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V.
Wo Franz Guichard auf einen Prinzen schießt und eine Schnepfe bekommt

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Als der unbestimmte, schwankende Schein der Morgenröthe den Gipfel der Höhe von Chennevière schattirte, erhob sich Mathias, der Fährmann, der sich bisher, mit jener Pietät welche selbst der skeptischste Bauer dem Tode gegenüber bewahrt, gescheut hatte seinen Freund auch nur durch Unterhaltung des Feuers zu stören, und berührte Franz Guichard sachte bei der Schulter.

Dieser aber drehte sich nicht um.

– Franz, sagte der brave Mann zu ihm, man lebt nicht mit den Todten; man muß an die Lebendigen denken; diese Leute werden bald wiederkommen.

– Gut! sie sollen nur kommen! antwortete Franz Guichard.

Aus dem Ton womit er diese Worte gesprochen, auf dem Beben seiner Nasenflügel, aus dem drohenden Glanz seines Blickes ersah Mathias, der Fährmann, daß Aufseher und Gendarmen für das Schicksal büßen sollten, welches Franz Guichard die Nacht hindurch wegen seines Unglücks angeklagt hatte.

– Hör einmal, versetzte er in bestimmtem Tone, Alles das sind Dummheiten! Du kannst einen, vielleicht auch zwei oder drei umbringen dann werden zehn dafür kommen; und wenn Du auch den letzten zu Brei zermalmtest, so würde das die arme Verstorbene nicht ins Leben zurückrufen.

– Dann habe ich sie wenigstens gerächt, erwiderte der Fischer mit knirschender Stimme – Dummheiten, Nichts als Dummheiten! wiederholte der Fährmann, der sich in seinem gefunden Verstand nicht irre machen ließ; Du habest sie gerächt, sagst Du? Vor allen Dingen, kannst Du wohl glauben daß es ihr Vergnügen machen würde, diesem armen Lamm Gottes das selbst dem schlechtesten Halunken nichts Böses wünschte? Und dann laß uns jetzt vernünftig reden: an wem willst Du Dich rächen, Franz? An Unschuldigen.

– Unschuldig! diese Elenden? – Allerdings unschuldig. Sogar Simonneau, der Schlechteste von der ganzen Bande, der höchst wahrscheinlich die ganze Geschichte gegen Dich angezettelt hat, sogar dieser Simonneau ist unschuldig. Sein Herr liebt die Kaninchen. Franz Guichard ist angeklagt daß er die Kaninchen beunruhige. Da sagt der Herr zu Simonneau und seinen Aufsehern: »Jaget mir diesen Kerl da aus meinem Revier fort.« Diesem Herrn mußt Du also die Schuld zuschreiben, aber nicht armen Schluckern welche die erhaltenen Befehle blos vollzogen haben um ihr Brod nicht zu verlieren.

– Aber, Mathias, beim Haupte meiner armen Frau, die da liegt, schwöre ich Dir daß ich seit meinem Aufenthalt hier nicht ein einziges Mal im Wald oder in der Ebene gearbeitet habe.

Der Wilderersruf der Familie Guichard war in der öffentlichen Meinung dermaßen festgestellt, daß die Ableugnungen ihres letzten Vertreters die Ueberzeugung seines Freundes Mathias nicht zu erschüttern schienen. Er schüttelte den Kopf.

– Wieder Dummheiten! antwortete er; Du hättest Recht wenn Du zu einem Andern als zu mir so sprächest; aber merke Dirs, Franz, daß ich unfähig bin einen Menschen zu verkaufen.

Der Fischer zuckte ungeduldig die Achseln; der er es aber für unnöthig hielt auf dem letzteren Punkt zu bestehen, versetzte er:

– Du glaubst also daß der Prinz selbst den Befehl gegeben habe mein Häuschen einzureißen?

– Zum Henker, Ja! Man ist der Herr oder man ist es nicht. Glaubst Du etwa daß mein Knecht sich erlauben würde ohne meine Einwilligung einem Passagier zu creditiren? Würden wohl die gelben Wehrgehänge von Saint-Maux sich blos um diesen Simonneau so viel Mühe gegeben haben? «

– Ha! wenn ich es wüßte! murmelte der Fischer in dumpfem, drohendem Tone.

