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5 Evans

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Als sie ins Esszimmer traten, erhob sich Evans respekt voll von seinem Stuhl.

Der kleine dickliche Mann hatte auffallend lange Arme und besaß die Angewohnheit, seine Hände im Stehen locker zur Faust zu ballen. Zwei blinzelnde Schweinsäuglein saßen in seinem glatt rasierten Gesicht, doch trotz der bulligen Erscheinung wirkte er aufgeweckt und eifrig.

Inspector Narracott fasste seine Eindrücke blitzschnell zusammen: intelligent, gewieft und praktisch veranlagt, aber nervös.

Dann sagte er:

»Sie sind Evans, nicht wahr?«

»Jawohl, Sir.«

»Vornamen?«

»Robert Henry.«

»Gut. Was wissen Sie über die Sache?«

»Gar nichts, Sir. Es hat mich umgehauen. Der Captain ermordet – unfassbar.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Gegen zwei muss das gewesen sein, Sir. Ich habe nach dem Mittagessen aufgeräumt und den Tisch fürs Abendessen gedeckt, wie Sie sehen. Ich muss nicht noch mal wiederkommen, hat der Captain gesagt.«

»Tun Sie das normalerweise?«

»Ja, gegen sieben komme ich noch mal und bleibe ein paar Stunden, aber nicht immer – manchmal hat der Captain gesagt, es wäre nicht nötig.«

»Sie fanden es also nicht ungewöhnlich, dass er Sie gestern Abend nicht mehr gebraucht hat?«

»Nein, Sir. Am Abend davor bin ich auch nicht noch mal gekommen, wegen dem Wetter. Er war sehr rücksichtsvoll, der Captain, solange man sich nicht vor der Arbeit gedrückt hat. Ich habe ihn und seine Gewohnheiten sehr gut gekannt.«

»Was genau hat er gesagt?«

»Er hat aus dem Fenster gesehen und ›Heute besucht mich Burnaby bestimmt nicht‹ gesagt. ›Würde mich nicht wundern, wenn ganz Sittaford von der Außenwelt abgeschnitten ist. Seit ich ein kleiner Junge war, habe ich so einen Winter nicht mehr erlebt.‹ Damit hat er seinen Freund Major Burnaby aus Sittaford gemeint, der ist jeden Freitag gekommen, und sie haben Schach gespielt und Rätsel gelöst. Und jeden Dienstag hat der Captain ihn besucht. Der Captain hatte feste Gewohnheiten. Gestern hat er gesagt: ›Evans, Sie können jetzt gehen und brauchen erst morgen früh wiederzukommen.‹«

»Abgesehen von dieser Äußerung über Major Burnaby hat er nichts davon gesagt, dass er am Nachmittag Besuch erwartete?«

»Nein, Sir, kein Wort.«

»Hat er sich irgendwie ungewöhnlich oder anders als sonst verhalten?«

»Nein, Sir, ist mir nicht aufgefallen.«

»Gut. Sie haben vor kurzem geheiratet?«

»Jawohl, Sir. Vor zwei Monaten. Die Tochter von Mrs Belling, der das Three Crowns gehört.«

»Captain Trevelyan war davon nicht sehr begeistert.«

Evans verzog den Mund zu einem angedeuteten Grinsen.

»Fuchsteufelswild ist er geworden. Meine Rebecca ist ein gutes Mädchen, Sir, und eine tüchtige Köchin. Ich habe gehofft, wir könnten gemeinsam für den Captain arbeiten, aber er wollte nichts davon wissen. Er duldet kein weibliches Personal, das im Haus wohnt, hat er gesagt. Das Ganze war ziemlich verfahren, aber dann ist diese Dame aus Südafrika aufgetaucht und wollte den Winter über in Sittaford House wohnen. Der Captain hat das Haus hier gemietet, und ich bin jeden Tag hergekommen. Ehrlich gesagt habe ich gehofft, dass sich der Captain nach dem Winter mit der Idee angefreundet hätte und Rebecca und ich mit ihm nach Sittaford zurückgehen könnten. Er hätte gar nichts von ihr bemerkt. Sie wäre immer in der Küche gewesen und hätte es so eingerichtet, dass er ihr nie auf der Treppe begegnet wäre.«

