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4 Inspector Narracott
ОглавлениеAm Morgen nach der Tragödie standen zwei Männer im Arbeitszimmer von Hazelmoor, Captain Trevelyans Häuschen.
Inspector Narracott sah sich mit leicht gerunzelter Stirn im Raum um.
»Tja«, sagte er nachdenklich. »Tja.«
Der tüchtige Polizist, ein Mensch von stiller Beharrlichkeit, verfügte über einen ausgeprägten logischen Verstand und ein scharfes Auge für Details, was ihm Erfolge eintrug, wo andere scheiterten.
Er war groß und eher wortkarg. Seine grauen Augen blickten meist versonnen, und er sprach mit dem schleppenden weichen Akzent der Bewohner von Devonshire.
Gleich mit dem ersten Zug war er an diesem Morgen aus Exeter angereist, um den Fall zu übernehmen. In der Nacht selbst hatte sich das als unmöglich erwiesen, weil die Straßen nicht einmal von Autos mit Schneeketten passiert werden konnten. Nun stand er in Captain Trevelyans Arbeitszimmer, das er soeben gründlich in Augenschein genommen hatte. Neben ihm wartete Sergeant Pollock von der Polizei in Exhampton.
»Tja«, sagte Inspector Narracott.
Ein Strahl der bleichen Wintersonne fiel durch das Fenster, vor dem die verschneite Landschaft lag. Etwa hundert Meter vom Haus entfernt war ein Zaun zu erkennen. Gleich dahinter stieg das Gelände steil zu einer ebenfalls mit Schnee bedeckten Anhöhe an.
Inspector Narracott beugte sich noch einmal über die Leiche, die man wegen der Ermittlungen auf dem Boden belassen hatte. Da er selbst viel Sport trieb, war ihm der athletische Körperbau mit den breiten Schultern, den schmalen Hüften und den gut ausgebildeten Muskeln sofort aufgefallen. Der kleine Kopf saß wohlproportioniert auf den Schultern, und der spitz zulaufende Seemannsbart war sorgfältig getrimmt. Der Captain, der Narracotts Recherchen zufolge sechzig Jahre alt war, sah wie ein Mann Anfang fünfzig aus.
»Eine merkwürdige Geschichte.«
»Und ob«, erwiderte Sergeant Pollock.
Narracott drehte sich zu ihm um.
»Wie sehen Sie die Sache?«
»Na ja …« Sergeant Pollock kratzte sich am Kopf. Er war ein vorsichtiger Mensch, der sich ungern weiter aus dem Fenster lehnte als unbedingt nötig. »Also, meiner Ansicht nach ist jemand eingebrochen und hat das Zimmer durchstöbert. Captain Trevelyan hielt sich wahrscheinlich gerade oben auf – der Einbrecher dachte bestimmt, das Haus wäre leer.«
»Wo befindet sich das Schlafzimmer des Captains?«
»Oben, Sir. Genau über diesem Zimmer.«
»Um diese Jahreszeit ist es um vier Uhr nachmittags bereits dunkel. Wenn Captain Trevelyan im Schlafzimmer gewesen wäre, hätte der Einbrecher auf dem Weg zum Fenster das brennende Licht gesehen.«
»Und hätte gewartet, meinen Sie?«
»Kein Mensch von klarem Verstand bricht in ein Haus ein, in dem Licht brennt. Wenn jemand dieses Fenster eingeschlagen hat, dann weil er das Haus für leer hielt.«
Sergeant Pollock kratzte sich am Kopf.
»Kommt mir komisch vor, aber genau so war es offenbar.«
»Lassen wir das erst einmal auf sich beruhen. Sprechen Sie weiter.«
»Angenommen, der Captain hört etwas und geht hinunter, um nachzusehen. Der Einbrecher bemerkt sein Kommen, schnappt sich die Filzrolle, stellt sich hinter die Tür und schlägt den Captain, als er den Raum betritt, von hinten nieder.«
Inspector Narracott nickte.