– Immer wieder deine Idee! Dieser Mann leistet Dir ja einen Dienst.

– Er leistet mir einen Dienst!

– Allerdings; indem er Dich zwingt in einem Augenblick auszuziehen wo Deine schlechte Höhle Dir doch entleidet wäre.

– Entleidet! O wenn ich sie nicht mehr hätte, ich will Dirs nur gestehen, Mathias, siehe so würde ich mich bald mit meiner theuern Todten wiedervereinigen.

Ei warum nicht gar? So lang die arme Todte noch lebte, und in diesen letzten Zeiten gingest Du oft ganze Wochen lang nicht heim.

– Dieß geschah blos weil ich das arme Geschöpf nicht betrüben wollte.

– Weil Du Deine Frau nicht betrüben wolltest?

– Nun ja, freilich. Diese alten Mauern da die Du für stumm hältst, verstehen mich und sprechen mit mir. Wenn ich heimkam, plauderte ich mit ihnen, ich befragte sie, sie antworteten mir, sie erzählten mir mein Glück, mein entschwundenes Glück; wir unterhielten uns von. . . ihnen. Der Sand im Garten erinnerte mich daran wie er unter den Holzschuhen der Kleinen trachte; die Zweige dieser Bäume mahnten mich an ihre Spiele, wenn sie ein Nest erreichen wollten das ein Distelfink in diese Gabel gebaut hatte; sieh, diese schwarzen, rauchigen Balken da wiederholten mir ihr Gewimmer in der Wiege; das Feuer im Kamin ahmte so gut ihr Geschwätze nach, daß ich manchmal ihre rothen, schrundigen Hündchen zu sehen meinte, wie sie mit der Zunge der Flammen spielten. Mein Herz war zerrissen, aber Du glaubst nicht welches Glück ich im Leiden fand; es war mir als müßte ich sterben, aber dieser Tod öffnete mir das Paradies wo ich sie wiederzusehen hoffte. Inzwischen weinte ich, und obschon diese Thränen mehr süß als bitter waren, so beugten sie doch Luise in Verzweiflung, und da ich mich, sobald ich hier war, nicht enthalten konnte an die Dahingeschiedenen zu denken, so war ich, um die Frau nicht zu betrüben, zuletzt gar nicht mehr heimgekommen. Jetzt da ich auch sie nicht mehr sehen soll, jetzt da diese armen Mauern, welche Zeugen ihrer Hochzeits- und ihrer Todesnacht gewesen, Alles sind was mir von ihr und von ihnen übrig geblieben, so begreifst Du daß ich meinem einzigen Trost nicht entsagen kann. Ich will sie behalten, ich will sie behalten oder mich in der Vertheidigung tödten lassen, und dann nun wohl! wo sie auch sein mögen, so werde ich bei ihnen sein.

Mathias betrachtete den Fischer mit inniger Betrübniß: er meinte der Kummer habe seinem Freund den Kopf verrückt. Da jedoch in diesem vermeintlichen Wahnsinn etwas tief Trauriges lag, so wurde er davon gerührt.

– Höre« Franz« sagte er, es gibt ein Mittel die Sache ins Geleise zu bringen.

Du mußt Dich stellen. . .

– Mich stellen! – Laß mich doch aussprechen.

Du mußt Dich stellen, und während dieser Zeit verpflichte ich mich die Mauern und Möbel deines Hauses Stück für Stück nach Deinem kleinen Gütchen oben auf der Anhöhe zu tragen, so daß Du, wenn Du aus dem Gefängniß kommst, Dein Haus, mit Ausnahme seines früheren Platzes, so wieder finden sollst wie Du es gelassen hast.

– Was sprichst Du denn von Gefängniß? fragte Franz Guichard, der immer blässer und gelber wurde; warum sollte ich ins Gefängniß wandern?