»Haben Sie eine Ahnung, warum Captain Trevelyan Frauen nicht ausstehen konnte?«

»Nein, Sir. Reine Gewohnheit, nehme ich an. Ich kenne viele solche Herren. Wenn Sie mich fragen, liegt das am Misstrauen. In jungen Jahren hat ihnen irgendein Mädchen eine Abfuhr erteilt, und schon ist es eine fixe Idee.«

»Captain Trevelyan war also nie verheiratet?«

»Oh nein, Sir.«

»Wissen Sie von Verwandten?«

»Ich glaube, er hatte eine Schwester in Exeter, und einmal hat er einen oder mehrere Neffen erwähnt.«

»Aber die waren nie hier?«

»Nein, Sir. Ich glaube, mit der Schwester in Exeter war er zerstritten.«

»Wissen Sie, wie sie heißt?«

»Gardner, glaube ich, aber ich bin mir nicht sicher.«

»Und die Adresse kennen Sie auch nicht?«

»Leider nein, Sir.«

»Die finden wir heraus, wenn wir die Papiere des Captains durchsehen. Nun zu Ihnen, Evans. Was haben Sie gestern Nachmittag ab sechzehn Uhr gemacht?«

»Ich war zu Hause, Sir.«

»Wo ist das?«

»Gleich um die Ecke, 85 Fore Street.«

»Sie haben das Haus nicht mehr verlassen?«

»Bei dem Schnee? Bestimmt nicht!«

»Ja, ja. Kann irgendjemand Ihre Angaben bestätigen?«

»Wie bitte?«

»Gibt es jemanden, der weiß, dass Sie die ganze Zeit zu Hause waren?«

»Meine Frau, Sir.«

»Waren nur Sie beide im Haus?«

»Jawohl, Sir.«

»Gut, ich glaube Ihnen. Das wäre es fürs Erste, Evans.«

Der ehemalige Seemann blieb zögernd stehen und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Soll ich irgendwas tun, Sir? Soll ich aufräumen?«

»Nein, vorläufig muss alles so bleiben, wie es ist.«

»Verstehe.«

»Aber warten Sie hier, bis ich mich umgesehen habe«, fügte Narracott hinzu. »Vielleicht ergeben sich noch Fragen.«

»Selbstverständlich, Sir.«

Inspector Narracott wandte den Blick von Evans ab und ließ ihn durch den Raum schweifen.

Die Befragung hatte im Esszimmer stattgefunden. Der Tisch war für ein Abendessen gedeckt – aufgeschnittene Zunge, Essiggurken, Stilton, Brötchen und auf einem Gaskocher neben dem Kamin ein Topf Suppe. Auf der Anrichte standen ein verschließbares Flaschengestell, ein Sodasiphon und zwei Flaschen Bier sowie zahlreiche dicht an dicht angeordnete Silberpokale und, merkwürdig unpassend, drei ungelesen wirkende Romanbände.

Inspector Narracott betrachtete einige der Pokale genauer und entzifferte die eingravierten Inschriften.

»Ziemlich sportlich, der Captain.«

»Allerdings«, bestätigte Evans. »Sein ganzes Leben hindurch.«

Als Nächstes nahm sich Narracott die drei Bücher vor. Die Liebe ändert alles. Die fröhlichen Männer aus Lincoln. Gefangene der Liebe.

»Hm. Diesen literarischen Geschmack hätte ich dem Captain nicht zugetraut.«

»Ach, die sind nicht zum Lesen da«, sagte Evans lachend. »Die hat er in dem Eisenbahn-Preisausschreiben gewonnen. Er hat die Lösung unter zehn verschiedenen Namen hingeschickt. Meiner war auch dabei, weil er gesagt hat, mit der Adresse 85 Fore Street würden die Chancen auf einen Preis viel besser stehen. Je gewöhnlicher der Name und die Adresse, umso aussichtsreicher, hat er gemeint – und dann habe ich wirklich gewonnen! Aber nicht die zweitausend Pfund, sondern nur drei neue Romane, für die in einem Buchladen kein Mensch auch nur einen Penny hinlegen würde, wenn Sie mich fragen.«

