel reicher, als die Leute hier in der Gegend vermuten würden.«

»Hatte er Verwandte?«

»Eine Schwester und mehrere Neffen und Nichten, glaube ich. Die sind hier nie aufgetaucht, aber zerstritten waren sie wohl nicht.«

»Können Sie mir sagen, wo er das Testament aufbewahrt hat?«

»Es liegt bei Walters & Kirkwood, der Anwaltskanzlei hier in Exhampton. Sie haben es für ihn aufgesetzt.«

»Könnten Sie als Testamentsvollstrecker gleich jetzt mit mir in diese Kanzlei gehen, Major Burnaby? Ich muss so bald wie möglich in Erfahrung bringen, wie der Letzte Wille des Captains aussieht.«

Burnaby hob beunruhigt den Blick.

»Was hat das Testament mit der Sache zu tun? Gibt es diesbezüglich Gerüchte?«

Inspector Narracott hatte nicht die Absicht, seine Karten voreilig auf den Tisch zu legen.

»Der Fall ist nicht so klar, wie wir anfangs dachten. Ach, da wäre noch etwas. Sie haben Dr Warren gefragt, ob der Tod um fünf vor halb sechs eingetreten sei.«

»Schon möglich.«

»Warum dieser exakte Zeitpunkt?«

»Warum nicht?«

»Na, irgendwie muss er Ihnen ja in den Sinn gekommen sein.«

Als Major Burnaby erst nach einer längeren Pause reagierte, war die Neugier des Inspectors geweckt. Der Mann hatte offensichtlich etwas zu verbergen und gab dabei ein fast schon lächerliches Bild ab.

»Was spricht dagegen, fünf vor halb sechs zu sagen – oder fünf nach halb sechs oder zwanzig nach vier?«, fragte Burnaby trotzig.

»Gar nichts«, erwiderte Inspector Narracott besänftigend.

Es lag nicht in seinem Interesse, den Major in diesem Moment gegen sich aufzubringen, aber er nahm sich vor, der Sache noch am selben Tag auf den Grund zu gehen.

»Wissen Sie, was mir seltsam erscheint, Sir?«, fuhr er fort.

»Sagen Sie’s mir.«

»Die Vermietung von Sittaford House. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, aber ich finde es seltsam, dass es überhaupt dazu kam.«

»Nicht seltsam, sondern geradezu unverständlich, wenn Sie mich fragen.«

»Sie finden es unverständlich?«

»Alle finden es unverständlich.«

»Alle in Sittaford?«

»Alle in Sittaford und alle in Exhampton. Die Frau muss verrückt sein.«

»Die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden«, gab der Inspector zu bedenken.

»Ziemlich kurioser Geschmack für eine Frau dieses Formats.«

»Ach, Sie kennen sie?«

»Ja, natürlich. Ich war bei ihr zu Gast, als …«

»Als was?«, fragte Narracott, nachdem sich der Major mitten im Satz unterbrochen hatte.

»Ach, nichts«, sagte Burnaby.

Inspector Narracott musterte ihn aufmerksam. An diesem Punkt galt es nachzubohren. Ihm war nicht entgangen, wie nervös und verlegen sich der Major verhielt. Um ein Haar wäre dem Mann etwas herausgerutscht – nur was?

Alles zu seiner Zeit, dachte Narracott. Es ist noch nicht der richtige Moment, um ihn in die Enge zu treiben.

Laut und mit Unschuldsmiene sagte er:

»Sie waren also in Sittaford House. Wie lange wohnt die Dame eigentlich schon dort?«

»Ein paar Monate.«

Um von seinen riskanten Worten abzulenken, gab sich der Major plötzlich ungewohnt gesprächsbereit.

»Eine Witwe mit ihrer Tochter?«

»Jawohl.«

»Hat sie gesagt, warum sie ausgerechnet dort wohnen wollte?«

Der Major rieb sich etwas ratlos die Nase. »Ach, sie faselt viel von der Schönheit der Natur, vom Leben in der Abgeschiedenheit und so fort, aber …«

Er wusste offenbar nicht weiter und schwieg. Der Inspector kam ihm zu Hilfe.

»Sie nehmen ihr das nicht ab?«

»Die Frau ist eine elegante Erscheinung, immer perfekt gekleidet und die Tochter schick und hübsch. Normalerweise wohnen solche Leute im Ritz oder im Claridge’s, in irgendeinem großen Hotel. Sie wissen doch, wie solche Leute sind.«

Narracott nickte.

»Und sie leben nicht zurückgezogen, oder?«, fragte er. »Sie haben nicht den Eindruck, dass sie sich verstecken?«

Major Burnaby schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, ganz und gar nicht. Sie sind sehr gesellig – vielleicht sogar ein bisschen zu sehr. In unserem kleinen Sittaford kann sich niemand damit herausreden, er wäre schon anderweitig verpflichtet, und wenn eine Einladung auf die andere folgt, wird es etwas unangenehm. Die beiden sind sehr nett und überaus gastfreundlich, aber für englische Begriffe ist ihre Gastfreundlichkeit leicht übertrieben.«

»Typisch für die Leute in den Kolonien.«

»Richtig.«

»Und die beiden Damen kannten Captain Trevelyan bestimmt nicht von früher?«

»Ausgeschlossen.«

»Was macht Sie so sicher?«

»Das hätte mir Joe erzählt.«

»Wäre es denkbar, dass sie sich um den Captain bemühten, weil sie sich davon irgendeinen Vorteil versprachen?«

Der Gedanke war dem Major erkennbar neu. Er dachte eine Weile darüber nach.

»So habe ich das bisher nie gesehen. Sie wollten sich zwar ganz offensichtlich beim Captain anbiedern, aber Joe hat ihnen dazu nicht die geringste Gelegenheit gegeben. Nein, ich glaube, das ist einfach ihre Art. Diese übermäßige koloniale Freundlichkeit, meine ich«, fügte der unverbesserliche englische Patriot hinzu.

»Nun gut. Jetzt aber zum Haus selbst. Captain Trevelyan hat es gebaut, ist das richtig?«

»Ja.«

»Und außer ihm hat nie jemand darin gewohnt? Er hatte es bis dahin noch nie vermietet?«

»Nein.«

»Dann lag es also nicht am Haus selbst, dass sie dort wohnen wollten. Rätselhaft! Die beiden haben höchstwahrscheinlich nichts mit dem Fall zu tun, aber die Konstellation erschien mir doch sonderbar. Wem gehört eigentlich Hazelmoor, das Haus, das der Captain in Exhampton gemietet hatte?«

»Einer gewissen Miss Larpent, nicht mehr ganz jung. Sie verbringt jeden Winter in einer Pension in Cheltenham. Wenn sich ein Mieter für ihr Häuschen findet, was selten vorkommt, überlässt sie es ihm, ansonsten wird es abgeschlossen und steht leer.«

Auch diese Spur verlief im Sand. Der Inspector schüttelte frustriert den Kopf.

»Williamsons heißt das Maklerbüro?«

»Ja.«

»Wo befindet es sich?«

»Gleich neben den Anwälten Walters & Kirkwood.«

»Aha. Dann schauen wir da gleich auch noch vorbei, falls es recht ist.«

»Sehr gern. Kirkwood ist sowieso nie vor zehn in seiner Kanzlei. Anwälte eben.«

»Gehen wir?«

Der Major, der sein Frühstück längst beendet hatte, nickte und stand auf.

Das Geheimnis von Sittaford

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