– Zum Henker! antwortete der Fährmann etwas verlegen, weil Du mit dem Gerichtsdiener ein wenig grob verfahren bist. Du hast ihn gestoßen, er ist in den Fluß hinab gerollt, und es scheint daß es diesen Leuten wie den Katzen geht; sie lieben das Wasser nicht, und wer sie hineinwirft, kommt ins Loch. Als Du fort warst, sagte der Brigadier, der ein guter Kerl ist und keinem Menschen Etwas zu Leide thut, es könne sich um drei Monate handeln.

– Drei Monate!

– Nun ja! ich sagte also höre wohl was ich sagte: der Prinz kommt heute und Deine Sache kann auf den Abend ausgemacht werden.

– Drei Monate! wiederholte Franz Guichard außer sich.

Und er ergriff den Arm des Fährmanns und zog ihn nach der Wiege der kleinen Huberte.

– Mathias, sagte er, bist Du mein Freund?

– Ei so sei doch vernünftig, Franz; drei Monate, das geht vorüber, wenn es auch etwas lang ist; ich werde während dieser Zeit auf Dein Schiff und Dein Geräthe Acht haben.

Aber Franz Guichard hörte ihn nicht an.

– Schwöre mir auf Dein Wort als ehrlicher Mann daß Du dieses Kind da nicht verlassen, daß Du Vaterstelle an ihm vertreten und es, wenn auch nicht zu einem glücklichen, doch wenigstens zu einem rechtschaffenen Weib machen willst.

– Das schwöre ich von Herzen gern; aber sage mir wenigstens was Du thun willst.

– Nichts, Nichts, versetzte der Fischer mit Nachdruck; leiste mir nur den Eid den ich verlange, sonst spreche ich im Augenblick einen Andern darum an.

– Ich schwöre Dirs; Franz; vor allen Dingen liebt meine Frau die Kleine sehr, aber ich will mich vorher erkundigen. . .

– Mehr verlange ich nicht, rief der Fischer, indem er sich aus den Händen des von der Feierlichkeit seines Eides noch ganz betäubten Fährmannes losmachte: sodann ergriff er eine über dein Kaminmantel hängende Flinte und lief fort.

Der Prinz von Condé« von welchem die beiden Freunde soeben gesprochen hatten, vereinigte zwei Neigungen die man nicht so häufig beisammen findet als man zu glauben versucht sein könnte: er liebte sowohl die Bürsch als den Anstand.

Die Erinnerung an seine ebenso vollkommenen und geschickt dressirten als zahlreichen Meuten ist noch jetzt die Verzweiflung der Jäger, welche den Leuten gerne weißmachen möchten daß die Wissenschaft deren Lehren König Modus zuerst vorgezeichnet mit dem letzten der Herren von Chantilly nicht gestorben sei. Die Schilderung dieser wundervollen Jagden, bei welchen der siebzigjährige Nimrod einen verlaufenen Hirsch der sich aus den Grasplätzen der fürstlichen Wälder lustig machte bis in die Ardennen verfolgte, ist noch jetzt einer der ausgiebigsten Stoffe für die Jagdchroniken.

Alle zwei Tage, was für Wetter es immer sein mochte, und zwar bis zu seinem Tode, ritt der Prinz von Condé auf die Bürsch.

Meistens trieben seine Meuten mehrere Thiere an einem einzigen Tage auf.

Tags darauf ging er, um auszuruhen, in den Verhauen von Ciantilly oder Morfontaine auf den Anstand. Das waren dann schreckliche Hecatomben von Wildpret.

Aber diese Mördereien unter Zäunen und Schlingen, unter Förstern und Treibern belustigten den hohen Herrn nicht sehr. So oft es ihm möglich war, so oft die Etikette ihm gestattete keine Besuche zu haben denen er die Honneurs seines Anstandes machen mußte, entledigte er sich seines Gefolges und durchstreifte den Wald wie ein gewöhnlicher Sterblicher, mit einem Hund der vor ihm her lief und einem Jäger der hintendrein kam.

Der Hund trieb das Wild auf, der Prinz tödtete es, der Jäger hob es auf und steckte es in seine Waidtasche.