Schmunzelnd bat Narracott den Diener noch einmal, ein wenig zu warten, und setzte seine Inspektion fort. In einer Ecke des Zimmers befand sich ein großer Schrank, fast ein Kämmerchen, in dem ziemlich ungeordnet zwei Paar Ski, ein Paar an der Rückwand befestigte Ruder, zehn, zwölf Nilpferdhauer, Ruten und Leinen sowie diverses anderes Angelgerät, darunter eine Dose mit Fliegen, außerdem eine Golftasche inklusive Schlägern, ein Tennisracket, ein präparierter und ebenfalls an die Rückwand montierter Elefantenfuß und ein Tigerfell verstaut waren. Offensichtlich hatte Captain Trevelyan, als er Sittaford House möbliert vermietete, seine kostbarsten Besitztümer mitgenommen, um sie nicht im Dunstkreis zweier Frauen zu belassen.

»Komisch, dass er das alles hierhergebracht hat«, sagte der Inspector. »Er hat das Haus doch nur für ein paar Monate vermietet.«

»Stimmt, Sir.«

»Er hätte die Sachen auch in Sittaford House einschließen können.«

Wieder musste Evans grinsen.

»Das wäre das Einfachste gewesen«, pflichtete er dem Inspector bei, »aber es gibt dort kaum Schränke. Der Architekt hat das Haus gemeinsam mit dem Captain entworfen, und nur Frauen wissen, wie wichtig Stauraum ist. Trotzdem wäre es natürlich vernünftig gewesen. Eine Heidenarbeit war das, die Sachen herzukarren! Aber die Vorstellung, jemand könnte sich daran zu schaffen machen, war für den Captain grauenhaft. Und man kann etwas noch so gut wegschließen, hat er immer gesagt – Frauen finden garantiert einen Weg, die kommen überall hin. Weil sie neugierig sind, hat er immer gesagt. Wenn man etwas vor ihnen in Sicherheit bringen will, darf man es auf keinen Fall einschließen. Am besten nimmt man alles mit, dann kann nichts passieren. Also haben wir alles mitgenommen, was, wie gesagt, eine Heidenarbeit war, und gekostet hat es auch. Aber der Captain hat diese Sachen nun mal geliebt, als wären sie seine Kinder …«

Evans legte eine Redepause ein, um Luft zu holen.

Der Inspector nickte nachdenklich und beschloss, mit seiner nächsten Frage unverfänglich an das Thema anzuknüpfen.

»War diese Mrs Willett eigentlich eine alte Freundin oder Bekannte des Captains?«

»Nein, er hat sie nicht gekannt, Sir.«

»Sind Sie ganz sicher?«, fragte der Inspector scharf.

Der barsche Ton verunsicherte den alten Seemann. »Der Captain hat es zwar nie ausdrücklich gesagt, aber … Doch, ich bin mir sicher.«

»Ich frage, weil man in dieser Jahreszeit normalerweise kein Landhaus mietet. Wenn diese Mrs Willett allerdings mit dem Captain befreundet war und das Haus kannte, hat sie ihm wahrscheinlich geschrieben und ihr Interesse an einer Vermietung bekundet.«

Evans schüttelte den Kopf.

»Nein, das Maklerbüro Williamsons hat geschrieben und mitgeteilt, dass sie ein Angebot von einer Dame haben.«

Inspector Narracott sah ihn skeptisch an. Die Umstände der Vermietung von Sittaford House kamen ihm äußerst suspekt vor.

»Daraufhin haben sich Captain Trevelyan und Mrs Willett vermutlich getroffen.«

»Ja, sie ist gekommen, und er hat sie durchs Haus geführt.«

»Und Sie sind sicher, dass er sie noch nie gesehen hatte?«

»Ganz sicher, Sir.«

»Haben sie sich gut, äh …« Narracott unterbrach sich, um die Frage möglichst beiläufig klingen zu lassen. »Sind sie freundlich miteinander umgegangen?«

»Die Dame mit ihm schon.« Evans Mundwinkel hoben sich zu einem kaum merklichen Lächeln. »Sie hat ihm ganz schön Honig ums Maul geschmiert, wie man so sagt. Hat das Haus bewundert und wollte wissen, ob er es entworfen hat. Sie hat ziemlich dick aufgetragen, würde ich sagen.«

»Und der Captain?«

Aus dem Lächeln wurde ein breites Grinsen.