»Ja, sein Gesicht war zum Fenster gerichtet, als es ihn erwischt hat. Trotzdem halte ich nichts von dieser Idee.«
»Nein, Sir?«
»Nein. Ich glaube, wie gesagt, nicht, dass irgendjemand nachmittags um fünf irgendwo einbricht.«
»Vielleicht dachte er, es wäre eine gute Gelegenheit …«
»Hier geht es nicht um eine spontane Entscheidung, weil ein Fenster offen stand. Wir haben es mit einem vorsätzlichen Einbruch zu tun – sehen Sie sich nur das Durcheinander an. Worauf hat es ein Einbrecher als Allererstes abgesehen? Auf das Silber im Geschirrschrank.«
»Da haben Sie recht«, gab der Sergeant zu.
»Dieses Durcheinander, dieses Chaos«, fuhr Narracott fort, »die herausgerissenen Schubladen und der verstreute Inhalt – reiner Schwindel!«
»Schwindel?«
»Sehen Sie sich die Fenstertür genau an, Sergeant. Sie war nicht verriegelt und wurde aufgebrochen, sondern sie war nur geschlossen und wurde von außen beschädigt, um den Eindruck zu erwecken, sie wäre aufgebrochen worden.«
Leise vor sich hin murmelnd nahm Pollock das Fenster gründlich unter die Lupe.
»Völlig richtig, Sir«, sagte er in respektvollem Ton. »Aber wer macht so etwas?«
»Jemand, der uns Sand in die Augen streuen wollte – es aber nicht geschafft hat.«
Das »uns« hörte Sergeant Pollock ausgesprochen gern, ahnte jedoch nicht, dass Narracott solche kleinen Bemerkungen nur fallen ließ, um seine Beliebtheit bei den Untergebenen zu steigern.
»Also kein Einbruch. Sie glauben, dass der Mörder ins Haus gelassen wurde?«
Der Inspector nickte. »Ja. Merkwürdig nur, dass er offenbar tatsächlich durch die Fenstertür hineinging. Man sieht jetzt noch die nassen Flecken, von denen Graves und Sie berichtet haben. Die stammen von dem schmelzenden Schnee, den der Mörder mit seinen Schuhen in dieses Zimmer – und nur in dieses – getragen hat. Constable Graves war sich sicher, keine Flecken gesehen zu haben, als er mit Dr Warren durch die Diele ging, während sie ihm in diesem Raum sofort auffielen. Damit steht fest, dass Captain Trevelyan den Mörder durch die Fenstertür ins Haus gelassen hat. Was wiederum heißt, dass der Captain ihn gekannt haben muss. Sie stammen von hier, Sergeant – war Captain Trevelyan ein Mensch, der sich leicht Feinde macht?«
»Nein, Sir, ich weiß von keinem einzigen Feind. Er war aufs Geld versessen und ein arger Zuchtmeister – Nachlässigkeit oder Unhöflichkeit gab es bei ihm nicht –, aber das hat ihm höchstens zusätzlichen Respekt eingebracht.«
»Keine Feinde«, sagte Narracott nachdenklich.
»Zumindest hier nicht.«
»Sehr richtig – ob er sich früher in der Marine welche gemacht hat, wissen wir nicht. Männer, die sich an einem Ort Feinde gemacht haben, tun das meiner Erfahrung nach auch anderswo, aber ganz ausschließen lässt es sich nicht. Was uns rein logisch zum nächsten Motiv bringt, nämlich dem gängigsten Mordmotiv überhaupt: Habgier. Sagten Sie nicht, Captain Trevelyan sei vermögend gewesen?«
»Sehr sogar. Aber geizig. Anpumpen ließ er sich nicht.«
»Aha«, sagte Narracott in Gedanken versunken.