Der Prinz von Condé befand sich seit acht Tagen in Paris: er hatte sich fortgestohlen um sich seiner Lieblingszerstreuung hinzugeben; aber beim Einsteigen in den vierspännigen Wagen der ihn nach Varenne gebracht, hatte er sich fest vorgenommen das Vergnügen der Jagd unter all den Bedingungen zu genießen wodurch sie für ihn am angenehmsten wurde; er ließ also den Inspector hart an, als dieser würdige Beamte, unter dem Vormund es habe sich seit gestern ein gefährlicher Wilddieb im Walde verborgen, ihn begleiten wollte.

Mit Verlust zurückgeschlagen, verlangte der arme Mann daß Simonneau, welchen er für den stärksten und muthigsten von seinen Untergebenen hielt, mit dem gnädigsten Herrn gehen solle.

Der Inspector muß sich, wenigstens zur Hälfte, in seinen Voraussetzungen getäuscht haben, denn der Todfeind des Franz Guichard wurde sehr blaß, als man ihm diese Entscheidung ankündete.

Indeß gehorchte er ohne eine Bemerkung zu machen; der Prinz und Simonneau begaben sich also auf den Weg.

In zwei Jahren hatten sich Ebene und Wald, trotz der Mördereien deren man den Fischer bezichtigte, recht hübsch wiederbevölkert; man konnte an keinem Busch anstreifen ohne daß ein Kaninchen heraussprang; die Hasen tauchten zu Dutzenden auf und entfernten sich in einem ganz gemäßigten Tempo, welches die Vortrefflichkeit ihrer Beziehungen zu den Bewohnern der Halbinsel bewies. Die Fasanen und Rebhühner, die, ein Lieblingsausdruck des Prinzen, in ganzen Rudeln aufflogen und kaum hundert Schritte von dem Ort wo man sie aufgestört sich zur Ruhe niederließen, gaben gleichfalls zu erkennen daß sie Varenne als ein wahres Paradies aus Erden betrachteten.

Der Prinz fand weder Rast noch Ruhe; sein Hund stellte jeden Augenblick ein neues Thier. Mit pulvergeschwärzten Händen und beschmutztem Gesicht lud er seine Flinte in einer fieberischen Aufregung.

Simonneau bog sich unter dem Gewichte des Wildprets.

– Simonneau, sagte Herr von Condé zu seinem Aufseher, wirst Du mirs glauben? ich amüsire mich in Deiner Gesellschaft besser als bei Herrn von Talleyrand, der doch der geistreichste Mann von Frankreich und Navarra sein soll.

– Sie erweisen mir große Ehre, gnädigster Herr, antwortete Simonneau, dem der Kamm wieder schwoll, denn er begann sich zu beruhigen als er sah daß der größte Theil des Tages ohne Widerwärtigkeiten verstrichen war.

– Wie Schade daß dieß Alles jetzt sogleich aufhören mußt sagte der Prinz von Condé.

– Warum denn, gnädigster Herr? versetzte Simonneau, dem es unendlich schmeichelte daß er angenehmer gefunden wurde als ein Mann auf welchen er Prinz so große Stücke hielt. Wir können den Wald noch einmal absuchen; wir werden zwar den Wind nicht haben, aber das Wild wird so wenig beunruhigt, daß es ganz und gar nicht scheu ist.

– Und die Munition, Simonneau? Wenn ich diese zwei letzten Schüsse da losgebrannt habe, so finde ich keine zwei weiteren mehr in unsern Taschen.

– Nein, nein, man muß des Guten nicht zu viel thun, Simonneau, sagte der Prinz mit einem Seufzer.

Aber hör einmal, zum guten Ende laß mich doch auch etwas Anderes schießen als diese ewigen Fasanen, die mir gerade wie zahme Hennen vom Hühnerhof vorkommen welche man vor mir loslässt.

Habt Ihr denn keine Schnepfen?

– Ei! gnädigster Herr. . .

– Ha! wenn wir den Wilddieb getroffen hätten!

– Gott bewahre uns davor, gnädigster Herr!