»So ein überkandideltes Benehmen hat beim Captain überhaupt nicht gezogen. Höflich war er, aber mehr auch nicht. Und ihre Einladungen hat er alle ausgeschlagen.«

»Ihre Einladungen?«

»Ja, sie hat gesagt, sie betrachtet das Haus weiterhin als seins, und er kann vorbeischauen, sooft er will. Vorbeischauen, genau das hat sie gesagt. Aber wer schaut schon in einem Haus vorbei, wenn er sechs Meilen weg wohnt?«

»Es lag ihr also sehr daran, ihn zu – äh, sie wollte in Verbindung mit ihm bleiben?«

Narracott überlegte. Hatte sie das Haus womöglich nur gemietet, um Captain Trevelyans Bekanntschaft zu machen? War es ihr in Wahrheit darum gegangen? Vermutlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sich in Exhampton eine Bleibe suchen würde, sondern war davon ausgegangen, dass er einen der kleinen Bungalows beziehen würde, vielleicht als Mitbewohner von Major Burnaby.

Evans’ Antwort brachte ihn kaum voran.

»Nach allem, was man hört, hat sie gern Gäste. Jeden Tag kommt irgendwer zum Mittag- oder Abendessen.«

Narracott nickte. Hier war nichts weiter in Erfahrung zu bringen. Doch er nahm sich vor, Mrs Willett so bald wie möglich um ein Gespräch zu bitten und mehr über ihr unvermitteltes Eintreffen herauszufinden.

»Kommen Sie, Pollock, wir gehen nach oben.«

Sie ließen Evans im Esszimmer warten und stiegen die Treppe hinauf.

»Eine ehrliche Haut, meinen Sie nicht?«, flüsterte der Sergeant mit einer Kopfbewegung in Richtung der geschlossenen Esszimmertür.

»Ja, sieht danach aus«, erwiderte der Inspector. »Aber man kann nie wissen. Auf den Kopf gefallen ist er jedenfalls nicht.«

»Nein, ein ziemlich intelligenter Bursche.«

»Was er uns erzählt hat, leuchtet ein«, fuhr der Inspector fort. »In sich schlüssig, keine Widersprüche. Aber, wie gesagt, man kann nie wissen.«

Mit diesen für seine umsichtige und argwöhnische Art bezeichnenden Worten machte sich Narracott an die Inspektion des oberen Stockwerks, das drei Schlafzimmer und ein Bad umfasste. Zwei Schlafzimmer waren vollkommen leer und erkennbar seit Wochen nicht betreten worden. In dem dritten, das der Captain für sich genutzt hatte, herrschte vorbildliche Ordnung. Der Inspector ging darin herum, zog Schubladen auf, öffnete Schränke. Alles war an seinem Platz. Der Raum kündete von fast übertriebener Ordnungsliebe und eingefahrenen Gewohnheiten. Nachdem Narracott alles besichtigt hatte, warf er einen Blick in das ebenfalls penibel aufgeräumte angrenzende Bad. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit noch einmal auf das Bett. Die Decke war sorgfältig zurückgeschlagen, der Schlafanzug lag bereit.

»Hier ist nichts«, sagte er kopfschüttelnd.

»Ja, hier ist offenbar nichts passiert.«

»Sehen Sie die Papiere unten im Schreibtisch durch, Pollock. Und sagen Sie Evans, dass er gehen kann. Vielleicht statte ich ihm später einen Besuch in seinem Haus ab.«

»Selbstverständlich, Sir.«

»Die Leiche kann weggebracht werden. Ach, mit Warren hätte ich gern noch gesprochen. Er wohnt doch in der Nähe?«

»Ja, Sir.«

»In derselben Richtung wie das Three Crowns?«

»Nein, in der anderen, Sir.«

»Dann gehe ich zuerst ins Three Crowns. Legen Sie los, Sergeant!«

Pollock ging ins Esszimmer hinunter, um Evans wegzuschicken, während der Inspector das Haus durch die Vordertür verließ und zum Gasthof eilte.

Das Geheimnis von Sittaford

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