»Schade, dass es so stark geschneit hat, sonst hätten wir seine Fußstapfen als Anhaltspunkt.«
»Und sonst wohnt niemand im Haus?«
»Nein. Captain Trevelyan hat seit fünf Jahren nur einen Diener, einen früheren Navy-Mann. Oben in Sittaford kam jeden Tag zusätzlich eine Frau, aber hier hat nur dieser Evans für ihn gekocht und sich um ihn gekümmert. Er hat vor einem Monat zum großen Ärger des Captains geheiratet. Wahrscheinlich wollte der Captain auch deshalb Sittaford House an die Dame aus Südafrika vermieten. Er duldete keine weiblichen Wesen um sich. Evans wohnt mit seiner Ehefrau in der Fore Street, das ist ganz in der Nähe, und kommt täglich her und leistet seinen Dienst ab. Ich habe ihn einbestellt, damit Sie ihn befragen können. Seiner bisherigen Aussage zufolge ist er gestern Nachmittag um halb drei nach Hause gegangen, weil der Captain ihn nicht mehr benötigt hat.«
»Ja, ich möchte mit ihm sprechen. Vielleicht kann er uns etwas Brauchbares sagen.«
Der Unterton, der in der Stimme des Inspectors mitgeschwungen hatte, erschien Sergeant Pollock sonderbar. Er sah den Ranghöheren fragend an.
»Sie meinen …«
»Ich meine, dass hinter diesem Fall wesentlich mehr steckt, als auf den ersten Blick erkennbar ist«, sagte Inspector Narracott entschieden.
»Inwiefern, Sir?«
Der Inspector gab ihm keine Antwort. Stattdessen fragte er:
»Dieser Evans ist hier, sagten Sie?«
»Er wartet im Esszimmer.«
»Gut. Ich werde mich gleich mit ihm unterhalten. Was für ein Mensch ist er?«
Fakten aufzusagen lag dem Sergeant wesentlich mehr, als detailgenaue Schilderungen abzuliefern.
»Er war bei der Navy. Bei einer Prügelei würde ich ungern auf ihn treffen.«
»Trinkt er?«
»Soweit ich weiß, hat er es damit noch nie übertrieben.«
»Und seine Frau? Hatte die vielleicht etwas mit dem Captain?«
»Nein, nein, Sir, völlig ausgeschlossen. So war Captain Trevelyan nicht. Ich würde ihn sogar als Frauenhasser bezeichnen.«
»Und Evans galt als loyal gegenüber seinem Dienstherrn?«
»Ja, und wenn es anders gewesen wäre, hätten das alle gewusst. Exhampton ist ein Nest.«
Narracott nickte.
»Gut, dann haben wir hier alles gesehen. Ich befrage jetzt Evans und mache einen Rundgang durchs restliche Haus. Danach treffen wir uns im Three Crowns mit diesem Major Burnaby. Seine Äußerung über die Uhrzeit hat mich stutzig gemacht. Fünf vor halb sechs. Offenbar weiß er etwas, verschweigt es aber. Wie sonst könnte er die Tatzeit so genau bestimmen?«
Die beiden Männer gingen zur Tür.
»Irgendwas ist da faul«, sagte Sergeant Pollock und senkte den Blick auf den mit Papieren übersäten Boden. »Dieser vorgetäuschte Einbruch …«
»Der erscheint mir angesichts der Situation nicht nur nicht seltsam, sondern sogar verständlich. Viel auffälliger finde ich das Fenster.«
»Das Fenster, Sir?«
»Ja. Warum ist der Mörder zu dieser Fenstertür gegangen? Wenn es jemand war, den Trevelyan kannte, hätte er an der Tür klingeln und sich den Weg zum hinteren Teil des Hauses, noch dazu bei dem Schneesturm, ersparen können. Es muss einen Grund dafür geben.«
»Vielleicht wollte er beim Eintreten von der Straße her nicht gesehen werden.«
»Gestern Nachmittag hätten ihn bestimmt nicht viele Leute dabei beobachtet. Wer konnte, hielt sich im Haus auf. Nein, es gibt einen anderen Grund, und den müssen wir herausfinden.