– Bah! bah! ich würde ihm einen Louisdor geben und dann würde ich sogleich die Verhaue erfahren wo sie sich am meisten aushalten. Dieß ist ein Wild das man in der Schlinge fängt; man bezahlt es euch Leuten, und deßhalb wollt ihr es nicht gerne Einem zeigen der es euch unbezahlt wegnähme; ich begreife das. Gleichwohl habe ich verdammt Lust eine Schnepfe zu schießen.

– Ach! gnädigster Herr! versetzte Simonneau, als hätte die Unterstellung des Prinzen ihn zur Verzweiflung gebracht.

Es stand in den Sternen geschrieben daß der Zufall sich an diesem Tag verpflichten sollte die Unschuld Simonneaus darzuthun, wie auch den Eifer zu beweisen womit er und seine Collegen für die Vergnügungen ihres Gebieters sorgten. Kaum hatte er ausgeredet, als ein röthlicher Vogel mit großem Geräusch aus einem Eichenbusche fuhr, sich senkrecht über den Verhau emporschwang und dann weiter flog, indem er die Gipfel der Bäume mit seinen launischen Flügelschlägen berührte.

Dieß war das Wild welches der Prinz gewünscht hatte.

Er feuerte seinen ersten Schuß darauf ab, fehlte, erlegte es aber mit dem zweiten. Die Schnepfe fiel flatternd, was anzeigte daß sie blos verwundet war.

Simonneau sprang durch das Gebüsch um sie aufzuheben; der Hund folgte ihm nicht; er hatte einige Schritte von dem Gebüsch aus welchem der Vogel gekommen war ein anderes Wild gestellt.

Der Prinz von Condé schüttete eben Pulver in seine Pfanne als er einen lauten Schrei hörte und seinen Aufseher schrecklich blaß und aufgeregt gegen sich her laufen sah.

– Fliehen Sie, gnädigster Herr, fliehen Siel rief Simonneau mit einer von Furcht erstickten Stimme.

Fast zur gleichen Zeit, und als ob er sich jetzt erst erinnerte daß er eine Waffe besaß, legte Simonneau an und feuerte schnell hinter einander seine beiden Schüsse ins dichteste Gehölz ab; dann warf er seine Flinte auf die Haide, lief aus Leibeskräften davon und ließ seinen Herrn im Stich. Der Prinz von Condé sah ihn im Verhau verschwinden, ohne daß er von dem ganzen Vorgang Etwas begriff; aber als er sich umwandte, war eine dritte Person, welche die Zweige aus einander gebogen hatte, in der Lichtung erschienen.

Es war dieß ein Mann in kurzer Blouse und breiten Beinkleidern wie die Flußleute sie tragen; in der Hand eine von Rauch bronzirte Commisflinte. Seine Physiognomie war so drohend, daß der Prinz sogleich begriff daß mit diesem Manne der Tod kam. Er schien darüber nicht zu erschrecken, steckte seinen Arm in den Tragriemen seiner Flinte und nahm diese auf seine Schulter.

Der Mann seinerseits blieb stehen und schaute den Prinzen an.

– Nicht zufrieden daß Du mein Weib ermordet hast, sagte er mit durchdringender Stimme, hast Du auch meinen Tod gewollt, Du hast durch Deinen Knecht auf mich schießen lassen. Seit zwei Stunden die ich Dir folge, habe ich Bedenken getragen einen Mord zu begehen; aber, so wahr uns der Tag bescheint, jetzt mußt Du sterben. Verrichte Dein Gebet.

– Herr, antwortete der Prinz, mein Diener hat ohne meinen Befehl aus Euch geschossen; ich bedaure es und würde Eure Drohungen nicht abgewartet haben um es ihm zu verweisen.

– Du hast Angst, aber Deine Feigheiten werden Dich nicht retten.

Beim Worte Angst zuckte der Prinz von Condé die Achseln und begann ein Liedchen zu pfeifen, indem er die Arme kreuzte und seinen Gegner anschaute.

Als er dann sah daß der Mann verblüfft über diese Kaltblütigkeit stehen blieb, sagte er:

– Nun wohl, auf was wartet Ihr noch? Ermordet mich, da das Eure Absicht ist.

– Nein, ich will Dich nicht ermorden; Du hast eine Flinte, vertheidige Dich; ich bin ein alter Soldat und kein Mörder.

– Das kann Euer Ernst nicht sein, mein lieber Herr, antwortete der Prinz von Condé im Tone der höchsten Verachtung; ein Duell zwischen Euch und mir! Was fällt Euch denn ein?

– Ha! sagte Franz Guichard, welchen unsere Leser nothwendig erkannt haben, so ein vornehmer Herr Sie sind, so wäre es doch nicht das erste Mal daß wir Feuer auf einander gegeben hätten; wir haben in Deutschland gekämpft, als Sie die Republik bekriegten. Sie waren der Feind, ich war Frankreich.

Bei dieser Erinnerung fuhr der Prinz zusammen, seine Lippen wurden weiß, seine Augen luden sich mit Blitzen; er fuhr unwillkürlich mit seiner rechten Hand nach dem Kolben der über seiner Schulter hängenden Flinte, dann aber warf er sie zurück, kehrte dem Fischer den Rücken und machte eine Bewegung um sich zu entfernen.

– Und ich soll Dich gehen lassen? ich soll Dein Verbrechen unbestraft lassen? Nein, nein, Du mußt sterben! Auch Du mußt sterben; mein Weib und meine Kinder müssen gerächt werden. Prinz von Condé, Franz Guichard ist es der Dich tödtet.

So sprechend legte der Fischer seine Flinte an, zielte dem sich umdrehenden Prinzen aus die Brust und drückte los.

Der Hahn schnappte mit einem trockenen Getöne zu, das Pulver der Zündpfanne brannte mit einem leichten Rauche auf, aber der Schuß ging nicht los.

Im Gesichte des Prinzen von Condé hatte keine Muskel gebebt.

Franz Guichard zertrümmerte seine Flinte an einem Eichenstumpf.

Bei diesem Getöse entflogen zwei Fasanen mit ungeheurer Schnelligkeit; der Prinz von Condé hatte seine Flinte ergriffen und auf dieselben angelegt; er schoß nach rechts und schoß nach links.

Eine Wolle von purpurrothen und goldgelben Federn wogte einen Augenblick im Wind und die zwei prächtigen Vögel fielen unter Beschreibung einer krummen Linie.

– Glaubst Du daß ich Dich gefehlt hätte? sagte der Prinz in ruhigem Tone zu dem Fischer.

Hier, fügte er hinzu, indem er eine Börse aus seiner Tasche zog, hier hast Du Gold: entferne Dich ehe meine Leute zurückkommen, und bitte Gott um Verzeihung für das Verbrechen das Du begehen wolltest.

Franz Guichard hatte zu zittern angefangen, seine Kniee wankten als wollten sie unter ihm brechen.

– Mein Gott! rief er, mein Gott! Wie ist es möglich daß Sie zu gleicher Zeit so edelmüthig und so hartherzig sind?

– Hartherzig! sagte der Prinz; zum Teufel, was schwatzest Du mir da vor?

– Daß Sie einem Menschen der Sie ermorden wollte verzeihen, und daß Sie einen Mann aus dem Hause jagen wo seine Kinder geboren wurden, wo seine Frau um die Gnade flehte sterben zu dürfen.

– Weiß ich denn auch nur ob Du eine Frau hast, ob Du Kinder und ein Haus hast? Vor fünf Minuten, mein guter Freund, wußte ich nicht einmal daß Du überhaupt auf der Welt warst.

– O! versetzte der Fischer mit ungläubig fragender Miene, o gnädigster Herr, erinnern Sie sich ein wenig an Franz Guichard.

– Franz Guichard!. . . Wart einmal. . .

Nachdem er sodann einige Secunden seinen Erinnerungen gewidmet, fuhr er fort:

– Ah! Du bist's der meine Fasanen umbringt, Spizbube!

– Ich, gnädigster Herr! Wird denn gar Niemand an meine Unschuld glauben? Ich, gnädigster Herr! Sehen Sie, mein armes Weib ist heute Nacht gestorben; sie steht jetzt vor dem Richterstuhl Gottes; möge er ihr das Paradies verschließen wenn ich Ihnen nicht die Wahrheit sage; ich wollte lieber einen Strick um meinen Hals legen als einen Messingdraht um den Hals eines elenden Kaninchens.

– Ach warum nicht gar? versetzte Herr von Condé; wie ist Dein Vater gestorben?

– Gnädigster Herr, er ist in Folge eines Wilddiebstahls gehenkt worden.

– Wirklich?

– Gnädigster Herr, man rühmt sich nicht damit daß sein Vater am Galgen gehangen, wenn es nicht wahr ist.

– Dieß ist für Dich ein Patent auf Unfehlbarkeit, ich kenne Deine Geschichte und ich werde Dich bei meinen Herrn Waldaufsehern wieder zu Ehren bringen; erzähle mir jetzt was Dir mit ihnen widerfahren ist.

Franz Guichard gehorchte den Prinzen. Als er ihn anflehte ihm die Hütte zu lassen wo, wie er noch diesen Morgen dem Fährmann Mathias geklagt, Alles ihm von den Kindern erzählte die er verloren hatte, da wurden die Augen des letzten der Condés feucht und glänzend.

– Du bist sehr glücklich in Deinem Unglück, sagte er; die Armuth hat Dir die Kraft gelassen Dich mit diesen letzten, erdrückenden Tröstungen zu nähren; ich bin ein Prinz, ich besitze Millionen und ich beneide Dich. Siehst Du dort? fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf ein hohes, düsteres Gemäuer zeigte das zwischen den Bäumen des Horizonts emporragte.Das ist Vincennes. Nun wohl! seit drei Jahren suche ich in meiner Seele vergebens den Muth auf einen Stein seiner Gräben niederzuknieen. Gleichwohl will ich es thun; es scheint mir als ob meine Seele Erleichterung finden würde, wenn ich diese Mauern berührte auf denen seine letzten Blicke geweilt; aber so oft ich mich zu nähern versuche, entfliehe ich mit Entsetzen.

Der alte Condé blieb einige Augenblicke stumm und nachdenklich stehen; endlich! hustete er geräuschvoll um seine Aufregung zu ersticken.

– Hebe dieses Geld auf, fuhr er fort; Du kannst dafür Deiner armen Todten ein Grab geben, was seit einem Vierteljahrhundert vielen Großen der Erde gefehlt hat; in Bezug auf Dein Haus kannst Du ruhig sein, man wird es in Zukunft respectiren.

Franz Guichard ergriff die Hand welche der Prinz ihm hinbot, und bedeckte sie mit seinen Küssen und seinen Thränen.

– Gnädig Herr, sagte er, was kann ich thun um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen?

– Wenn Du für die Deinigen betest, antwortete der alte Prinz, so mische den Namen des Herzogs von Enghien unter die Namen Deiner Kinder; das ist Alles was ich von Dir verlange.

Der Fischer wollte sich entfernen, der Prinz von Condé rief ihn zurück.

– Einen Augenblick, sagte er; ich habe Dir den Boden geschenkt auf welchem Du kraft Deines revolutionären Rechtes ein Häuschen zu bauen Dir erlaubt hattest.

Da dieser Boden mir gehörte, so habe ich blos von meiner Gewalt als Eigenthümer Gebrauch gemacht; aber Du hast meine Aufseher durchgeprügelt, Du hast einen Gerichtsdiener halb ersäuft, und dafür bist Du Genugthuung schuldig.

– Was verlangen Ew. Hoheit von mir?

– Daß Du mir die Schnepfe wiederfindest welche dieser Einfaltspinsel von Simonneau verloren gehen ließ. Du siehst, ich bin kein sehr strenger Richter.

Franz Guichard begann den Vogel zu suchen und fand ihn auch wieder.

So wurde der Fischer rechtmäßiger Eigenthümer des Häuschens und des Gehäges bei der Fähre von Varenne.

Das so eben erzählte Ereigniß nahm fortan in den Erinnerungen des Franz Guichard einen ähnlichen und gleichbedeutenden Platz ein wie die Belagerung von Mainz bereits darin behauptete; es schloß die Reihenfolge von Erlebnissen welche den ersten Theil seiner Existenz bezeichnet hatten.

Der Pechvogel

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